Die dunkle Nacht

Ich hatte noch einige Stunden Schlaf vor mir. Doch ich quälte mich aus dem warmen Bett über den Holzboden in den Flur. So tief in der Nacht, brannte kein Licht mehr hinter den Fenstern der Hauswand. Ich öffnete leise die Tür zur Toilette und setzte mich. Ich ließ es dunkel und ich ließ es laufen, aber es lief eher langsam, vermutlich hatte ich zu lang gewartet aufs Klo zu gehen. Ich hatte in meinem Leben vielleicht schon viel zu oft zu lang gewartet. Die Kälte stieg langsam von meinen Füßen in die Beine. Als ich aufstand, wünschte ich mir, die Klospülung nicht betätigen zu müssen, aber ich wollte meinen Mitbewohnerinnen keine ungespülte Toilette anbieten, wenn sie am nächsten Morgen vor mir aufstehen würden. Das Rauschen war unangenehm laut und störte die Stille der Nacht. Ich wusch mir die Hände und die Kälte zog von den Fingern bis in die Arme. Dann knacksten die Holzdielen bei jedem Schritt, den ich setzte, bis ich wieder im Bett lag und mich unter der wärmenden Decke versteckte. Ich liebte die Dunkelheit. Die letzten Jahre bin ich des Nachts im Schutze der Schatten gewandert. Sie schützten mich vor den Blicken und Erwartungen der Menschen. Niemand zog nachts an mir, wenn ich allein meinen Weg durch die Dunkelheit bestritt. Es gab nur die Ruhe und die Stille, und das Licht hielt ich fern von mir. So schlief ich friedlich ein.

Das gute Gefühl

Es war ein erleichterndes Gefühl, für niemanden wichtig zu sein. Ich stellte das Telefon ab und ließ mich auf meine Couch sinken. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich ganz bei mir sein konnte und für niemanden ein offenes Ohr haben musste oder irgendjemandem etwas schuldig war. Es war mein gottgegebenes Recht, allein zu sein. Was sollte das jetzt eigentlich mit Gott, an den glaubte ich nicht, zumindest nicht in der Form, wie er präsentiert wird. Irgendwas mochte es schon geben, aber dieses Es brauchte nicht meine Frömmigkeit oder mein Bekenntnis, um zu existieren. Ich brauchte diese Dinge ja auch nicht. Niemand betete mich an und niemand huldigte mir und das war das Schöne am Leben, dass ich einfach nur ich selbst sein durfte. Warum fiel den Menschen allein nur die Decke auf den Kopf, warum konnten sie nicht einfach die Decke anstarren und aufgrund der anhaltenden Ruhe glücklich sein? Warum mussten sie sich ständig produzieren und reproduzieren. Ständiger Verzehr und niemals wurde jemand satt. Die Menschen waren anstrengend, wenn man sie den ganzen Tag ertragen musste und so war es für mich nur selbstverständlich, dass man eine Auszeit von ihnen brauchte. Ich zumindest brauchte sie und ich nahm sie mir. Und es war ein gutes Gefühl.

Einsame Bücher

Die Stundenglocke schlug und die Kinder rannten aus dem Klassenzimmer. Die Lehrerin rief ihnen nach, dass sie die Ferien genießen sollten, doch das ging im Lärm des Laufens und des Lachens unter. Nach wenigen Augenblicken hatten alle das große Gebäude verlassen.

Wirklich alle? In den Regalen standen all die Bücher, die ihre Geschichten erzählen wollten, doch keiner würde ihnen zuhören. Jeden Sommer war es das Gleiche. Die Schüler rannten nach Hause und man vergaß die Bücher. Und auch dieses Jahr sollte es wieder so sein, raunten die Älteren der Bücher, die die nun eingekehrte Ruhe genossen, doch die jüngeren Bücher konnte die Freude nicht teilen. Sie wollten angefasst und aufgeschlagen werden. Sie wollten jedem der sie in die Hand nahm, stolz ihr gesammeltes Wissen zeigen.

Am Abend schluchzten einige Bücher, die dieses Jahr das erste Mal in der Schule waren, vor sich hin, weil sie sich verlassen fühlten, doch plötzlich verstummten alle. Waren das nicht eben Schritte gewesen, die sie gehört hatten? Sie lauschten in die Stille und fragten sich, ob sie es sich eingebildet hätten. Dann plötzlich das Kratzen eines Schlüssels im Schlüsselloch und einen Moment später blinzelten sie, als jemand das Licht anstellte. Fast blind waren sie wegen der plötzlichen Helligkeit und diese verschwand nur einen Moment später wieder. Die Tür fiel ins Schloss und der Schlüssel kratzte wieder.

„Wer war das?“, fragte ein junges Buch ein älteres? „Das war wohl der Hausmeister. Er kommt sonst eigentlich nie des Nachts hierher. Vermutlich wollte er nur sichergehen, dass alles in Ordnung ist. Und nun lass mich weiterschlafen“, sagte das ältere Buch und schnarchte sofort wieder vor sich hin. „Der Hausmeister?“, fragte das junge Buch. Doch es erhielt keine Antwort.

