Feuer und Flamme, Schall und Rauch (1)

Wie sehr ich diesen Platz vermisst hatte, wurde mir erst bewusst, als ich wieder hierher kam. Diese Höhle, die noch immer gut versteckt im Wald neben unserem Haus liegt. Ich hatte sie als kleiner Junge gefunden und sie war mein Versteck und Refugium. Mein bester Freund kannte sie und meine erste Freundin hatte so einige Stunden mit mir hier verbracht. Wir hielten Händchen und küssten uns. Mehr passierte damals noch nicht und irgendwie war damals alles einfacher, so scheint es mir jetzt und damals, da war es so unendlich schwer. Es fiel so schwer ihre Hand zu greifen oder ihr in die Augen zu blicken. Der erste Kuss selbst war wohl ähnlich schwer, wie ich mir damals den Bau des Kolosseums oder der Pyramiden vorstellte.

Die Steinwände dieser Höhle waren rau und ich fuhr nur zu gern darüber und kratze mich dabei leicht. Es war, als würde ich mit den kleinen Rissen in meiner Haut auch die Decke, die auf meinen Erinnerungen lag, aufreißen. Ein wenig trockenes Geäst lag herum und ich überlegte, ob ich es wieder einmal wagen sollte, ein Feuer zu entfachen, ich entschied mich jedoch dagegen, die Vernunft eines Erwachsenen ist stärker als der Spieltrieb des kleinen Jungen. Meine Eltern hatten mich damals hier gefunden, als ich neben dem Feuer eingeschlafen war. Sie erzählten mir später, dass sie kaum durch die Tücher atmen konnten, die sie sich vor den Mund hielten und dass mein Vater sein Tuch fallen ließ, als er mich am Boden fand und nicht zu atmen wagte, bis er mich herausgetragen und einige Meter vor der Höhle abgelegt hatte. Und auch da atmete er nur ein, um mir frische Luft in die Lunge zu pressen. Zum Glück war damals kein Feuer im Wald ausgebrochen. Zum Glück hatte ich nur eine Rauchvergiftung.

Den Geschmack von Rauch habe ich bei diesen Gedanken wieder auf der Zunge, wenngleich es mehr als zwei Jahrzehnte her ist. Aber das macht uns Lebewesen eben aus, wer sich einmal verbrennt, der wird in Zukunft vorsichtiger sein. Warum nur waren meine Eltern nicht vorsichtiger im Umgang mit ihrem Kamin. Warum bin ich heute hier und kann sie nicht mehr vor dem Ersticken retten?

Der alte Mann (Teil zwei)

Was er wohl denken mochte, während er in seinem Boot saß? Überlegte er womöglich, wer ihn besuchte und warum dieser uneingeladene Gast seine Weigerung, sofort ans Land zu rudern, nicht verstand und sich nicht wieder davonmachte? Es wäre wohl durchaus ein Gedanke, der mir kommen würde, wäre ich dort draußen. Aber vermutlich ahnte er schon, wer ihn besuchen wollte. Den Grund an sich könnte er unmöglich wissen. Woher auch? Wie konnte er ahnen, dass er seit ein paar Tagen mein einziger Verwandter auf dieser Welt war? Mein Vater war nie ein Bindeglied zwischen meinem Großvater und mir gewesen. Die beiden konnten sich nicht ausstehen und ich erinnere mich noch an einen Streit zwischen ihnen. Ich lag damals im Bett und sollte schon schlafen, stattdessen schlich ich durchs Haus und suchte noch nach einer Kleinigkeit, die ich naschen konnte. Gerade als ich die Treppe wieder hinaufgegangen und schon fast in meinem Zimmer verschwunden war, hörte ich die Stimme meines Vaters, der meinen Großvater anschrie. Er warf ihm vor, meiner Mutter nicht ausgeredet zu haben, dass sie in der Nacht zu ihm fahren wollte. Türen knallten und wir blieben allein zurück. Danach wurden die Besuche meiner Großeltern seltener und endeten mit dem Leben meiner Oma.

Da draußen saß er nun. Ob er wohl oft angelte? Ich erinnere mich nicht daran, dass er mit mir jemals angeln war, aber das wäre eh nichts für mich gewesen. Als Kind plapperte ich ohne Unterlass und hätte so wohl jeden noch so tauben Fisch verscheucht. Mittlerweile könnte ich mit ihm still im Boot sitzen. Mir scheint, dass man mir eine gewisse Menge an Worten mitgegeben hat und ich den Großteil davon als Kind vor mich hin brabbelte. Und nun, einige Jahre später, bin ich sparsam geworden, ja fast schon knauserig, denn wer weiß schon genau, wann das letzte Wort gesprochen ist?

