Kater-Tag

Ich weiß gar nicht, warum ich die Gardinen vorhin beiseite gezogen hatte, denn mich störte die Sonne an diesem Samstag. Von der Couch aus blickte ich hinaus und sah auf die Fenster des Nachbarhauses. Womöglich würden sie mich bei meiner Faulheit beobachten und mich verurteilen, so sind die Menschen. Mein Körper schmerzte vom Sport der letzten Tage und mein Kopf pulsierte dazu, weil ich die letzte Nacht im Rum ertränkt hatte. Der Weg zum Fenster erschien mir unendlich weit entfernt und so blieb ich eine Weile liegen und schlief ein. Geweckt wurde ich vom Drang mich zu erleichtern. Dem kam ich nach und auf dem Rückweg verdunkelte ich die Fenster mit dem beigen Stoff, den ich heute Morgen beiseite gezogen hatte. Ich legte mich wieder auf die Couch und ließ die Welt verschwimmen. Das gedämpfte Licht erinnerte mich an unseren Ausflug damals. Wir waren über Tage hinweg wandern und an einem Tag konnten wir unser Zelt nicht verlassen, weil es unaufhörlich regnete. Es war kein schlimmer Regen, aber seine Beharrlichkeit ließ uns unter der Plane verweilen. Wir wollten die karge Landschaft noch ein wenig erkunden, aber niemand zwang uns aufzustehen und so blieben wir liegen und lauschten den Tropfen und lagen beieinander. Wäre neben uns ein Vulkan ausgebrochen, wir wären auf ewig beisammengeblieben.

Zeig mal dein Handy

Das ist wieder so ein Abend, an dem mich nichts in den eigenen Wänden halten kann. Ich muss raus und genau dahin gehe ich auch. Das „Raus“ ist eine nette kleine Bar mit Weißleder-Möbeln und dezentem Neonlicht. Was ich da soll, weiß ich gar nicht und während ich in der Ecke sitze und die Leute beobachte, die sich unterhalten, komme ich mir plötzlich blöd vor. Hier allein zu sitzen, macht mich nervös. Irgendwas muss ich doch machen. Vielleicht sollte ich so aussehen, als würde ich auf jemanden warten, das ist weniger peinlich. Und so tippe ich auf meinem Handy herum. Auf der Getränkeliste stand ein Code fürs WLan und so logge ich mich ein und komme auf die verwegene Idee, mich auf einem Datingportal anzumelden. Ein paar Eckdaten und Gewohnheiten möchten sie von mir wissen und die gebe ich bereitwillig, vielleicht ein klein wenig unwahr, aber wer tut das nicht? Die Registrierung ist abgeschlossen und sofort werden mir nette Bekanntschaften aus der Umgebung angezeigt. Ich klicke mich durch und stoße auf kleine Vorschaubilder, die mir gefallen. Vergrößere ich sie, so zeigt sich das Problem an fitzelig kleinen Vorschaubildern. Hin und wieder sind auch schöne Gesichter dabei. Die Eigenschaften klingen gut. Sie reist gern. Ich auch. Ich mache es nur nicht. Sie verbringt gern viel Zeit mit Freunden. Ich auch. Nur eben gerade in diesem Moment nicht. Sie macht gern Sport. Ich auch. Na jetzt sitze ich ja in der Bar, aber ansonsten schon. Ich blicke auf und sehe an der Theke eine Frau sitzen. Sie starrt auf ihr Handy und tippt darauf herum. Ob sie wohl auch gerade nach einer Bekanntschaft sucht? Ich suche nach ihr auf meinem Handy. Doch ich finde sie nicht. Ich könnte sie ansprechen, aber womöglich wartet sie auf ihren Freund. Das rosa Neonschild „RAUS“ beginnt zu blinken. Es ist die letzte Runde eingeläutet und ich bestelle mir ein letztes Bier. Irgendwie schal. Auf dem Heimweg frage ich mich, ob ich jene Frau nicht hätte ansprechen sollen. Ob ich statt unzähliger unbekannter Gesichter in eines hätte blicken können, welches ich für eine kurze Zeit hätte kennenlernen dürfen und damit einem echten Menschen begegnet wäre. Vielleicht ist sie morgen wieder da. Ich auch. Ich werde sie wohl nur wieder nicht ansprechen.

Inspiriert von Hafensolo

die blutige Hand

Ich hasse das brennende Gefühl unter der Dusche, wenn das Wasser über die frischen Wunden läuft. Immer wieder finden sie sich auf meinem Körper, das bringt der Job mit sich und es ist der Grund, warum ich selbst im Hochsommer nur in langer Kleidung zu sehen bin. Eine Arbeitskleidung habe ich nicht, aber die Kosten für neue ist in meinem Preis mitinbegriffen. Doch während ich mir eine neue Hose und ein neues langärmliges Oberteil einfach kaufen kann, braucht es seine Zeit, bis meine Haut sich wieder erholt hat. Die meisten Aufträge erledige ich, ohne dabei nahe an meinem Ziel zu sein und meinem Auftraggeber genügt es. Aber hin und wieder soll ein Auftragsmord ein Zeichen sein und dann muss klar sein, dass das Opfer nicht an einem Herzstillstand starb.

Ich hatte nie ein schlechtes Gewissen gehabt, vermutlich weil ich in meiner Kindheit schon zu oft erlebt hatte, wie schnell und ungerecht ein Leben ausgelöscht werden kann. Es gab kein höheres Wesen, was das verhindern konnte, denn dafür waren allein wir Menschen zuständig. Wir könnten Babys retten, hungernde Kinder mit Essen versorgen und kranke Menschen heilen, aber dieses Recht steht nur wenigen, privilegierten Leuten zur Verfügung.

Ich gehöre zu den Besten in meinem Job, was man daran sehen kann, dass ich noch am Leben bin. Eines Tages fragte mich mein Auftraggeber, was mein Geheimnis sei und er war erstaunt, als ich es einsilbig mit „Angst“ beantwortete. Ich sprach nie viel mit ihm und ich erklärte mich nicht, aber nur meine Angst zu sterben, hielt mich am Leben, da war ich mir sicher. Immer wieder rettete sie mich davor, in einer unübersichtlichen Situation übereilt zu handeln und sie hielt mich davon ab, manche Aufträge überhaupt anzunehmen. Das ist ein Privileg, was man sich erarbeiten muss, aber worauf ich mittlerweile nicht mehr verzichten möchte.

Ich frage mich manchmal, ob ich ein anderes Leben hätte führen können. Ein Leben, das nicht so einsam und voller Tod gewesen wäre, doch ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob es die Arbeit war, die mich zu einem einsamen Einzelgänger machte, oder ob ich zuvor schon so war. Der Blick auf meine linke Hand zeigt mir, dass sie noch blutig ist.