Nimm’s locker

Die zwei Ruder hingen ins Wasser, waren aber am Boot befestigt, so dass sie nicht verloren gehen konnten. Ich hatte mich lang gemacht und ließ mich von der Sonne wärmen. Wie ein Teelicht in einer Wasserschale kam ich mir vor.

Ich war am See auf einem Spaziergang entlanggekommen und hatte den Bootsverleih gesehen. Die ganze Zeit schon ging mir diese Sache durch den Kopf und ich wurde die Gedanken nicht los. Also beschloss ich, ein Boot zu mieten und auf den See zu rudern. Ich hatte die beiden Ruder in die Hand genommen, mich nochmal umgeblickt und die vollkommen leere Wasseroberfläche hinter mir inspiziert. Ich war allein hier und konnte drauf los rudern und das tat ich. Die Blätter tauchten ins Wasser ein, ich legte mich nach hinten und zog an den Griffen, dann drückte ich sie runter, damit die Blätter in der Luft zurück zu dem Punkt gelangten, an dem sie eintauchten und wieder das Wasser wegdrückten. Anfangs nahm ich mir Zeit, die Bewegung möglichst weit und perfekt auszuführen, doch mit der Zeit wurde ich schneller. Ich wollte vorankommen, ganz ohne Ziel. Und so schaufelte ich das Wasser umher und spürte, wie sich Schweiß auf der Stirn sammelte. Dann sah ich einen Tropfen vor meinen Augen gen Boden fallen und ich fragte mich, ob man das Wasser mit dem eigenen Schweiß bis zur Kante füllen konnte. Ich wünschte es mir sogar, damit ich rudernd untergehen konnte. Es wäre mir egal gewesen. Nein, es wäre mir ganz recht gewesen. Und dann merkte ich, wie mir die Puste ausging. Meine Arme brannten schon längst, aber jetzt kam auch mein Atem nicht mehr nach.

Ich löste meine Hände von den Griffen und legte mich hin. Anfangs hörte ich nur meinen lauten Atem und spürte die Arme und den Rücken. Dann aber bemerkte ich den wolkenlosen, blauen Himmel und die Sonne, die auf mich schien. Ich musste loslachen. Ich lachte über den Mann, der ich noch eine Stunde zuvor war. Vollkommen missmutig. Mies gelaunt raunte ich Leute an, die mir im Wege standen. Immer mehr fraß sich diese Wut auf jeden und alles in mich und ich kam da nicht heraus. Jetzt im Boot merkte ich erst, wie lächerlich all das war und ich wünschte mir, schon früher so über mich gelacht zu haben, denn wie viele Leute hatte ich wohl angesteckt. Mir blieb das Grinsen im Gesicht. Es brachte nichts, sich schuldig zu fühlen. Es war besser, über sich selbst zu lachen.

Die Taufe

Ich fühlte mich merkwürdig entspannt mitten im Hörsaal. Da saß ich vor den ganzen Studierenden und sie blickten mich an. Sie durften mir Fragen stellen, so hatte ich es mit ihrer Professorin vereinbart und das taten sie auch. Die meisten Gesichter waren noch sehr jung. Es gab keine Falte, die sich ins Gesicht gefurcht hatte. Das waren also die Ärzte der Zukunft. Sie waren alle so kindlich. Und ich saß da vor ihnen in Unterhose. Ich hatte sogar überlegt, selbst auf diese zu verzichten, aber im Endeffekt hätten sie da auch nicht mehr von den Blasen auf meiner Haut gesehen, sie hätten allerdings gewusst, dass sie eben auch im Intimbereich zu finden waren.

Und dann war da doch ein etwas älteres Gesicht und es hörte den jungen Fragen und meinen Antworten aufmerksam zu, bis es sich meldete und genau die Krankheit diagnostizierte, die ich hatte. Jene Krankheit, die zuvor von zwei älteren Ärzten nicht erkannt worden war und die mich trotzdem nicht sofort zu einem Spezialisten geschickt hatten. Da saß er also, mein persönlicher Patch Adams. Ich hatte ihm in meiner Fantasie eine rote Clownsnase aufgesetzt. Die Professorin war ganz erstaunt und er berichtete, dass er schon mal einen solchen Fall in einem Praktikum gesehen hatte.

