Ein ganzes Halbes

Es zuckt in mir, als er meint, dass er an ganzes halbes Brot nimmt. Der Typ vor mir in der Schlange will also ein ganzes halbes Brot. Und ich erwarte irgendeine Regung von der Verkäuferin: Irgendwas; Ein Witz; Ein dummer Spruch; Ein ganzes Brot, das man der Länge nach halbiert; Oder das Herausholen des Inneren, damit es dem Gewicht nach ein halbes Brot, dem Äußeren nach ein ganzes Brot ist. Irgendwas – – – Nichts.

Sie gibt ihm ein verfluchtes halbes Brot und er geht. Ich wollte Brötchen haben, aber ich komme nicht umhin es herauszufordern: „Ich hätte gern die ganze zweite Hälfte von dem Brot eben.“ Sie packt es ein, nennt mir den Betrag und ich verabschiede mich, wir belassen es bei der stumpfsinnigen Ignorierung.

Es betrübt mich.

Es ist ein ganzes halbes Jahr schon rum und es fühlte sich merkwürdig an. Der Alltag zog ereignislos vorbei und die Tage gleichen sich. Es ist nicht schlimm, nur ungewohnt. Ich erlaube mir die Frage, ob das eine Art Gefängnis ist, doch ich muss mir eingestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie sich ein Gefängnis wirklich anfühlt und dass es Menschen gibt, die mir eine scheuern würden, weil sie Gefängnisse kennengelernt haben und zwar keine ganzen halben, sondern richtige. Menschen, die Strafen absitzen mussten, ohne das Wissen, wann es vorbei sein würde oder ob es jemals ein Ende dieser Strafe gibt. Strafen, die einem ohne eigene Schuld aufgeladen wurden. Nein, das halbe Jahr ist kein Gefängnis, das ist einfach nur verdammt viel Sicherheit und damit verbunden der zeitweise Verlust mancher Freiheit.

Ich stecke meinen Schlüssel ins Schloss. Er ist schon ein wenig verbogen, weil das Schloss manchmal nicht so recht will, aber mit ein wenig Druck klappt es dann schon. Ich drücke, doch der Schlüssel bewegt sich nicht. Ich erhöhe den Druck und höre ein Knacken, dann sehe ich, wie meine Hand wegrutscht. In meiner Hand ist der Schlüssel, ein ganzer halber. Die Tür bleibt verschlossen. Ganz verschlossen.

Die Wette

Es kommt mir manchmal so vor, als betrachten wir unser Leben wie eine Wette darauf, wer am längsten durchhält. Die Freiheit, die wir durch spontan ausgeführte Wünsche erlangen könnten, schränken wir ein, weil wir doch an Morgen und an Übermorgen und an alle Morgen danach denken müssen. Welch verrückte Idiotie, wo es doch kein anderes Leben als das im Jetzt gibt. Das vergangene Leben ist nur eine Erinnerung und oftmals nur eine Fantasie. Die Zukunft, die ist noch gar nichts. Also ab jetzt!

Regelwerk

Ben stand vor der Mauer und betrachtete sie. Seine gedachte Abkürzung durch den Friedhof sollte durch das alte Gemäuer zu einer Verlängerung werden. Er fragte sich: Warum bauen wir Mauern um einen Friedhof? Warum halten wir uns überhaupt an diese Mauern, hätten wir früher so etwas nicht einfach erklommen wären weitergelaufen, also mit Früher meine ich die Zeit bevor man Mauern baute. Die Zeit, in der man einfach durch die Natur schritt und einen Baum hochkletterte, sprang und lief und nicht im Bürostuhl Haltungsschäden bekam.

Ben blieb stehen. Er war sich unsicher, ob er gegen das Gesetz verstoßen sollte oder den Umweg gehen würde. Es war nicht richtig und ein Friedhof ist doch was Heiliges. Das geht einfach nicht. Oder doch? War diese Mauer und das Nicht-Erklimmen nicht vollkommen willkürlich? Was soll es denn. Er setzte den Schuh auf den gewundenen Absatz und konnte dadurch mit den Händen die obere Plattform der Mauer greifen. Mit viel Schwung kam er nach oben und setzte sich, um den neuen Blickpunkt wahrzunehmen. Er sah einen Typen im grünen Blaumann, der in seine Richtung kam. „Das geht nicht“, schrie dieser. „Doch, das geht“, rief Ben fröhlich lächelnd zurück und sprang zur anderen Seite herunter. Das Gefluche des Gärtners ließ er hinter sich und ging weiter Richtung Stadt.

