Morgenruhe

Wenn man am Morgen nur den trüben Nebel erblickt, dann weiß man nicht, wie spät es ist. Womöglich würde der Wecker in wenigen Minuten klingeln oder erst in einer Stunde. Wer kann das schon genau sagen. So lauscht man. Vielleicht das Geräusch der Wasserleitung, weil ein Nachbar duscht oder das dumpfe Geräusch auftretender Füße von oben drüber. Doch wenn die Stille herrscht, so bleibt die Zeit ungewiss. Nur noch einmal in die Decke einwickeln und umdrehen. Die Wärme genießen und den Schritt ins Draußen vergessen. Zu schön, die Augen zu schließen und die Ruhe herein zu lassen.

Traumtänzer

„Du tanzt überhaupt nicht mehr…oder zumindest nur noch schlecht“, hattest du gesagt und es traf mich. Der ganze Streit hätte mich wohl kalt gelassen, aber das traf mich tief. Als wir uns vor Jahren kennenlernten, war ich immer dein Traumtänzer. Unsere Freunde dachten meist, du nanntest mich so, weil ich so oft träumte, aber wir wussten, dass ich der Tänzer deiner Träume war. Das Träumen habe ich mittlerweile fast verlernt und das Tanzen anscheinend auch. Stehe ich jetzt etwa auch so stocksteif zwischen den blitzenden Lichtkegeln und bewege mich merkwürdig zu den tiefen Bässen, die mir früher durch den ganzen Körper fuhren und sich in extatischen Bewegungen entluden, mich gleich einem Seiltänzer durch die Mengen gleiten ließen? Wann habe ich aufgehört zu tanzen, war es der gleiche Tag, an dem ich meine Träumerei aufgab? War es der Tag, als ich im Anzug zur Arbeit ging und des Abends müde auf die Couch fiel? Es muss jene Zeit gewesen sein und es wird Zeit. Zeit, sich das dreckige Geschirr zu nehmen und es wegzuschmeißen. Zeit, die verstaubten Regale zu zersägen und vor die Tür zu legen. Zeit, die vergilbten Tapeten mitsamt den Mauern einzureißen. Zeit, den erschöpften Menschen vor die Tür zu setzen. Wenn wir uns noch einmal begegnen sollten, dann wirst du wieder dem Traumtänzer begegnen, doch nun muss ich los und schauen, wo ich die Tanzfläche finde, die mich wieder innerlich erzittern lässt.

Ein Morgen

Ich mochte die Geräusche, die beim morgendlichen Rasieren zu hören waren. Erst der Schaum, der mit Unterdruck aus dem Behälter schoss, dann das Verteilen auf den Bartstoppeln und das leise Scharben der Rasierklingen, die nur die blanke, weiche Haut zurückließ. Der Kerl im Spiegel sah ziemlich übernächtigt aus, was er auch war. Er hatte noch Restalkohol von letzter Nacht im Blut und geschlafen hatte er kaum mehr als vier Stunden. Dieser Kerl stand nackt vor dem Spiegel und ließ mit jedem Zug das Dunkel aus seinem Gesicht verschwinden. Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und sah wieder auf mein zweites Ich. Er grinste mir entgegen. Er grinste wohl fröhlich, weil in seinem Bett die Bekanntschaft von gestern lag. Oder es grinste verlogen, weil es noch nicht wach sein wollte und weil er trotz der abendlichen Zweisamkeit allein sein würde.

Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich damit diese Gedanken beiseiteschieben und tatsächlich funktionierte es. Ich blickte meinen Körper an. Die schmächtige Körper, der seine Muskeln nicht verbergen konnte. Wie sehr hatte ich früher mit ihm gehadert, weil er einfach nicht an Masse zunehmen wollte, aber mittlerweile hatte ich verstanden, welches Glück ich damit hatte. Es nervte nur, wenn ich mich mal wieder schwach fühlte. Wenn das ausgiebige Frühstück nicht ausreichend war und das Mittagessen zwar gesättigt hatte, sich ein Schritt aber dennoch wacklig anfühlte.

Ich ging in die Küche, um mir Wasser für einen Tee aufzukochen. Im Hintergrund vernahm ich das leise Tapsen meiner Bekanntschaft, die ins Bad schlich. Ich machte zwei Tassen und bekam alsbald die Gelegenheit, eine davon abzugeben. Sie hatte eines von meinen Hemden an, das ihr viel zu lang war, während ich noch nackt vor ihr stand. Sie musterte mich und grinste mich an, als sie sich die Tasse von mir geben ließ. Ich ließ ein Lächeln aufzucken damit war klar, dass ich sie noch einmal ins Schlafzimmer mitnehmen würde, aber sie schüttelte lächelnd den Kopf. Verständnisvoll nickte ich ihr zu, ließ den noch zu heißen Tee stehen und duschte mich. Als ich das Badezimmer verließ, fiel mir sofort auf, dass ihre Schuhe verschwunden waren, so wie auch sie. Es war mir recht so. In der Küche wartete mein lauwarmer Tee auf mich, den ich herunterstürzte und mich danach fertig machte, um den Tag zu beginnen.