Vernebelte Sinne

Die letzte Nacht endete vor drei Stunden in diesem meinem Bett und schon schlug ich die Augen wieder auf und fühlte das Verlangen, etwas zu tun. Oder die Augen wieder zu schließen. Die Vernunft gewann den Kampf, denn das sinnvollste nach einer durchmachten Nacht ist es, frühzeitig den Alkohol aus dem Körper zu spülen. Das erste Glas Wasser hatte ich intus, bevor ich das Bett verlassen hatte, ein zweites folgte nur wenige Minuten später. Einmal durch den Park laufen war der Plan, und eine neue Bestzeit kam dabei heraus, als ich wieder vor der Haustür stand. Ne sehr gute Minute schneller war ich und bestätigte mir damit mal wieder, dass so ein gewisses Maß an Restalkohol gar nicht so schlecht ist, wenn man Leistung erbringen will, einfach weil man noch zu benebelt ist, um den Druck zu spüren, der manche anspornen mag, mich jedoch ausbremst und zum Stolpern bringt.

Eine alte Dame meint im Vorbeigehen, dass man sich dehnen sollte, so lange es möglich sei. Sie sei früher um die Stadt gelaufen, bevor sie ihre Beine im Stich gelassen hätten. Ich atme noch schwer und bewundere sie für die Ausdauer, die gesamte Stadt zu umrunden, während ich schon nach dem Lauf durch den Park geschafft bin. Als sie weiterzieht und sich auf den Krückstock stützt, wird mir unwohl. Das muss ein beschissenes Gefühl sein, wenn man immer schnell unterwegs gewesen ist und sich plötzlich einschränken muss. Ihre fröhliche Art jedoch gibt mir Mut. Wir alle leben und werden dabei Leid erfahren. Das Lachen nicht zu verlieren ist die Kunst dabei, also bringe ich meine Dehnübungen zu Ende und stelle mich danach unter die warme Dusche.

Die meisten Menschen können nichts essen, wenn sie Sport getrieben haben. Ich kenne das zwar, aber sehr viel häufiger freue ich mich während des Laufens schon auf das Mahl danach und so ist es auch an diesem Morgen. Frische Brötchen tun ihr übriges. Die Erinnerung an die letzte Nacht lässt mich grinsen. Ich war als Beobachter unterwegs, nicht wie sonst als Beteiligter. Und die Rolle ist gar nicht so schlecht. Die Menschen wollen gesehen werden, manchmal auch nicht, aber mir entgehen die Szenen nicht. Nicht der vollkommen betrunkene Kerl, der nicht mehr so ganz Herr seiner Bewegungen ist und seinem auserwählten Schatz hinterherläuft, während diese nur die vornehme Flucht sucht. Dieses Spiel ist ungefährlich und gäbe es doch Grund zur Sorge, wäre der stämmige Kerl in dem schwarzen T-Shirt nur wenige Meter entfernt gewesen. Er ist immer da. Er feiert nie, aber er greift sofort ein, wenn gepöbelt wird oder der Unsinn gefährlich werden könnte. Er blickt immer düster drein, das muss bei Türstehern so sein. Doch ich danke ihm stillschweigend, denn er war es, der mal einem Typen einen Barhocker entriss, noch bevor er damit auf Leute losgehen konnte, über dem Kopf hatte dieser das Teil bereits und nur knapp zog er damit an mir vorbei. Ich bin nicht Whitney Houston und er nicht Kevin Costner, aber in der Situation war ich es nicht, der blutete, sondern er, mein Bodyguard. Es war nur eine Schramme und ich weiß gar nicht, wie er sich die geholt hatte, weil meine Augen geschlossen waren und jetzt in der Erinnerung fehlt mir die Möglichkeit, nach den Spuren dieses Kampfes zu suchen.

