Nur Mut

Ich denke oft darüber nach, wie sehr die Angst vor etwas der alleinige Grund ist, weshalb eine Sache nicht klappt. Angst und Abneigung haben aus evolutionärer Sicht ihre Berechtigung, denn sie schützen uns vor zu hohem Risiko. Ich fuhr gestern mit meinem Rennrad über lockeren Kies und das Angstgefühl vor jener Stelle hat mich sehr langsam und vorsichtig fahren lassen. Vorweg kann ich schon sagen, dass nichts passiert ist, aber mein Gefühl und auch meine Erfahrung haben mir gezeigt, dass es sicherer gewesen wäre, einfach drüber zu fahren, anstatt nur auf den einen Kiesel zu warten, der das Rad aufspringen lässt, mich ins Schwanken bringt und mich dann in die Tiefe reißen würde. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie ich mich entwickeln werde:

1. Ich überwinde die Angst und werde entspannter und somit auch schneller und unachtsamer über den Kies fahren. Womöglich wird mich das irgendwann mal vom Rad holen, aber ich werde aufstehen und weiter machen.

2. Ich gebe dem Angstgefühl nach und werde weiterhin vorsichtig sein. Womöglich versteife ich mich dann in einem kritischen Moment und lege mich ebenfalls hin, allerdings bei geringem Tempo.

Option 2 klingt eigentlich gesünder, doch genau hier möchte ich ansetzen. Denn wird meine Angst nicht immer weiter zunehmen? Werde ich nicht jedes Mal absteigen, wenn mir Kies in die Quere kommt? Die Angst zu überwinden und sich einer Gefahr auszusetzen, trägt den Gewinn mit sich, dass man sich um mögliche Probleme erst dann Gedanken macht, wenn sie tatsächlich auftreten. Zu einem gewissen Maß ist es nicht unwichtig, sich Gefahrenquellen von vornherein bewusst zu werden und diese nach Möglichkeit gering zu halten, doch alle Eventualitäten lassen sich nicht ausschließen und die wichtigste Frage bleibt am Ende, wie spannend so ein Leben wohl sein mag, das frei von Gefahren ist und somit auch frei von jeder Überraschung. Frei von jeder Veränderung. Ich habe in meinem Leben oft Angst gehabt und ich habe ihr oft nachgegeben. Womöglich ist meine Nase deswegen noch heil, ich habe mir nur einmal einen Knochen gebrochen und ich habe noch alle Zähne im Mund. Nur welchen Spaß habe ich deswegen teilweise verpasst?

Es ist Sonntag und bald schon 20:00 Uhr. Seid spontan und macht noch was schönes mit dem Abend! Lasst den Fernseher aus und schaltet den Laptop oder PC ab. Schaut mal, was euch der Abend noch so bringt, wenn ihr ungeplant noch schnell in die Stadt geht und morgen unausgeschlafen auf Arbeit erscheint! Das Leben wird es euch nicht übel nehmen.

Gallallee

Auf der Gallallee unterwegs zu sein, das war nicht gerade mein innigster Wunsch, eigentlich war es etwas, dass ich höchst ungern erlebe, aber es war passiert. Ich hatte in den letzten Stunden die verschiedensten Sorten Alkohol konsumiert – Nein, ich hatte sie mir hinter geschüttet, als gäbe es kein Morgen mehr und nun würgte ich mir förmlich die Galle heraus. Tränen waren mir in die Augen getreten und man könnte vermuten, ich würde mein Verhalten verfluchen, doch dem war nicht so. Ich durchdachte und verfluchte stattdessen manche längst vergangene Feigheit meiner selbst und spürte den Mut, damit zu brechen: Die Furcht hinter mir zu lassen, oder vor mir in der Keramikschüssel, deren Sitz sich angenehm warm und gleichzeitig kühlend an meinen Händen und meine Stirn anschmiegte, je nachdem, was ich gerade auf ihm ablegte. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es der Alkohol ist, der den Mut hervorruft oder ob es nicht viel eher das fehlende Schamgefühl ist. Sehr viel tiefer ging es nicht mehr, ich war bereits in Bußstellung auf den Knien. Vielleicht ist das der beste und schlechteste Moment zugleich, um einen Anruf zu tätigen oder zumindest einen Brief zu schreiben, der längst überfällig ist.

