Denkfehler

Der größte Denkfehler von uns ist doch der, dass wir der Meinung sind, es besser zu wissen und besser zu machen, als die große Masse. Vielleicht hilft es ja, wenn wir begreifen, dass wir in diesem Fehlurteil vereint sind.

Die Fähigkeit einen Konsens zu finden zeichnet uns Menschen aus, dafür bedarf es keiner besonderen Begabung, einzig eine fundierte Meinung und die Fähigkeit einander zuzuhören, braucht es dafür. Wenn man jedoch davon überzeugt ist, dass man selbst vollkommen im Recht ist und die oder der Gegenüber somit im Unrecht, dann ist das keine Basis, um gemeinsam ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen.

Vertrauen scheint mir dabei die Grundlage zu sein. Vertrauen in eine ebenso weitsichtige Bereitschaft zum Zuhören und zum Revidieren der eigenen Gedanken beim Gegenüber. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, dass ich einem Menschen begegnet bin, der nicht über solche Eigenschaften verfügt hätte. Die Bereitschaft war dann eher fragwürdig, aber ich gelange auch meist erst nach einer gewissen Zeit zu Erkenntnissen. Während ich manche Kritik frühzeitig abzublocken scheine, arbeitet diese weiterhin in mir weiter und wird durch meinen Kopf wie durch Kuhmägen geknetet und widergekäut, bis ich selbst zu einer neuen Ansicht gelange oder die Kritik als ungerechtfertigt abtue.

Entdecke ich einen Denkfehler bei einer anderen Person und kann diesen Fehler auch nach längerem Überdenken nicht anders bewerten, so versuche ich die Person da abzuholen, wo sie steht und sie nicht direkt mit dem Fehler zu konfrontieren. Ich merke auch, dass man solch einen Denkfehler gern überspitzt und jene Überspitzung dem Menschen vorwirft. Wie könnte dieser Mensch anders als mit Ablehnung darauf reagieren?

Ein Mensch handelt ständig und wird sich dabei immer anders verhalten, als es ein anderer Mensch für richtig hält. Das ist nicht schlimm, sondern ein Teil unseres Individualismus. Ich bin der Meinung, dass das eigene Handeln immer dem Wohl der Umwelt dienen sollte, wobei Umwelt alle Lebewesen einschließt. Ich weiß nicht, wie viele Menschen mir in diesen Gedanken zustimmen, aber ich glaube doch, dass die meisten Menschen ebenso denken. Nun stellt sich mir nur die Frage, warum es dann so viele unsinnige Diskussionen gibt, in denen zwei vollkommen verschiedene Welten aufeinandertreffen. Ist das unsere Inkonsequenz zwischen Ideal und Realität?

Verrannt

Wie üblich schüttelte Charles mit dem Kopf, wenn er alte Schriften las. James hatte sich längst daran gewöhnt und fragte schon gar nicht mehr, wenn Charles danach skeptisch nach Luft schnappte. Er wusste, dass er sich gleich einen langen Vortrag anhören durfte. Er versuchte ihn zu beruhigen und auch dieses Mal hatte er sich nicht in seiner Auffassung getäuscht. „Was für bösartige Ignoranten das doch waren“, wetterte Charles. „Aber, aber, sie haben es doch nur gut gemeint“, entgegnete James, wohlwissend, dass er jetzt genau die falschen Worte gewählt hatte. „Ja, gut gemeint, wie kann es denn gut gemeint sein, wenn man seine Mitmenschen so quälte, obwohl man es einfach besser wusste?“ „Charles, wie oft hatten wir genau diesen Punkt schon, sie wussten es eben nicht besser.“ „Aber wie kann man es nicht wissen, nicht erkennen, wenn man doch nur seine Sinne nutzen musste. All das, was sie in ihrer so genannten wissenschaftlichen Suche benötigten, war dafür gar nicht notwendig. Man musste doch nur schauen, wie das eklig schwarz-braune Zeug aussah, was sie aus der Erde pumpten, um es überall zu verteilen oder zu verbrennen und dann in der Luft zu blasen. Sieht es nicht ganz genau so aus, wie jene Krebszellen, die sie in gleicher Menge aus den Menschen schnitten oder mit Chemie herausstrahlen wollten? Das muss einem doch auffallen und überhaupt, ich nenne es Folter, wenn man Menschen dadurch zu heilen versucht, dass man sie qualvoll umbringt.“ „Aber auch wir arbeiten mit Schmerzen, wenn wir Menschen heilen.Ja, keine Frage, aber wir strahlen dabei die Körper nicht zu Tode, sondern tun das, was der Körper ja auch tut, wenn er sich angegriffen fühlt. Er wehrt sich und dabei entstehen auch mal Schmerzen, zudem tun wir dank Hypnose ja nun wirklich alles dafür, dass der Schmerz nicht als solcher wahrgenommen wird, sondern als Teil unseres Daseins erfahren wird, in all seinen Facetten, nicht nur dem Verständnis, dass er schlecht ist, weil er weh tut.“ James war überrascht, dass Charles doch recht früh seine Tirade beendete und wieder ins Buch blickte. Er nahm an, dass dieser selbst einen Moment über das Gespräch reflektieren wollte, bevor er weitersprechen würde. Er musste schmunzeln, denn er fragte sich, wann Charles bemerken würde, dass er denselben Fehler machte, den auch jene Menschen damals machten, nämlich sich im endgültigen Recht zu glauben ohne neue und etablierte Erkenntnisse infrage zu stellen. Ja, die Menschen dieses zweiten Mittelalters waren blind in ihrer Ignoranz, aber wir sind nicht besser, wir machen nur andere Fehler.

