Bruchteile von Sekunden

Ich saß auf meinem Fahrrad und fuhr durch eine dunkle Straße. Das Rennrad heißt aus gutem Grund so, auch wenn der Lenker zu tief sitzt und ich die Bremsen nicht gut greifen kann. Der Tag war lang und ein Training am Abend hatten mich vollkommen erschöpft, vermutlich fuhr ich deshalb so schnell, um nicht ewig zu brauchen, bis ich zuhause sein würde.

Durch meinen Kopf ging die Begegnung mit einer Freundin. Ich mag ihre verrückte Art und ihre Lust am gespielten Streit. Wir sollten sogar mal verkuppelt werden, aber das wäre höchstens für einen Tag gut gegangen, wenngleich ihre Attraktivität mich gereizt hatte. Ich hatte sie kurz zuvor getroffen und ebenso ihren Freund. Es waren nur wenige Momente, aber in denen spürte ich, wie sehr sie zusammenpassten.

Ich musste lächeln, während ich fuhr und dachte an die Begegnung. Vor meinem Auge spielte sich die Szene wieder ab, als vor mir plötzlich ein Mann auf dem Zebrastreifen auftauchte. Meine Hände versuchten die Bremsen zu ziehen, aber das misslang, ich wollte erst links vorbei, weil ich dachte, dass er stehen bleiben und warten würde, doch er ging weiter und so fuhr ich nach rechts, knapp an ihm vorbei und hörte ihn murmeln: „Das ist ein Zebrastreifen.“ Ich hatte mittlerweile die Bremsen wieder im Griff, drehte mich zu ihm um, hob meinen linken Arm und rief: „Sorry. Hab gepennt.“ Er regierte entspannt mit einem „Alles cool.“

Mein erster Gedanke war eine innere Frage, warum ich übermüdet auf einem Rad sitze, welches ich nicht perfekt beherrsche, so ein verdammtes Tempo fahren muss und dann vor mich hinträume, während es verdammt dunkel ist.

Mein zweiter Gedanke war die schöne Erkenntnis, dass wir solche Situationen oft anders und aggressiv erleben. Eine Person tut etwas, eine andere Person macht einen Fehler und es wird als Angriff gewertet, so wie sich jener Mann wohl kurz geärgert hat, dass ich ihn fast über den Haufen fahre (ich habe großes Glück, dass das nicht geschah). Dann kommunizierten wir kurz und lösten die Situation ohne ein Unbehagen oder einen Ärger. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass es fast immer so sein kann, wenn wir nur offen genug sind und uns unser Glück vor Augen halten, statt über das Unglück traurig zu sein. Ich und er hatten verdammtes Glück, dass nichts passiert ist, denn bei meiner Geschwindigkeit hätte das heftige Verletzungen geben können.

Schlaft gut!

Feuer und Flamme, Schall und Rauch (2)

Dass ich meine Mutter und meinen Vater verloren hatte, das wollte in mir nicht ankommen. Es war ein unumstößlicher Fakt, aber auch nicht mehr. Noch immer befand ich mich in dieser Blase. So wie damals, als ich mit einem Freund auf dem Fahrrad um die Wette fuhr und ich unvermittelter Dinge vornüber den Lenker schoss. Ich rutschte über den Asphalt und als ich aufstand, war alles so leicht. Ich blickte auf mein weißes T-Shirt und sah die roten Bluttropfen, die sich deutlich vom Weiß absetzten. Der Freund beschwerte sich, dass ihm wegen mir ein Stück vom Zahn abgebrochen sei. Er war auch in einer Blase. Nur hielt seine und meine Blase damals vielleicht für eine Stunde. Das war jetzt anders. Diese Blase hielt schon seit über einer Woche an. Oder waren es gar Jahre?