An der nächsten Ampel holte ihn sein Gedanke wieder ein: Warum halten wir an einer Ampel an? Warum befolgen wir diese Regeln einfach? Er blickte nach links und nach rechts und es kam kein Auto. Er wollte losgehen und bemerkte die kleine Person neben sich. Da stand ein kleiner Junge mit seiner Mutter und die warteten ganz brav. Sollte Ben sich in die Erziehung des Jungen einmischen? Wäre er mitverantwortlich, wenn der kleine Kerl bei roter Ampel auf die Straße ging und von einem Auto erfasst würde. Ben beschloss die Ampel zu beachten und ärgerte sich dennoch über diese in die Luft geschriebenen Gesetze, die wir einatmen und denen wir uns unterwerfen. Von wegen Freiheit.

Es machte ihm zu schaffen und irgendwie schien die Freude verloren gegangen zu sein und die Welt mit ihren Regeln hängte sich schwer an seine Schultern und zog diese gen Boden. Er kickte einen Stein am Boden von sich weg und traf damit einen Mülleimer. Er war drauf und dran auch gegen diesen zu treten, bis er bemerkte, wie prall gefüllt jener war. Er blickte sich um und sah keinen weiteren Müll, nur diesen perfekt platzierten. Noch so eine Regel. Und plötzlich lachte er los. Na die waren gar nicht so schlecht, wenn sie dazu führten, dass der blöde Müll nicht überall rumliegt und ihm seinen schönen Weg zerstört. So ist das wohl mit diesen Regeln. Über eine Mauer wollte er aber dennoch gern mal wieder klettern oder eine rote Ampel hinter sich lassen.

Verschwommen

Die Straße und all die Menschen auf ihr verschwinden aus dem Fokus, wenn die Gedanken und Erinnerungen die Hoheit über das Sein gewinnen. Es ist keine Melancholie, sondern es sind lustvolle Gedanken, die durch den Kopf jagen. Ein Gesicht, ein Lächeln, eine Berührung. All das sind kleine Explosionen und Gedankensplitter in meinem Kopf. Bis plötzlich ein Mensch mich aus diesem Traum reißt. Man möchte mir etwas verkaufen oder mich zu etwas verpflichten, was weiß ich. Wann habe ich meine Zustimmung gegeben, dass mich Unbekannte aus meiner Traumwelt reißen dürfen? Sie dürfen es nicht. Sie sollen mir meine Ruhe lassen und den Versuch an meine Moral zu appellieren, den sollten gerade sie unterlassen. Wer handelt denn hier gerade unmoralisch und verletzt meine Grenzen? Noch einige Minuten bin ich verärgert. Dann zwinge ich mich zur Ruhe und lasse die Welt wieder verschwimmen.

Erkenntnisse eines Diebstahls

Nachdem mir in der Nacht von Freitag auf Samstag mein Fahrrad geklaut wurde, gab es jetzt schon einige Leute, die meinten, dass ich damit sehr entspannt umgehen würde. Mir ist heute bewusst geworden, warum das tatsächlich so ist.

Das Fahrrad selbst war ein Geschenk und kein günstiges. Der ursprüngliche Halter wollte sich gerade ein neues zulegen und meines war kaputt gegangen, so schenkte er es mir. Es war vorne und hinten gefedert und trug mich schon so einige Kilometer mit sich. Ich war nicht geschockt, als es weg war, das hatte ich schnell realisiert. Ich war eher mies gelaunt. Jedoch nicht wegen des Diebstahls an sich. Die Diebe nahmen mir nicht wirklich das Rad, sondern meine Mobilität und genau das war es, was mich störte. Die sechs Kilometer bis zur Stadt waren plötzlich meterhohe Mauern geworden. Heute fand ich ein Rad, welches vorerst geliehen ist, aber bald gibt es wieder einen eigenen Drahtesel. Die Leihgabe heißt Max und brauchte ein paar kleine Handgriffe, damit es auch im Dunkeln zu sehen ist, aber jetzt sind wir schon gut befreundet.

