Triebe Suppe

Seine Ignoranz nervte mich und es war auch keine Schüchternheit, die ihn mich ausblenden ließ, sondern die simple Lust an meiner Begleitung. Wir waren zu dritt in die Bar gekommen: Luisa, Barbara und ich. Der Barkeeper kam extra für Luisa hinter dem Tresen hervor, begrüßte sie und unterhielt sich mit ihr. Nicht ein Blick fiel auf Barbara oder mich und an unsere Bestellungen dachte er erst, als Luisa auf der Toilette verschwunden war, ihr Getränk hatte er da bereits serviert.

Man könnte sagen, er hätte nur Augen für sie gehabt. Aber sollte das Interesse an Luisa so beschränkt sein, dass man ihre Freunde ignorierte? Sollten nicht gerade jene ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit bekommen, um zu wissen, was hinter Luisa steckt und um zu zeigen, dass die Belange anderer Menschen einem wichtig sind? Es war das zweite Aufeinandertreffe und ich fragte mich, wie viele Begegnungen es brauchte, bis er uns als etwas anderes als lästiges Beiwerk ansah, welches Luisas Aufmerksamkeit nur von ihm ablenkte. Ich ignorierte ihn bei seiner Frage, was wir gern hätten und wand mich seinem Kollegen zu, der mir zunickte. Meinen Respekt hatte der Trottel verloren.

Zeig mal dein Handy

Das ist wieder so ein Abend, an dem mich nichts in den eigenen Wänden halten kann. Ich muss raus und genau dahin gehe ich auch. Das „Raus“ ist eine nette kleine Bar mit Weißleder-Möbeln und dezentem Neonlicht. Was ich da soll, weiß ich gar nicht und während ich in der Ecke sitze und die Leute beobachte, die sich unterhalten, komme ich mir plötzlich blöd vor. Hier allein zu sitzen, macht mich nervös. Irgendwas muss ich doch machen. Vielleicht sollte ich so aussehen, als würde ich auf jemanden warten, das ist weniger peinlich. Und so tippe ich auf meinem Handy herum. Auf der Getränkeliste stand ein Code fürs WLan und so logge ich mich ein und komme auf die verwegene Idee, mich auf einem Datingportal anzumelden. Ein paar Eckdaten und Gewohnheiten möchten sie von mir wissen und die gebe ich bereitwillig, vielleicht ein klein wenig unwahr, aber wer tut das nicht? Die Registrierung ist abgeschlossen und sofort werden mir nette Bekanntschaften aus der Umgebung angezeigt. Ich klicke mich durch und stoße auf kleine Vorschaubilder, die mir gefallen. Vergrößere ich sie, so zeigt sich das Problem an fitzelig kleinen Vorschaubildern. Hin und wieder sind auch schöne Gesichter dabei. Die Eigenschaften klingen gut. Sie reist gern. Ich auch. Ich mache es nur nicht. Sie verbringt gern viel Zeit mit Freunden. Ich auch. Nur eben gerade in diesem Moment nicht. Sie macht gern Sport. Ich auch. Na jetzt sitze ich ja in der Bar, aber ansonsten schon. Ich blicke auf und sehe an der Theke eine Frau sitzen. Sie starrt auf ihr Handy und tippt darauf herum. Ob sie wohl auch gerade nach einer Bekanntschaft sucht? Ich suche nach ihr auf meinem Handy. Doch ich finde sie nicht. Ich könnte sie ansprechen, aber womöglich wartet sie auf ihren Freund. Das rosa Neonschild „RAUS“ beginnt zu blinken. Es ist die letzte Runde eingeläutet und ich bestelle mir ein letztes Bier. Irgendwie schal. Auf dem Heimweg frage ich mich, ob ich jene Frau nicht hätte ansprechen sollen. Ob ich statt unzähliger unbekannter Gesichter in eines hätte blicken können, welches ich für eine kurze Zeit hätte kennenlernen dürfen und damit einem echten Menschen begegnet wäre. Vielleicht ist sie morgen wieder da. Ich auch. Ich werde sie wohl nur wieder nicht ansprechen.