Ich tastete mich an der Wand entlang und fand jene Ecke, in der ich früher nur zu gern saß. Sie war kleiner geworden. Nein, ich war größer geworden, aber so kam es mir nicht vor, ich hatte nicht wirklich das Gefühl, gewachsen zu sein. Ich setzte mich hin und lehnte mich gegen den kalten Stein. Die Dunkelheit nahm mich auf und in dem Moment verspürte ich Trauer. Ein diffuses Gefühl, so wie das leise Brummen eines angeschalteten Lautsprechers, den man schon am Tagw gehört hat. Und so wie man des Nachts nur noch dieses Brummen vernimmt, weil es den ganzen Raum einnimmt, so nahm mich die Trauer ein. Irgendwas war nicht richtig und wollte mich erdrücken. Das war so ein Kunststück dieser Höhle. Wie damals, als ich mein Herz verloren hatte: Sie meldete sich kaum auf meine Nachrichten oder kam mit Ausreden, welche mir zwar jedes Mal Hoffnungen machten, aber doch nichts anderes aussagten, als dass sie mich nicht sehen wollte. Wie lange schleppte ich das mit mir herum und kämpfte und wurde schwächer. Ich wollte sie so gern wiedersehen, aber mir blieben nur diese Nachrichten. In der Höhle nahm mich damals die Dunkelheit gefangen. Es war ein Gefühl von Kälte und Einsamkeit. Das Dunkel, an das ich mich sonst gewöhnte, wurde stärker und größer, so wie das Brummen des Lautsprechers. Es umhüllte mich und ich gab mich der Finsternis hin.

Einen leeren Kopf bekommen

Die Lichter der Stadt spiegeln sich auf dem schwarzen Lack des Cabrios. Ein Ziel gibt es nicht, nur das beruhigende Brummen des Motors und das Gefühl der Beschleunigung nach jeder roten Ampel, die es braucht, damit das nächtliche Fahren nicht monoton wird. Seine Gedanken beruhigen sich. Sie prasseln nicht mehr auf ihn ein. Das ist der kleine Ausbruch, in dem so viel Freiheit steckt und sie wird mit ein paar Tropfen Öl recht günstig gekauft. An der nächsten Ampel wartet ein Auto mit zwei jungen Fahrern. Sie wollen auffallen und suchen ein Rennen. Doch da suchen sie beim falschen Mann. Die nächste Streife wird sich freuen und er sich ebenso, wenn er deswegen ungestört bleibt.

Wenn der Kopf vollkommen ruhig geworden ist, dann geht es gern auch mal auf die Straßen außerhalb der Stadt, wo der Zeiger des Tachos die 90 Grad geradezu überfliegt, die zwischen 30 und 130 km/h liegen, nur um dann doch wieder den Wagen rollen zu lassen, bis er ein gutes Stückchen unter der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit liegt und dem Fahrer noch die Möglichkeit gibt, einem Tier auszuweichen. Keine Menschenseele weit und breit, nur die ruhige Nacht, die ihn beim Fahren beobachtet, bis er wieder auf seiner Einfahrt steht und den Motor einige Sekunden lang brummen lässt, bis er den Schlüssel nach links dreht und damit die Spritzufuhr kappt. Doch innerlich vibriert es weiter und sorgt dafür, dass in dieser Nacht niemand mehr die innere Ruhe brechen kann,

