Einsamkeit

Ich betrachtete das Glas mit der bräunlichen Flüssigkeit und den darin schwimmenden Eiswürfeln. Um mich herum war es ohrenbetäubend laut, wie man es von einem Club erwarten würde. Die Menschen tranken und feierten, während ich in der Ecke saß und vor mich hinstarrte. Ich war nicht anwesend, meine Gedanken waren nicht greifbar, es war nur das Gefühl von Einsamkeit mitten im belebtesten Ort der Stadt. Vielleicht fühlt man sich nirgends so allein, wie in einer vollen Menge Menschen, weil die Verbindung plötzlich fehlt, weil alles sich fremd anfühlt und doch war ich gelähmt und unfähig aufzustehen und zu gehen.

Irgendwer setzte sich neben mich und fragte mich, ob es mir gut gehen würde und nicht Lust hätte zu tanzen. Ich kannte die Person nicht und mir war auch nicht danach. Ich sah ihr in die Augen und hielt den Blick. Ich weiß nicht, ob mein Gegenüber mir in die Seele blicken konnte, doch es wurde verstanden, genickt und weggegangen. Vermutlich haben schon viele Menschen hier gesessen und sich einsam gefühlt. Schade, eigentlich habe ich mich besonders gefühlt. Aber das war ich nicht. Das versuchte ich mir nur einzureden, damit das schnöde Leben ein wenig mehr Wert hatte, aber es stimmte nicht.

Ob ich am nächsten Montag zu Arbeit erscheine oder nicht, war vollkommen irrelevant. Die Maschine lief auch ohne mich weiter. Die Eiswürfel schmolzen im Glas und es schien, als wäre die bräunliche Flüssigkeit weiter oben heller. Das kalte Wasser sinkt ab, erinnerte ich mich an meinen Physikunterricht aus der Schule. Ich sank abwärts und mir wurde kalt. Also stürzte ich den Inhalt des Glases herunter und raffte mich auf. Es gab ein klares Ziel: Die Garderobe. Auf dem Weg dahin musste ich durch das bunte Lichtgewirr und die lauten Bässe. Ich gewann den Kampf gegen Lichtstrahlen und Schallwellen. Die Jacke wärmte mich und ich begab mich auf den Weg ins warme Bett.

Ausflug

Sie hatten mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zur Sonne zu fliegen. Es schien mir eine große Ehre zu sein. Immerhin gab es allerhand interessierte Menschen, die Interviews und Autogramme von mir wollten. Es gab auch Live-Übertragungen aus dem Raumschiff, welches mich beherbergte. Ich hatte mir das alles nicht so ganz überlegt, aber es war immer mein größter Traum gewesen, die Erde vom Weltall aus zu betrachten. Und da dachte ich mir, dass ich nachdem dieser Traum erfüllt wäre, ja eh schon mein Highlight im Leben hatte, ich auch nicht mehr so daran hängen müsste. Zudem wurde mir versichert, dass dieses Schiff sicher sei: Konstruiert nach neuestem Wissen und ausgestattet mit der besten Technik. Ich glaube, dass waren auch die Worte, mit der man die Titanic in ihre Jungfernfahrt verabschiedet hatte.

Alles ging so furchtbar schnell. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen und mir war, als wäre es alles an einem Tag passiert. Dann der Flug heraus aus der Erdatmosphäre. Ich kreiste einige Minuten um unseren blauen Planeten, bis es weiter zum Mittelpunkt unseres Sonnensystems ging. Der Anblick auf die Erde war unbeschreiblich, aber viel zu kurz. Und seither saß ich in diesem riesigen Etwas. Ich sollte Daten und Bilder von der Sonne sammeln, danach ging es wieder zurück zur Erde. Die ersten Jahre waren eine Mischung aus Langeweile, Einsamkeit und der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens. Mittlerweile bin ich in die Korona eingetaucht. Die Fenster haben eine spezielle Folie, welche das Licht filtert und dennoch schwitze ich im Cockpit, weil es nur noch die Sonne zu sehen gibt. Das Weltall kann man hier nicht mal mehr erahnen, weder das endlos tiefe Schwarz noch die eisige Kälte.

