Ein kleines Heiligtum

Es gibt einen Automatismus, der mich leiser werden lässt, wenn ich ein Baby sehe und dabei ein Gespräch führe. Es ist, als hätte mich jemand in eine ganz eigene Welt geführt, welche enorm fragil ist, so dass ich alles daransetze, nicht jenes Wesen zu sein, welches die beschützende Blase zum Platzen bringt. Ich kenne das auch beim Aufeinandertreffen mit scheuen Hunden. Kniend und gen Boden blickend sitze ich da und lasse die nasse Schnauze erkunden, wer ich bin. Es gibt solche besonders eigenen Welten immer wieder und manchmal fürchte ich mich davor, in sie einzudringen.

An einem verregneten Tag landete ich auf dem grünen Platz am Fluss. Der Boden war matschig. Ich schloss das rostige Fahrrad ab und ging auf den Kreis aus Bauwagen und Wohnmobilen zu. Meine Eltern würden die Mobile wohl als heruntergekommen bezeichnen oder zumindest als rustikal. Ich fand sie charmant. Doch ich war hier ein Fremder und hatte das Gefühl, als würde ich unerlaubt Privatbesitz betreten. Das stimmte in doppelter Hinsicht nicht, da mein Kommen vereinbart war, denn ich wollte mir einen alten Campingbus anschauen und zum anderen war es öffentliches Gelände. Ich stapfte durch den Matsch und hoffte als erstes auf Nomi zu treffen, so hieß die Besitzerin des Busses. Stattdessen kam mir ein junger Mann entgegen, grüßte mich und ging an mir vorbei, als wäre ich ein streunender Hund, den man vorbeiziehen lässt.

Ich ging ein wenig den Kreis entlang. Innerlich erleichtert fand ich den Bus und klopfte an der Außenwand. Der Bus war angenehm klein und hatte trotz seiner simplen Form eine putzige Persönlichkeit. Ich erhielt keine Antwort auf mein Klopfen, ja nicht einmal eine Bewegung des Autos gab es. Ich traute mich nicht, nochmal zu klopfen und in mir schrie eine Stimme, dass ich einfach wieder gehen sollte. Es war die Angst, dass man mich als Fremden enttarnen könnte. Ich wollte nicht als Fremder betitelt und angesehen werden und so ging ich Richtung Fahrrad, als plötzlich eine junge Frau aus einem anderen Wohnmobil kam und mich ansah. „Hallo, suchst du jemanden?“ Vor lauter Aufregung war mir der Name entfallen: „Ähm ja, ich… Ich…. Ähm, der Wagen hier“, ich zeigte auf den Bus und fuhr fort: „weißt du wo…“ mir kam es vor, als würde ich das Sprechen gerade erst gelernt haben oder das Denken. Doch die Frau verstand mich und nickte. „Einen Augenblick, ich weiß schon wo sie ist.“ Sie schlüpfte in Gummistiefel, um die ich sie beneidete und führte mich zu einem orangenen Bauwagen, an dessen Tür sie klopfte.

Ein Mann öffnete oder ein Junge oder irgendwas dazwischen. Sie sprach mit ihm, er sah mich misstrauisch an, drehte sich um und sagte etwas in den Wagen hinein. Nur einen kurzen Augenblick später blickten mich zwei dunkelbraune Augen hinter einigen Dreadlocks aus dem Wagen heraus neugierig an: „Ich komme sofort.“ Ich war erleichtert und blickte an mir herab. So langsam spürte ich die klamme Kälte in meinen Klamotten. Meine Schuhe waren überall mit Matsch bedeckt, aber immerhin stand niemand im Kreis um mich herum und lachte mich aus, weil ich der Fremde war.

Es dauerte dann doch gut drei Minuten, bis Nomi vor mir stand und mich zu dem Bus führte. Ich sah ihn mir an und er war wunderbar hergerichtet. Der Boden war mit Holz ausgelegt und ein gusseiserner Ofen würde für Wärme sorgen. Aber ich war viel zu knapp bei Kasse und es hätte noch mehr Geld gebraucht, bis das Ding wieder fahren würde. Ich redete nicht lang um den heißen Brei rum und erklärte Nomi, dass ich den Bus nicht kaufen würde. Sie nickte nur und fragte mich, ob ich noch kurz mit in den Bauwagen mitkommen wollte, vielleicht auf einen Kaffee. Ich meinte, dass ich keinen trinke, aber ein Tee zum Aufwärmen wäre fantastisch.

