Verregnete Tage (3)

„Hast du schon mal meditiert?“, fragte Lena Ben, welcher darauf antwortete: „Nicht, dass ich wüsste.“ „Was meinst du damit?“ „Nun, ich kann es nicht ausschließen, dass ich mal etwas gemacht habe, was man bei einer Meditation auch macht, aber aktiv habe ich nie versucht zu meditieren.“ „Das klingt doch gar nicht schlecht. Du bist also zumindest offen dafür, so scheint es mir“, stellte Lena fest und Ben nickte zustimmend. „Magst du es gerade mal probieren?“, forderte Lena ihn heraus. Ben nickte ein wenig unsicher, aber mit den Räucherstäbchen, dem Tee und der inneren Wärme nach der Dusche erschien ihm der Moment perfekt. „Was muss ich machen?“, fragte er. Sie erklärte: „Suche dir eine entspannte Sitzhaltung, schließe die Augen, höre auf den Schlag deines Herzens oder auf deinen Atem und dann lasse los.“ Ben sah, wie Lena sich mühelos in den Schneidersitz begab und dabei fast aufrecht sitzen blieb, ihre Augen schloss und offensichtlich abtauchte. Er versuchte es ihr nachzutun, jedoch ohne dabei ein lautes Geräusch zu verursachen. Der Schneidersitz war unbequem, erst recht nicht in der Jeans, die er trug. Während er eine gute Position suchte, blickte er wieder zu Lena hinüber, die ihn grinsend ansah. Sie rollte ihm ein Yogakissen zu und meinte: „Knie doch einfach darauf und wenn es dir hilft, zieh die Jeans aus.“ Ben hatte durchaus Lust, sich von der Jeans zu lösen, wurde sich aber bewusst, dass das weniger mit der Sitzposition zu tun hatte und beschloss daher, sie anzubehalten. Er fand seine Position und erinnerte sich an die Hinweise: Augen zu und auf Herz oder Atem hören. Was er hörte, war ein recht schnell schlagendes Herz. Sein aufgeregtes Herz. Ihm schoss die Frage durch den Kopf, was er hier mache und was Lena für einen Plan hatte. Er malte sich aus, wie schön es wohl wäre, mit ihr in dem Bett zu liegen. Nackt und ineinander verschlungen. Kein wilder Sex, sondern vielmehr bedacht auf Körperkontakt und Streicheleinheiten. Er spürte seinen ruhigen Atem und folgte ihm. Es erschien ihm, als wäre er nur wenige Sekunden in diesem Zustand gewesen, als Lena ihn mit ruhiger Stimme ansprach: „Und, hast du ein wenig Ruhe gefunden?“ Er schlug die Augen auf und erklärte: „Ja, das ging nur so schnell. Am Anfang hatte ich noch sehr klare Gedanken und Phantasien und dann driftete ich ab. Das war nur viel zu kurz.“ „Es waren 20 Minuten, wir können das gern auch länger machen“, erklärte sie. Ben war überrascht und zugleich sehr froh, weil es so einfach funktioniert hatte. Sie sahen sich einen Moment lang an, als Lena fragte: „Magst du mir von den Phantasien erzählen?“ Ben fragte sich, ob sie seine Gedanken hatte lesen können. Er spürte, dass er rot im Gesicht wurde: „Ehrlich gesagt: Sehr gern.“

Teil 2

Das gute Gefühl

Es war ein erleichterndes Gefühl, für niemanden wichtig zu sein. Ich stellte das Telefon ab und ließ mich auf meine Couch sinken. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich ganz bei mir sein konnte und für niemanden ein offenes Ohr haben musste oder irgendjemandem etwas schuldig war. Es war mein gottgegebenes Recht, allein zu sein. Was sollte das jetzt eigentlich mit Gott, an den glaubte ich nicht, zumindest nicht in der Form, wie er präsentiert wird. Irgendwas mochte es schon geben, aber dieses Es brauchte nicht meine Frömmigkeit oder mein Bekenntnis, um zu existieren. Ich brauchte diese Dinge ja auch nicht. Niemand betete mich an und niemand huldigte mir und das war das Schöne am Leben, dass ich einfach nur ich selbst sein durfte. Warum fiel den Menschen allein nur die Decke auf den Kopf, warum konnten sie nicht einfach die Decke anstarren und aufgrund der anhaltenden Ruhe glücklich sein? Warum mussten sie sich ständig produzieren und reproduzieren. Ständiger Verzehr und niemals wurde jemand satt. Die Menschen waren anstrengend, wenn man sie den ganzen Tag ertragen musste und so war es für mich nur selbstverständlich, dass man eine Auszeit von ihnen brauchte. Ich zumindest brauchte sie und ich nahm sie mir. Und es war ein gutes Gefühl.

Ach, was soll’s

Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, aber wenn ich morgens im Bett liege und vom Wecker geweckt werde, liegt mein erster Blick auf dem Handy. Das ist zum einen nur logisch, da es mich weckt, zum anderen aber vollkommen unnötig, weil die meisten neuen Nachrichten darauf vollkommen irrelevant sind. Natürlich hat man dann auch gleich noch die aktuellen Nachrichten auf dem Display und das seit Wochen leidige Thema der Präsidentenwahl nervt, ohne überhaupt den Artikel dazu gelesen zu haben. Ich merke, wie mich beunruhigt, was da gerade passiert bzw. passieren wird, aber gleichzeitig kann ich daran tatsächlich nichts ändern. Und so saß ich vorhin vor einer Kirche, aß ein Fischbrötchen und blickte auf jene Figur. Ich habe mich nie wirklich mit Ikonographie beschäftigt und vielleicht wäre es nicht verkehrt gewesen, immerhin stehen hier überall Figuren von Bedeutung. Ihn hier jedoch empfinde ich als merkwürdig entspannt, so als wollte er sagen: „Scheiß auf das Messer in meinem Hals, ich kann es jetzt eh nicht mehr ändern.“ Nun sollte man tunlichst vermeiden, dass das Messer erst im Hals landet. Steckt es aber bereits darin, ist es gar nicht so unvorteilhaft, einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich wünsche euch somit einen entspannten und wirklich ruhigen Abend.

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