Wo die Welt noch in Ordnung ist (2)

Das Geräusch war unangenehm nah. Ich riss meine Augen auf und blickte wieder einmal in ein unfreundlich dreinblickendes Gesicht, welches auf mich herabschaute. „Was willst du hier?“, entfuhr es dem Gesicht und ich fühlte mich schutzlos. „Nichts“, erwiderte ich. Das unfreundliche Gesicht schien über diese Antwort zu grübeln, blickte mich jedoch weiterhin fest an, was mich umso mehr verunsicherte, je länger es andauerte, weshalb ich meinen Kopf ein wenig zur Seite legte und mich aufsetzte. Den Typen hinter mir zu wissen, machte die Situation nicht besser und ich drehte mich um. Er blickte mich weiterhin an. Ich sah in dem Moment, dass er einen Stock in der Hand hielt, der wohl nicht ganz zufällig die Form eines Baseballschlägers aufwies, was mein Gefühl der Angst nicht gerade verringerte. Aus einem Impuls heraus stand ich auf und stellte fest, dass dieser Typ einen Kopf kleiner war als ich. Zwar war der Prügel nicht verschwunden, aber unsere Größenverhältnisse gaben mir ein wenig mehr Selbstbewusstsein. Zudem hatte er genügend Zeit gehabt, mir mit dem Ding eines zu verpassen, also wenn er es bis jetzt nicht getan hatte, würde er es wohl auch nicht mehr tun, dachte ich mir und erklärte mich: „Ich suche hier nichts, außer dem Gefühl von Frieden.“ Die Sache mit dem Frieden schien ihn ein weiteres Mal zum Nachdenken anzuregen, seine Miene veränderte sich jedoch kaum, bis es plötzlich aus ihm herausbrach: „Ha, Frieden ist wohl das einzige, was du hier am Ende der Welt finden wirst, aber immerhin.“ Er ließ den Stock sinken und grinste über beide Backen. „Ich heiße Falk“, stellte er sich vor. „Hallo, Ben“, vollendete ich die Vorstellung und schloss die Frage an: „Wo kommst du her?“ Er zeigte mit dem Stock in Richtung der Straße, von der ich gekommen war. „Da kann man leben?“, fragte ich ihn ungläubig, denn sein Äußeres war ganz anders als jenes Dorf. Er hatte einen Sidecut und die übrigen Haare in rosa und lila gefärbt. Seine Jeans war zerrissen und auch das Flanellhemd hatte schon bessere Tage gesehen, aber er sah nach Leben aus, ganz im Gegensatz zu jenem Dorf. Er grinste mich nur an und nickte: „Doch doch, man kann da leben. Nunja, zumindest schlafen und essen.“ „Und wo lebst du dann?“ Er atmete tief ein und schien zu überlegen. „Weißt du, ich besuche gerade meine Großeltern. Zwangsweise zwei Wochen lang. Meine Mutter hatte mich satt.“ „Aha“, sagte ich und ahnte, dass da noch eine ganz andere Geschichte dazugehörte, die man keinem Menschen erzählt, den man eben erst kennengelernt hat. Bevor eine unangenehme Stille aufkommen konnte, fragte ich ihn: „Magst du was essen? Ich hab ein großartiges Menü in knapp 30 Minuten zubereitet, ich brauche nur meinen kleinen Gaskocher aus dem Auto.“ „Fleisch?“, entgegnete er. „Nö, nur Reis, rote Linsen, Kokosmilch, Zwiebeln und Curry.“ Er schien mit der Antwort zufrieden und nickte leicht mit dem Kopf.

Vernebelte Sinne

Die letzte Nacht endete vor drei Stunden in diesem meinem Bett und schon schlug ich die Augen wieder auf und fühlte das Verlangen, etwas zu tun. Oder die Augen wieder zu schließen. Die Vernunft gewann den Kampf, denn das sinnvollste nach einer durchmachten Nacht ist es, frühzeitig den Alkohol aus dem Körper zu spülen. Das erste Glas Wasser hatte ich intus, bevor ich das Bett verlassen hatte, ein zweites folgte nur wenige Minuten später. Einmal durch den Park laufen war der Plan, und eine neue Bestzeit kam dabei heraus, als ich wieder vor der Haustür stand. Ne sehr gute Minute schneller war ich und bestätigte mir damit mal wieder, dass so ein gewisses Maß an Restalkohol gar nicht so schlecht ist, wenn man Leistung erbringen will, einfach weil man noch zu benebelt ist, um den Druck zu spüren, der manche anspornen mag, mich jedoch ausbremst und zum Stolpern bringt.