Heute Morgen hatte der Computer gepiept und mir mitgeteilt, dass etwas mit dem Druck nicht stimmte. Ein wenig später fiel der Computer dann aus. Ich treibe seither auf dem festgelegten Kurs und entweder wird die Schiffshülle halten oder eben nicht. Ob ich zurückkommen werde, ist zweifelhaft so ohne technische Hilfe. Ich glaube, ich würde lieber hier in der Hitze verglühen, statt in der Kälte umherzutreiben.

Weg vom Fenster

Der Himmel war grau und es war nicht zu erkennen, wo eine Wolke anfing und eine andere aufhörte. Ich beschloss, drinnen zu bleiben und sah aus dem Fenster meiner Hochhauswohnung. Ich blickte auf das ebenso hohe Haus gegenüber. Dort bemerkte ich in zwei Fenstern das Brennen der Lichter. Denen war es wohl einfach zu düster, aber eigentlich wäre es nicht nötig, dachte ich mir. Ich suchte die Fenster nach einer Bewegung ab, fand jedoch keine und war schon gewillt, aufzugeben, als ich beim Wegdrehen meines Kopfes zwei Augen ausmachte. Ich drehte den Kopf zurück und suchte die zwei Augen und den Körper dazu. In den unteren drei Etagen fand ich nichts, aber im vierten, also auf gleicher Höhe wie ich, entdeckte ich das Augenpaar. Es muss ein kleiner Mensch sein, denn die Augen kamen gerade so über die untere Kante des Fensters. Es war nur ein wenig Haut vom Gesicht zu erkennen, aber kaum weitere Konturen. Ich bildete mir ein, dass die zwei Augen zu mir herüberblickten. Mich überkam das peinliche Gefühl, beim Spannen erwischt worden zu sein und ich wollte verschwinden. Auf der anderen Seite jedoch spannten die zwei Augen selbst. Wir hatten nichts Verbotenes getan, außer ein klein wenig in die Privatsphäre unserer Nachbarn einzudringen, aber auch nur soweit sie es zuließen. Ich entschied mich, meine Hand zu heben und langsam zu winken. Die zwei Augen schlossen sich und verschwanden. Ich hatte sie verscheucht. So blieb ich noch einen Moment stehen, doch sie kamen nicht zurück. Als ich mich wegdrehte, nahm ich eine Bewegung wahr. Ich sah zum Fenster hinüber und tatsächlich, da war das Augenpaar, welches direkt wieder verschwand. Ich verstand das Spiel und machte mit, indem ich ebenfalls kurz vom Fenster verschwand und dann vorsichtig und langsam auftauchte. Dann verharrten wir einige Sekunden, bis ich oder die Augen sich wieder versteckten. Es war ein kindlicher Spaß, den wir uns einige Minuten gönnten. Plötzlich einigten wir uns darauf, uns wieder anzuschauen. Ich winkte nochmal hinüber und dieses Mal sah ich auch im Fenster gegenüber eine Hand, die mich grüßte. Mir hüpfte das Herz vor Freude. Es ging das Licht im Zimmer an und für den Moment konnte ich die Umrisse meines Gegenübers erkennen. Es war ein großer Lockenkopf mit dunklen Haaren. Ein kleines Mädchen, vermutete ich, welches sich umdrehte und von mir wegsah. Vielleicht redete sie mit der Person, die das Licht angemacht hatte. Mit einem Mal verschwand sie vom Fenster und das Licht wurde gelöscht. Sie wurde wohl in den Kindergarten oder die Schule gebracht, dachte ich mir. Ich drehte mich um und spürte die Wärme einer tiefen Freude in mir. Es war, als hätten wir eine kleine Freundschaft geschlossen. Das hatte ich mit meinen siebenundachtzig Jahren nicht mehr erwartet.