Inspiriert von Hafensolo

fernab (Teil 4)

Beim Betreten der Bar, spürte ich die Blicke der Anderen auf mir. Mein Interesse galt der Theke, auf die ich zielgerichtet zuging. Die Besitzerin sprach ein sehr gutes Englisch und nach wenigen Worten war klar, dass ich an diesem Abend beim Ausschenken helfen durfte. Meiner Wirkung auf die Besucher war ich mir bewusst und so würde ich einiges an Trinkgeld bekommen. Den ein oder anderen Flirt, damit das Geld noch etwas lockerer saß und ich noch häufiger gerufen wurde, der Trick funktioniert bei allen Männern, man muss nur wissen, worauf sie stehen.

Antonia hatte mir erklärt, wie es zu dieser Kuriosität gekommen war. Eine Schwulenbar in einem kleinen Ort, das konnte doch eigentlich nicht funktionieren, bis zu jenem Bürgermeister, der einer von ihnen war und offen dazu stand. Er war im gesamten Dorf beliebt und eben dadurch schwanden sämtliche Vorurteile. Das ist so eine von diesen Geschichten, die zu schön ist, um wahr zu sein, die aber immer wieder vorkommt. Die Bar war nicht als solche gedacht, aber nachdem es sich in den umliegenden Dörfern rumgesprochen hatte, wie gutherzig man hier miteinander umging, wurde sie zum Treffpunkt all derer geworden, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlten.

Dass ich hetero war, interessierte Antonia nicht weiter, ich sollte Getränke verkaufen und ihr war klar, dass das keine Anforderung an mich stellte. Berührungsängste hatte ich nicht gezeigt und die kannte ich auch nicht, sonst hätte das ein verdammt langer Abend werden können. Ich rechnete mit gierigen Blicken und mit der ein oder anderen falsch abgelegten Hand. Es würde mich für diesen Abend nicht stören, so dachte ich. Denn es war ein einzelner Besucher und nicht die wahllosen Blicke, die mich förmlich verfolgte. Er setzte sich an der Theke direkt vor den Zapfhahn und versuchte mich immer wieder in ein Gespräch zu ziehen. Dafür lehnte er sich weit über die Ablage und tatschte mir immer wieder auf die Hand. Sein Blick durchbohrte mich förmlich und er schaffte es, dass ich mich unheimlich unwohl fühlte.

Meine Rettung kam von einer Stelle, an die ich niemals gedacht hätte. Mein süßer Engel stand plötzlich vor mir und gab mir einen langen Kuss auf die Wange. Meine Verwunderung wich sofort der Begeisterung, denn damit war der alte Plan wieder so einfach. Ich überlegte, ob ich sie fragen sollte, wo sie war, warum sie zurück kam und wie sie mich fand. Ihr sah ich an, dass sie wohl ähnliche Überlegungen anstellte, aber jedes Wort darüber war unnötig. Stattdessen entfuhr ihr grinsend: „Warum ist es okay, wenn du einen Schwanz für Geld in den Mund nimmst und wenn ich das mache, dann ist es verkehrt?“ Auch das brauchte keine Antwort und ich grinste über ihre selbstverständlich freche Art.

Die Reise weiterhin mit ihr verbringen zu können, machte mich glücklich und an diesem Abend verdiente ich das Geld für die weiteren Tankfüllungen und Verpflegung. Mir war es lieber, wenn wir es auf diese Weise taten, als dass wir es auf ihre Weise machten, wenngleich der Unterschied mir tatsächlich nicht so groß erschien. Zumindest nicht, wenn ich den Kerl vor dem Zapfhahn sah und mir bewusst wurde, dass ich ihn nicht abgewiesen habe, denn er bestellte einen Drink nach dem anderen und sparte nicht an Trinkgeld. Syredin und ich verkauften uns als Träume für den Moment.