Ganz sanft

Welch hässliches Ding das ist. Man möchte es kaum anfassen, weil der Ekel emporsteigt, wenn diese fette Raupe sich über das Blatt schiebt und kleine Löcher hineinfrisst. Doch nur wenig Zeit braucht es, bis aus diesem Insekt der schönste Schmetterling wird. Der Ekel ist verschwunden und wird ersetzt von einem neidvollen Blick auf die Schönheit und Freiheit. Man will etwas davon abhaben und greift nach der Freiheit, die in diesen empfindlichen Flügeln steckt.

Mein soll er sein, doch das geht nur über seine Leiche.

Wie viel Glück er doch hatte, als er noch eine unbeachtete und ungeliebte Raupe war. Was ist es nur, das den Menschen dazu bringt, einfach nach dem zerbrechlichen Geschöpf zu greifen, anstatt die Handfläche auszustrecken und sich darüber zu freuen, wenn der Schmetterling einen kurzen Moment des Ausruhens darauf nutzt. So ist es mit den zerbrechlichen Geschöpfen. Wir dürfen nicht nach ihnen greifen und sie damit zerstören. Auch dürfen wir sie nicht aus Angst oder aus Lust an ihnen einsperren. Ihnen gehört die Freiheit und wir dürfen unsere Hände ausstrecken, damit sie uns berühren.

Talkin´ ´bout my generation

Da sind wir also nun. Diese eine Generation, der man keinen besonderen Namen gegeben hat, zumindest nicht den, der so offensichtlich wäre. Es gab eine Nachkriegsgeneration, aber eine Nach-DDR-Generation, die sucht man vergebens. Ist ja auch nicht weiter merkwürdig, denn man will ja gar nicht dazugehören. Dabei ist das eine ganz interessante Generation. Es sind Menschen, die sich trennten. Die Einen, die Zuhause blieben und sich mit sozialistischen Ideologien und Rechten rumschlagen müssen und die Anderen, die wegzogen, um das Leben zu leben, was sich unsere Eltern noch wünschten und wofür jene kämpften.

Schon komisch, dass wir die Menschen gar nicht wirklich ehren, die sich aufrafften und mit der Gefahr, eingesperrt zu werden, auf die Straße gingen. Nein, man will ja gar kein Ossi sein, denn das sind ja die mit dem merkwürdigen Dialekt. Das ist übrigens nicht sächsisch oder thüringisch sondern DER ostdeutsche Dialekt, weshalb die Leute dann immer ganz merkwürdig schauen, wenn man so hochdeutsch spricht, dass eine Herkunftsbestimmung unmöglich ist, aber aus dem Osten könnte man ganz sicher nicht sein, da spricht man ja nicht so.

Also wo ist eigentlich der Feiertag oder das Denkmal, das an die mutigen Frauen und Männer erinnert, die damals den Obrigen erklärten, dass sie das Volk seien? Es ist eben nicht der Tag der Einheit. Das ist zurecht ein gesamtdeutscher Feiertag und natürlich erinnern wir uns dann kurz daran, wie toll das war, als wir rübermachten. Es gibt dann die Sendungen, die mit der richtigen Musik und den passenden Bildern das Herz höher springen lassen, denn da waren sie plötzlich, die Vereinigung und die Freiheit.

Und nun gibt es uns, die Nach-DDR-Generation. Wir hörten von unseren Eltern, dass die Luft hier sauberer ist, aber verstaubt scheint hier ebenso einiges zu sein. Wir erwarteten Freiheit, weil unsere Eltern doch dafür kämpften und ja, jetzt haben wir sie und dabei ganz vergessen, dass sie kein automatisches Recht ist, sondern immer wieder erkämpft werden muss.

Wir hören uns mit stoischer Gelassenheit die schlechten Ossi-Witze an und lachen kurz mit. So wie man das eben macht, weil es eh keinen Sinn ergibt, sich darüber aufzuregen. Wir sehen mit einem unguten Gefühl die Typen mit Glatze und Bomberjacke und mit einem noch viel unwohleren Gefühl die Typen aus der gleichen Ecke, die in großer Zahl gar nicht mehr so einfach erkennen sind, weil sie begriffen haben, dass sie getarnt eher in die Köpfe der Menschen kommen.