Schwerpunkt

Ein eigenartiges Gefühl überkam mich, als ich des nachts die Straße in Richtung meiner Wohnung entlanglief. Mir wurde schwindelig und ich spürte, dass es mir schwerfiel, einen klaren Gedanken zu fassen. Es kam mir vor, als wäre ich von einem Moment auf den anderen alkoholisiert worden, aber in der schwersten Art und Weise. Mir wurde schlecht. Es war nur noch eine Ecke und dann etwa dreihundert Meter, bis ich die Haustür erreicht hatte. Beim Abbiegen um die Ecke, sah ich in wenigen Metern ein Pärchen, welches von einer Bank aufstand. Sie liefen einige Meter vor mir in die gleiche Richtung, dann blieben sie stehen und drehten sich um. Ich nahm das alles wahr, doch keinerlei Reflex ging durch meinen Körper und ich wäre fast gegen die Frau gelaufen, die mich vollkommen entsetzt und erschrocken ansah. Die Tür bekam ich auf und aus dem Briefkasten stach ein Umschlag hervor, den ich herauszog. Es war eine Rechnung, die ich drinnen auf dem Küchentisch ablegen wollte. Ich öffnete die Wohnungstür und schlürfte in die Küche. Als ich mir Wasser in ein Glas füllen wollte, nervte es mich, dass ich keine Hand frei hatte. In einer war der Schlüssel, in der anderen der Brief. Beides schleppte ich gedankenlos mit mir herum, dann legte ich es auf dem Tisch ab. Das kühle Wasser würde helfen, redete ich mir ein. Ich trank das Glas zur Hälfte leer, doch nichts passierte. Ich füllte es wieder auf und ließ mich auf der Couch nieder. Den Kopf überstreckte ich in den Nacken, da das Sofa nicht hoch genug war, um meinen Kopf anlehnen können. So legte ich ihn nach hinten ab. Der ganze Körper zog schwer an mir. Mit jedem Atemzug drückte ich dieses Gewicht einen Moment lang weg. Die Schwere wollte jedoch nicht von mir abrücken. Ich schloss meine Augen und ließ sie gewähren.

Die dunkle Nacht

Ich hatte noch einige Stunden Schlaf vor mir. Doch ich quälte mich aus dem warmen Bett über den Holzboden in den Flur. So tief in der Nacht, brannte kein Licht mehr hinter den Fenstern der Hauswand. Ich öffnete leise die Tür zur Toilette und setzte mich. Ich ließ es dunkel und ich ließ es laufen, aber es lief eher langsam, vermutlich hatte ich zu lang gewartet aufs Klo zu gehen. Ich hatte in meinem Leben vielleicht schon viel zu oft zu lang gewartet. Die Kälte stieg langsam von meinen Füßen in die Beine. Als ich aufstand, wünschte ich mir, die Klospülung nicht betätigen zu müssen, aber ich wollte meinen Mitbewohnerinnen keine ungespülte Toilette anbieten, wenn sie am nächsten Morgen vor mir aufstehen würden. Das Rauschen war unangenehm laut und störte die Stille der Nacht. Ich wusch mir die Hände und die Kälte zog von den Fingern bis in die Arme. Dann knacksten die Holzdielen bei jedem Schritt, den ich setzte, bis ich wieder im Bett lag und mich unter der wärmenden Decke versteckte. Ich liebte die Dunkelheit. Die letzten Jahre bin ich des Nachts im Schutze der Schatten gewandert. Sie schützten mich vor den Blicken und Erwartungen der Menschen. Niemand zog nachts an mir, wenn ich allein meinen Weg durch die Dunkelheit bestritt. Es gab nur die Ruhe und die Stille, und das Licht hielt ich fern von mir. So schlief ich friedlich ein.

Das gute Gefühl

Es war ein erleichterndes Gefühl, für niemanden wichtig zu sein. Ich stellte das Telefon ab und ließ mich auf meine Couch sinken. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich ganz bei mir sein konnte und für niemanden ein offenes Ohr haben musste oder irgendjemandem etwas schuldig war. Es war mein gottgegebenes Recht, allein zu sein. Was sollte das jetzt eigentlich mit Gott, an den glaubte ich nicht, zumindest nicht in der Form, wie er präsentiert wird. Irgendwas mochte es schon geben, aber dieses Es brauchte nicht meine Frömmigkeit oder mein Bekenntnis, um zu existieren. Ich brauchte diese Dinge ja auch nicht. Niemand betete mich an und niemand huldigte mir und das war das Schöne am Leben, dass ich einfach nur ich selbst sein durfte. Warum fiel den Menschen allein nur die Decke auf den Kopf, warum konnten sie nicht einfach die Decke anstarren und aufgrund der anhaltenden Ruhe glücklich sein? Warum mussten sie sich ständig produzieren und reproduzieren. Ständiger Verzehr und niemals wurde jemand satt. Die Menschen waren anstrengend, wenn man sie den ganzen Tag ertragen musste und so war es für mich nur selbstverständlich, dass man eine Auszeit von ihnen brauchte. Ich zumindest brauchte sie und ich nahm sie mir. Und es war ein gutes Gefühl.

