Einsame Bücher

Die Stundenglocke schlug und die Kinder rannten aus dem Klassenzimmer. Die Lehrerin rief ihnen nach, dass sie die Ferien genießen sollten, doch das ging im Lärm des Laufens und des Lachens unter. Nach wenigen Augenblicken hatten alle das große Gebäude verlassen.

Wirklich alle? In den Regalen standen all die Bücher, die ihre Geschichten erzählen wollten, doch keiner würde ihnen zuhören. Jeden Sommer war es das Gleiche. Die Schüler rannten nach Hause und man vergaß die Bücher. Und auch dieses Jahr sollte es wieder so sein, raunten die Älteren der Bücher, die die nun eingekehrte Ruhe genossen, doch die jüngeren Bücher konnte die Freude nicht teilen. Sie wollten angefasst und aufgeschlagen werden. Sie wollten jedem der sie in die Hand nahm, stolz ihr gesammeltes Wissen zeigen.

Am Abend schluchzten einige Bücher, die dieses Jahr das erste Mal in der Schule waren, vor sich hin, weil sie sich verlassen fühlten, doch plötzlich verstummten alle. Waren das nicht eben Schritte gewesen, die sie gehört hatten? Sie lauschten in die Stille und fragten sich, ob sie es sich eingebildet hätten. Dann plötzlich das Kratzen eines Schlüssels im Schlüsselloch und einen Moment später blinzelten sie, als jemand das Licht anstellte. Fast blind waren sie wegen der plötzlichen Helligkeit und diese verschwand nur einen Moment später wieder. Die Tür fiel ins Schloss und der Schlüssel kratzte wieder.

„Wer war das?“, fragte ein junges Buch ein älteres? „Das war wohl der Hausmeister. Er kommt sonst eigentlich nie des Nachts hierher. Vermutlich wollte er nur sichergehen, dass alles in Ordnung ist. Und nun lass mich weiterschlafen“, sagte das ältere Buch und schnarchte sofort wieder vor sich hin. „Der Hausmeister?“, fragte das junge Buch. Doch es erhielt keine Antwort.

Als der nächste Tag begann, schien die Sonne ins Zimmer und von draußen war das Kehren eines Besens zu hören. „Ist das der Hausmeister?“, fragte das junge Buch seinen älteren Kollegen. „Ja, das ist er. Er fegt alles sauber und räumt den Müll weg, der aus dem Mülleimer herausgefallen ist oder von manch einem Rotzlöffel einfach fallengelassen wurde“, antwortete der Gefragte. „Meinst du, der kommt nochmal zu uns rein und schaut uns an? Ich bin dieses Jahr überhaupt nicht berührt worden. Ich wurde geschrieben und gebunden und hierhergeschickt und seither stehe ich hier rum und sammle den Staub“, erzählte das junge Buch und schluchzte dabei ein wenig. Das alte Buch bekam Mitleid und auch wenn es wusste, dass der Hausmeister deswegen nicht ins Klassenzimmer kam, so sagte es: „Wer weiß, vielleicht ja später oder in ein paar Tagen, das kann man nie wissen.“ Das alte Buch verschwieg, dass der Hausmeister nie ein Buch zum Lesen in die Hände genommen hatte und auch eher zu den ruppigen Menschen gehörte, die Bücher sogar kopfüber ins Regal stellten, wenn mal eines aus Versehen auf dem Boden lag.

Und so vergingen die sonnigen Sommertage und jeden Morgen fragte das junge Buch, ob denn der Hausmeister dieses Mal zu ihnen kommen würde. Es war drei Wochen später, als der Tag nicht sonnig begann, sondern bewölkt. Es wurde gar nicht so richtig hell und plötzlich setzte strömender Regen ein. Ein herrlicher Klang war das, wenn die Regentropfen gegen die Fensterscheibe pochten. Der Regen wusch all den Staub von den Blättern und ließ die Luft nach Bäumen duften.