Es ist schon unsere Aufgabe, die der Nach-DDR-Generation, an unsere Eltern zu erinnern. An ihren Kampf und ihre Ängste, aber auch an das, was sie erreichten und warum sie es taten. Angeblich meckern wir Ossis ja gern. Nun, wenn meckern bedeutet, dass man sich gegen das auflehnt, was falsch läuft und nicht mehr toleriert werden kann, dann erfülle ich gern das Klischee und meckere. Hier darf ich es immerhin. Damals, in dieser sogenannten demokratischen Republik wäre das unmöglich gewesen. Ich darf hier Missstände benennen und habe Mittel und Weg, dagegen vorzugehen, denn das erlaubt eine Demokratie ihren Bürgern. Die Pflicht des Wählens ist hier ein Privileg, dessen man sich gar nicht mehr bewusst ist. Veränderungen sind möglich, wenn man mit ihnen da anfängt, wo man selbst lebt.

fernab (Teil 1)

Mit dem letzten Geld hatte ich mir ein Auto gekauft, es vollgetankt und bin einfach verschwunden. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zurück zu lassen, so ein Gedanke kam mir nie und sie machten es mir auch leicht. Sie, die wussten, wie man sein Leben zu leben hat. Sie, die Vorsorge treffen, Pläne machen und alt werden. Sie, die einen unwohl fühlen lassen, weil man einfach nur lebt. Wenn es darum geht, warum ein Mann mit mehreren Frauen schläft, dann kommen sie dir mit evolutionären Erklärungen, aber wenn es um mein Leben geht, dann gelten diese Erklärungen etwa nicht mehr? Die haben damals doch auch nicht auf der Couch gesessen, sind dick geworden und haben sich den Kopf zerbrochen, wie sie ihren Lebensabend verbringen. Stattdessen waren sie unterwegs, bauten ein neues Zuhause zum Überwintern und zogen weiter. Scheint mir verdammt menschlich zu sein so zu leben. Die Sporttasche mit meinen Klamotten hatte ich auf die Rückbank dieser verrosteten Klapperkiste geschmissen. Eine Karre ohne Dach, die viel mehr Freiheit bot, als es der Balkon tat, wenn man sich darauf in die Sonne legte. Zu sehr engten die Wände ein, selbst wenn man nicht direkt zwischen ihnen saß, denn sie holten einen selbst dort draußen ein.

Neben mir saß dieser süße Engel von letzter Nacht. Sie bezeichnete sich selbst als gestört und für sie würde das hier nichts weiter als ein kurzer Trip sein, von dem sie wieder zurück in ihr Leben kehren würde. Ja, sie war tatsächlich kaputt, vermutlich von den gleichen Regeln, die auch mich fliehen ließen. Aber sie versuchte ihren Wunsch nach Freiheit mit dem sogenannten bürgerlichen Leben zu verbinden und ich wünschte ihr, dass sie den Weg dazu findet, ich konnte oder wollte ihn einfach nicht sehen. Und warum sollte ich auch, wenn ich nur die Freiheit brauchte. Ich wollte keinen riesigen Fernseher und auch keine Designermöbel. Allein meine Schreibmaschine war mir wichtig, wobei zur Not auch ein Notizbuch und ein Kuli taugten. Das beruhigende Brummen des Motors tat sein Übriges, wenngleich zumindest das in absehbarer Zukunft ein Problem werden könnte.

„Mach dir keinen Kopf, die nächste Tankfüllung geht auf mich.“, sagte sie mir und ich fragte mich, ob sie meine Gedanken lesen konnte. „Ich dachte, du hättest kein Geld?“, erwiderte ich und sah ihr Grinsen, während sie mir gestand, beim Tanken zuvor dem Verkäufer einen geblasen zu haben. Das schockte mich doch gewaltig: „Warum hast du das denn gemacht?“, „Nun, dich hätte er wohl nicht rangelassen, also verurteile mich nicht.“ Das verlangte nach Aufklärung: „Glaubst du, ich verurteile dich? Deswegen bin ich nicht sauer. Du darfst tun und lassen, was du willst. Aber meine Reise bezahle ich selbst und nicht mit dir.“ Einen kurzen Moment lang herrschte Stille, die ich dann doch brechen musste, weil mich die Erinnerung nicht los ließ und ich lachen musste: „Jetzt weiß ich wenigstens, warum der Kerl mich so angegrinst hatte, als ich vom Klo kam. Ich fragte mich schon, ob der ne Kamera versteckt hat oder ob er sich nur einfach ebenso sehr für meine Erleichterung freute, wie ich.“ Der Sache war damit für mich erledigt und offensichtlich für meinen nicht ganz so unschuldigen Engel neben mir ebenso.