Sie sprach ein paar Worte mit dem misstrauisch blickenden Mannjungen und er ließ uns allein. Sie erklärte mir, dass es eigentlich sein Bauwagen sei, aber sie wohnen gemeinsam darin. Sie hätte mich mitgenommen, weil ich ihr während der Besichtigung erzählt hatte, dass ich leidenschaftlich gern schreibe. Mich verblüffte ihre Direktheit, die nicht rabiat, sondern enorm zart daherkam. Sie schwieg und blickte mich lang an, bevor sie gestand, dass sie mich wunderschön fand. Was für eine Ehrlichkeit, ging es mir durch den Kopf. Ihr Freund wäre allerdings eifersüchtig und würde seine Probleme mit der Offenheit ihrer Beziehung haben. Mir pochte das Herz, weil ich nicht wusste, ob das eine Art Flirt war oder ob ihr Freund mir beim Verlassen womöglich auflauern würde. Was war das für eine merkwürdige Situation. Sie fragte, womit ich mein Geld verdienen würde und ich stammelte vor mich hin. Es war mir unangenehm, denn ich wollte nicht zugeben, dass ich durch Kleidung und Schuhe ans erotische Gewerbe verkaufte, sowas kommt nie gut an, das wusste ich, doch sie beruhigte mich und zeigte auf eine Plastiktüte von Beate Uhse. Sie erklärte mir, dass sie gerade eine Ausbildung zur Sexualbegleitung mache und ob ich wisse, was das sei. „Nein, nicht wirklich“, gab ich zu und überlegte, ob das so eine Art Sozialarbeiter für Prostituierte sei. „Es geht darum, dass Menschen mit Behinderungen auch sexuelles Verlangen haben“, erklärte sie und in dem Moment verstand ich. Doch es entstanden weitere Fragen, die ich nicht aussprechen musste, denn Nomi schien meine Fragen bereits erraten zu haben: „Da geht es gar nicht um den sexuellen Akt an sich, sondern meist um das Verstehen des eigenen Körpers oder die Beziehung und Berührung von zwei Menschen.“ Das leuchtete mir sofort ein. Sie erzählte von den Tabus und den Problemen der Verständigung. Wir saßen zwei Stunden dort und irgendwann schwiegen wir. Es war so viel erzählt worden, dass die Worte ausgegangen waren. Nomi blickte mir tief in die Augen und mein Herz pochte nicht mehr wild, ganz im Gegenteil. Ich war entspannt und ruhig und wünschte mir den Kuss herbei, der in der Luft lag.

Wir hatten unsere ganz eigene Blase geschaffen, die niemand zu stören wagte. Diese Blasen haben etwas heiliges und das sage ich, obwohl ich weder an Gott glaube noch religiös bin. Aber ich glaube dennoch daran, dass es da etwas gibt und man kann es spüren. Man spürt es bei dem kleinen Kind und man spürt es in solch einem Refugium. Es gibt da etwas, dass man nicht messen und bestimmen kann. Ein kleines Heiligtum.

Goldene Zeiten

Der Bus stank nach Urin und es war schon eine ganz besonders durchdringende Note. Dabei hatte mich mein Unterbewusstsein noch am Einsteigen hindern wollen, als ich schier endlose Sekunden mit dem Entwerter kämpfte. Die haben so einen Rahmen aus Metall eingebaut, damit man entweder direkt am Entwerter und dem Fahrer vorbeiläuft oder daneben sofort im Fahrgastbereich landet. Ich entschied mich beim Einsteigen für den Weg zu den Sitzen und somit weit entfernt vom Entwerter. Dann aber versuchte ich den labbrigen Fahrschein halb über dieses Metallgestell hinüber zu entwerten und schaffte es. Ganz ehrlich, draußen hatte es Minusgrade und eine dünne Eisschicht auf dem Asphalt ließ mich nur mit Mühe zur Haltestelle kommen, es war sicher hier im Bus.

Und dann kam diese Wolke aus purem Urin, die jeden von uns umgab. Einen von euch armen Kämpfern hat es erwischt, dachte ich mir. Einer von euch sitzt jetzt auf einem Polster, das nass ist. Irgendwer vor euch hatte zu viel intus oder hatte seine Blase nicht unter Kontrolle, aber jetzt war diese Person gegangen und eine arme Kreatur saß auf dieser Hinterlassenschaft, die jeder hier allsekündlich einatmete.

Vielleicht hatte es einen von den Typen auf dem Vierer erwischt, aber die lachten nur. Die hatten ihren Arbeitstag hinter sich gelassen und ihnen war die Lust am Leben nicht vergangen. Der Rest im Bus schien die letzten Stunden gekämpft zu haben und schaute leer aus dem Bus. Manche lenkten sich mit Musik aus Plastikkopfhörern ab, andere spielten auf den grellleuchtenden Displays ihrer Mobiltelefone. Der eine Typ dort hinten auf der letzten Bank saß beklemmt an seinem Platz und hatte den Kopf gesenkt. Volltreffer, der Typ hat den nassen Sitz erwischt. Wobei die Wolke sich auf die Busmitte konzentrierte, absolut unmöglich, dass es von dort hinten kommen könnte. Aber irgendwas trug der mit sich herum.

So ist es eben in dem Bus, der die Leute nach Hause bringt, die sich jeden Tag abmühen. Und ich? Ich überlegte mir, dass ich einen Tag freinehmen müsste, um tagsüber die anderen Gestalten beobachten zu können, die sich fahren ließen. Wie sehen jene aus, die keine acht Stunden hinter einem Computerbildschirm, einer Kasse oder einem Konferenztisch sitzen? Fahren tagsüber überhaupt Leute mit den Bussen oder fahren da auch keine Busse, weil sie eh keiner nutzt? Nein, das kann nicht sein, die Leute rennen tagsüber durch die Geschäfte und zum Friseur und zu Gott weiß wem. Ich weiß das, weil ich mir mal einen Tag freigenommen hatte, um in die Stadt zu gehen und ich hatte mich noch gefragt, wo all die Leute herkommen und ob die nie zur Arbeit gehen müssten. Nun denn, ich beglückwünsche sie und hoffe, dass sie nicht nur deswegen in der Stadt sind, um die Zeit totzuschlagen. Das wäre so verdammt traurig, wenn die Menschen statt das freie Leben zu genießen, nur hoffen, dass der Tag rumgeht. Aber vielleicht ist es auch nur wie hier im Bus: Man sitzt eine Weile im Gestank und erträgt es und dann irgendwann öffnet sich die Tür und man atmet draußen wieder frische Luft ein und spürt, dass die Welt doch ganz in Ordnung ist.