Einsame Bücher

Die Stundenglocke schlug und die Kinder rannten aus dem Klassenzimmer. Die Lehrerin rief ihnen nach, dass sie die Ferien genießen sollten, doch das ging im Lärm des Laufens und des Lachens unter. Nach wenigen Augenblicken hatten alle das große Gebäude verlassen.

Wirklich alle? In den Regalen standen all die Bücher, die ihre Geschichten erzählen wollten, doch keiner würde ihnen zuhören. Jeden Sommer war es das Gleiche. Die Schüler rannten nach Hause und man vergaß die Bücher. Und auch dieses Jahr sollte es wieder so sein, raunten die Älteren der Bücher, die die nun eingekehrte Ruhe genossen, doch die jüngeren Bücher konnte die Freude nicht teilen. Sie wollten angefasst und aufgeschlagen werden. Sie wollten jedem der sie in die Hand nahm, stolz ihr gesammeltes Wissen zeigen.

Am Abend schluchzten einige Bücher, die dieses Jahr das erste Mal in der Schule waren, vor sich hin, weil sie sich verlassen fühlten, doch plötzlich verstummten alle. Waren das nicht eben Schritte gewesen, die sie gehört hatten? Sie lauschten in die Stille und fragten sich, ob sie es sich eingebildet hätten. Dann plötzlich das Kratzen eines Schlüssels im Schlüsselloch und einen Moment später blinzelten sie, als jemand das Licht anstellte. Fast blind waren sie wegen der plötzlichen Helligkeit und diese verschwand nur einen Moment später wieder. Die Tür fiel ins Schloss und der Schlüssel kratzte wieder.

„Wer war das?“, fragte ein junges Buch ein älteres? „Das war wohl der Hausmeister. Er kommt sonst eigentlich nie des Nachts hierher. Vermutlich wollte er nur sichergehen, dass alles in Ordnung ist. Und nun lass mich weiterschlafen“, sagte das ältere Buch und schnarchte sofort wieder vor sich hin. „Der Hausmeister?“, fragte das junge Buch. Doch es erhielt keine Antwort.

Als der nächste Tag begann, schien die Sonne ins Zimmer und von draußen war das Kehren eines Besens zu hören. „Ist das der Hausmeister?“, fragte das junge Buch seinen älteren Kollegen. „Ja, das ist er. Er fegt alles sauber und räumt den Müll weg, der aus dem Mülleimer herausgefallen ist oder von manch einem Rotzlöffel einfach fallengelassen wurde“, antwortete der Gefragte. „Meinst du, der kommt nochmal zu uns rein und schaut uns an? Ich bin dieses Jahr überhaupt nicht berührt worden. Ich wurde geschrieben und gebunden und hierhergeschickt und seither stehe ich hier rum und sammle den Staub“, erzählte das junge Buch und schluchzte dabei ein wenig. Das alte Buch bekam Mitleid und auch wenn es wusste, dass der Hausmeister deswegen nicht ins Klassenzimmer kam, so sagte es: „Wer weiß, vielleicht ja später oder in ein paar Tagen, das kann man nie wissen.“ Das alte Buch verschwieg, dass der Hausmeister nie ein Buch zum Lesen in die Hände genommen hatte und auch eher zu den ruppigen Menschen gehörte, die Bücher sogar kopfüber ins Regal stellten, wenn mal eines aus Versehen auf dem Boden lag.