deep down

Diese Kälte am Morgen, sie behagt mir nicht, aber im Gegensatz zu all den anderen Leuten werde ich gleich ins Warme aufbrechen. Es ist nur ein kurzer Zwischenstopp nötig, um aus den sauberen Klamotten in den schon etwas versteiften und salzigen Blaumann zu wechseln. Danach geht es ab in den Fahrstuhl und hinab in dunkle Gewölbe. Aber das stimmt gar nicht, Gewölbe, das klingt so klein und eng und dabei sind die Decke und Wände hier viel höher und weiter, als jeder Raum, den ich zuvor sah, na vielleicht kommt die alte Schulsporthalle an diese Maße ran, aber da war es nur eine Halle und kein kilometerlanges Konstrukt. Was mich zudem an die Turnhalle erinnert, ist die Wärme hier unten. Sie ist aber anders, viel trockener, was sie so angenehm macht. Tja und düster…nun, düster ist es hier nur in den unausgeleuchteten Gängen, aber eigentlich strahlen die weißen Wände jedes kleine bisschen Licht ab, so dass aus der tiefsten Nacht der hellste Tag wird. Ein guter Freund bedauerte mich einmal für diese Arbeit, weil sie so anstrengend sei und man so dreckig dabei wird. Das stimmt, sie ist anstrengend und man sehnt sich bei der Auffahrt schon auf die nassen Strahlen, um das staubige Salz aus den Haaren und von der Haut zu waschen, aber dafür weiß ich nach einem Tag harter Arbeit, was ich geschafft habe. Ich falle am Abend zufrieden und müde ins Bett, das kenne ich auch anders. Mir gefällt es hier unten, die Wärme, die Stille und meine Kumpel, die mir die langen Fahrten in den Gängen durch ein Gespräch verkürzen und die mich hier rausholen würden, wenn mir etwas zustößt. Das ist für uns selbstverständlich. Vielleicht ist das hier kein Traumberuf und manch einer würde lieber zehn Kilometer in der Luft fliegen, als einen Kilometer unter der Erde zu arbeiten, aber vermutlich bewegt es einen Pilot nicht so sehr wie mich, wenn ich am Nachmittag mit dem Aufzug nach oben fahre und mich dann auf einmal die Sonne begrüßt.

Die Lichter der Stadt

Während man so durch die frühe Dunkelheit in diesen Wintertagen in der Stadt zieht, hat er es schwer. Voll aufgebläht ist er und strahlend gelb, aber er steht einfach zu tief, um wahrgenommen zu werden, denn die Lichter der Stadt überstrahlen ihn. Ihr warmes Gelb ist überall und so wird er sich noch gedulden müssen, bis er ein wenig höher gewandert ist und einige der gelben Lichter erloschen sind. Man sieht später die kleinen, glühend roten Augen der Stadt. Über ihnen schwebt der Mond dann und schaut uns dabei zu, wie wir Ameisen durch die Stadt wandern. Er erleuchtet unseren Weg, bis wir in einem Haus verschwinden und uns erst Stunden später wieder blicken lassen. amüsiert und womöglich durchgeschwitzt. Unsere Augen werden kleiner sein und schon ein gemütliches Bett herbeiwünschen. Und selbst dann wirst du da oben noch in voller Größe strahlen und hoffen, dass du noch einen Blick des hellblauen Himmels erhaschen darfst oder wenigstens die Vögel singen hören wirst.

Das verlassene Haus

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie einen die Vernunft im Stich lassen kann. Wir haben zwei Tage im Haus am See verbracht und weder das Knacken des Holzes, noch das Jaulen des Windes oder das Klappern der Fenster hat uns in irgendeiner Form gestört oder gegruselt, aber nun suche ich in einem Keller, den ich nie zuvor betreten habe, nach dem Sicherungskasten und nur die Flamme der Kerze erhellt mir die Sicht. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich außer der gleißend hellen Flamme gar nichts sehe. Helena meinte vorhin, dass die Kerzen romantischer seien, als die Taschenlampe, die ich auf den Packzettel geschrieben hatte. Wir haben dasselbe Verständnis für Romantik, aber ich schätze doch gerade ihre praktische Seite und so vermute ich, dass es nur ihre Ausrede dafür ist, die Taschenlampe vergessen zu haben. So richtig sauer kann ich ihr nicht sein, denn immerhin habe ich sowohl ihr heißgeliebtes Laptop und auch unsere Handys „vergessen“, sonst wäre es auch kein Urlaub gewesen.