Es dämmerte bereits, da vernahm ich das leise Platschen der Paddel im Wasser. Er kam endlich heim. Als er aus dem Boot stieg, entfuhr ihm nur ein knappes „Hm“ und er ging blicklos an mir vorbei. Ich folgte ihm ins Haus und stellte mich vor: „Hallo, ich bins, dein Enkel. Erkennst du mich denn nicht, Großvater?“ Er antwortete darauf: „Nenn mich nicht Großvater, ich heiße Tom!“

Der alte Mann (Teil eins)

In dem Laden hatte man mich gewarnt. Ich hatte anhalten müssen, um nach dem Weg zum Grundstück meines Großvaters zu fragen. Der Verkäufer sah mich ungläubig an und verstand nicht, warum ich da hin wollte. Er meinte, dass der alte Mann die gesamte Zeit über mürrisch sei und niemand gern bei ihm sein würde, weil er niemanden bei sich haben wollte. Ich verschwieg, dass es sich um meinen Verwandten handelte und setzte mich wieder in meinen Jeep, nachdem ich den Weg erfahren hatte. Durch den Stopp konnte ich noch ein wenig frisches Brot und ein großes Stück Gouda kaufen. Das ist so eine Art Urlaubsproviant für mich. Sobald mich der Hunger überkommt, breche ich mir ein Stück Brot ab und esse dazu ein wenig Käse. Mehr braucht es nicht. Wir vergessen das nur zu gern, weil wir gewohnt sind, immer tausend Dinge im Kühlschrank zu verstauen. Es kommt uns gar nicht merkwürdig vor, dass jeder Haushalt über einen oder mehrere solcher Geräte verfügt, als hätten die Menschen früher nicht auch gewusst, wie man Essen so aufbewahrt, dass es einige Tage übersteht. Doch zurück zum Käse, der so köstlich mit frischem Brot schmeckt. Ich würde womöglich irgendwo noch einen Halt machen und ein paar Bissen davon essen, denn mit leerem Magen wollte ich dem alten Herren nicht gegenüberstehen.

Es ist schon gut zwei Jahrzehnte her, dass wir uns das letzte Mal sahen. Es war die Beerdigung von Oma und kurz darauf waren wir überrascht, als er aus der Wohnung ausgezogen war. Er hatte es niemandem mitgeteilt und wir vermuteten, dass er in jene Hütte gezogen war, die schon seit ein paar Generationen in Familienbesitz war. Wir hatten mal einen Urlaub darin verbracht. Ich erinnere mich noch, wie ich heimlich am Bier nippte, weil mein Vater es nicht ausgetrunken hatte. Der ekelhafte Geschmack von damals ist mir noch heute bekannt und eine bessere Vorbeugung es zu trinken hätte es nicht geben können. Ich kam an den See und sah die Hütte. Keine zwei Minuten später stand ich an der alten Holztür und klopfte an, doch es war kein Geräusch zu vernehmen. Ich ging zurück zum Auto und griff nach meinem Einkauf. Am Ufer würde ich mir ein köstliches Mahl bereiten, solange ich auf wartete. Auf dem See dann erblickte ich ihn. Er angelte in einem Holzboot. Vermutlich wusste er längst, dass ich hier war. Den Wagen konnte er kaum überhört haben. Also brauchte auch ich nun nicht nach ihm zu rufen oder wild zu winken. Hier würde ich auf ihn warten.

Ach, das ist doch ein Mädchen…

Es geht mal wieder auf Weihnachten zu und dementsprechend auf einen Besuch bei meinem Vater und seiner Familie. Letztes Jahr blieb ich allein bei mir Zuhause und fühlte mich damit sehr wohl, doch der Grund dafür lag ein weiteres Jahr zurück, als wir am Esstisch saßen und eine Diskussion darüber entbrannte, wie man damit umgegangen wäre, wenn das eigene Kind schwul geworden wäre. Es waren allerlei Dummheiten zu vernehmen, wie: „ach, das ist doch eh nur eine Zeiterscheinung, weil manche Kerle einfach keine Frau bekommen“ oder ganz typisch vom Stammtisch: „das ist doch auch unnatürlich“ und natürlich: „da wär ich heftig geschockt, damit könnte ich nicht umgehen.“

Nun mag ich Ehrlichkeit und dachte mir in dem Moment, dass es doch schön ist, wenn man wieder in die Provinz aufs Dorf kommt und man feststellt, dass die Welt dort noch eine flache Scheibe ist, während man hier in der (Groß-)Stadt zumindest anerkennt, dass die Scheibe womöglich gebogen sein könnte, ja hier sieht man sogar einen Regenbogen. Ich verhielt mich damals in dem Gespräch ruhig und ließ die Menschen reden, denen ich mich nie so sehr entfernt fühlte, wie in dem Moment. In diesem Jahr werden wir wieder an jenem Tisch sitzen und ich bereitete mich entsprechend vor. Googelte nach homo- und bisexuellen Tieren und suchte nach unschlagbaren Argumenten, wie der Friedlichkeit unter Bonobos, also „make love, not war“.