Free bird

Irgendwas kam mir seltsam vor. Noch im Fahrstuhl rätselte ich. Als ich zuvor das Foyer betreten hatte, lachte mich, wie jeden Morgen, dieses überdimensionale Gesicht an. Es war wie eine morgendliche Bestätigung für meinen Erfolg, der allein auf meinem Aussehen beruhte. Ich wollte gar nicht als Model arbeiten und so rief ich damals nur aus Geldnot bei der Nummer auf der Karte an, die mir eine Fotografin in die Hand gedrückt hatte, nachdem sie mich im Einkaufszentrum angesprochen hatte. Meinen jetzigen Job bekam ich wohl, weil ich mit den richtigen Frauen geschlafen hatte und auch den entscheidenden Männern das Gefühl gab, sie könnten mich haben.

Als der Fahrstuhl anhielt und sich die Türen öffneten, sah ich wieder jenes Gesicht. Dieses Mal war es eine kleinere Version, aber immer noch groß genug, um die halbe Höhe der Bürowand einzunehmen. Ich ging darauf zu und dachte nach, was an dem Bild nicht stimmen würde, ob es wohl seitenverkehrt war oder ein Schatten unecht wirkte, doch so sehr ich mich auch an jedem Detail ausließ, ich kam nicht dahinter. “Genügt Ihnen ihr Spiegelbild nicht mehr?”, rief Claudia, die mich wohl schon eine Weile beobachtet haben dürfte. Ich schüttelte wortlos den Kopf und ging in mein Büro. Das war sonst nicht meine Art, aber so würde ich wohl meine Ruhe haben. Ich ließ mich in den Sessel fallen und drehte mich den Fenstern zu, die vom Fußboden bis zur Decke gingen. Die ganze Stadt lag mir zu Füßen, doch ich schweifte in Gedanken ab und überlegte, was mit dem Bild nicht stimmen mochte.

Es war noch aus dem ersten Fotoshooting. Damals war es ebenso, wie jetzt, ein kalter Herbst gewesen und in meiner Wohnung war es eiskalt, weil ich die Rechnung für die Heizung nicht gezahlt hatte. Der Kühlschrank war ebenso leer, was auch sein Gutes hatte, denn ohne Strom kühlte er eh nicht mehr. Als ich im Fotostudio ankam, war dort jene Frau aus dem Einkaufszentrum und sie bot mir damals genug Geld an, um die Miete, Strom und warmes Wasser für die nächsten drei Monate zu bezahlen. Das gesamte Shooting über fühlte ich mich so unendlich frei. Das war es. Ich erkannte endlich, was mit dem Bild nicht stimmte. Ich war es, denn das Gesicht, das mich jeden Morgen im Spiegel begrüßte, ließ jene Freiheit vermissen. Ich verließ mein Büro und stürmte auf den Aufzug zu. Claudia kam mir wieder entgegen und fragte mich, ob ich etwas vergessen hätte. Ich nickte und zeigte auf mein Gesicht. “Ja, tatsächlich, ich habe die Freiheit vergessen…”, dachte ich mir.

Im Aufzug kam mir jede Sekunde endlos lang vor. Mein Fuß wippte und die Finger zitterten leicht vor Aufregung. Dann endlich kam der erlösende Klong des Lifts und ich war im Erdgeschoss. Ich eilte durchs Foyer und sah mich noch einmal zu mir um. Dieses Gesicht verspricht Freiheit, also nehm ich sie mir auch. Mein sportlicher Zweisitzer wartete treu auf mich. Es war zwar viel zu kalt dafür, aber ich öffnete das Verdeck und ließ die Sonne rein, die den strahlend blauen Himmel erleuchtete. Es gab für mich kein Ziel, ich fuhr einfach drauf los undwar wohl gut zwei Stunden unterwegs gewesen, als ich am Wegesrand eine Tramperin sah. In den letzten Jahren hätte ich niemals angehalten, aber jetzt war sie das erste Abenteuer.