Doch hier im Keller wäre mir eine Taschenlampe außerordentlich recht gewesen. In so einem Moment verlässt mich das rationale Denken und ich sehe hinter dem Flackern die Bewegung einer Gestalt, welches sich durch das Klappern der Fensterläden noch verstärkt. Der Wind geht heut Abend nicht so stark und dennoch zieht er durch jede Ritze und jault in einer unangenehmen Stimmlage. Immer wieder erinnere ich mich daran, dass hier im Keller nur ich bin. Doch statt daraus Mut zu schöpfen, antworte ich mir darauf nur sarkastisch, dass ich allein bin – ALLEIN. Ich weiß nicht wirklich, welche der Türen mich in den Raum mit den Sicherungen führt, die ich reindrehen will, damit wir wieder Licht genießen können. Helena hatte vorgeschlagen, einfach ein Kerze anzuzünden und die Bücher beiseite zu legen, aber hier musste ich mich mal wieder als Mann behaupten und sie retten wollen. Sie retten, obwohl sie gar nicht gerettet werden wollte. Das quittierte sie wie üblich mit einem Grinsen und ließ mich machen. Und da ich nun hier kaum etwas erkenne, wäre es mir gar nicht so unrecht gewesen, einmal meinen Mund zu halten und bei Kerzenschein neben ihr einzuschlafen.

Man kennt es aus schlechten Filmen und es wäre nicht mein Leben, wenn ich die Kerze nicht auf den Boden gepfeffert hätte, nachdem mich der Schreck traf, weil das heiße Wachs auf meine Hand tropfte. SM-Spiele im Keller waren nun wirklich nicht mein Ding, aber das hatte natürlich niemand der Kerze erzählt, die sich wohl schon darauf gefreut hatte, nackte Leiber beklecksen zu dürfen. Ausprobiert hatte ich es durchaus einmal mit einer Freundin vor Helena und seither zierte eine kleine Brandnarbe meine linke Brust, eben genau da, wo mein Herz schlägt. Es brannte dann noch ein zweites Mal, als das verdammte Wachs sich an den wenigen Haaren auf der Brust festgesetzt hatte und wir es abziehen wollten. Danach wusste ich, dass für mich Schmerzen und Erotik niemals Hand in Hand gehen würden, zumindest nicht in dieser Intensität.

Schon merkwürdig, was einem für Gedanken kommen, wenn man in der Dunkelheit steht und darauf wartet, dass die Augen sich langsam daran gewöhnen, damit man wenigstens eine Ahnung davon bekommt, wo man als nächstes hintritt. Helenas Eltern hatten dieses alte Haus bereits vor Jahren gekauft und doch nie besucht. Aber das verwunderte mich nicht, sie kauften ständig Immobilien, um sie zu einem guten Zeitpunkt gewinnbringend wieder zu verkaufen. Wenn sie hier hätten leben wollen, hätten sie längst das klapprige Haus abgerissen und stattdessen einen sterilen Bau hingesetzt. Zudem gäbe es dann auch eine befahrbare Straße, so dass man sich nicht eine halbe Stunde durch ausgedünnte Pfade schlagen müsste. Helenas Eltern hatten das Haus und das Grundstück aus dem Katalog gekauft und waren noch nie hier gewesen. Weder im Haus, noch in diesem gespenstischen Keller.

Schockstarre (6) Ende

Auf dem Rückweg traf es mich wieder. Ich war gerade auf die Straße zu meiner Wohnung eingebogen und erkannte zwei Gestalten an jener Stelle, wo erst letzte Nacht die zwei Unbekannten gestanden hatten. Es erschien mir nicht unwahrscheinlich, dass sie es waren, denn sie rührten sich nicht. Ich blieb stehen und überlegte, wie ich vorgehen sollte. Ob ich ihnen nun entgegentreten sollte oder mich irgendwo verstecken könnte. Meine Überlegungen wurden mit einmal unerheblich, denn die Zwei schienen auch mich bemerkt zu haben und kamen auf mich zu. Angst überkam mich und ich lief die Straße entlang zurück, die ich gekommen war. Bog in die nächste Straße ein und dann wieder in die nächste, bis ich kurz innehielt und in die Nacht lauschte. Keine Schritte waren zu hören, ich hatte meine Verfolger abgeschüttelt. Der Straße folgend, nahm ich einen anderen Weg nach Hause, griff schon frühzeitig den Schlüssel in meiner Hosentasche, denn es gab genügend dunkle Ecken neben der Treppe zur Haustür. Bevor ich die erste Stufe nahm, hörte ich ein Geräusch etwas entfernt hinter mir, drehte mich um, konnte aber nichts erkennen. Ich war beruhigt, wendete mich wieder in Richtung der Treppe, erkannte dabei einen großen Schatten, der auf mich zukam und spürte noch einen heftigen Schmerz im Gesicht, bevor ich das Bewusstsein verlor.

