Die richtigen Worte – Wie es begann

Nur zu gern ließ Ben sich an dem großen, ausgeblichenen Holztisch nieder. Auf der Oberfläche fanden sich bereits einige Tassenränder, die Ben im Eifer des Gefechts nicht wegwischte, sondern sich stattdessen allein auf das laute Klackern seiner Schreibmaschine konzentrierte. Er verfluchte das Schreiben an der Maschine, denn sein Verleger verlangte immer nach einer digitalen Version seiner Texte, aber allein das Geräusch der Tasten ließ seine Gedanken die wunderschönsten Sätze formen und zu Papier bringen. Sein Nachbar Tom aus der Wohnung über ihm war ein geselliger Kerl, der gern mal ne Feier auf der Dachterrasse schmiss und Ben jedes Mal dazu einlud. Sie waren keine besten Freunde, doch auch mehr als nur zwei wildfremde Menschen, die sich stillschweigend im Hausflur begegneten.

Es war mal wieder so ein Abend auf der Terrasse und Ben war am Tisch, der mit Wein und Köstlichkeiten gedeckt war, in ein Gespräch mit Tom vertieft, als dieser von einem Bekannten weggezogen wurde. Ben blieb am Tisch stehen und ging im Kopf das Gespräch durch, als er von einer weiblichen Stimme angesprochen wurde, ob er ihr einen Wein einschenken könnte. Da die Flaschen entweder bereits leer oder noch verschlossen waren, öffnete er eine neue und hob sie, um der unbekannten Frau einzuschenken. Er hielt in der Bewegung inne, als er zum ersten Mal ihr Gesicht wahrnahm.

Die Frau zog ihre Augenbrauen in die Höhe und hielt ihr Glas in die Richtung von Ben, der sich wieder fing und ihr von dem Weißwein einschenkte. „Hallo, ich bin Ben“, sagte er und vernahm als Antwort nur: „Vielen Dank für den Wein, Ben.“ Und schon verschwand die schöne Unbekannte wieder in der Menge. Ihm war nicht danach, ihr hinterher zu jagen und grinste stattdessen ob ihrer Dreistigkeit vor sich hin. Er blickte sich nach Tom um, der in dem Moment wieder zu ihm trat. „Kennst du die Frau dort drüben?“, fragte er Tom und nickte in Richtung der Unbekannten. „Das ist Julie und sie ist…ein wenig eigen“, antwortete  der Gefragte zögerlich. Ben sah ihn fragend an. „Nun, die ist lesbisch. Ich hab sie noch nie mit einem Kerl gesehen und zudem blockt sie alle Typen ab“, meinte Tom. „Du meinst, sie hat dich abblitzen lassen, richtig?“, erwiderte Ben. Tom nickte mit einem selbstironischen Lächeln. Es war typisch für Ben, dass er aussprach, was er dachte und gerade in solch einer Situation schien er immer genau zu wissen, was jemand verschwieg oder dachte. Die beiden Nachbarn sprachen noch eine Weile weiter, bis sich Ben wieder verabschiedete. Die Unbekannte hatte er abgehakt und er würde sich an diesem Abend mit Sicherheit nicht verrückt machen. Stattdessen ging er in die Kneipe bei ihm ums Eck und flirtete dort mit der Kellnerin, um das angekratzte Ego wieder zu stärken und später ohne nervige Gedanken einzuschlafen.

Einige wenige Wochen später sah Ben die Unbekannte beim Einkaufen und musste schmunzeln, weil sie vor dem Weinregal stand. Er ging auf sie zu, während sie das Etikette las und sprach sie direkt an: „Könntest du mir einen Wein einschenken?“ Sie blickte verdutzt hoch, sah Ben an und es schien in ihrem Kopf zu rattern. Dann erinnerte sie sich. „Hallo Ben…“, begrüßte sie ihn und fuhr fort: „du hast nicht zufällig einen Korkenzieher dabei oder? Oh und ich heiße Julie.“ Ben nickte nur grinsend und antwortete: „Ich weiß und nein, ich habe leider keinen dabei.“ Einen kurzen Moment ließ er sie im Ungewissen und erklärte dann, dass er Tom gefragt hätte. Sie sprachen weiter, während sie den Einkauf fortsetzten und tauschten am Ende die Telefonnummern aus. Ben tat sich oft schwer damit, eine Frau anzusprechen, aber da diese ja eh auf Frauen stand, fiel es ihm erstaunlich einfach. Julie war ihm von Grund auf sympathisch und ihr ging es nicht anders mit ihm.