Ich hatte kein Ziel und so nahm ich das ihrige. “Warum hörst du keine Musik, gefällt dir das Geräusch der Motoren so sehr oder warum?”, fragte mich die Fremde und ich lachte nur unwissend. MIr war es bis dahin gar nicht aufgefallen, dass keine Musik lief. Sie zog eine CD aus ihrer Tasche und man hörte jemanden auf einer Sitar spielen, was von rockigen Gitarren untermalt wurde. “Wär es okay, wenn wir das Verdeck wieder schließen, mir wird nämlich kalt.”, erklärte mir meine Beifahrerin, doch so richtig war mir nicht der Sinn danach, bis mir einfiel, warum. Vor uns erschien eine Brücke und ich sagte zu ihr, dass ich danach anhalten und wir überdacht weiterfahren würden. Beim Überqueren der Brücke warf ich mein Handy aus dem Auto. Ich versicherte mich im Rückspiegel, ob ein Auto hinter mir war, doch eigentlich war ich dafür zu schnell unterwegs. Dann rutschte ich ein wenig zur Seite und sah im Rückspiegel meine Augen. Sie lächelten schon wieder den gleichen Blick der Freiheit heraus, den ich auch damals bei meinem ersten Shooting hatte.

Bibliothekar

„So sieht also ein Bibliothekar aus“, lachte die Frau mir entgegen. Ich grinste nur und erwiderte: „Wie sollte man denn sonst aussehen? Fehlen mir die grauen Haare, die dicke Brille und der Strickpulli?“. Ich muss gestehen, dass ich mich selbst früher nie in diesem Beruf gesehen hätte, dafür war er viel zu ruhig. Es fehlte das Abenteuer und die Hektik, so dachte ich es mir. Aber Hektik kann man in jedem Beruf haben und gleichzeitig auch in keinem. Natürlich gibt es Aufgaben und Chefs, die einen durch die Gegend jagten und ständig alles und sofort haben wollen, doch lag es an einem selbst, ob man dabei hektisch wurde oder es in gutmütiger Geschwindigkeit erledigte. Abenteuer gab es hier auch so einige. Sicherlich denken jetzt einige an das jeweilige neue Abenteuer, das in jedem Buch steckt. Aber ich meine das Abenteuer, gegen einen allmächtigen Gegner vorzugehen, der die Bücher direkt nach Hause zu den Menschen bringt. Wer will schon bei Regen nach draußen gehen und nasskalt verschwitzt in einem staubtrockenen Raum ankommen? Nun, es gab doch einige Menschen, die das mochten und die sich zwischen all dem gesammelten Wissen wohl fühlten. Aber ich verstand auch die Kritiker, die nach einer bestimmten Sache suchten und dafür nicht mehrere Bücher durchblättern wollten, sondern lieber einen Suchbegriff in eine Maschine eingaben. Das war das effektive Nutzen der eigenen Zeit, so wie es die Ökonomen von Jedem verlangten. Es geht nicht um ein breitgefächertes Wissen, sondern um ein stark eingegrenztes und spezialisiertes. Ich sah meinen Job also als etwas, das gegen die Effektivität ausgerichtet war und fühlte mich vollkommen wohl damit. Ja, ich war wohl ein Partisan und sah mein Gesicht schon bald als schwarzen Aufdruck auf roten T-Shirts, das von unwissenden Teenies getragen würde. „Ja, Sie sehen auch mehr nach einem Freiheitskämpfer aus, als nach einem Bücherwurm.“, sagte die Frau an der Bar. Ich grinste nur fröhlich und fühlte mich wie ein Held.

Am Fluss

„Wie selten an solchen wunderschönen Tagen solche Plätze doch sind“, schoss es mir durch den Kopf, als ich neben dir lag und wir auf den ruhigen Fluss blickten. Eher zufällig entdeckten wir diese Stelle. Du hieltst mit dem Rad an und das laute Quietschen deiner alten Bremsen ließ mich zurückblicken und zu dir zurückkommen. Du schobst dein Fahrrad durch die Bäume und das Dickicht und nach einigen Metern hatten wir diesen abgelegenen Platz gefunden, der unser Platz werden könnte; der es in diesem Augenblick war. Schnell hatten wir uns der Kleider entledigt und waren in Badeklamotten ins kühle Wasser gesprungen. Nun lagen wir auf unseren Badetüchern und wärmten uns in der Sonne. Du weißt, wie sehr es mir gefällt, wenn ich dich necke und du dich für den Moment unerreichbar gibst, so wie eben, als ich die Schleife deines Oberteils öffnen wollte und du mich mit bösem Blick daran hindertest. Ich war überrascht und hielt entschuldigend die Hände vor mich, dann lachtest du los, denn du fandst es  putzig. Ein kurzer Kampf zwischen uns und ich lag auf dir und küsste dich. Wieder zog ich an der Schleife hinter deinem Kopf. Dieses Mal schütteltest du leicht beim Küssen den Kopf und ich spürte dein Grinsen auf meinen Lippen…