Schockstarre (5)

Es gab dann noch einige andere Anrufer, so dass Karl und ich erst spät zum Mittagessen gingen. Als ich ihm von letzter Nacht berichtete, war auch er überrascht und wunderte sich über die nächtlichen Gestalten. Gerade, dass abermals Spuren zu sehen waren, fand er höchst merkwürdig und mir ging es nicht anders. Wir überlegten, ob man die Polizei rufen sollte, damit die das Blut untersuchen könnten, aber uns wurde schnell klar, dass das nur in einem Fernsehkrimi einen Erfolg bringen würde.

Ich verabschiedete mich nach dem Essen von Karl und ging früher nach Hause, denn ich war von der kurzen und unheimlichen Nacht geschafft und wollte mich ein wenig ausruhen. Ich hatte eh einige Überstunden angesammelt und Karl würde Schicht auch allein überstehen. Der Himmel war tief grau und so wunderte es mich nicht, dass es heftig zu regnen begann und sich Blitz und Donner dazu mischten. Die Spuren waren fast weggewaschen, als ich Zuhause ankam. Ich klappte das Fenster im Wohnzimmer an, lauschte dem Regen, der gegen die Scheibe klopfte und fiel in einen tiefen Schlaf.

In meinem Kopf stand ich draußen auf der Straße und es prasselte auf mich hernieder. Ich sah zu meiner Wohnung empor, welche leicht von einer Kerze erhellt schien, denn das Licht flackerte. Ich hörte ein regelmäßig klatschendes Geräusch und verstand erst, dass es das Patschen von laufenden Füßen auf dem nassen Gehweg war. Ich sah einen Schatten, der mich streifte und ebenso schnell verschwunden war, wie er auf mich zukam. Mein Blick fiel zu Boden und ich sah rote Fußspuren, die sich erst langsam mit dem Regenwasser vermischten, dann aber färbten sie es immer mehr, bis meine Füße von Blut bedeckt waren. Wieder hörte ich das patschende Geräusch, doch dieses Mal streiften mich mehrere Schatten, aber alle verschwanden ebenso schnell, wie der erste.

Als ich erwachte, war mein Mund trocken und ich schüttelte mich. Leicht verschwitzt klebte mein Hemd an meinem Oberkörper, doch zum Aufstehen fühlte ich mich noch zu verschlafen und verharrte in der Position. Der Regen hatte abgenommen und es duftete nach Frühling. Mein Telefon klingelte und Karo meldete sich. Sie fragte, ob ich heut Abend mit ihr ins Kino gehen wollte und ich sagte zu. Es war eine Vorstellung zu einer Zeit, zu der ich sonst noch auf Arbeit wäre, aber mir war diese Abendgestaltung um einiges sympathischer.

Wie üblich stellte ich mein Handy am Anfang des Films aus, was ich während des Films bereute, da er sich in die Länge zog. Ich entschied mich dagegen, es wieder anzuschalten, denn das Wissen über die Zeit würde ihn kein Stück kürzer machen. Karo lud mich noch auf einen Cocktail ein und es wurde spät, bis wir uns mit lachenden Gesichtern voneinander verabschiedeten.

Schockstarre (3)

Zurück in meiner Wohnung duschte ich mich und versuchte dabei die Fragen zu vergessen, die mir gekommen waren, doch immer wenn ich meine Augen schloss, um sie  vor dem Wasser zu schützen, tauchte ein rostbrauner Fußstapfen auf und in meiner Fantasie wurde der trockene Fleck wieder feucht und blutrot. Das Blut stieg an, bis es über die Zehen lief. Ich öffnete meine Augen, um mich davon zu überzeugen, dass es klares Wasser war, in dem ich stand. Ich schüttelte mich und verdammte meine so leicht erregbare Vorstellungskraft.

Auf dem Weg zur Arbeit bemerkte ich jeden humpelnden Menschen. Nie zuvor stach es mir ins Auge, wenn jemand nicht gleichmäßig lief, doch nach dieser Nacht suchte ich im Hellen nach jener dunklen Gestalt, von der ich lediglich wusste, dass sie Blut am rechten Fuß hatte und jeder dieser hinkenden Personen könnte es gewesen sein. In der Mittagspause erzählte ich Karl davon. Er versuchte mich zu beruhigen, es sei eben nur eine Person gewesen, die zufällig an jener Stelle gestanden hätte und vermutlich sei jene Person in eine Glasscherbe getreten oder habe sich auf eine andere Art den Fuß verletzt. Bei den aktuellen Temperaturen sei das ja gar nicht so unvorstellbar, dass man auch mal barfuß unterwegs sei. Vielleicht war es auch nur ein Penner, der keinen heilen Schuh besaß. In der Tat ergaben seine Worte Sinn und ich beruhigte mich. Als ich die Arbeit verließ, bemerkte ich dennoch die humpelnde Dame vor mir.

