Momente

Ob ihr bewusst war, dass ich es liebte, wenn sie frisch geduscht aus dem Bad kam? Womöglich war es nur der Duft, der sie danach umgab, aber das glaube ich nicht. Sie schwebte förmlich danach, so als hätte sie alle Schwere von den Wasserstrahlen abwaschen lassen. Diese Ruhe, die im Haus herrschte, es machte uns selbst größer. Man konnte selbst an Lächeln hören. So wie am Telefon, wenn man genau weiß, dass die andere Person gerade grinst.

Wenn sie so aus dem Bad kam und zum Kleiderschrank ging, um sich anzuziehen, blickte ich zu ihr. Sie ließ sich davon nicht in ihrem Vorhaben abbringen, zog sich an und blickte mir lächelnd entgegen. Könnte ich zeichnen, ich hätte versucht es festzuhalten, doch vermutlich wäre ich gescheitert, so wie es mir auch mit Worten nicht gelingen mag, wenngleich ich doch noch viel mehr sagen kann, was ich dabei fühlte. Ich fühlte mich sicher und ich fühlte mich wohl. Ich fühlte mich willkommen und ich fühlte mich akzeptiert. Ich fühlte mich geliebt.

Joggingrunde – Teil 3

Auf dem Weg zum Bäcker kamen mir kurz Zweifel, ob es so schlau war, eine Fremde allein in meiner Wohnung zu lassen und dann musste ich doch schmunzeln. Wie vielen Couchsurfern hatte ich schon den Schlüssel gutgläubig in die Hand gedrückt, dass ich mir jetzt nun wirklich keine Gedanken machen brauchte.

In der Schlange vor der Theke lassen sich die verschiedensten Typen beobachten. Da haben wir die alten Damen, die sich eine große Tüte mit allerlei Gebäck packen lassen. Vermutlich brauchen sie so lang zum Bäcker, dass sie zur Wegzehrung etwas brauchen und es so wohl nur einmal in der Woche den beschwerlichen Weg laufen müssen. Dann das junge Paar, welches gestriegelt aus dem mittelgroßen Mercedes aussteigen, nicht, weil sie zu faul wären, sondern weil sonst niemand den Wohlstand bemerken würde, in dem sie leben. Dann gibt es den schnaufenden Kerl, der selbst am Sonntagmorgen nicht die Nerven hat, dass die alte Dame eben jeden Cent einzeln aus ihrem Portemonnaie kramt und natürlich noch uns restliche Frischgebäckgenießer, die die Zeit nutzen, sich zu entscheiden, was sie denn eigentlich haben wollen, um dann das letzte Käsebrötchen an die Person vor sich zu verlieren.

Ich hatte mich für ein paar Vollkorn- und für Sonnenblumenkernbrötchen entschieden und war nach weiteren zehn Minuten wieder in meiner Wohnung. Die Tür zum Badezimmer stand offen und der Spiegel war noch leicht beschlagen. Die Joggerin kam mir in das übergroße Badetuch eingewickelt und zusätzlich noch im Bademantel entgegen, denn bei dem Plan zu duschen hatten wir jeweils vergessen, dass man danach nur ungern wieder in verschwitzte Laufklamotten schlüpft. Mir gefiel, ihre gedankenverlorene Art, die mir selbst zu eigen ist. Ich kramte ein indisches Fischerhemd und einen Wickelrock aus meinem Kleiderschrank hervor, dazu noch frische Unterwäsche und schickte sie ins Badezimmer, während ich im Wohnzimmer den Esstisch deckte und Wasser für einen Tee aufkochte.

Sie fragte mich, wem denn der Wickelrock gehörte und ich zeigte auf mich. Ich mag den Moment, der nach solch einer Aussage aufkommt. Ein Moment, in dem offensichtliche Gedanken durch den Kopf des Gegenübers schwirren und überlegt wird, wie man die Frage formuliert oder ob man sie gar nicht stellt. Und dann erkläre ich meist ganz ungefragt. So war es zumindest in diesem Fall, als ich zugab, dass so ein Rock einfach unheimlich bequem sei und gerade wenn es warm ist und man eh den Tag nur auf dem Balkon oder in der Wohnung verbringt, dann würde ich das sehr zu schätzen wissen. Sie nickte lächelnd.

