Apocalypse Wow

Meine Nachbarn über mir hatten gerade Sex und ich zollte ihnen Respekt, denn mir war es bei dieser Hitze schon zu viel nur im Bett zu liegen und ich sah Martin Sheen vor meinem inneren Auge, wie er bei der Hitze in jenem Bett in Saigon lag und darauf wartete, dass der Tag vergeht. Ich konnte nicht anders und legte „The End“ von den Doors auf. In den ruhigeren Parts des Songs vernahm ich, dass meine Nachbarin sich ihrem Höhepunkt näherte. Ich stellte mir die zwei verschwitzten Körper vor und fand das Bild wunderschön, obgleich ich gar nicht wusste, wer in dem Zimmer über mir wohnte, aber für zwei nackte glänzende Körper genügte das bisschen Fantasie noch, das ich mir bewahrt hatte. Was mir als Kind für Geschichten eingefallen sind, die konnten mich ewig beschäftigen, vielleicht habe ich doch zu viel Zeit vor der Glotze verbracht. Ich griff mir das Buch, das ich bereits zur Hälfte durchgelesen hatte. Auf der Titelseite war eine barbusige Frau gemalt. Es war gut geschrieben und dennoch spürte ich, dass ich den Autor langsam satt hatte. Das war bisher immer so gewesen. Ich stolperte über ein Buch, ließ mich von den Worten berühren und einfangen und dann besorgte ich mir weitere Bücher jenes Autors bis ich genug davon hatte.

Schweißgebadet

Das Zimmer war in das orangene Licht der aufgehenden Sonne getaucht und ich fühlte mich zu schwer, um aufzustehen. Aufgeweckt wurde ich durch das Knarzen der Holztür. Lucie hatte nur ein Badetuch um ihren Körper gewickelt und kam zum Bett herüber. Sie hatte einen Tropfen beim Abtrocknen nicht erwischt, der ihr vom Hals über das Brustbein glitt.

Mich erinnerte es an das gemeinsame Saunieren, wenn die Tropfen ihren Weg über ihr Gesicht liefen und nach dem Hals ihren natürlichen Rundungen folgten und ihre Brüste umspielten. Es war erregend, die Tropfen auf ihrer Haut wandern zu sehen. Ich wollte ihren Weg nur zu gern mit meinen Fingern nachzeichnen, aber die Sauna gehörte uns nicht allein und so blieb das Spiel in meinem Kopf.

An diesem Morgen hängte sie das Badetuch über den Stuhl neben dem Bett und legte sich zu mir. Ich zeichnete all die Tropfen nach, die zuvor beim Duschen über sie rannen. Die kleinen kaum sichtbaren Härchen stellten sich dabei auf und legten sich wieder. Lucie genoss das sanfte Kitzeln und ich rückte näher an sie heran.

Die Morgende waren selten, die wir nur für uns hatten. Unter der Woche hetzten wir uns ab und auch die Wochenenden brachten nicht immer diese Atmosphäre mit sich, wie wir sie jetzt erleben durften. Ich biss Lucie sanft von hinten in die Schulter und küsste sie sogleich als Wiedergutmachung. Ich spürte die Hitze, die aus ihrer Mitte strömte. Ich spürte die gleiche Hitze auch bei mir und drang in sie ein. Sie drehte ihren Kopf nach hinten, damit ich sie küssen konnte und das Bett quietschte unseren Takt mit. Ihr Stöhnen befeuerte mich und ich bewunderte ihre Hingabe, während ich nur leise Zeichen der Freude von mir gab. Dieser Morgen gehörte uns allein, die Welt bestand nur aus uns und dem Bett unter uns. Darüber hinaus gab es nichts und niemanden.

Geister

Das Essen auf meinem Teller duftet, während ich es aus der Küche in mein Zimmer trage. Tagliatelle mit Lachs in einer feinen Sahnesoße, angereichert mit etwas Dill. Ich versuche kein Fleisch zu essen, aber bei Lachs kann ich manchmal einfach nicht nein sagen. Mit meiner freien Hand schließe ich die Tür hinter mir. Die Tür scheint von der sommerlichen Wärme ein wenig verzogen und lässt sich schwerer schließen als noch vor einem Monat, als ich sie behutsam zufallen lassen konnte. Es sind nur vier Schritt bis zu meinem Bett, die Holzdielen knarzen dabei gewohnt und ich krabble auf die große Matratze und lehne mich gegen eines der riesigen Kissen für meinen Rücken, während ich den Teller neben mir auf dem Laken abstelle.

Ich vernehme ein schwaches Quietschen, das ich nicht sofort zuordnen kann und sehe dann zum alten Kleiderschrank, dessen linke Tür sich geöffnet hat. Das hat sie noch nie getan und ich stelle mir vor, wie ein freundlicher Geist die Tür öffnete, weil er den leckeren Geruch wahrgenommen hatte. Mir gefällt die Idee und ich frage mich, ob ich mich vor einem Geist, so ich denn überhaupt wirklich an einen glaube, nicht fürchten sollte. Aber mir fallen andere Mächte ein, die tatsächlich in mein Leben eingreifen und die mich eher beunruhigen sollten. So ein Geist in meinem Schrank, der kann mir doch eigentlich nur ein guter Freund sein. Er mag es dort vermutlich, weil da so viel Leben drinsteckt und es sich angenehm auf den frisch gewaschenen Sachen liegt. Zudem ist es gemütlich dunkel, wobei hie und da vermutlich ein wenig Licht in den Schrank dringt, denn das Holz ist nicht mehr so akkurat, wie am ersten Tag.