Und so vergingen die sonnigen Sommertage und jeden Morgen fragte das junge Buch, ob denn der Hausmeister dieses Mal zu ihnen kommen würde. Es war drei Wochen später, als der Tag nicht sonnig begann, sondern bewölkt. Es wurde gar nicht so richtig hell und plötzlich setzte strömender Regen ein. Ein herrlicher Klang war das, wenn die Regentropfen gegen die Fensterscheibe pochten. Der Regen wusch all den Staub von den Blättern und ließ die Luft nach Bäumen duften.

Da kratzte wieder der Schlüssel in der Tür und die Zimmertür öffnete sich. Das junge Buch lachte und jauchzte, als es den Mann sah und fragte das alte Buch neben sich, ob dies der Hausmeister sei. „Nun“, antwortete das alte Buch und ergänzte: „Das ist er eigentlich nicht. Zumindest ist es nicht der, den ich bisher hier gesehen habe. Vielleicht ein neuer.“ Das junge Buch war verwirrt, doch es schrie so laut es konnte, dass es von ihm gelesen werden wollte. Der Mann kam zum Bücherregal und strich mit seiner Hand über die Bücherrücken. Er schenkte ihnen damit ein angenehmes Schaudern. Dann hielt er inne und griff sich das junge Buch, welches noch immer darum bettelte gelesen zu werden. „Na dann wollen wir mal schauen, was du mir so erzählen kannst. Er pustete den Staub vom Buch herunter, ging ans Lehrerpult, knipste ein Licht an und schlug die erste Seite auf. Das junge Buch konnte gar nicht so lang warten, wie er jede Seite durchlas, doch es genoss jede Berührung seiner Hand auf dem Papier. Der Mann, der der neue Hausmeister war, ließ sich Zeit, denn an diesem Tag gab es für ihn nichts zu tun und auch in den nächsten Ferientagen ließ er sich immer wieder blicken und griff sich ein Buch, um darin zu lesen.

 

P.S.

Die Geschichte ist ein kleines Abschiedsgeschenk an die zwei kleinen Mädels meiner ehemaligen WG. Ich finde das Ende zu knapp, aber ich muss gestehen, dass mir momentan kein anderes einfällt. Somit seid ihr Leser durchaus gefragt, euren Senf dazuzugeben und zu ergänzen. Ich freue mich darüber und die Mädels vermutlich auch 😉

Kahle Wand

Die kahle Wand machte mich traurig, doch ich wusste nicht, wie ich es hätte ändern können. Jede Idee auch nur einen Strich zu ziehen, verwarf ich sofort, da mir klar war, dass ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein würde. Jede Zeichnung würde ich geringer schätzen, als ein Bild aus meiner Kindheit. Und so blieb die Wand wie sie war und ich verdrängte den Gedanken an die Kälte. Woher hätte ich wissen sollen, dass sie mich mit ihrer Leere ansteckt?

Ruhe oder Rausch?

Viele Ideen für Texte kamen mir früher, wenn ich betrunken vom Feiern kam. Mir half dieser Zustand vermutlich offen über Dinge zu schreiben, über die ich nüchtern gar nicht erst nachdenken wollte. Eine Weile glaubte ich, dass es mir immer wieder eine Hilfe sein würde, gerade weil der trinkende Autor keine so seltene Person in der Realität ist. Es scheint hilfreich zu sein, aber es ist nicht nötig oder gar ein Zaubermittel, welches wundervolle Texte entlockt.

Ein weitaus effektiveres Mittel ist für mich das Fasten geworden. Eines vorweg: Ich faste nicht im herkömmlichen Sinne, wenngleich ich das bereits für die Zukunft geplant habe. Mein Fasten besteht darin, mich nicht so stark vom Alltag zu ernähren und mich mehr zurückzuziehen. Es kam zu dieser Erkenntnis vor einigen Jahren, als ich ins Krankenhaus musste. Die ersten paar Tage starre ich nur an die weiße Decke. Mein Zimmernachbar fragte mich, ob ich nicht lieber fernsehen wollte, dabei sei ich viel ferner oder viel weiter in jenen Tagen, als ich es in den früheren Jahren vor der Glotze tat. Innerhalb weniger Tage konnte ich eine Beziehung lösen, die ich in den vielen Wochen davor als etwas ansah, dass ich erhalten und niemals verlieren dürfte, dabei tat ich mir damit nur weh.