Abends hatte ich Freunde zu mir eingeladen. Es war eine fröhliche Runde und ich hatte beschlossen, ihnen nichts von jener Begegnung zu erzählen, aber sie bemerkten, dass ich immer wieder aus dem Fenster heraus schaute. So erklärte ich mein Verhalten und fügte auch Karls Mutmaßungen bei und sie schienen nicht beunruhigt, später in jene Dunkelheit gehen zu müssen. Womöglich tat der gute Schuss Rum in der Cola sein Übriges. Es war bereits kurz nach Mitternacht, als sie mich verließen und ich blieb noch eine Weile wach und suchte die Straße nach jener geheimnisvollen Gestalt ab. Irgendwann gab ich es auf und legte mich schlafen.

In den folgenden Nächten sah ich immer wieder nach, ob ich wieder beobachtet werden würde, doch zu meiner Beruhigung war dem nicht so. Es vergingen zwei Wochen, bis ich eines Abends gedankenversunken aus dem Fenster sah und mich abermals der Schreck durchfahren sollte. Jene Gestalt stand wieder an der Stelle, doch der Schatten war größer, denn es schien noch eine weitere Person daneben zu stehen. Dieses Mal blieb mir das Herz für einen kurzen Moment stehen. Eine Person war schon recht merkwürdig, aber diese Situation war wirklich unheimlich. Die zwei Schatten sahen zu mir nach oben und dieses Mal hielt ich dem Druck nicht stand. Ich verließ ihr Sichtfeld und zog mich ins Dunkel meiner Wohnung zurück.

Schockstarre

Ruckartig erwachte ich aus meinem Schlaf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schlecht geträumt hatte, doch nun saß ich aufrecht in meinem Bett und stützte mich mit den Armen nach hinten ab. Mein Oberkörper bebte von den tiefen Atemzügen. Eiskalt lief es mir den Rücken hinab, als ich den schrillen Schrei einer Frau vernahm. Meine Atmung stockte und ich wagte es nicht, mich nur einen Millimeter zu bewegen, nicht ein Geräusch wollte ich von mir geben, dann beruhigte ich mich. Es musste aus dem Innenhof kommen. Die Haare standen mir vom Körper ab, dann erfolgte ein weiterer Schrei, welcher mich aus meiner Starre befreite.

Ich stand auf und sah aus dem weit geöffneten Fenster hinaus. Ein Knall wie aus einer Pistole war zu hören und mir wurde bewusst, dass jemand zu später Stunde einen Film genoss, der mir jenen Schrecken eingejagt hatte. Ich schmunzelte über mich selbst. Vermutlich war ich nicht der einzige Anwohner, der sein Fenster bei der Hitze so weit geöffnet hatte und womöglich war wohl auch der ein oder andere Schlafende vom filmbegeisterten Nachbarn geweckt worden.

Ich durchquerte das Schlafzimmer, ließ das Licht jedoch aus, da ich nackt war und ich weder die Blicke der Nachbarn auf mich ziehen, noch Mücken anlocken wollte. Ich ging in die Küche, wo ich mir ein Glas Wasser eingoss. Ich stapfte ein wenig durch meine Wohnung und blieb an der Fensterfront vor dem Balkon stehen. Ich blickte hinab auf die entfernte Stadt und plötzlich durchzuckte es mich ein weiteres Mal in dieser Nacht. Direkt auf der Straße vor dem Haus stand eine dunkle Gestalt und blickte in meine Richtung. Wieder einmal stand ich kurz starr vor Schock, dann begriff ich meine Situation, drehte mich komplett in seine Richtung und wand den Blick nicht ab. Es mögen nur zwei Sekunden gewesen sein, aber dieser Moment kam mir endlos lang vor, bis jene dunkle Figur nachgab und sich hinter ein Auto zurückzog.

Was ich danach tat, überraschte mich selbst, doch auch im Nachhinein halte ich es für die richtige Entscheidung. Ich ging ins Schlafzimmer, griff meine Jeans und einen Kapuzenpullover, den ich an der Front mittels Reißverschluss schloss. Dann öffnete ich die Tür zum Hausflur, knipste das Licht an und verließ meine Wohnung. Schnell war ich die Treppen herunter gelaufen und ließ auch die Haustür hinter mir, um die letzten Stufen zu den Autos zu nehmen. Die dunkle Gestalt war verschwunden, doch ich hörte in der Ferne schnelle Schritte, die sich immer weiter entfernten.