Als der nächste Tag begann, schien die Sonne ins Zimmer und von draußen war das Kehren eines Besens zu hören. „Ist das der Hausmeister?“, fragte das junge Buch seinen älteren Kollegen. „Ja, das ist er. Er fegt alles sauber und räumt den Müll weg, der aus dem Mülleimer herausgefallen ist oder von manch einem Rotzlöffel einfach fallengelassen wurde“, antwortete der Gefragte. „Meinst du, der kommt nochmal zu uns rein und schaut uns an? Ich bin dieses Jahr überhaupt nicht berührt worden. Ich wurde geschrieben und gebunden und hierhergeschickt und seither stehe ich hier rum und sammle den Staub“, erzählte das junge Buch und schluchzte dabei ein wenig. Das alte Buch bekam Mitleid und auch wenn es wusste, dass der Hausmeister deswegen nicht ins Klassenzimmer kam, so sagte es: „Wer weiß, vielleicht ja später oder in ein paar Tagen, das kann man nie wissen.“ Das alte Buch verschwieg, dass der Hausmeister nie ein Buch zum Lesen in die Hände genommen hatte und auch eher zu den ruppigen Menschen gehörte, die Bücher sogar kopfüber ins Regal stellten, wenn mal eines aus Versehen auf dem Boden lag.

Und so vergingen die sonnigen Sommertage und jeden Morgen fragte das junge Buch, ob denn der Hausmeister dieses Mal zu ihnen kommen würde. Es war drei Wochen später, als der Tag nicht sonnig begann, sondern bewölkt. Es wurde gar nicht so richtig hell und plötzlich setzte strömender Regen ein. Ein herrlicher Klang war das, wenn die Regentropfen gegen die Fensterscheibe pochten. Der Regen wusch all den Staub von den Blättern und ließ die Luft nach Bäumen duften.

Da kratzte wieder der Schlüssel in der Tür und die Zimmertür öffnete sich. Das junge Buch lachte und jauchzte, als es den Mann sah und fragte das alte Buch neben sich, ob dies der Hausmeister sei. „Nun“, antwortete das alte Buch und ergänzte: „Das ist er eigentlich nicht. Zumindest ist es nicht der, den ich bisher hier gesehen habe. Vielleicht ein neuer.“ Das junge Buch war verwirrt, doch es schrie so laut es konnte, dass es von ihm gelesen werden wollte. Der Mann kam zum Bücherregal und strich mit seiner Hand über die Bücherrücken. Er schenkte ihnen damit ein angenehmes Schaudern. Dann hielt er inne und griff sich das junge Buch, welches noch immer darum bettelte gelesen zu werden. „Na dann wollen wir mal schauen, was du mir so erzählen kannst. Er pustete den Staub vom Buch herunter, ging ans Lehrerpult, knipste ein Licht an und schlug die erste Seite auf. Das junge Buch konnte gar nicht so lang warten, wie er jede Seite durchlas, doch es genoss jede Berührung seiner Hand auf dem Papier. Der Mann, der der neue Hausmeister war, ließ sich Zeit, denn an diesem Tag gab es für ihn nichts zu tun und auch in den nächsten Ferientagen ließ er sich immer wieder blicken und griff sich ein Buch, um darin zu lesen.

 

P.S.

Die Geschichte ist ein kleines Abschiedsgeschenk an die zwei kleinen Mädels meiner ehemaligen WG. Ich finde das Ende zu knapp, aber ich muss gestehen, dass mir momentan kein anderes einfällt. Somit seid ihr Leser durchaus gefragt, euren Senf dazuzugeben und zu ergänzen. Ich freue mich darüber und die Mädels vermutlich auch 😉

Kahle Wand

Die kahle Wand machte mich traurig, doch ich wusste nicht, wie ich es hätte ändern können. Jede Idee auch nur einen Strich zu ziehen, verwarf ich sofort, da mir klar war, dass ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein würde. Jede Zeichnung würde ich geringer schätzen, als ein Bild aus meiner Kindheit. Und so blieb die Wand wie sie war und ich verdrängte den Gedanken an die Kälte. Woher hätte ich wissen sollen, dass sie mich mit ihrer Leere ansteckt?

Ruhe oder Rausch?

Viele Ideen für Texte kamen mir früher, wenn ich betrunken vom Feiern kam. Mir half dieser Zustand vermutlich offen über Dinge zu schreiben, über die ich nüchtern gar nicht erst nachdenken wollte. Eine Weile glaubte ich, dass es mir immer wieder eine Hilfe sein würde, gerade weil der trinkende Autor keine so seltene Person in der Realität ist. Es scheint hilfreich zu sein, aber es ist nicht nötig oder gar ein Zaubermittel, welches wundervolle Texte entlockt.