Es gab in der letzten Nacht keinen solchen Kampf, wenngleich mich irgendein Typ von hinten anschupste, so dass ich auf die zehn Zentimeter tiefere Tanzfläche stolperte. Ich blickte zurück und sah ihn grimmig schauen. In dem Moment stieg in mir ein Glücksgefühl auf und ich musste lachen. Der arme Kerl war offensichtlich frustriert, vielleicht sogar neidisch auf das Wohlgefühl, das mich mit meinen Freunden verband, während er allein neben der Tanzfläche stand und keine Beachtung fand. Ich tanzte ein wenig und suchte die Nähe des Mannes im schwarzen T-Shirt. Nur zur Sicherheit. Einige Meter weiter tanzte ein älterer Herr. Was hat es nur damit auf sich, dass das immer so merkwürdig aussieht? Mir gefällt seine Lust am Tanz oder an der Balz, wer weiß das schon so genau. Mir ist das lieber, als würde er allein in seinem Sessel sitzen und leise vor sich hin furzen. Ich verlor den Blick für ihn, denn mir wurde bewusst, dass ich inmitten von Frauen tanzte. War das meine Anziehung oder die Gegenwart des Bodyguards? Mir ist es egal, das Tanzen fetzte nun mehr denn je, bis…ja bis es zu einem „Kick“ kam. Der Kick, das ist der Moment, in dem der Rausch schlagartig abbricht und ich eine Welle von Realität verspüre. Dieses Mal wurde es vom DJ ausgelöst, der so mies mixt, dass es einem regelrecht den Tanzboden unter den Füßen wegzog. Aber es gibt dafür verschiedenste Gründe:

Neulich im Kino waren alle gefesselt. Mich riss eine Erinnerung aus dem Film. Ein Gemälde, welches ich erkannte und welches mich zwar weiter nach vorn starren ließ, mich aber in eine ganz andere Realität zog. Da kamen verdrängte Erinnerungen hoch, die sich nicht ausblenden lassen wollten. Und ich war gefangen in diesem Kino und musste mit den Gedanken kämpfen. So schlimm war es an dem Abend auf der Tanzfläche nicht, aber plötzlich fühlte ich mich deplatziert und so machte ich eine Pause mit dem Tanzen. Erst später als ich einen alten Freund entdeckte, fand ich mich im blitzenden Licht und auf dem klebrigen Boden wieder. Der gute Kerl gab mir ein Kompliment, dass er nicht glauben kann, dass ich jedes Mal so verdammt gut aussah. Der spätere Schmatzer auf die Wange war eine gute Bestätigung. Schon merkwürdig, dass Männer sich damit so schwer tun, denn es tut gut. Die Angst vor der Homosexualität dürfen die anderen verklemmten Idioten gern ausleben. Ich behalte mir meine Idiotie für andere Bereiche offen. Irgendeine Macke braucht ja schließlich jeder von uns oder nicht?

gelebtes Holz

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie wir diesen Tisch damals besorgten. Rana hatte mich angerufen, ob ich Zeit hätte und wir mit meinem Auto etwas abholen könnten. Ich sagte zu, noch bevor ich wusste, wie weit wir dafür fahren mussten. Ich verdrehte die Augen, als ich das Ziel ins Navi eingab und es mir anzeigte, wie lange die Fahrt dauern würde. Da es noch früh am Morgen war, schwieg ich, wie ich es immer nach dem Aufstehen mache. Die Musik unterhielt uns und Rana schlief ein, noch bevor wir die Stadt verlassen hatten.

Als wir an dem Bauernhaus angekommen waren, verstand ich jedoch, warum es den Weg wert gewesen war. Allein jener Ort, der so viel Ruhe ausstrahlte, war perfekt für diesen Samstag. Ein Mann mit grauem Haar und zotteligem Bart begrüßte uns. Sie luden uns ein, auf einen Tee hinein zu kommen und boten uns dazu selbstgemachte Brötchen mit allerlei Obst an. Tatsächlich hatte ich kaum etwas gegessen und so freute ich mich über dieses zweite Frühstück.