Der hat sich das einfach gemerkt, weil er dafür brennt, dachte ich mir. Ich vermutete weiter, dass er wohl schonmal was anderes studiert oder gearbeitet hatte, bis er merkte, dass es da eine Sache gibt, für die sein Herz schlägt und er war so mutig, sich dafür zu entscheiden. Ich war mir sicher, dass er ein guter Arzt werden würde. Die anderen Studierenden würden wohl eher zu jenen Nasen verkommen, die nicht erkannten, was mir fehlte und die mich durch ihr Unwissen dem Tod überließen. Ich hatte den Kampf gewonnen, weil der eine der zwei Ärzte am Ende doch noch verstanden hatte, dass es mir verdammt übel ging und dass er keine Ahnung hatte. Er gab es zu und rettete damit mein Leben, denn in der Klinik erkannte man das Syndrom, welches selten ist, aber doch immer mal wieder auftritt.

Dieser Kampf schien schon so weit hinter mir zu liegen und ich fragte mich mittlerweile, warum ich auf zwei Ärzte gehört hatte und nicht von Anfang an in die Klinik gegangen war. Ich war nicht sauer, denn ich war zuvor mit meinem Leben an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr fortführen wollte. Und mein Leben hatte entschieden, mir diese Wahl zu überlassen: Tue nichts und du wirst Blasen in deiner Lunge haben, die dich umbringen, sobald eine platzt oder nimm dein Leben an und lass dir helfen. Ich entschied mich für die zweite Option und lag elf Tage im Krankenhaus, wovon ich die ersten drei Tage nur an die Decke starrte. Mein Zimmerkollege, ein Mann Mitte vierzig, der gut gelaunt seinen Fernseher laufen ließ, fragte mich, warum ich meinen nicht anschalten würde. Ich wusste es nicht. Vielleicht war es die Angst, dass ich es falsch machen würde oder dass man dafür was bezahlen musste. Oder ich wollte ganz einfach nicht. Ich kannte diesen dauerhaft laufenden Fernseher schon aus meiner Wohnung, der mich ablenkte, wenn die Gefahr der Ruhe aufkam. Ich hatte die verdammte Kiste in den elf Tagen nicht einmal an. Stattdessen tanzte ich auf dem Rasen vor dem Gebäude zu der Musik aus den Kopfhörern, die mir ein Freund mitgebracht hatte.

Und ich setzte mich nackt bis auf die Unterhose in einen Raum von jungen Menschen. Ich, der sich nie gern nackt oder wenig angezogen gezeigt hatte. Ich war doch so hässlich dünn. Es war mir alles egal geworden.

Johannes war ein kräftiger Mann, das musste er auch sein, denn die Menschen, die er unter Wasser drückte, begannen irgendwann sich zu wehren, weil ihnen die Luft wegblieb. Sie sahen ihr Leben an ihren Augen vorbeiziehen und als Johannes sie wieder an die Luft zerrte, waren sie wie neugeboren. Ich stellte fest, dass solch eine Taufe ganz sinnvoll sein kann, um mit sich ins Reine zu kommen. Immer mal wieder.

Der Anfang

Der Tag war lang, heiß und anstrengend gewesen. Die ewiggleichen Fragen der Kundschaft hatten mich genervt, ebenso wie deren Undankbarkeit. Wir litten alle in der Hitze.

In meinem Zimmer angekommen und warf ich mir ein Handtuch um den Hals, um den Schweiß aufzufangen, der mir nach der Fahrt mit dem Fahrrad ganz selbstverständlich aus den Poren kam. Ich setzte mich, klappte meinen Laptop auf und suchte nach irgendetwas, das mir diese Welt erzählen wollen würde. Aber da kam nichts. Also klappte ich das Ding wieder zu und spürte, wie mich eine Müdigkeit und Schwere überkam, der ich mich auf meinem Bett hingab.