Ich nehme zwei Erkenntnisse aus dem Geschehen mit:
1. Der Verlust von Besitz stresst mich wenig, aber der Verlust meiner Freiheit umso mehr.
2. Wenn ich schon wegen des Verlustes eines Rades ein solch unwohles Gefühl habe, wie mag es dann erst für einen Menschen sein, der seine Beine verliert? Ist mir bewusst, wie hoch der Wert meiner Unversehrtheit ist? (Ja, das sind Fragen, aber auch Fragen können Erkenntnisse sein. Sag ich jetzt einfach mal so.)

Freiheit

Ich erinnere mich noch sehr genau an das erste Mal. Wie mir das Herz so stark schlug und sich mein Kopf anfühlte, als würde er gleich explodieren. Eine Angst stieg in mir auf. Sie war mein Feind, dessen war ich mir bewusst. „Denke einfach an nichts!“, hatte man mir geraten und ich wusste nicht, wie das möglich sein sollte. Texte sollte ich lesen und auswendig lernen, bis ich sie herunterbeten konnte. Sie hatten keinen tieferen Sinn, wenngleich ich immer danach suchte, wenn ich sie sprach und genau das war ihr Geschenk an mich. Mein Kopf suchte nach Sinn im Sinnlosen und meine Angst war vergessen. Der Körper zitterte noch leicht, aber wohl eher vom schneidenden Wind, der gleich zu meinem besten Freund werden würde. So war es beim ersten Mal und auch danach immer wieder, jedoch nicht mehr mit dieser schier unüberwindlich scheinenden Angst. Ich sprang von der Klippe und lernte in Freiheit zu fliegen.

Blickwinkel

Es war genau der richtige Platz. Die Sonne schien mir ins Gesicht und keine Menschenseele weit und breit außer dem humpelnden Alten, der sich gerade zum Angeln gesetzt hatte. Mein Blick fiel auf die Hügel der Stadt und auf ihre Weinstöcke. So schmeckt das Mittagessen gleich tausendfach besser. Es ist jene Ruhe, die man immer wieder suchen muss. Der Alte scheint sie gefunden zu haben. Er humpelte zu seiner Stelle, als hätte er den ganzen Tag für die paar Meter. Sehr beruhigend ist das.

Als das Essen vertilgt ist, mache ich mich auf und bemerke sie wieder. Sie, die Streben des Metallzauns. Ich hatte sie bereits bemerkt, als ich mich setzte und mich geärgert, dass sie gerade dort aufgebaut worden waren, wo ich mein Mittag essen wollte. Aber dann besann ich mich und machte mir bewusst, dass ich sie bald schon vergessen haben würde. Und so war es auch. Keine zwei Gedanken nach dem Setzen war der Zaun verschwunden, mein Auge sah in die Ferne und erblickte die verschwommenen Stäbe nicht mehr. Erst, als ich aufstand und an ihnen entlang ging. Als es nichts besseres oder schlechteres zu sehen gab und der Winkel sie enger erscheinen ließ, erst da bemerkte ich sie wieder. So ist das mit den Zäunen, die uns umgeben. Wir können sie schnell übersehen, sie und die Grenzen, die sie uns setzen. Wir müssen schon ein wenig vor und zurück gehen.

Ganz sanft

Welch hässliches Ding das ist. Man möchte es kaum anfassen, weil der Ekel emporsteigt, wenn diese fette Raupe sich über das Blatt schiebt und kleine Löcher hineinfrisst. Doch nur wenig Zeit braucht es, bis aus diesem Insekt der schönste Schmetterling wird. Der Ekel ist verschwunden und wird ersetzt von einem neidvollen Blick auf die Schönheit und Freiheit. Man will etwas davon abhaben und greift nach der Freiheit, die in diesen empfindlichen Flügeln steckt.

Mein soll er sein, doch das geht nur über seine Leiche.