Mein Vorbild (3)

Merkwürdig, wie sich die Biografien gleichen. Nie wollte ich wie mein Vater sein und muss mir doch eingestehen, ihm ähnlicher zu sein, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Denn auch ich hatte meine Libido über meine Gefühle gestellt und verlor dadurch die eine Liebe meines Lebens. Und auch das Kind, das man nicht kannte, habe ich mit meinem alten Herrn gemein. Er wusste, dass er eines gezeugt hatte und verschwand. Ich suchte nicht die Flucht, doch auch ich kümmerte mich nicht um mein Kind. Meine Unwissenheit genügt mir nicht als Entschuldigung. Doch mir scheint, ich habe ihr damit einen Gefallen getan, und ihr nicht meinen Schwermut „vererbt“. Ich kann ihr kein Vorbild sein und darf mich glücklich schätzen, in ihr den Lehrmeister gefunden zu haben, den ich mein Leben lang suchte, selbst wenn ich meine Lektionen in ihrer Abwesenheit erarbeiten muss.

Perfektion

Er bewunderte seine Mutter dafür, dass sie so spät nach Hause kam und dennoch jeden Tag alles putzte. Das Bad war danach immer so weiß und perfekt. Das war sein Anspruch. Als er auszog, versuchte auch er alles weiß und perfekt zu halten. Seine Wohnung war aufgeräumt, die Wände weiß und die wenigen Schränke ordentlich sortiert und mit einem Glasfenster verschlossen, denn so konnte nichts verstauben. Doch diese äußerliche Perfektion genügte ihm nicht. Er selbst musste makellos sein und so setzte er all sein Streben daran, heller und weißer zu strahlen und fehlerfrei zu werden.

Jeden Tag überprüfte er sich und seine Taten und jeden Tag merzte er Dinge aus, die nicht richtig waren. Als perfekter Mensch würde er wie jene Modelle auf den Magazinen sein und alle Welt würde ihn lieben. Und die Menschen lernten ihn kennen, und fanden ihn perfekt. Er besaß keine Kanten, an denen man sich stoßen konnte, war in allen Belangen ein guter und rechter Mensch. Doch keiner der Menschen war gern mit ihm zusammen, sie hatten Angst, dass man ihre Fehler neben ihm entdecken könnte. Die Einsamkeit traf sein Herz und er zog sich in seine perfekte Welt zurück.

Jahre später sagt das kleine Kind zu ihm, dass es in der Ecke staubig sei. Es ist ein Reflex, dass er zum Tuch greift, um den Staub wegzuwischen. Dann hält er inne. Nein, das hat er schon vor Jahren aufgegeben. Dann ist die Ecke eben staubig. So ist es eben, wenn hier jemand lebt. Er nimmt das große Tuch und lässt es über den Kopf des Kindes fallen. „Du darfst es gern wegwischen, wenn du magst.“, doch das Kind mag sich viel lieber unter dem Tuch verstecken.