Die Erinnerung

Ein Augenblick nur ist es, der das schöne Gefühl des Abends wegwischt. Ich bin allein auf dem Fahrrad unterwegs und komme von Freunden, die ich unangekündigt besuchte. Es ist jedes Mal, als würde ich heimkommen. Auf dem Rückweg zu mir überquere ich die alte, holprige Steinbrücke und erblicke zwei Frauen. Die rechte von ihnen nehme ich kaum wahr, denn all meine Aufmerksamkeit liegt auf der Person neben ihr. Die Frisur, die Figur und der Gang, sie lösen die Erinnerung an diese seit Jahren vergangene Liebe aus. Ich radle an ihr vorbei und wage es nicht, den Kopf zu drehen. Ich habe Angst, dass sie es sein könnte. Ich habe Angst, ihren Blick zu sehen. Angst davor, dass ich kein freundlich-lächelndes Gesicht erhasche, sondern eines, das mich verständnislos anblickt und mich verwünscht. Noch zweihundert Meter rolle ich weiter, dann bremse ich und krame das Handy hervor. Was auf dem Display passiert, interessiert mich nicht. Ich denke nach und trete mir in den Hintern, und wende. Zurück zur Brücke; es fehlt jede Spur von ihr und zu viele Gassen führen in zu viele Nebengassen. Ich fahre alle ab und doch bleibt einzig die Erinnerung.

forgotten memories

Was für eine Melodie. Vor fast fünfzig Jahren war sie zum ersten Mal zu hören und mir ging der Song schon immer unter die Haut. Deswegen verwundert es mich nicht, dass er auf der Playlist steht. Es ist die Erinnerung, die mit dem Hören kommt, die ich nicht erwartet hatte.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass sie und ich unsere Räder des Nachts schoben. Der erste Kuss war noch jung, vielleicht eine Stunde, vielleicht mehrere, das hätte ich schon damals nicht sagen können, denn die Zeit zwischen dem ersten Kuss und dem Fahrradschieben nutzten wir für weitere Küsse. Nutzten sie für das Flüstern nah am Ohr und für die sanfte Berührung von einer Stirn mit der anderen.

Als wir so schoben, sang ich ihr jenen Song vor. Die Angst davor, einen Ton nicht zu treffen, war weit entfernt. In dieser Nacht fürchtete ich gar nichts. Was hätte ich auch fürchten sollen? Ich sang ihn vor, denn der Name sagte ihr nichts und leider auch nicht mein Gesang. Sie hatte ihn nie zuvor gehört. In der Zeit, in der ich das Lied kennenlernte, brach sie von Zuhause aus, um mit ihrem Freund zusammen zu sein.

Wir nutzten die eine Chance, die sich uns bot. In einer warmen Sommernacht tanzten wir im Staub und zwischen spitzen Steinen, bis sich unsere Blicke und unsere Lippen fanden. Ich könnte mir die Nacht nicht ein Stück anders vorstellen.

Die Frau im blauen Kleid

Da sitzt sie also. Das Licht aus dem Wohnzimmer fällt auf ihre rechte Seite. Ganz elegant ist sie. Nicht elegant im Sinne eines teuren Kostüms und feinsten Schmucks, dann würde sie wohl eher Cecilia oder Aurelie heißen. Ihr Kopf würde sonst auf einem dünnen Hals sitzen. Aber ihre Eleganz passt zu ihrem Namen – Lisa. Ihre nackten Füße schauen knapp unter dem blauen Kleid hervor. Sie lauscht gedankenversunken der Musik aus der gegenüberliegenden Wohnung. Und so hat man Angst, sie zu stören, will sie nicht herausreißen aus ihrem Traum, in den sie sich von den Klängen führen ließ.