Ich stehe wieder auf und schließe die Tür, weil ich es nicht mag, wenn die Tür so offensteht. Der Geist dankt es mir womöglich, weil er wieder in seine Dunkelheit zurückkehren kann. Ich genieße dann den Lachs und als ich später den Teller wieder in die Küche bringe, öffnet sich dieses Mal die rechte Doppeltür des Schranks, die zwar durch ein Schloss versperrt sein sollte, sich aber mit viel Kraft auch ohne Schlüssel öffnen lässt. Ich frage mich, ob hier eine ganze Geisterfamilie haust und als Antwort öffnet sich auch wieder die linke Schranktür. Nun denn, ich habe wohl ein paar Untermieter. Keine Ahnung, was meine Vermieterin davon hält, aber ich werde es vor ihr geheim halten.

Die richtigen Worte

Sachte tippte Ben auf die Tasten seines Laptops, um Julie nicht zu wecken. Seine Wohnung fand sie riesig und das war sie auch. Es war zwar nur ein Zimmer, aber es fand ein Schlafbereich, ein großer, vergammelter Holztisch und eine Küche darin platz. Auch ein Kleiderschrank war zu finden und außer der großen Haustür aus Metall gab es nur eine andere ins Bad. Für solch eine Wohnung würden andere Leute wohl töten, weil sie einen weiten Blick über die Stadt bot und dazu so angenehm ruhig war. Vermutlich war die Decke höher als drei Meter, aber dazwischen hatte man sicherlich eine schalldichte Schicht eingearbeitet, zumindest hörte man nie einen Tritt oder ein Wort von den Nachbarn, es war eine kleiner abgeschlossener Kosmos.

Ben saß in der Mitte des Raumes am Tisch, als er die Zeilen für sie tippte. Er hatte schon mehrfach darüber nachgedacht, was er für ein Betrüger er war, seine Texte zu verkaufen, denn es waren die Worte, die ihm durch den Kopf gingen und an denen er nie feilte. Hie und da mussten ein paar Stellen ausgebessert werden, doch sie trafen schon in der Rohform immer genau ins Herz. Es war ihm einmal aufgefallen, als er einen Brief an einen guten Freund schrieb und ihm selbst die Tränen dabei kamen, wie sehr die ausgesprochene Wahrheit treffen kann, selbst wenn man sie zuvor schon wusste und sein Freund genoss jene Zeilen ebenfalls mit feuchten Wangen.

Doch dieses Mal war es keine Geschichte oder ein Freund, sondern Julie und immer wieder begann er den ersten Satz, nur um ihn danach wieder zu löschen. Nein, das sah ihm so gar nicht ähnlich und vermutlich würde dieser Brief wohl das schlimmste Schriftstück werden, was er jemals angefertigt hatte und dabei wollte er es doch perfekt machen, nur dieses eine Mal. Er wollte sie nicht erschrecken und nicht erdrücken mit seinen Worten, doch seinen Gefühlen musste er eine Schleuse öffnen, durch die sie entweichen konnten. Natürlich sollte es nicht so ein abgewetzter Satz wie „ich liebe dich“ sein, der wäre zu unbedeutend und gleichzeitig viel zu gewaltig, nein dafür war er zu sehr ein Mensch, der immer gegen den Strom schwimmen musste. Es müsste eher in die Richtung gehen, dass sie der Mensch sei, den er bis an sein Lebensende täglich sehen wollte. Doch jedes Mal, wenn er einen Gedanken zu Worten formte, erschrak er vor dem, was an Buchstaben auf seinem Bildschirm auftauchte.

Schlussendlich klappte er den Deckel entnervt zu und beschloss, beim Bäcker frische Brötchen zu holen. Julie sollte vom Duft geweckt werden. Leise tapste er durch die Wohnung, zog sich an und griff nach seinen Schuhen, in die er erst vor der Tür schlüpfen würde. Den Schlüssel steckte Ben von außen in die Tür und zog sie mit zurückgezogenem Schloss zu, damit sie nicht wach werden würde. Doch kaum hatte er die Wohnung verlassen, schlug Julie die Augen auf und die Decke zu Seite. Nur zu gespannt wollte sie sehen, woran Ben seit mindestens einer Stunde geschrieben haben musste und las mit einem breiten Grinsen die Worte „Nur Du“.

So Nächte…

Es gibt so Nächte, da freut man sich, im warmen Bett zu liegen, weil die Kälte vor der Tür einen zu Eis erstarren lassen wollte. Es gibt so Nächte, da findet man im Bett eine Person, die in Boxershorts und T-Shirt neben einem liegt und sich an dich kuschelt, weil sie auf der Treppe auf einen wartete. Es gibt so Nächte, da drückt man seinen vom Nach-Hause-radeln erhitzten Körper gegen einen kleine Person, die neben einem eingemurmelt liegt. Es gibt so Nächte, da bedankt sich eine leicht unterkühlte Person bei einem, weil man ihr ein guter Freund ist und sie nur wärmt, obwohl der Körper seine Lust stillen will. Es gibt so Nächte, da schlafen zwei Menschen nebeneinander ein, nachdem sie sich aufgewärmt haben und selig nebeneinander träumen. Es gibt so Nächte, die werden zu einem neuen Morgen und zwei Menschen schauen sich freundschaftlich-liebevoll an, bevor jeder wieder seines Weges gehen und in die Kälte hinaus muss.