Während wir uns die Brötchen schmecken ließen, erfuhr ich von ihr, dass sie Julia heißt. Und immer mehr wurde ich mir ihrer Attraktivität bewusst, die mit jedem Grinsen in die Welt hinaus strahlte. Kein Flirt der letzten Winterwochen fühlte sich so herzlich an, wie jeder noch so kleine Moment bei diesem Frühstück. Als ich zwischendrin mal auf die Toilette verschwand, vernahm ich ihren Gesang. Offensichtlich lag ihr die Musik, die ich herausgesucht hatte und mir gefiel ihre Stimme. Sie summte noch ein wenig weiter, als ich wieder das Zimmer betrat und ich fragte mich, ob sie sich immer so schnell einem bis dahin noch Fremden öffnete. Aber vielleicht waren wir jetzt auch schon längst keine Fremden mehr.

Joggingrunde – Teil 2

Während ich über den anthrazitfarbenen Asphalt lief, überlegte ich, wie es wohl damals bei dem Wettlauf jenem Typen gegangen sein mag, dem ich nicht von der Pelle rückte, bis nur noch die letzten zweihundert Meter vor uns lagen und ich ins Ziel hastete, während er weiterhin seine perfekte Geschwindigkeit hielt. Ich hatte mich zwar danach bei ihm dafür bedankt, dass er mich so unwissend mitgezogen hatte, aber hatte er sich womöglich von mir nervig verfolgt gefühlt? Entschuldigt hatte ich mich zumindest nicht, weder für die Verfolgung, noch für das Zurücklassen kurz vor der Zielgeraden.

Und wieder wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als ich eine laute Atmung und schnelle Schritte hinter mir vernahm, dieses Mal würde mich die Person überholen, das stand fest, aber es schockte mich, dass jemand so viel schneller als ich unterwegs war, wo ich doch sonst immer der schnellste Läufer bin. Ich zuckte, als eine Hand meine Schulter griff.

Die Hand gehörte zu jener Joggerin von eben und ich blieb stehen. Sie hatte ihren Schlüssel vergessen und ihre Mitbewohnerin öffnete nicht. Sie fragte mich, ob ich ein Handy dabei hätte, damit sie sie anrufen könnte. Ich verneinte, worauf sie nur antwortete, was ich denn für ein Jogger wäre, der ohne Smartphone unterwegs sei. Ich entgegnete, dass ich wohl ein ebenso mieser Läufer wie sie sein müsste, die ganz offensichtlich selbst ohne Handy unterwegs war.

Ich schlug ihr vor, dass sie einfach die paar Minuten bis zu mir mitkommen sollte und von dort aus anrufen könnte. Sie willigte ein und so liefen wir auch diesen letzten Kilometer bis zu mir nebeneinander her.

Bei mir angekommen, gab ich ihr mein Handy. Sie tippte eine Nummer ein, brauchte jedoch recht lang. Mein fragender Blick wurde schnell aufgeklärt, denn sie war sich nicht sicher und ich ließ sie probieren, doch keine der Nummern wollte die gewünschte Mitbewohnerin ans Telefon bringen. Ich bot ihr einen Platz auf dem Balkon an und stellte ihr ein Glas Wasser dazu. So verließ ich sie, um schnell unter die Dusche zu springen und womöglich würde ihr dabei die Nummer einfallen.

Das Duschen rundet so einen Lauf erst ab. Es erfrischt und wirkt wie eine kleine Belohnung für die Mühen. Man hat sich den Schweiß eben erst erarbeiten müssen, der nun wieder runter von der Haut soll. Ein paar Momente später, stand ich also in frischen Klamotten vor dem verschwitzten und verzweifelten Etwas. Ich verschwand, um direkt darauf wieder vor ihr zu stehen, dieses Mal mit einem Badetuch und der Frage, ob sie sich nicht duschen möchte, während ich frische Brötchen vom Bäcker besorge. Sie zuckte zurück, das war vermutlich doch zu intim für unser erstes Kennenlernen. Während ich mich wieder umdrehte, sah ich ein Grinsen in ihrem Gesicht und ihre Feststellung, dass so eine Dusche jetzt großartig wäre.

Nicht gefängnistauglich

Ich dufte momentan nach Zitrone. In der Tat sehr angenehm. Warum aber ist das so? Nun, aufgrund eines Geschenks. Ich bekam zu Neujahr eine Seife in Wackelpudding-Form geschenkt. Man hat also eine glibberige Masse, die man beim Duschen oder Baden über die Haut streift und schon schäumt es vorzüglich. Nur zu gern hätte ich euch ein Video von meinem ersten Duschversuch gezeigt, denn mehr Slapstick geht gar nicht, so oft wie mir diese Seife aus der Hand flutschte. Ich denke, es ist eher was für ein ausgiebiges Bad, als für das schnelle Waschen am frühen Morgen, wenngleich man dadurch eine nette sportliche und reaktionsfördernde Betätigung hat. Ein lustiges Geschenk ist es allemal. Ein Bild von der Seife lade ich aber gern demnächst mal hoch, wenn ich Bilder von der Silvesterfeier bekomme. Es wartet noch eine kaubare Zahnpasta auf mich, die ich bisher noch nicht zu testen wagte…zum Glück gibt es auch handfestere Geschenke und so werde ich am verlängerten Wochenende wohl ein paar Erzählungen von Hesse vertilgen können.