Wie viel Glück er doch hatte, als er noch eine unbeachtete und ungeliebte Raupe war. Was ist es nur, das den Menschen dazu bringt, einfach nach dem zerbrechlichen Geschöpf zu greifen, anstatt die Handfläche auszustrecken und sich darüber zu freuen, wenn der Schmetterling einen kurzen Moment des Ausruhens darauf nutzt. So ist es mit den zerbrechlichen Geschöpfen. Wir dürfen nicht nach ihnen greifen und sie damit zerstören. Auch dürfen wir sie nicht aus Angst oder aus Lust an ihnen einsperren. Ihnen gehört die Freiheit und wir dürfen unsere Hände ausstrecken, damit sie uns berühren.

Talkin´ ´bout my generation

Da sind wir also nun. Diese eine Generation, der man keinen besonderen Namen gegeben hat, zumindest nicht den, der so offensichtlich wäre. Es gab eine Nachkriegsgeneration, aber eine Nach-DDR-Generation, die sucht man vergebens. Ist ja auch nicht weiter merkwürdig, denn man will ja gar nicht dazugehören. Dabei ist das eine ganz interessante Generation. Es sind Menschen, die sich trennten. Die Einen, die Zuhause blieben und sich mit sozialistischen Ideologien und Rechten rumschlagen müssen und die Anderen, die wegzogen, um das Leben zu leben, was sich unsere Eltern noch wünschten und wofür jene kämpften.

Schon komisch, dass wir die Menschen gar nicht wirklich ehren, die sich aufrafften und mit der Gefahr, eingesperrt zu werden, auf die Straße gingen. Nein, man will ja gar kein Ossi sein, denn das sind ja die mit dem merkwürdigen Dialekt. Das ist übrigens nicht sächsisch oder thüringisch sondern DER ostdeutsche Dialekt, weshalb die Leute dann immer ganz merkwürdig schauen, wenn man so hochdeutsch spricht, dass eine Herkunftsbestimmung unmöglich ist, aber aus dem Osten könnte man ganz sicher nicht sein, da spricht man ja nicht so.

Also wo ist eigentlich der Feiertag oder das Denkmal, das an die mutigen Frauen und Männer erinnert, die damals den Obrigen erklärten, dass sie das Volk seien? Es ist eben nicht der Tag der Einheit. Das ist zurecht ein gesamtdeutscher Feiertag und natürlich erinnern wir uns dann kurz daran, wie toll das war, als wir rübermachten. Es gibt dann die Sendungen, die mit der richtigen Musik und den passenden Bildern das Herz höher springen lassen, denn da waren sie plötzlich, die Vereinigung und die Freiheit.

Und nun gibt es uns, die Nach-DDR-Generation. Wir hörten von unseren Eltern, dass die Luft hier sauberer ist, aber verstaubt scheint hier ebenso einiges zu sein. Wir erwarteten Freiheit, weil unsere Eltern doch dafür kämpften und ja, jetzt haben wir sie und dabei ganz vergessen, dass sie kein automatisches Recht ist, sondern immer wieder erkämpft werden muss.

Wir hören uns mit stoischer Gelassenheit die schlechten Ossi-Witze an und lachen kurz mit. So wie man das eben macht, weil es eh keinen Sinn ergibt, sich darüber aufzuregen. Wir sehen mit einem unguten Gefühl die Typen mit Glatze und Bomberjacke und mit einem noch viel unwohleren Gefühl die Typen aus der gleichen Ecke, die in großer Zahl gar nicht mehr so einfach erkennen sind, weil sie begriffen haben, dass sie getarnt eher in die Köpfe der Menschen kommen.

Es ist schon unsere Aufgabe, die der Nach-DDR-Generation, an unsere Eltern zu erinnern. An ihren Kampf und ihre Ängste, aber auch an das, was sie erreichten und warum sie es taten. Angeblich meckern wir Ossis ja gern. Nun, wenn meckern bedeutet, dass man sich gegen das auflehnt, was falsch läuft und nicht mehr toleriert werden kann, dann erfülle ich gern das Klischee und meckere. Hier darf ich es immerhin. Damals, in dieser sogenannten demokratischen Republik wäre das unmöglich gewesen. Ich darf hier Missstände benennen und habe Mittel und Weg, dagegen vorzugehen, denn das erlaubt eine Demokratie ihren Bürgern. Die Pflicht des Wählens ist hier ein Privileg, dessen man sich gar nicht mehr bewusst ist. Veränderungen sind möglich, wenn man mit ihnen da anfängt, wo man selbst lebt.