Da kratzte wieder der Schlüssel in der Tür und die Zimmertür öffnete sich. Das junge Buch lachte und jauchzte, als es den Mann sah und fragte das alte Buch neben sich, ob dies der Hausmeister sei. „Nun“, antwortete das alte Buch und ergänzte: „Das ist er eigentlich nicht. Zumindest ist es nicht der, den ich bisher hier gesehen habe. Vielleicht ein neuer.“ Das junge Buch war verwirrt, doch es schrie so laut es konnte, dass es von ihm gelesen werden wollte. Der Mann kam zum Bücherregal und strich mit seiner Hand über die Bücherrücken. Er schenkte ihnen damit ein angenehmes Schaudern. Dann hielt er inne und griff sich das junge Buch, welches noch immer darum bettelte gelesen zu werden. „Na dann wollen wir mal schauen, was du mir so erzählen kannst. Er pustete den Staub vom Buch herunter, ging ans Lehrerpult, knipste ein Licht an und schlug die erste Seite auf. Das junge Buch konnte gar nicht so lang warten, wie er jede Seite durchlas, doch es genoss jede Berührung seiner Hand auf dem Papier. Der Mann, der der neue Hausmeister war, ließ sich Zeit, denn an diesem Tag gab es für ihn nichts zu tun und auch in den nächsten Ferientagen ließ er sich immer wieder blicken und griff sich ein Buch, um darin zu lesen.

 

P.S.

Die Geschichte ist ein kleines Abschiedsgeschenk an die zwei kleinen Mädels meiner ehemaligen WG. Ich finde das Ende zu knapp, aber ich muss gestehen, dass mir momentan kein anderes einfällt. Somit seid ihr Leser durchaus gefragt, euren Senf dazuzugeben und zu ergänzen. Ich freue mich darüber und die Mädels vermutlich auch 😉

Bücherleben

Ich mag den Geruch von Büchern. Nein, nicht von allen Büchern. Manche tragen kalten Rauch an sich, das ist nicht so meins, obgleich mir die Verbindung zu passen scheint. Ich habe gar einen gewissen Hang dazu. Früher waren die Bücher noch in Leinen gebunden und der Name hineingepresst. Heute hingegen tragen sie eine schön verzierte, glänzende Oberfläche, die keine Vertiefungen aufweist. Schon interessant, was sich da für Parallelen finden, denn die Schalplatten wären ohne ihre Vertiefungen nichts wert, moderne Musikspieler hingegen glänzen, nachdem man sie aus der Tasche zieht und die Fingerabdrücke abwischt.

Ein wenig traurig wird es mir, wenn ich daran denke, dass die Hülle so wichtig scheint. Das Buch bleibt verschlossen. Der ganze Aufwand, damit sie sich voneinander unterscheiden, aber tatsächlich sehen sie alle gleich aus. Also war es doch besser, als es nicht nach dem Äußeren ging oder? Ich will gar nicht wissen, welches Cover man dem „Werk“ eines österreichischen Möchtegern-Künstlers und Bücherverbrenners gegeben hätte, damit es lammfromm daherkommt.

Die neuen Bücher können aber zumindest noch Eselsohren und Knicke bekommen und auch den Geruch tragen sie noch. Auch das scheint sich zu ändern. Kennt ihr das, wenn ihr ein Buch in die Hand nehmt und die immergleiche Stelle aufschlägt, weil sie dem Leser so wichtig und so wertvoll war? Wie manche Seiten vergilbter sind als andere? Wie sich ein Rand vom Inhalt einer ausgelaufenen Flasche abzeichnet? Die ganz neuen Bücher kennen das nicht. Die sind einfach kaputt, wenn im Rucksack neben ihnen etwas ausläuft. Ansonsten aber bleiben sie wie am ersten Tag. Perfekt sind sie, zumindest oberflächlich und geruchsneutral. Ich verteufle sie nicht, es ist ja nicht ihre Schuld. Um sie auszulöschen, genügt ein Knopfdruck.

Die Bücher von heute sollen perfekt sein. Der erste Blick entscheidet und vielleicht wirft man virtuell einen Blick in ihr Innerstes und stellt sie dann wieder beiseite. Ein paar wenige Klicks und man glaubt zu wissen, worum es in dem Buch geht. Man ist ja auch zu beschäftigt damit die eigenen Seiten zu beschriften oder schöne Bilder für das eigene Cover bearbeiten.