Ich schlief nur einen Moment. Den Traum konnte ich beim Erwachen nicht festhalten, weil ich als erstes meinen Kopf gedreht hatte. Der Schweiß klebte feucht an mir und ich beschloss aufzustehen und mich wieder auf mein Rad zu setzen. Und so rollte ich in Richtung des Flusses. Die Welt zog eigenartig an mir vorbei, als würde ich gar nicht in ihr sein. Alles glitt an mir vorüber und es faszinierte mich nicht. Es betrübte und es erheiterte mich nicht. Keine Wut und keine Angst keimte auf. Ich war in meiner Blase und radelte ein wenig am Fluss entlang. Ich machte kehrt und fuhr wieder heim.

Zuhause angekommen überkam mich der Durst und ich griff mir eine geöffnete Flasche aus dem Kühlschrank und trank sie in einem Zug aus. Meine Mitbewohnerin Lina kam herein und fragte mich: „Alles okay?“ Ich nickte: „Ja.“ Sie stellte in einem fragenden Ton fest: „Du hast gerade den Wein auf ex getrunken.“ „Ja, der war so wunderbar kühl“, entgegnete ich und stellte fest, wie süßlich er geschmeckt hatte. Ich räumte ein wenig in der Küche auf und plötzlich vernahm ich einige unklare Worte von Lina und fragte: „Ähm was?“ „Du hast wirklich nicht zugehört?“, fragte sie erheitert. Ich war einfach nicht da und es fühlte sich gut an. Es war eine Zufriedenheit, die ich da in mir spürte und die ich mir nicht rauben ließ. Sie verstand mich und ließ mich allein.

Ich begann die Küche zu putzen und fragte mich, wie ich in diesen Zustand gekommen war. War es, weil ich direkt vom Traum aufs Rad gestiegen bin? War mein Kopf noch in der Traumwelt geblieben, während mein Körper durch die Realität schritt? Der Zustand genügte mir. Mein Leben hatte die Schwere verloren, aber auch den Wert. Ich hätte direkt sterben können und es wäre in Ordnung gewesen. Mir wurde das Leben egal und ich hätte morden können, ohne mich von der Moral nerven zu lassen. Mir kam es vor, als könnte ich eine Wahrheit erkennen, die mir sonst durch Filter verschlossen blieb. Es war ein herrliches Gefühl. So viel Gott und so viel Buddha hatte ich gar zu erleben erwartet. Ich ging glücklich in mein Zimmer und begann zu schreiben.

Auf der Suche nach Ms Right

oder wie ich meine rechte Hand entdeckte

Die Liebe fürs Leben finden, das ist doch das Ziel, das einem eingeimpft wird. Tja und da steh ich nun in den Klamotten, die meine Mutter mir kaufte. Mein Gesicht ist nicht schön, doch die grüne Hornbrille packt noch einen drauf. So werde ich niemals ein Herz erobern, aber dafür habe ich zumindest einen besten Freund. Der hat so gar kein Problem damit, eine Frau klar zu machen, ebenso wenig, wie mein Vater und mein Bruder. Und meine Mutter, die braucht auch nie nach Blicken der Männer zu suchen, so wie diese ihr zufliegen. Also liegt es an mir. Die Haare sind hinten zu lang und vorn zu kurz, aber das ist gerade im Trend, ebenso wie die Hornbrille. Lerne ich ein Mädchen kennen, dann pocht das Herz und in Gedanken sehe ich uns gemeinsam den Schulweg spazieren. Es bleibt bei den Gedanken. Was wohl mein bester Freund so denkt, wenn er ein Mädchen kennenlernt?