Als ich erwachte, kam mir alles merkwürdig unecht vor. Ich hörte Karls Stimme, der mir erklärte, dass ich im Krankenhaus läge, es mir aber recht gut gehe. Man hätte mich im Gesicht erwischt, aber das würde man mir eh nicht ansehen, scherzte er. Das Grinsen schmerzte leicht. Er hatte mich gefunden, nachdem er mich nicht erreichen konnte und deswegen zur mir gefahren war. Lydia hatte ihn spät abends noch erreicht und erzählt, dass ihr Exfreund vollkommen durchgedreht sei. Er gab mir die Schuld an der Trennung und hatte wohl über meine Arbeit meine Adresse herausgefunden. Die Fußspuren hatte er mit Farbe gemacht, Lydia hatte sich gewundert, dass ein kleiner Farb-Eimer fehlte, aber als Karl ihr die Geschichte am Telefon erzählt hatte, war ihr klar, wer ihn genommen hatte. Karl entschuldigte sich bei mir, dass er nicht gleich zu mir gekommen sei, denn er hätte verhindern können, dass man mir auflauerte. Er hatte sich gedacht, dass er mich auch erst am nächsten Tag informieren könnte. Erst als er im Bett lag und nicht einschlafen konnte, versuchte er noch einmal, mich zu erreichen und machte sich dann auf den Weg zu mir, wo er mich auf dem Boden liegend fand.

Beruhigt nickte ich Karl zu, um ihm zu zeigen, dass ich froh über seine Rettung war. Ich schickte ihn nach Hause und stellte klar, dass er nichts falsch gemacht hatte und sich keine Vorwürfe machen sollte. Der Albtraum war nun endlich vorbei und ich schloss meine Augen, um in einen sanften Schlaf zu gleiten.

Schockstarre (5)

Es gab dann noch einige andere Anrufer, so dass Karl und ich erst spät zum Mittagessen gingen. Als ich ihm von letzter Nacht berichtete, war auch er überrascht und wunderte sich über die nächtlichen Gestalten. Gerade, dass abermals Spuren zu sehen waren, fand er höchst merkwürdig und mir ging es nicht anders. Wir überlegten, ob man die Polizei rufen sollte, damit die das Blut untersuchen könnten, aber uns wurde schnell klar, dass das nur in einem Fernsehkrimi einen Erfolg bringen würde.

Ich verabschiedete mich nach dem Essen von Karl und ging früher nach Hause, denn ich war von der kurzen und unheimlichen Nacht geschafft und wollte mich ein wenig ausruhen. Ich hatte eh einige Überstunden angesammelt und Karl würde Schicht auch allein überstehen. Der Himmel war tief grau und so wunderte es mich nicht, dass es heftig zu regnen begann und sich Blitz und Donner dazu mischten. Die Spuren waren fast weggewaschen, als ich Zuhause ankam. Ich klappte das Fenster im Wohnzimmer an, lauschte dem Regen, der gegen die Scheibe klopfte und fiel in einen tiefen Schlaf.