Ein Morgen

Ich mochte die Geräusche, die beim morgendlichen Rasieren zu hören waren. Erst der Schaum, der mit Unterdruck aus dem Behälter schoss, dann das Verteilen auf den Bartstoppeln und das leise Scharben der Rasierklingen, die nur die blanke, weiche Haut zurückließ. Der Kerl im Spiegel sah ziemlich übernächtigt aus, was er auch war. Er hatte noch Restalkohol von letzter Nacht im Blut und geschlafen hatte er kaum mehr als vier Stunden. Dieser Kerl stand nackt vor dem Spiegel und ließ mit jedem Zug das Dunkel aus seinem Gesicht verschwinden. Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und sah wieder auf mein zweites Ich. Er grinste mir entgegen. Er grinste wohl fröhlich, weil in seinem Bett die Bekanntschaft von gestern lag. Oder es grinste verlogen, weil es noch nicht wach sein wollte und weil er trotz der abendlichen Zweisamkeit allein sein würde.

Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich damit diese Gedanken beiseiteschieben und tatsächlich funktionierte es. Ich blickte meinen Körper an. Die schmächtige Körper, der seine Muskeln nicht verbergen konnte. Wie sehr hatte ich früher mit ihm gehadert, weil er einfach nicht an Masse zunehmen wollte, aber mittlerweile hatte ich verstanden, welches Glück ich damit hatte. Es nervte nur, wenn ich mich mal wieder schwach fühlte. Wenn das ausgiebige Frühstück nicht ausreichend war und das Mittagessen zwar gesättigt hatte, sich ein Schritt aber dennoch wacklig anfühlte.

Ich ging in die Küche, um mir Wasser für einen Tee aufzukochen. Im Hintergrund vernahm ich das leise Tapsen meiner Bekanntschaft, die ins Bad schlich. Ich machte zwei Tassen und bekam alsbald die Gelegenheit, eine davon abzugeben. Sie hatte eines von meinen Hemden an, das ihr viel zu lang war, während ich noch nackt vor ihr stand. Sie musterte mich und grinste mich an, als sie sich die Tasse von mir geben ließ. Ich ließ ein Lächeln aufzucken damit war klar, dass ich sie noch einmal ins Schlafzimmer mitnehmen würde, aber sie schüttelte lächelnd den Kopf. Verständnisvoll nickte ich ihr zu, ließ den noch zu heißen Tee stehen und duschte mich. Als ich das Badezimmer verließ, fiel mir sofort auf, dass ihre Schuhe verschwunden waren, so wie auch sie. Es war mir recht so. In der Küche wartete mein lauwarmer Tee auf mich, den ich herunterstürzte und mich danach fertig machte, um den Tag zu beginnen.

Klack

Das Geräusch des aufgeschlagenen Eies gefiel ihm, leider landete das Innere nicht in der Schüssel, sondern auf den kühlen Fliesen. Es war ihm aus der Hand gerutscht, als er es aus dem Kühlschrank nehmen wollte. Schnell hatte er es aufgewischt und den Boden sogar etwas sauberer als zuvor bekommen, denn die Krümel der frischen Brötchen waren beim Aufschneiden umhergeflogen und hatten sich dabei auf dem Küchenboden verteilt. Er hatte die Brötchenhälften danach wieder zusammengeklappt und in den Brotkorb gelegt. Nun schlug er die Eier auf und verrührte sie, um sie zu braten.
Er hörte die Dusche, die von Lisa benutzt wurde, es würde also noch dauern, bis sie frühstücken würden, doch das Essen war bereits fertig. Er deckte die Schüssel mit dem Rührei ab und legte ein wärmendes Tuch über die frischen Brötchen. Es würde sie von innen aufwärmen, nachdem das Paar die Nacht in der Hängematte verbracht hatte und sich dabei leicht verkühlt hatte. Sie kannten sich noch nicht gut genug, doch seine nackten Füße waren ihm kalt geworden und so erdreistete er sich, ihr ins Bad zu folgen und zu ihr unter die Dusche zu schlüpfen.