Die Fantasien nehmen andere Bilder an, als mir die Macht meiner Hand bewusst wird. Ein Orgasmus jagt den nächsten, doch zu gutem Sex gehören eben doch zwei Personen und nicht fünf Finger, aber was weiß ich schon, wo es nicht einmal zu einem Kuss kam. Die Hornbrille weicht einem dünnen Gestell und die Haare werden auf einige Millimeter abrasiert. Das mag maskuliner wirken, mich aber nicht mehr zum Mann machen, der ich doch so sehr sein will. Und doch, irgendwie klappt es dann doch. Es ist das süßeste Mädchen der Klasse und ein Kuss ist mir vergönnt, danach wieder Handbetrieb, aber es wäre auch zu krass gewesen, wenn ich all die Level hätte überspringen können. Nö, stattdessen geht es wieder zurück auf Start, bis dann endlich mal doch ein Mädchen ebenso schüchtern wie ich, den Blick hinter all das wirft und erkennt, was da noch so vorhanden ist. Ein Mensch, der so viele Gedanken an die Welt verliert und dabei selbst so verloren wirkt.

Der Sex…ist nicht gut. Die Beziehung…ist noch schlechter. Und so bin ausgerechnet ich es, der ein Herz bricht. Das erste. Die Welt verändert sich, aber ich mich nicht. Es kommen doch immer mal wieder Frauen, aber sie gehen auch wieder. Der Spruch, dass man einfach nur man selbst sein müsste, er klingelt immer wieder und er wird gehasst. Er steht auf einem Zettel im gleichen Glas, in dem man auch „andere Mütter haben auch schöne Töchter“ oder „das wird schon“ findet. Jenes Glas habe ich fest verschlossen und in die dunkelste Ecke gestellt, damit es nicht nervt mit seinen Aussagen. Und irgendwann sind sie egal. Die Frauen? Ja, irgendwie schon, aber eigentlich eher die falschen Wunschträume. Das Leben bietet so vieles an, aber ich konnte es nicht sehen, weil mein Blick nur nach dem einen lächelnden Gesicht suchte, da irgendwo in der Menge.

Mein Leben war plötzlich frei, es wollte sich nicht mehr eines Weges begnügen, den andere beschrieben hatten. Auf diesem Weg begegnen mir plötzlich so viele lächelnde Gesichter, doch wen interessiert es schon, denn andere Mütter haben auch schöne Töchter. Einem gebrochenen Herzen rufe ich hinterher, dass das schon werden wird, während ich gleichzeitig in die Sonne blicke. Aha, so ist das also. Und plötzlich steht da der kleine Junge mit Hornbrille vor mir, die sind schon wieder voll im Trend… „hör nicht auf DIE“, will ich ihm sagen, aber er würde es nicht verstehen. Er findet schon seinen Weg und ist dabei die Person, die er eben ist. Irgendwann. Wenn er bis dahin die Frisur von MacGyver tragen muss, dann ist das eben sein Leidensweg. Aber seine Gedanken, die werden immer die seinen sein.

Zersprengt

Mit einem lauten Schrei rannten wir aus unseren Gräben und stürmten über das weite Feld. Neben mir lief mein bester Freund. Wie mein Schatten rückte er nie von meiner Seite und als ihn eine Kugel erwischte, sah ich, wie er neben mir zusammenbrach. Ich durfte nicht anhalten, das hatten wir uns geschworen, aber meine Wut steigerte sich. Die da drüben, die würden dafür bezahlen. Ich schaffte es in den nächsten Krater und fand dort einen Feind, dem ich das Bajonett  sofort in die Brust stach. Er wehrte sich nicht und hatte die Arme gehoben, doch ich kannte kein Mitleid mehr. Er röchelte ein „André“ heraus und ich zuckte zusammen. Woher nur kannte der meinen Namen? Ich säuberte mit etwas Wasser sein Gesicht und erschrak, als ich es erkannte. Es war mir so bekannt, aber ich hatte es Jahre nicht mehr gesehen, denn es war das meinige. Zumindest sah es früher so aus. Jetzt war es von Blut und Dreck beschmutzt, aber das konnte man abwaschen. Mein Gesicht sah schon seit Jahren nicht mehr so aus, weil es von Hass erfüllt war, doch das meines sterbenden Bruders war es nicht – es war voller Vergebung.