Ich begann in dieser Zeit der inneren Ruhe meinen ersten langen Text zu schreiben fing an zu mir selbst zu finden. Mir wurde klar, was ich wollte. So etwas wie Selbstverwirklichung ist doch erst dann möglich, wenn man weiß, was man wirklich will. Mir scheint es manchmal so, als würden die Menschen Selbstverwirklichung damit gleichsetzen, dass man finanziell unabhängig ist und hin und wieder großartige Reisen übernimmt, die man mit jedem „Freund“ auf Facebook teilen muss, damit man sich an den Likes berauschen kann. Nutzen wir das Reisen wirklich, um unseren Horizont zu erweitern und um ein Leben kennenzulernen, das unserem fremd ist?

Als ich meinen letzten Urlaub plante, gab es die Möglichkeit auf eine recht einsame Insel zu reisen und eine Hütte ohne Strom und warmes Wasser zu beziehen. Ich habe mir geschworen, dass ich das noch machen werde. Wenn ich Bekannten davon erzählte, kam sehr oft die gleiche Reaktion: „Was? Das könnte ich nicht.“ Es gibt eine Angst vor der Einsamkeit und dem In-sich-kehren, welche ich nicht verstehen kann. Was ist so schlimm daran, bei sich selbst zu sein? Ist es wahnsinnig, sich den eigenen Gedanken zu stellen? Ist es gar verrückt, sich selbst zu akzeptieren, weil man zuvor womöglich lang mit sich ins Gericht gehen musste?

Ich erinnere mich gern zurück an meine Zeit damals im Krankenhaus. Wie ich von einem unzufriedenen Menschen, der Ziele verfolgte, die nicht seine waren, zu einer Person wurde, die für eine Weile Ruhe und Zufriedenheit fand. Interessant dabei ist, dass ich mich selbst wieder ablenken ließ. Dass ich mir selbst wieder einreden ließ, ein Leben sei nur dann etwas wert, wenn ich beruflich erfolgreich sei und eine Frau an meiner Seite hätte. Erfolgreich kann ich nur sein, wenn ich meinen wirklichen Wünschen mit Vehemenz nachgehe. Um diese zu finden oder zu verwirklichen, brauche ich keinen Rausch.

Ich hasse die Nacht

Ja, das ist es wohl, die abartige Erkenntnis, dass ich für die Nacht eine Hassliebe empfinde. Hätte ich vor einem Jahr oder nur vor einem Tag die Frage gestellt bekommen, wie ich die Nacht empfinde, dann hätte ich mich wohl durchweg positiv geäußert: Die Nacht, da passiert so viel. In der Nacht finden so wundervolle Veranstaltungen statt.
Ja, das stimmt. Und es ist auch die Nacht, in der sich plötzlich zwei Lippen begegnen. Aber es ist nur deswegen die Nacht, weil wir nur in der Nacht den verdammten Alkohol so unkontrolliert in uns hinein kippen, dass wir selbst wenn wir frustriert sind, debil zu lächeln anfangen.
In Wahrheit ist es die Nacht, die uns in ihrer Kälte klar macht, dass wir allein sind. Es sind Nächte, in denen er schnarcht und sie sich das Kissen aufs Ohr presst. Es sind Nächte, in denen wir unsere Freunde an eine fremde Person verlieren, weil sich beide küssen müssen. Es sind Nächte, in denen uns eine Bekanntschaft sagt, dass es süß sei, dass wir an sie gedacht hätten, und sie wenige Minuten später mit einem anderen quatscht, den sie anziehender findet.
Nächte sind schön, das war mir früher immer klar. Aber Nächte lassen mich einsam fühlen. Das wird mir gerade erst wirklich bewusst. Zum Glück kann ich jedoch eines in der Nacht machen: Meine Augen schließen und die Zeit im Schlaf verstreichen zu lassen. Wenn ich dann einige Stunden später aufwache und mich der blaue Himmel anlacht, wird es wieder Zeit, das Leben zu genießen. Aufzustehen und Laufen zu gehen. Ich bin dann nicht weniger allein als in der Nacht, aber die Sonne ist ein wärmerer Begleiter, als die unzähligen Sterne, die so gar nicht einsam sind.