Es sollten zwei Jahre vergehen, in denen sie sich immer mal wieder über den Weg liefen, bis sie ihm eines Nachts eine Nachricht schrieb, ob er Zeit hätte, sie bräuchte heute Abend Gesellschaft. An diesem Abend erfuhr er von dem Exfreund, von dem sie sich ungefähr zu der Zeit trennte, als sie Ben das erste Mal traf und der sich nun plötzlich wieder in ihr Leben zu drängen versuchte. Er lebt in New York und sei nun für ein paar Monate in der Gegend. Er schrieb ihr erst, dann trafen sie sich. Anfangs tat er freundschaftlich, doch immer mehr zeigte sich, dass er sie besitzen wollte, so wie er im Leben alles besitzen wollte. Es waren die nächsten Wochen, die aus den zwei Menschen Julie und Ben, die sich gelegentlich über den Weg liefen, jene engen Freunde machte, die sich mit einem Mal in einer Umarmung und einem nicht enden wollenden Kuss wiederfanden. Eine Beziehung, die eigentlich eine Freundschaft war und von der niemand etwas wusste.

Die richtigen Worte

Sachte tippte Ben auf die Tasten seines Laptops, um Julie nicht zu wecken. Seine Wohnung fand sie riesig und das war sie auch. Es war zwar nur ein Zimmer, aber es fand ein Schlafbereich, ein großer, vergammelter Holztisch und eine Küche darin platz. Auch ein Kleiderschrank war zu finden und außer der großen Haustür aus Metall gab es nur eine andere ins Bad. Für solch eine Wohnung würden andere Leute wohl töten, weil sie einen weiten Blick über die Stadt bot und dazu so angenehm ruhig war. Vermutlich war die Decke höher als drei Meter, aber dazwischen hatte man sicherlich eine schalldichte Schicht eingearbeitet, zumindest hörte man nie einen Tritt oder ein Wort von den Nachbarn, es war eine kleiner abgeschlossener Kosmos.

Ben saß in der Mitte des Raumes am Tisch, als er die Zeilen für sie tippte. Er hatte schon mehrfach darüber nachgedacht, was er für ein Betrüger er war, seine Texte zu verkaufen, denn es waren die Worte, die ihm durch den Kopf gingen und an denen er nie feilte. Hie und da mussten ein paar Stellen ausgebessert werden, doch sie trafen schon in der Rohform immer genau ins Herz. Es war ihm einmal aufgefallen, als er einen Brief an einen guten Freund schrieb und ihm selbst die Tränen dabei kamen, wie sehr die ausgesprochene Wahrheit treffen kann, selbst wenn man sie zuvor schon wusste und sein Freund genoss jene Zeilen ebenfalls mit feuchten Wangen.

Doch dieses Mal war es keine Geschichte oder ein Freund, sondern Julie und immer wieder begann er den ersten Satz, nur um ihn danach wieder zu löschen. Nein, das sah ihm so gar nicht ähnlich und vermutlich würde dieser Brief wohl das schlimmste Schriftstück werden, was er jemals angefertigt hatte und dabei wollte er es doch perfekt machen, nur dieses eine Mal. Er wollte sie nicht erschrecken und nicht erdrücken mit seinen Worten, doch seinen Gefühlen musste er eine Schleuse öffnen, durch die sie entweichen konnten. Natürlich sollte es nicht so ein abgewetzter Satz wie „ich liebe dich“ sein, der wäre zu unbedeutend und gleichzeitig viel zu gewaltig, nein dafür war er zu sehr ein Mensch, der immer gegen den Strom schwimmen musste. Es müsste eher in die Richtung gehen, dass sie der Mensch sei, den er bis an sein Lebensende täglich sehen wollte. Doch jedes Mal, wenn er einen Gedanken zu Worten formte, erschrak er vor dem, was an Buchstaben auf seinem Bildschirm auftauchte.

Schlussendlich klappte er den Deckel entnervt zu und beschloss, beim Bäcker frische Brötchen zu holen. Julie sollte vom Duft geweckt werden. Leise tapste er durch die Wohnung, zog sich an und griff nach seinen Schuhen, in die er erst vor der Tür schlüpfen würde. Den Schlüssel steckte Ben von außen in die Tür und zog sie mit zurückgezogenem Schloss zu, damit sie nicht wach werden würde. Doch kaum hatte er die Wohnung verlassen, schlug Julie die Augen auf und die Decke zu Seite. Nur zu gespannt wollte sie sehen, woran Ben seit mindestens einer Stunde geschrieben haben musste und las mit einem breiten Grinsen die Worte „Nur Du“.