Eine alte Dame meint im Vorbeigehen, dass man sich dehnen sollte, so lange es möglich sei. Sie sei früher um die Stadt gelaufen, bevor sie ihre Beine im Stich gelassen hätten. Ich atme noch schwer und bewundere sie für die Ausdauer, die gesamte Stadt zu umrunden, während ich schon nach dem Lauf durch den Park geschafft bin. Als sie weiterzieht und sich auf den Krückstock stützt, wird mir unwohl. Das muss ein beschissenes Gefühl sein, wenn man immer schnell unterwegs gewesen ist und sich plötzlich einschränken muss. Ihre fröhliche Art jedoch gibt mir Mut. Wir alle leben und werden dabei Leid erfahren. Das Lachen nicht zu verlieren ist die Kunst dabei, also bringe ich meine Dehnübungen zu Ende und stelle mich danach unter die warme Dusche.

Die meisten Menschen können nichts essen, wenn sie Sport getrieben haben. Ich kenne das zwar, aber sehr viel häufiger freue ich mich während des Laufens schon auf das Mahl danach und so ist es auch an diesem Morgen. Frische Brötchen tun ihr übriges. Die Erinnerung an die letzte Nacht lässt mich grinsen. Ich war als Beobachter unterwegs, nicht wie sonst als Beteiligter. Und die Rolle ist gar nicht so schlecht. Die Menschen wollen gesehen werden, manchmal auch nicht, aber mir entgehen die Szenen nicht. Nicht der vollkommen betrunkene Kerl, der nicht mehr so ganz Herr seiner Bewegungen ist und seinem auserwählten Schatz hinterherläuft, während diese nur die vornehme Flucht sucht. Dieses Spiel ist ungefährlich und gäbe es doch Grund zur Sorge, wäre der stämmige Kerl in dem schwarzen T-Shirt nur wenige Meter entfernt gewesen. Er ist immer da. Er feiert nie, aber er greift sofort ein, wenn gepöbelt wird oder der Unsinn gefährlich werden könnte. Er blickt immer düster drein, das muss bei Türstehern so sein. Doch ich danke ihm stillschweigend, denn er war es, der mal einem Typen einen Barhocker entriss, noch bevor er damit auf Leute losgehen konnte, über dem Kopf hatte dieser das Teil bereits und nur knapp zog er damit an mir vorbei. Ich bin nicht Whitney Houston und er nicht Kevin Costner, aber in der Situation war ich es nicht, der blutete, sondern er, mein Bodyguard. Es war nur eine Schramme und ich weiß gar nicht, wie er sich die geholt hatte, weil meine Augen geschlossen waren und jetzt in der Erinnerung fehlt mir die Möglichkeit, nach den Spuren dieses Kampfes zu suchen.

Es gab in der letzten Nacht keinen solchen Kampf, wenngleich mich irgendein Typ von hinten anschupste, so dass ich auf die zehn Zentimeter tiefere Tanzfläche stolperte. Ich blickte zurück und sah ihn grimmig schauen. In dem Moment stieg in mir ein Glücksgefühl auf und ich musste lachen. Der arme Kerl war offensichtlich frustriert, vielleicht sogar neidisch auf das Wohlgefühl, das mich mit meinen Freunden verband, während er allein neben der Tanzfläche stand und keine Beachtung fand. Ich tanzte ein wenig und suchte die Nähe des Mannes im schwarzen T-Shirt. Nur zur Sicherheit. Einige Meter weiter tanzte ein älterer Herr. Was hat es nur damit auf sich, dass das immer so merkwürdig aussieht? Mir gefällt seine Lust am Tanz oder an der Balz, wer weiß das schon so genau. Mir ist das lieber, als würde er allein in seinem Sessel sitzen und leise vor sich hin furzen. Ich verlor den Blick für ihn, denn mir wurde bewusst, dass ich inmitten von Frauen tanzte. War das meine Anziehung oder die Gegenwart des Bodyguards? Mir ist es egal, das Tanzen fetzte nun mehr denn je, bis…ja bis es zu einem „Kick“ kam. Der Kick, das ist der Moment, in dem der Rausch schlagartig abbricht und ich eine Welle von Realität verspüre. Dieses Mal wurde es vom DJ ausgelöst, der so mies mixt, dass es einem regelrecht den Tanzboden unter den Füßen wegzog. Aber es gibt dafür verschiedenste Gründe:

Neulich im Kino waren alle gefesselt. Mich riss eine Erinnerung aus dem Film. Ein Gemälde, welches ich erkannte und welches mich zwar weiter nach vorn starren ließ, mich aber in eine ganz andere Realität zog. Da kamen verdrängte Erinnerungen hoch, die sich nicht ausblenden lassen wollten. Und ich war gefangen in diesem Kino und musste mit den Gedanken kämpfen. So schlimm war es an dem Abend auf der Tanzfläche nicht, aber plötzlich fühlte ich mich deplatziert und so machte ich eine Pause mit dem Tanzen. Erst später als ich einen alten Freund entdeckte, fand ich mich im blitzenden Licht und auf dem klebrigen Boden wieder. Der gute Kerl gab mir ein Kompliment, dass er nicht glauben kann, dass ich jedes Mal so verdammt gut aussah. Der spätere Schmatzer auf die Wange war eine gute Bestätigung. Schon merkwürdig, dass Männer sich damit so schwer tun, denn es tut gut. Die Angst vor der Homosexualität dürfen die anderen verklemmten Idioten gern ausleben. Ich behalte mir meine Idiotie für andere Bereiche offen. Irgendeine Macke braucht ja schließlich jeder von uns oder nicht?

Der Katzenmann – Teil 9

Die Geschichte von vorn

Heinrich verspürte ein starkes Unbehagen und seine Hand zitterte, als er vorsichtig begann, Tiger zu streicheln. Er überlegte, ob er in der letzten Nacht beim letzten Mal, als er auf Toilette war, vergessen hatte, den Schlüssel umzudrehen. Wie sonst hätte Tiger die Tür öffnen sollen. Der Schlüssel steckte zumindest noch auf der Seite vom Schlafzimmer. Langsam beruhigte sich Heinrich wieder, setzte die sibirische Katze auf den Boden und stand auf, wobei er ein Kratzen an der Haustür vernahm.

Er öffnete sie, um nachzusehen und sah Sabine, die die Transportbox abstellte. Diese war sichtlich erschrocken und begann: „Oh, Entschuldigung. Ich ähm…wollte Sie nicht wecken Herr Kalkenrisse.“ „Hallo“, erwiderte dieser und fuhr fort: „die hätten Sie doch nicht extra bei mir vorbeibringen müssen.“ „Ach, ich hatte sie eh im Dienstwagen und da gehört sie nun einfach nicht hinein.“ „Und dann fahren sie extra zu mir?“ „Nein, ich war dienstlich hier, es gab einen weiteren…“, Sabine unterbrach ihren Satz. Sie schien neben sich zu stehen. „Was gab es?“ „Der Bäcker von Gegenüber ist heute Nacht ermordet worden.“ „Haben Sie deswegen versucht, die Box heimlich vor meiner Tür abzustellen?“, fragte Heinrich die Polizistin und bemerkte dabei, dass die Frage ihn hochgradig verdächtig machte, wenn Sie ihn bereits in Verdacht hatte. Ansonsten ergab die Frage gar keinen Sinn. Beide sahen sich wortlos an, dann beendete Frau Leiser das Gespräch: „Nun, hier ist die Box. Vielen Dank dafür und machen Sie es gut, Herr Kalkenrisse.“ Sie drehte sich um und ging.

Heinrich schaffte die Box in seine Wohnung und war verwirrt, ängstlich und wütend zugleich. Die Verwirrung kam vom Gespräch, in dem niemand etwas Genaues sagte und dadurch doch so vieles gesagt wurde. Die Ängstlichkeit kam vom erneuten Tod in seiner Umgebung. Die Wut aber, kam von den Worten Sabines. Sie nannte ihn Herrn Kalkenrisse. Kein Auf Wiedersehen, kein Garnichts. So erging es ihm immer wieder. Er lernte eine Frau kennen, entwickelte Gefühle für sie und dann war es abrupter vorbei, als es begonnen hatte. Seine Katzen verließen ihn nie. Viel schlimmer war, dass diese Frau scheinbar sogar Angst vor ihm hatte und ihn verdächtigte. „Verpiss dich doch, ich wünschte, ich wär dir nie begegnet“, entfuhr es ihm, während Tiger ihn von der Fensterbank aus anblickte.