In meinem Kopf stand ich draußen auf der Straße und es prasselte auf mich hernieder. Ich sah zu meiner Wohnung empor, welche leicht von einer Kerze erhellt schien, denn das Licht flackerte. Ich hörte ein regelmäßig klatschendes Geräusch und verstand erst, dass es das Patschen von laufenden Füßen auf dem nassen Gehweg war. Ich sah einen Schatten, der mich streifte und ebenso schnell verschwunden war, wie er auf mich zukam. Mein Blick fiel zu Boden und ich sah rote Fußspuren, die sich erst langsam mit dem Regenwasser vermischten, dann aber färbten sie es immer mehr, bis meine Füße von Blut bedeckt waren. Wieder hörte ich das patschende Geräusch, doch dieses Mal streiften mich mehrere Schatten, aber alle verschwanden ebenso schnell, wie der erste.

Als ich erwachte, war mein Mund trocken und ich schüttelte mich. Leicht verschwitzt klebte mein Hemd an meinem Oberkörper, doch zum Aufstehen fühlte ich mich noch zu verschlafen und verharrte in der Position. Der Regen hatte abgenommen und es duftete nach Frühling. Mein Telefon klingelte und Karo meldete sich. Sie fragte, ob ich heut Abend mit ihr ins Kino gehen wollte und ich sagte zu. Es war eine Vorstellung zu einer Zeit, zu der ich sonst noch auf Arbeit wäre, aber mir war diese Abendgestaltung um einiges sympathischer.

Wie üblich stellte ich mein Handy am Anfang des Films aus, was ich während des Films bereute, da er sich in die Länge zog. Ich entschied mich dagegen, es wieder anzuschalten, denn das Wissen über die Zeit würde ihn kein Stück kürzer machen. Karo lud mich noch auf einen Cocktail ein und es wurde spät, bis wir uns mit lachenden Gesichtern voneinander verabschiedeten.

Schockstarre (3)

Zurück in meiner Wohnung duschte ich mich und versuchte dabei die Fragen zu vergessen, die mir gekommen waren, doch immer wenn ich meine Augen schloss, um sie  vor dem Wasser zu schützen, tauchte ein rostbrauner Fußstapfen auf und in meiner Fantasie wurde der trockene Fleck wieder feucht und blutrot. Das Blut stieg an, bis es über die Zehen lief. Ich öffnete meine Augen, um mich davon zu überzeugen, dass es klares Wasser war, in dem ich stand. Ich schüttelte mich und verdammte meine so leicht erregbare Vorstellungskraft.

Auf dem Weg zur Arbeit bemerkte ich jeden humpelnden Menschen. Nie zuvor stach es mir ins Auge, wenn jemand nicht gleichmäßig lief, doch nach dieser Nacht suchte ich im Hellen nach jener dunklen Gestalt, von der ich lediglich wusste, dass sie Blut am rechten Fuß hatte und jeder dieser hinkenden Personen könnte es gewesen sein. In der Mittagspause erzählte ich Karl davon. Er versuchte mich zu beruhigen, es sei eben nur eine Person gewesen, die zufällig an jener Stelle gestanden hätte und vermutlich sei jene Person in eine Glasscherbe getreten oder habe sich auf eine andere Art den Fuß verletzt. Bei den aktuellen Temperaturen sei das ja gar nicht so unvorstellbar, dass man auch mal barfuß unterwegs sei. Vielleicht war es auch nur ein Penner, der keinen heilen Schuh besaß. In der Tat ergaben seine Worte Sinn und ich beruhigte mich. Als ich die Arbeit verließ, bemerkte ich dennoch die humpelnde Dame vor mir.

Abends hatte ich Freunde zu mir eingeladen. Es war eine fröhliche Runde und ich hatte beschlossen, ihnen nichts von jener Begegnung zu erzählen, aber sie bemerkten, dass ich immer wieder aus dem Fenster heraus schaute. So erklärte ich mein Verhalten und fügte auch Karls Mutmaßungen bei und sie schienen nicht beunruhigt, später in jene Dunkelheit gehen zu müssen. Womöglich tat der gute Schuss Rum in der Cola sein Übriges. Es war bereits kurz nach Mitternacht, als sie mich verließen und ich blieb noch eine Weile wach und suchte die Straße nach jener geheimnisvollen Gestalt ab. Irgendwann gab ich es auf und legte mich schlafen.