Ein weitaus effektiveres Mittel ist für mich das Fasten geworden. Eines vorweg: Ich faste nicht im herkömmlichen Sinne, wenngleich ich das bereits für die Zukunft geplant habe. Mein Fasten besteht darin, mich nicht so stark vom Alltag zu ernähren und mich mehr zurückzuziehen. Es kam zu dieser Erkenntnis vor einigen Jahren, als ich ins Krankenhaus musste. Die ersten paar Tage starre ich nur an die weiße Decke. Mein Zimmernachbar fragte mich, ob ich nicht lieber fernsehen wollte, dabei sei ich viel ferner oder viel weiter in jenen Tagen, als ich es in den früheren Jahren vor der Glotze tat. Innerhalb weniger Tage konnte ich eine Beziehung lösen, die ich in den vielen Wochen davor als etwas ansah, dass ich erhalten und niemals verlieren dürfte, dabei tat ich mir damit nur weh.

Ich begann in dieser Zeit der inneren Ruhe meinen ersten langen Text zu schreiben fing an zu mir selbst zu finden. Mir wurde klar, was ich wollte. So etwas wie Selbstverwirklichung ist doch erst dann möglich, wenn man weiß, was man wirklich will. Mir scheint es manchmal so, als würden die Menschen Selbstverwirklichung damit gleichsetzen, dass man finanziell unabhängig ist und hin und wieder großartige Reisen übernimmt, die man mit jedem „Freund“ auf Facebook teilen muss, damit man sich an den Likes berauschen kann. Nutzen wir das Reisen wirklich, um unseren Horizont zu erweitern und um ein Leben kennenzulernen, das unserem fremd ist?

Als ich meinen letzten Urlaub plante, gab es die Möglichkeit auf eine recht einsame Insel zu reisen und eine Hütte ohne Strom und warmes Wasser zu beziehen. Ich habe mir geschworen, dass ich das noch machen werde. Wenn ich Bekannten davon erzählte, kam sehr oft die gleiche Reaktion: „Was? Das könnte ich nicht.“ Es gibt eine Angst vor der Einsamkeit und dem In-sich-kehren, welche ich nicht verstehen kann. Was ist so schlimm daran, bei sich selbst zu sein? Ist es wahnsinnig, sich den eigenen Gedanken zu stellen? Ist es gar verrückt, sich selbst zu akzeptieren, weil man zuvor womöglich lang mit sich ins Gericht gehen musste?

Ich erinnere mich gern zurück an meine Zeit damals im Krankenhaus. Wie ich von einem unzufriedenen Menschen, der Ziele verfolgte, die nicht seine waren, zu einer Person wurde, die für eine Weile Ruhe und Zufriedenheit fand. Interessant dabei ist, dass ich mich selbst wieder ablenken ließ. Dass ich mir selbst wieder einreden ließ, ein Leben sei nur dann etwas wert, wenn ich beruflich erfolgreich sei und eine Frau an meiner Seite hätte. Erfolgreich kann ich nur sein, wenn ich meinen wirklichen Wünschen mit Vehemenz nachgehe. Um diese zu finden oder zu verwirklichen, brauche ich keinen Rausch.

Ich hasse die Nacht

Ja, das ist es wohl, die abartige Erkenntnis, dass ich für die Nacht eine Hassliebe empfinde. Hätte ich vor einem Jahr oder nur vor einem Tag die Frage gestellt bekommen, wie ich die Nacht empfinde, dann hätte ich mich wohl durchweg positiv geäußert: Die Nacht, da passiert so viel. In der Nacht finden so wundervolle Veranstaltungen statt.
Ja, das stimmt. Und es ist auch die Nacht, in der sich plötzlich zwei Lippen begegnen. Aber es ist nur deswegen die Nacht, weil wir nur in der Nacht den verdammten Alkohol so unkontrolliert in uns hinein kippen, dass wir selbst wenn wir frustriert sind, debil zu lächeln anfangen.
In Wahrheit ist es die Nacht, die uns in ihrer Kälte klar macht, dass wir allein sind. Es sind Nächte, in denen er schnarcht und sie sich das Kissen aufs Ohr presst. Es sind Nächte, in denen wir unsere Freunde an eine fremde Person verlieren, weil sich beide küssen müssen. Es sind Nächte, in denen uns eine Bekanntschaft sagt, dass es süß sei, dass wir an sie gedacht hätten, und sie wenige Minuten später mit einem anderen quatscht, den sie anziehender findet.
Nächte sind schön, das war mir früher immer klar. Aber Nächte lassen mich einsam fühlen. Das wird mir gerade erst wirklich bewusst. Zum Glück kann ich jedoch eines in der Nacht machen: Meine Augen schließen und die Zeit im Schlaf verstreichen zu lassen. Wenn ich dann einige Stunden später aufwache und mich der blaue Himmel anlacht, wird es wieder Zeit, das Leben zu genießen. Aufzustehen und Laufen zu gehen. Ich bin dann nicht weniger allein als in der Nacht, aber die Sonne ist ein wärmerer Begleiter, als die unzähligen Sterne, die so gar nicht einsam sind.