Zum 10. Teil

Der Katzenmann – Teil 8

Die Geschichte von vorn

Als Heinrich nach Hause kam, saß Tiger in der Mitte des Flurs und leckte sich die rechte Pfote. Sie unterbrach ihr Tun, miauzte kurz und streifte dann dem Hausherrn um die Beine. Diesem gefiel die weibliche Aufmerksamkeit der letzten Tage und freute sich bereits auf morgen, wenn er Sabine wiedersehen würde. Heinrich streichelte Tiger gedankenverloren und plötzlich fauchte sie ihn an. Er war immer wieder überrascht darüber, dass Tiger den Unterschied mitbekam, doch dieses Mal erinnerte ihn das Fauchen an das, was der Bäcker erzählt hatte. Heinrich blickte Tiger an, erinnerte sich daran, wie sie gestern vor dem Hund davongelaufen war. Nein, das war zu absurd. Nie zuvor hatte Tiger ihn, Heinrich, gekratzt. Sie hatte anfangs die Krallen ausgefahren, wenn sie sich auf seinem Schoss befand, aber das hatte er ihr abgewöhnt, denn die Stelle war höchst ungünstig für haarfeine Spitzen. Es war ausgeschlossen, dass Tiger einen großen und stämmigen Mann, wie es der Bäcker war, angreifen konnte.

Plötzlich schoss ihm die Frage von Sabine wieder durch den Kopf, die wissen wollte, was Tiger denn gestern so getrieben hätte. Aber wie sollte man darauf kommen, dass seine Katze jenen Mann angefallen hätte, außer die zwei Todesfälle gingen auch auf ihre Rechnung. Wie soll denn eine Katze einen Menschen umbringen? Die Alte könnte an einem Herzinfarkt gestorben sein, weil sie sich erschreckte, aber Erik, der war viel zu kräftig. Es wäre wahrscheinlicher, dass dieser Tiger gequält hätte. Der Gedanke daran, ließ Heinrich erschaudern.

Da war zu viel Fantasie im Spiel und kein vernünftiger Polizist würde nach einer Katze als Täter ermitteln. Aber was, wenn doch? War Sabines…Frau Leisers Interesse nur vorgespielt? Sie verstand sich so gut mit Daria, das wollte Heinrich nicht glauben. Die Gedanken hörten nicht auf und zum ersten Mal seit Jahren schloss der Katzenfreund seine Schlafzimmertür hinter sich. Er ging sogar einen Schritt weiter und drehte den Schlüssel herum. Die Tür schloss er nie, weil die Katzen an die Türklinke sprangen und herein kamen. Doch Tiger war ihm in dieser Nacht nicht geheuer und den Lärm würde er schon ertragen können.

Hätte er gewusst, dass er bis in den frühen Morgen kein Auge zu machen würde, so hätte er sich die Sache mit er Tür auch sparen können, aber in der letzten Stunde vor dem Aufstehen überkam ihn doch noch der Schlaf. Aus seinen Träumen holte ihn nicht der Wecker, sondern eine raue Zunge, die seine Hand leckte. Er schreckte hoch. Die Tür stand offen, Tiger saß auf Heinrichs Bauch und blickte ihm in die Augen.

Zum 9. Teil

Der Rand

Neulich beim Abendessen wollte eines der Mädchen den Rand ihrer Pizza nicht essen. Ihr wackeln gerade acht Milchzähne und ich kann sie verstehen. Nun gibt es Menschen, von denen wir sagen, sie leben am Rand der Gesellschaft und so möchten wir sie auch an den Rand unseres Lebens schieben oder gar darüber hinaus. Vor den Kaufhäusern, die gerade im Winter viel Wärme abgeben, dürfen sie nicht liegen und auf den Bänken auch nicht. Am besten gar nicht erst sehen, denn das schlechte Gewissen kommt hervor: Man müsste ihnen etwas Geld geben und dabei will man doch nur schnell vorbei. Ja, diesen „Rand“ lassen wir gern auf dem Teller liegen und schieben ihn satt von uns weg. Wir, das bin auch ich, es fällt mir nur leichter, wir zu schreiben, aber es ist falsch, auch wenn wir es sind. In erster Linie bin ich es.

