Alkohol

Das hier ist ein Lobgesang auf etwas, das ich nicht lobpreisen möchte und was deswegen schon viel zu lang in meinem Leben präsent ist, ohne ehrlich erwähnt zu werden. Alkohol ist nichts, was gefeiert werden müsste, denn zu viele Menschen leiden unter dir. Aber darum geht es nicht. Es geht darum was du mit den Köpfen jener machst, die dich hin und wieder genießen, während jene Köpfe sonst der Vernunft angehören.

Vorhin ging ich an Kotze vorbei. Sie roch nicht mehr und sie war wohl längst fest. Ich erblickte sie und versuchte für einen Moment etwas in ihr zu erkennen. Ein Muster oder gar ein Bild. Es war mein betrunkener Rorschachtest und ich muss gestehen, dass ich zu betrunken war, um etwas zu erkennen. Aber ich war fasziniert. Und ich möchte ehrlich sein: Wäre ich nüchtern an diesem Auswurf vorbeigegangen, so wäre ich erst verwundert gewesen, weil ich nicht gewusst hätte, was da vor mir liegt. Ich hätte einen Moment lang gegrübelt, dann wäre mir ein Licht aufgegangen, und dann hätte ich mit dem Ekel des zivilisierten Menschen gezeigt, dass ich über jenem stehe, der zuvor nicht mehr fähig war, seine Grenzen zu kennen und mitten auf dem Gehweg sein ehemals Gegessenes ausstülpte.

Und hier ist eben der Punkt. Alkohol ist nicht gut oder schlecht. Wäre ich rechts, so könnte ich Parolen gegen Ausländer und Linke grölen und wäre ich links, so könnte ich Parolen gegen das System und Rechte grölen. Aber stattdessen dachte ich über ein festgefrorenes Stück Erbrochenes nach. Oder vielmehr darüber, was wir Menschen bei Verstand für eine irrsinnig hohe Vielzahl an Gedanken nutzen, die der betrunkene Geist auf einen einzigen beschränkt. Dieser Geist wurde leider schon beeinflusst und deswegen grölt er gegen dies oder gegen das. Und vielleicht ist dies die Erkenntnis, nämlich dass der offene Geist für etwas grölen würde ohne dabei etwas ausschließen zu wollen. Aber wie sollten wir das jemals herausfinden, denn einen offenen und unbeeinflussten Geist gibt es nicht. Unsere Geiste prosten einem Staat zu oder einer Revolution.

Vielleicht sollten wir uns mehr mit dem Stück Kotze beschäftigen. Ganz ohne Ekel und ohne Sitte. Nur das Bild, das es uns malt und vielleicht würden wir damit tausendmal mehr zu uns selbst finden, als wir es mit Meditation oder Selbsterkenntnisbüchern oder Lehren jemals schaffen würden. Es bräuchte dafür keinen Alkohol, denn die Begrenzung setzen wir uns selbst. Auf euer aller Wohl und auf all unsere Gedanken, die leider gar nicht so frei sind, wie wir es glauben.