Kommen und gehen

Und alles lief davon. Kein Grashalm drehte sich um, kein Baum verabschiedete sich. Alles flog vorbei und hatte es enorm eilig, um hinfort zu ziehen. Der Wind strich über die Gräser, als würde er sanft über die Haare auf dem Kopf eines kleinen Kindes streichen. Behütend. Doch mir blieb nur der Abschied, während ich im Zug saß. Leb wohl, grünes Gras! Leb wohl, Baum! Leb wohl, Feld! Leb wohl, Bahnhof! Leb wohl, Bahnübergang! Leb wohl, Schranke! Leb wohl, all ihr Menschen dort draußen! Ich sagte „leb wohl“ und nicht „auf wiedersehen“. Ich bin da ehrlich, denn wer weiß, ob wir uns nochmal wiedersehen werden. Oder pessimistisch, ich gehe immer davon aus, dass man nicht nochmal das Glück hat, sich ein weiteres Mal zu begegnen. Zu viele Menschen kamen und gingen und kamen nicht wieder. Das ist in Ordnung so. Wir Menschen sind so. Wir haben einen Moment, in dem wir uns begegnen. Manchmal sind es nur einige Minuten. Manchmal Tage oder Wochen und manchmal Jahre. Aber irgendwann geht jeder wieder seines Weges. Es hat etwas beruhigendes. Es ist die Gewissheit, dass das Leben so ist.

Weg

Gewisse Dinge sind unsinnig und zeigen den Fehler unserer Zeit. Der Kauf dieses Autos zum Beispiel. Das Wort Auto sei mal noch dahingestellt, aber es hatte eine gültige Plakette auf dem Nummernschild, das zählte und dass es tatsächlich noch fahren konnte. Es hatte mich sogar einige hundert Kilometer problemlos mitgenommen. Gut, wenn der Motor kalt war, dann stotterte er beim Gasgeben, aber das gab sich ja. Viel ärgerlicher war, dass der Fensterheber klemmte, vermutlich mit Absicht. Das Gefühl von Freiheit kam dennoch auf, als ich die Musik aufdrehte und meine Heimat hinter mir ließ. Nur für ein paar Tage und so ganz war mir nicht klar, wohin. Nur grob kannte ich mein Ziel. Brot, Öl und Käse waren eine günstige Stärkung. Die Rückbank sollte mein Bett sein, hatte ich mir gedacht, aber ein verlassener Strand und mein Schlafsack waren mir eine geliebte Alternative, zumindest nachdem ich eine windgeschützte Stelle gefunden hatte.

Das Leben braucht nicht viel. Geld ist absolut notwendig, da mache ich mir keine Illusionen, aber all die Dinge, die uns vom Denken, vom Fühlen, vom Spüren abhalten, von denen sollten wir uns immer wieder bewusst befreien. Das ist kein Geheimnis oder eine kaum bekannte Erkenntnis, die ich erzähle und die niemandem klar wäre, aber gerade deswegen ist es umso verwunderlicher, wie schwer wir uns damit tun, all den Blödsinn abzulegen. Man könnte ja etwas verpassen. Und dabei verpasst man das Leben.

Der alte Mann (Teil acht)

Tom blickte mich an. Er holte Luft, doch statt etwas zu sagen, hustete er aufs Wildeste los. Er hielt sich die Hand vor den Mund. Als er sie wieder vom Mund nahm, klebte Blut an ihr, welches er mit ausgehustet hatte. Ich stand sofort auf, da hielt Tom seine Hände schon abwehrend vor sich. Bis ich ihm erklärte, dass ich ihm nur zum Waschbecken helfen wollte. Ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch ist, in solch einer Situation zu husten, aber es musste raus, das war doch nur natürlich.

Während er über dem Waschbecken hing, öffnete ich den Schrank darüber, in der Hoffnung, irgendein Medikament zu entdecken, das seine Beschwerden lindern könnte. Ich fand nichts außer Handtüchern und etwas Hartem, das unter ihnen lag. Ich zog es hervor und sah ein Foto mit einer Frau, die meine Mutter hätte sein können. Aber meine Mutter war wohl eher das kleine Mädchen zwischen jener Frau und ihrem Mann. Ich legte das Bild zurück, half Tom beim Reinigen seines Gesichts und überredete ihn dann, mit mir in die Stadt zum Arzt zu fahren. Der Griff nach meinem Rucksack war eher automatisch – in der Situation absolut notwendig – um die Proben mitzunehmen.

Tom schwieg die Fahrt über. Er versuchte mich mehrfach davon zu überzeugen, doch wieder umzukehren, aber den Gefallen tat ich ihm nicht. Er sah es als meinen Egoismus, nicht vollkommen ohne Familie dastehen zu müssen, dabei war er doch egoistisch, dass er langsam sterben wollte, nur konnte ich ihm das nicht sagen. Ich fuhr entspannt, denn es war kein Notfall. Tom ergab sich irgendwann seinem Schicksal und schien die Fahrt sogar genießen zu können.

Die Zeit im Wartezimmer kam mir endlos vor. Tausendmal plante ich, wie ich die Proben einpacken und wegschicken würde. Ich überlegte, ob es nicht sinnvoll war, sie dem Arzt zu geben, aber das war hier nicht gerade ein gut ausgestattetes Krankenhaus mit Labor. Vermutlich würde der Arzt Toms Brust abhören und ihm irgendwelche Tabletten verschreiben, die ich ihm später unters Essen mischen musste. Als er aufgerufen wurde, trennten wir uns. Ich ging zuerst zum Telefon und ließ mir die ansässigen Firmen durchgeben. Da waren schon welche dabei, die mit Chemikalien arbeiten müssten, aber es klang alles nicht so passend. Mein Bekannter wollte wohl absichtlich zeigen, wie viel er herausgefunden hatte, denn die einzig auffällige Firma nannte er mir als letztes und tatsächlich lag für jeden von uns dort die höchste Wahrscheinlichkeit, den Verdächtigen gefunden zu haben.