Ich wollte so einige Male bei dem Mann anhalten, der unter der Unterführung lag, an der ich jeden Tag vorbei fuhr. Ich wollte ihm eine Mütze, Handschuhe und ein wenig Brot und Saft mitbringen…ich wollte…und tat es nicht. Seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ist ihm was passiert? Fand er einen besseren Platz? Bekam er Ärger mit der Polizei, weil sich jemand beschwerte? Ich werde es vermutlich nie erfahren und ich würde ihn jetzt im Normalfall vergessen. Mein nicht getaner Wunsch, ihm zu helfen und mit ihm zu reden, wird verschwinden, wenn ich nur weiter auf der Couch sitze und die Katze streichle.

Ich sehe die Schneeflocken, die draußen vom Himmel fallen und es sieht schön aus. Die Welt überzieht es mit einer dicken Schicht, die so wunderbar knirscht, wenn man hineintritt. All die romantischen Gedanken, die kann ich mir erlauben, weil ich ein warmes Zimmer habe, in dem ich gerade sitze. Wie man wohl über Schnee denkt, wenn man ihn als harte Natur ertragen muss? Dieser „Rand“ ist gar kein Rand. Diese Menschen leben mitten unter uns. Dort gehören sie hin und nicht an den Rand, weil wir sie satt haben.

Sie könnten doch auch zum Amt gehen und Hilfe bekommen. So dachte ich mir das immer, aber so leicht, wie ich mir das dachte und hier schreibe ist es nicht. Der Weg unter die Brücke kann der einzig ersichtliche sein, wenn der Job fehlt und auch das private Leben zerbröckelt und man sich verlassen fühlt. Es ist ja nur für einen Tag, morgen wird es schon wieder aufwärts gehen…Morgen gehe ich zum Amt…und dann doch nicht. Es lässt sich nur schwer vorstellen, wie gelähmt man sich manchmal im Leben fühlt, dass man Freunde nicht mehr um Hilfe bitten möchte und sogar davonläuft, weil man es ihnen nicht zumuten möchte, denn man wird es schon schaffen und sich wieder aufrappeln. Vielleicht sind auch gar keine Freunde mehr da, die man bitten könnte. Und plötzlich findest du dich auf der Straße wieder.

Das Thema beschäftigt mich und es ist sehr theoretisch. Deswegen möchte ich diesen Menschen ein Gesicht geben und ihre Geschichten weitergeben:

Es gibt diesen Robbie aus Preston, der einer Studentin 3 Pfund anbot, als sie ihre Kreditkarte verloren und kein Geld für ein Taxi hatte. Jener Robbie ist in Preston nicht unbekannt, da er sich dadurch auszeichnet, den Leute zu helfen. Die Sache wurde bekannt, weil jene Studentin sich engagierte und Geld für ihn sammelte. Bevor sie es ihm gab, verbrachte sie 24 Stunden auf der Straße mit ihm. Ob man jedem einzelnen helfen sollte oder doch allen, das muss jeder für sich entscheiden. Aber dieses Eintauchen in das Leben einer anderen Person, würde keinem von uns schaden.

In Luzern gab es den Herrn Emil Manser. Er hat etwas von Diogenes und so fand ich bei der Suche nach ihm sofort den Ausspruch „Zu viel Alkohol macht peinliche Narren. Diene als schlechtes Beispiel“. Er war also der gebildete Obdachlose, der sein Wissen nicht für sich behielt und am Ende noch einen Abschiedsbrief an der Brücke hinterließ, von der er sich stürzte.

Ich las einmal von einem blauäugigen Arzt, der laut eigener Aussage mit dem vorherigen Leben komplett abschließen wollte. Auch bei ihm merkte man so viel Lebensweisheit, die er nur zu gern teilte. Ich habe ihn leider nicht mehr gefunden und kann daher nur auf meine Erinnerung zurückgreifen.

Ich erwähne diese Beispiele nicht, weil ich behaupten möchte, dass alle Obdachlosen geniale Künstler und Helferpersönlichkeiten sind. Sie sind Menschen wie wir, die gute und die schlechte Tage kennen. Vor denen wir uns aber nicht fürchten brauchen. Wir alle sollten sie wahrnehmen und nicht versuchen, sie auszublenden. Das ist mein Fazit, das ich besonders an mich selbst richte.