Bibliothekar

„So sieht also ein Bibliothekar aus“, lachte die Frau mir entgegen. Ich grinste nur und erwiderte: „Wie sollte man denn sonst aussehen? Fehlen mir die grauen Haare, die dicke Brille und der Strickpulli?“. Ich muss gestehen, dass ich mich selbst früher nie in diesem Beruf gesehen hätte, dafür war er viel zu ruhig. Es fehlte das Abenteuer und die Hektik, so dachte ich es mir. Aber Hektik kann man in jedem Beruf haben und gleichzeitig auch in keinem. Natürlich gibt es Aufgaben und Chefs, die einen durch die Gegend jagten und ständig alles und sofort haben wollen, doch lag es an einem selbst, ob man dabei hektisch wurde oder es in gutmütiger Geschwindigkeit erledigte. Abenteuer gab es hier auch so einige. Sicherlich denken jetzt einige an das jeweilige neue Abenteuer, das in jedem Buch steckt. Aber ich meine das Abenteuer, gegen einen allmächtigen Gegner vorzugehen, der die Bücher direkt nach Hause zu den Menschen bringt. Wer will schon bei Regen nach draußen gehen und nasskalt verschwitzt in einem staubtrockenen Raum ankommen? Nun, es gab doch einige Menschen, die das mochten und die sich zwischen all dem gesammelten Wissen wohl fühlten. Aber ich verstand auch die Kritiker, die nach einer bestimmten Sache suchten und dafür nicht mehrere Bücher durchblättern wollten, sondern lieber einen Suchbegriff in eine Maschine eingaben. Das war das effektive Nutzen der eigenen Zeit, so wie es die Ökonomen von Jedem verlangten. Es geht nicht um ein breitgefächertes Wissen, sondern um ein stark eingegrenztes und spezialisiertes. Ich sah meinen Job also als etwas, das gegen die Effektivität ausgerichtet war und fühlte mich vollkommen wohl damit. Ja, ich war wohl ein Partisan und sah mein Gesicht schon bald als schwarzen Aufdruck auf roten T-Shirts, das von unwissenden Teenies getragen würde. „Ja, Sie sehen auch mehr nach einem Freiheitskämpfer aus, als nach einem Bücherwurm.“, sagte die Frau an der Bar. Ich grinste nur fröhlich und fühlte mich wie ein Held.

„Frauen waren s…

„Frauen waren seit undenklichen Zeiten ohnmächtig geworden, nicht immer ohne Vorbedacht, und Männer hatten unveränderlich in der gewünschten Art und Weise darauf reagiert.“

Aus: Arthur C. Clarke – Die letzte Generation (1953)

Wenn ich mich zurückerinnere, so kann ich mich nicht daran erinnern, dass jemals eine Frau in meiner Gegenwart ohnmächtig geworden wäre, wohingegen ich bereits einmal umgeklappt bin, allerdings war keine Frau zugegen. Ich wüsste auch nicht, was die darauf gewünschte Art und Weise einer Frau hätte sein sollen, außer sich zu sorgen, ob alles okay ist. Diese Waffe der Frau, wenn sie denn wirklich so zielgerichtet eingesetzt worden ist, wie es Clarke seine Leser glauben lassen möchte, ist mit dem Bild der starken Frau von heute nicht mehr zu vereinen. Wozu sollte mich solch ein Schwächeanfall anregen, außer mich um die Frau zu kümmern, was ich aber auch bei jedem Mann machen würde, der in meinem Beisein ohnmächtig wird. Ich musste vorhin schmunzeln, als ich jene zitierte Stelle im Buch las, denn es zeigt einfach, dass es zu einer anderen Zeit geschrieben wurde. Die Geschichte selbst spielt in der Zukunft und viele Sachen kann man sich nur zu gut vorstellen. Doch an solchen Stellen spürt man eben doch, dass man als Autor eines visionären Romans nicht aus seiner Zeit heraus kommt. Vor mir liegt noch ein Drittel vom Buch, aber ich kann es jetzt schon empfehlen, selbst Lesern, die sich nicht für Science Fiction begeistern können.