Ein kleiner Engel

Es war ein kleiner Engel, der da vor mir herum tapste. Goldene Locken und eine Windel, doch ansonsten nichts weiter. Seine Mutter und ich sprachen über die Vertrauensseligkeit, denn der Engel entschied sich, mir zu folgen, obgleich seine Mutter den Weg in die andere Richtung eingeschlagen hatte. Wir kannten uns nicht und doch sprach und gluckste der Engel mich an und zeigte mit seinem Finger, wo was zu finden oder zu erledigen sei. Ich war mir da nicht sicher. Ich schlug vor, dass ich in meiner Richtung schauen würde und der Engel sollte in seiner Richtung schauen, aber da habe ich zu sehr genuschelt, denn der Engel folgte mir und blieb dann unschlüssig vor einem mit Holz vertäfelten Garagentor stehen.

Es ist schon spannend zu sehen, wie der Mensch sein könnte, wenn er noch relativ frei ist von den antrainierten sozialen Verhaltensregeln und -normen. Dieses Vertrauen in eine fremde Person birgt eine Gefahr, aber wie schön wäre es, wenn es nicht so wäre. Wie schön wäre die Welt, wenn wir jedem anderen Menschen vertrauen könnten und wir mit jedem Menschen unseren Weg gemeinsam beschreiten und dadurch immer wieder auf neuen Pfaden wandeln würden. Wenn wir kein „Die da“ kennen würden. Ich schimpfe nicht auf die Welt oder meckere. Ich träume nur zu gern davon, dass wir alle solche Engel geblieben wären. Das ist ein schöner Traum.

fernab (Teil 1)

Mit dem letzten Geld hatte ich mir ein Auto gekauft, es vollgetankt und bin einfach verschwunden. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zurück zu lassen, so ein Gedanke kam mir nie und sie machten es mir auch leicht. Sie, die wussten, wie man sein Leben zu leben hat. Sie, die Vorsorge treffen, Pläne machen und alt werden. Sie, die einen unwohl fühlen lassen, weil man einfach nur lebt. Wenn es darum geht, warum ein Mann mit mehreren Frauen schläft, dann kommen sie dir mit evolutionären Erklärungen, aber wenn es um mein Leben geht, dann gelten diese Erklärungen etwa nicht mehr? Die haben damals doch auch nicht auf der Couch gesessen, sind dick geworden und haben sich den Kopf zerbrochen, wie sie ihren Lebensabend verbringen. Stattdessen waren sie unterwegs, bauten ein neues Zuhause zum Überwintern und zogen weiter. Scheint mir verdammt menschlich zu sein so zu leben. Die Sporttasche mit meinen Klamotten hatte ich auf die Rückbank dieser verrosteten Klapperkiste geschmissen. Eine Karre ohne Dach, die viel mehr Freiheit bot, als es der Balkon tat, wenn man sich darauf in die Sonne legte. Zu sehr engten die Wände ein, selbst wenn man nicht direkt zwischen ihnen saß, denn sie holten einen selbst dort draußen ein.

Neben mir saß dieser süße Engel von letzter Nacht. Sie bezeichnete sich selbst als gestört und für sie würde das hier nichts weiter als ein kurzer Trip sein, von dem sie wieder zurück in ihr Leben kehren würde. Ja, sie war tatsächlich kaputt, vermutlich von den gleichen Regeln, die auch mich fliehen ließen. Aber sie versuchte ihren Wunsch nach Freiheit mit dem sogenannten bürgerlichen Leben zu verbinden und ich wünschte ihr, dass sie den Weg dazu findet, ich konnte oder wollte ihn einfach nicht sehen. Und warum sollte ich auch, wenn ich nur die Freiheit brauchte. Ich wollte keinen riesigen Fernseher und auch keine Designermöbel. Allein meine Schreibmaschine war mir wichtig, wobei zur Not auch ein Notizbuch und ein Kuli taugten. Das beruhigende Brummen des Motors tat sein Übriges, wenngleich zumindest das in absehbarer Zukunft ein Problem werden könnte.

„Mach dir keinen Kopf, die nächste Tankfüllung geht auf mich.“, sagte sie mir und ich fragte mich, ob sie meine Gedanken lesen konnte. „Ich dachte, du hättest kein Geld?“, erwiderte ich und sah ihr Grinsen, während sie mir gestand, beim Tanken zuvor dem Verkäufer einen geblasen zu haben. Das schockte mich doch gewaltig: „Warum hast du das denn gemacht?“, „Nun, dich hätte er wohl nicht rangelassen, also verurteile mich nicht.“ Das verlangte nach Aufklärung: „Glaubst du, ich verurteile dich? Deswegen bin ich nicht sauer. Du darfst tun und lassen, was du willst. Aber meine Reise bezahle ich selbst und nicht mit dir.“ Einen kurzen Moment lang herrschte Stille, die ich dann doch brechen musste, weil mich die Erinnerung nicht los ließ und ich lachen musste: „Jetzt weiß ich wenigstens, warum der Kerl mich so angegrinst hatte, als ich vom Klo kam. Ich fragte mich schon, ob der ne Kamera versteckt hat oder ob er sich nur einfach ebenso sehr für meine Erleichterung freute, wie ich.“ Der Sache war damit für mich erledigt und offensichtlich für meinen nicht ganz so unschuldigen Engel neben mir ebenso.