Ein Kutter aus Kalkutta. Teil 8 – Zwischen den Kontinenten. Inmitten der Kulturen

Zum Beginn der Geschichte

Die Stadt am Bosporus erschlug mich. Was für eine Masse an Stadt, Kultur und Menschen. Die Architektur erinnert mich an die Menschen in Hamburg. Der alte Ehrenwerte sitzt neben dem heruntergekommenen, schlaksigen und jungen Kerl in knallbunten Klamotten. Sie geben ein ungleiches Paar ab, aber sie sitzen friedlich beieinander und trinken ihr Bier oder ihren Tee, je nachdem ob man in Hamburg sitzt oder durch die Gassen Istanbuls zieht.

„Kennst du das, wenn du morgens aufwachst und dich fragst, in welchem Leben du eigentlich steckst?“, fragte ich Pete. „Nö. Für mich ist die Welt ein riesengroßer Spielplatz, auf dem ich ständig Neues erlebe und Menschen kennenlerne.“ „Mir geht es da gerade anders. Ich weiß gar nicht, zu wem das Leben bisher gehörte. Dieses hier fühlt sich nach mir an.“ „Dann lebe doch auf diese Weise. Hör auf darüber zu reden und nachzudenken und mach es einfach“, sagte Pete in einer sehr ruhigen Art. Er redete mir gut zu.

Istanbul wäre ein guter Anfang. Wie offen und liberal der Umgang hier war, das war es doch, wonach ich suchte. Oder Bulgarien, da hatte ich doch auch schon eine Heimat gefunden, aber statt zu bleiben, lief ich weiter. Die Reise sollte bis Indien gehen, das beschloss ich in dem Moment und dann würde ich weitersehen.

Teil 9

Wir sind Weltmeister

Vergangenheit Gegenwart Zukunft / Past Present...
Vergangenheit Gegenwart Zukunft / Past Present Future (Photo credit: Herr Olsen)

Wer bei dieser Überschrift die Augen verdreht, darf gern weiterlesen, denn es wird keine Lobeshymne auf einen Rennfahrer werden. Vielmehr nahm ich jene Zeile, weil ich damit rechne, dass sie so morgen auf Seite Eins mancher Zeitungen stehen wird. Und da sind wir schon bei dem Punkt, der mich stört, denn wer sind denn diese „wir“? Diese Wir, die schon Papst und Bundeskanzlerin geworden sind, damit soll ich mich wohl als Deutscher angesprochen fühlen und frage ich mich stattdessen, wann die Überschrift „Wir sind Nationalisten“ in den Zeitungen stehen wird, denn das steckt dahinter. Es ist mir recht egal, ob Vettel nun Weltmeister ist oder nicht, wenngleich ich es immer schön finde, wenn ein Mensch seine Träume verwirklicht. Ich habe aber dafür nichts getan und deswegen empfinde ich keinen Stolz und fühle mich auch nicht als Weltmeister.

Ich war immer sehr froh, in einem Land aufgewachsen zu sein, dass sehr vorsichtig wird, wenn es um ein blindes Wir-Gefühl ging. Ich bin froh, in einem Land zu leben, dessen Menschen es schafften, eine Trennung zu überwinden. Ich bin froh in einem Land zu leben, dass mir so viele Möglichkeiten und so viel Schutz bietet. Aber bin ich stolz darauf, ein Deutscher zu sein? Die Frage kann ich verneinen, denn Stolz ist ein Gefühl, dass man allein auf sich und seine Leistung beziehen sollte.

Ich bin einfach nur glücklich hier leben zu dürfen, dennoch sehe ich mich eher als Europäer und würde mir sogar wünschen, mich irgendwann als Weltmensch sehen zu dürfen, aber dieser Wunsch scheint momentan in weite Ferne gerückt zu sein. Stattdessen scheint man lieber Antieuropäer zu sein. Sich dafür zu schämen, Europäer zu sein, wäre ja noch verständlich, wenn man sich darauf bezieht, wie wir in der Vergangenheit mit anderen Menschen und Volksgruppen umgingen, aber das ist nicht Grundlage des Anti-Europäismus. Es ist auch nicht der aktuelle Umgang mit Flüchtlingen, der es mal für eine Woche in die Schlagzeilen schaffte, sondern es ist das vermutete Scheitern einer geldpolitischen Union, die mir aber vollkommen egal ist, weil sie für mich nicht das Europa-Gefühl ausmacht.

Ich liebe unsere Einstellung zur Freiheit und zur Einheit, zum Willen, keinen Krieg mehr führen zu wollen. Wir sind verliebt in die Höhen unserer Vergangenheit, seien es Dichter und Denker oder antike Philosophen, deren Horizonte damals weiter waren, als er es heute ist. Wir bewahren und erinnern uns lieber, als ständig etwas Neues schaffen zu wollen. Geschichte ist für uns nicht nur eine Aufzählung von glorreichen Schlachten, sondern auch von Fehlern.

Europa bedeutet für mich, grenzenloses Reisen und die unterschiedlichsten kulinarischen Genüsse. Europa bedeutet für mich, Freunde zu haben, die einem helfen, einen ermahnen und nicht in Wettstreit stehen. Vermutlich ist mein Blick auf Europa schon nicht mehr korrekt, denn wir orientieren uns zu sehr an Amerika, das seine Kraft aus dem Wettkampf und nicht aus der sozialen Unterstützung zieht.

Ich sehe mich nicht als Weltmeister und noch nicht als Weltbürger, aber ganz sicher als Europäer.