In den folgenden Nächten sah ich immer wieder nach, ob ich wieder beobachtet werden würde, doch zu meiner Beruhigung war dem nicht so. Es vergingen zwei Wochen, bis ich eines Abends gedankenversunken aus dem Fenster sah und mich abermals der Schreck durchfahren sollte. Jene Gestalt stand wieder an der Stelle, doch der Schatten war größer, denn es schien noch eine weitere Person daneben zu stehen. Dieses Mal blieb mir das Herz für einen kurzen Moment stehen. Eine Person war schon recht merkwürdig, aber diese Situation war wirklich unheimlich. Die zwei Schatten sahen zu mir nach oben und dieses Mal hielt ich dem Druck nicht stand. Ich verließ ihr Sichtfeld und zog mich ins Dunkel meiner Wohnung zurück.

Schockstarre

Ruckartig erwachte ich aus meinem Schlaf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schlecht geträumt hatte, doch nun saß ich aufrecht in meinem Bett und stützte mich mit den Armen nach hinten ab. Mein Oberkörper bebte von den tiefen Atemzügen. Eiskalt lief es mir den Rücken hinab, als ich den schrillen Schrei einer Frau vernahm. Meine Atmung stockte und ich wagte es nicht, mich nur einen Millimeter zu bewegen, nicht ein Geräusch wollte ich von mir geben, dann beruhigte ich mich. Es musste aus dem Innenhof kommen. Die Haare standen mir vom Körper ab, dann erfolgte ein weiterer Schrei, welcher mich aus meiner Starre befreite.

Ich stand auf und sah aus dem weit geöffneten Fenster hinaus. Ein Knall wie aus einer Pistole war zu hören und mir wurde bewusst, dass jemand zu später Stunde einen Film genoss, der mir jenen Schrecken eingejagt hatte. Ich schmunzelte über mich selbst. Vermutlich war ich nicht der einzige Anwohner, der sein Fenster bei der Hitze so weit geöffnet hatte und womöglich war wohl auch der ein oder andere Schlafende vom filmbegeisterten Nachbarn geweckt worden.

Ich durchquerte das Schlafzimmer, ließ das Licht jedoch aus, da ich nackt war und ich weder die Blicke der Nachbarn auf mich ziehen, noch Mücken anlocken wollte. Ich ging in die Küche, wo ich mir ein Glas Wasser eingoss. Ich stapfte ein wenig durch meine Wohnung und blieb an der Fensterfront vor dem Balkon stehen. Ich blickte hinab auf die entfernte Stadt und plötzlich durchzuckte es mich ein weiteres Mal in dieser Nacht. Direkt auf der Straße vor dem Haus stand eine dunkle Gestalt und blickte in meine Richtung. Wieder einmal stand ich kurz starr vor Schock, dann begriff ich meine Situation, drehte mich komplett in seine Richtung und wand den Blick nicht ab. Es mögen nur zwei Sekunden gewesen sein, aber dieser Moment kam mir endlos lang vor, bis jene dunkle Figur nachgab und sich hinter ein Auto zurückzog.

Was ich danach tat, überraschte mich selbst, doch auch im Nachhinein halte ich es für die richtige Entscheidung. Ich ging ins Schlafzimmer, griff meine Jeans und einen Kapuzenpullover, den ich an der Front mittels Reißverschluss schloss. Dann öffnete ich die Tür zum Hausflur, knipste das Licht an und verließ meine Wohnung. Schnell war ich die Treppen herunter gelaufen und ließ auch die Haustür hinter mir, um die letzten Stufen zu den Autos zu nehmen. Die dunkle Gestalt war verschwunden, doch ich hörte in der Ferne schnelle Schritte, die sich immer weiter entfernten.