Eine weitere Form des Umgangs wäre ein „Outing“ gewesen, dass ich ja schwul sei. Die süßen Freundinnen von früher hätten immer eine Leere in mir hinterlassen und man solle sich nur erinnern, wie mal ein Bekannter der Familie seinen Spaß daran fand, mich immer wieder mit dem Kommentar zu belegen „ach, das ist doch ein Mädchen“ und er es damals schon wusste. Ich weiß nicht, ob ich dieses Spiel durchziehen könnte, aber zumindest küsste ich schon Männer und wurde auch von einem angebettelt, ihm einen zu blasen, was seiner Meinung nach nicht schwul sei, im Gegensatz zum Kuss mit einem Mann. Seine Dreistigkeit wurde übrigens nicht belohnt.

Ich weiß nicht, ob das Thema ein weiteres Mal aufkommen wird und warum die Sexualität eines Menschen überhaupt ein Gesprächsthema ist. Ich weiß nur, dass mein Vater nie Kinder haben wollte und es die einfachste Sache gewesen wäre, es mal mit Männern zu probieren und auch sein Rat, dass ich bloß ordentlich verhüten sollte. Nicht etwa wegen sexuell übertragbaren Krankheiten (warum gibt es bei uns eigentlich keine allgemein bekannte Abkürzung wie STDs?), sondern damit ich mich nicht der Gefahr aussetze, ein Kind zu bekommen (zu seiner Verteidigung sei erwähnt, dass HIV und andere Krankheiten durchaus Gesprächsthema in meiner Jugend waren, also gilt Verhütung auch zum Schutz vor Krankheiten bei ihm, aber der Fokus scheint woanders zu liegen). Ich lasse mich nun also überraschen und werde dieses Jahr den Kampf gegen die Windmühlen aufnehmen, wenn es denn dazu kommt.

Mit Haut und Haar (4)

Auf dem Heimweg kuschelten Ophélie und ich uns aneinander und hielten Händchen. Ich begleitete die gesamte Truppe mit nach oben in die WG, wo sich alle fertig fürs Bett machten. Jan spielte mit dem VW-Bus einer Mitbewohnerin Ophélies, während Marla zwar noch nicht müde war, aber begriff, dass es nun langsam ruhiger zugehen sollte. Sarah hatte Lene auf dem Arm, die auf dem Heimweg doch recht stark rumgequengelt hatte. Ich suchte nach meiner Freundin und fand sie auf dem Balkon, der neben der Küche angebracht war. Sie saß draußen und rauchte. Mir war danach, sie zu küssen, doch sie zuckte zurück. Das machte sie immer so, wenn sie rauchte oder gerade geraucht hatte. Ich nahm ihr die Zigarette ab und zog selbst daran. Ich kann nicht sagen, dass mir der Geschmack gefällt, eigentlich habe ich nicht viel dafür übrig, aber wenn es mir mies geht, dann nehme ich gern mal einen Zug. In diesem Fall gab es zwei Gründe dafür. Zum einen hatte mich der Tag ordentlich geschafft und zum anderen wollte ich meinen Kuss bekommen und so musste Ophélie keine Rücksicht nehmen. Wir redeten kaum miteinander, sondern genossen den Moment der Ruhe in der Dunkelheit. Das Licht aus der Küche erhellte uns kaum und einzig das Glimmen der Zigarette ließ ihre Gesichtszüge erkennen. Mir schien, dass sie ebenso geschafft von diesem Tag war, wie ich und es gab mir das gute Gefühl, dass wir beide wussten, noch nicht bereit für eigene Kinder zu sein, wie sehr mir die Idee auch gefiel, mit ihr welche großzuziehen. Das gehört mit zu den Besonderheiten unserer Beziehung, dass viele Dinge ganz wortlos zwischen uns klar waren, vermutlich, weil wir in jenen Punkten sehr ähnliche Ansichten vertraten. Es ging mir schon beim ersten Besuch ihres Zimmers so, als ich in ihrem Bücherregal stöberte und über Buchtitel stolperte, die ich zu einem großen Teil auch bei mir fand. Wer in unserem Alter liest schon wirklich aus Leidenschaft Hesse? Wir taten es. Als ich mich von Ophélies Schwester und ihren Kindern verabschiedete, kam es mir für eine kurzen Moment so vor, als würde ich mich von meiner eigenen Familie verabschieden. Auf dem Weg nach Hause lächelte ich, als mir der Tag durch den Kopf ging. Wie sehr ich mich auf ein Dankeschön Ophélies wegen der Lampe gefreut hatte und wie sehr ich dabei verdrängt hatte, dass sie Besuch erhalten würde und der Dank keine Zweisamkeit in ihrem Zimmer sein würde, sondern das Gefühl einer Familie mit dem Wissen, dass man eben doch nicht für sie sorgen müsste. Zuhause angekommen, entkleidete ich mich ließ mich auf mein Bett fallen und fiel sofort in einen tiefen und erholsamen Schlaf.