Das alte Paar hatte sich den Hof vor einigen Jahren gekauft und empfing seither immer wieder junge Leute, die auf dem Hof mithalfen und dafür nichts für das Essen oder das Dach überm Kopf zahlen mussten. Die Rechnung ging wohl nicht immer auf, aber da ihre Rücklagen groß genug waren, störte es nicht weiter. Ihnen war wichtig, es zu versuchen und jungen Menschen eine Möglichkeit des Ausprobierens zu bieten. Das war ihr kleiner Beitrag, den ich mächtig groß fand, zu einer besseren Welt. Rana sprach viel mit ihnen, während ich aufmerksam zuhörte. Manchmal fehlen mir einfach die Worte und dann genieße ich es, wenn sie im Raum umherschwirren und ich sie nur aufnehmen brauche.

Nach guten zwei Stunden gingen wir zur Garage, die früher mal ein Stall war und wieder werden sollte, doch dafür müsste Platz geschaffen werden. Und nun verstand ich Rana, die jene Strecke so unverblümt gefordert hatte, denn er war es wert. Ein hölzerner Opiumtisch von einer Größe, dass ich befürchtete, er könnte nicht ins Auto passen. Die Alten wollten kaum Geld dafür haben und schoben es auf den Zustand. Mir und Rana war klar, dass es nur nach ein wenig Schleifarbeit und neuem Lack schrie und ich bin mir sicher, dass es die zwei auch wussten. Sie hätten einen Neuling in ihrem Haus damit beauftragen können, aber vermutlich wollten sie, dass jene Person den Tisch bekommt, die ihn auch herrichtet, eben um den Wert zu schätzen.

Ich hatte mich mit der Größe getäuscht, denn der Tisch passte problemlos ins Auto, nachdem die Rückbank umgelegt war. Die kurzen Beine machten es möglich. Wir verabschiedeten uns, wenn auch mit dem Gedanken, den Hof in Zukunft wieder zu besuchen, womöglich wenn wir zwei Wochen Zeit hatten und uns selbst mal dem „einfachen“ Leben hingeben wollten. Weg von der schnellen Welt, in der man ständig erreichbar war.

Auf der Rückfahrt sprachen Rana und ich immer mal wieder, aber meist sangen wir die Songs, die die Playlist meines Radios hergab mit. Es fühlte sich gut an, dieser kurze Ausflug. Zu zweit schleppten wir den Tisch in die Wohnung und bei meinem nächsten Besuch war der Tisch bereits geschliffen und lackiert. Er sah dennoch benutzt aus und gerade da lag sein Charme. Es war eben kein perfekt geschliffener aus dem Katalog, sondern einer, der schon Leben mitbekommen hatte.

Schlaf gut

Wie laut ein Schritt ist, wenn man ihn leise setzen möchte. Die nackte Sohle scheint am hölzernen Boden zu kleben und dieser knackt und ächzt, als wäre der Baum schon vor hundert Jahren geschlagen worden. Das Bettlaken bewegt sich, doch sie schläft und so setze ich die wenigen Schritte zur Tür fort. Dort wartet das nächste Hindernis, ein Türgriff, der klemmt und quietscht, aber auch das wird überwunden. Die Vorsicht verschwindet hinter der Tür und der Weg in die Küche ist keine Entfernung.

Die Erinnerung an die letzte Nacht kommt, während ich am Küchentisch sitze und nach draußen schaue. Es war eine schöne Feier, aber dafür ist die WG berühmt. Als es hell wurde, lachten und tanzten wir noch, bis mich irgendwann die Müdigkeit überkam. Nach Hause würde ich es nicht schaffen, ohne wieder komplett wach zu werden und so hatte ich mir die Couch bei meiner guten Freundin ausgesucht, doch irgendwer hatte sie mit einem Cocktail garniert. Nein, da konnte ich nicht schlafen. Das Bett wirkte so einladend, dass ich nicht widerstehen konnte. Eingeladen war ich natürlich nicht und womöglich würde sie mich wecken und rausschmeißen, aber das Risiko nahm ich auf mich und tauchte ein in eine traumhaft weiche Welt. Als sie ins Bett ging, weckte sie mich ungewollt. Wir sahen uns einen kurzen Moment lang an und küssten uns auf den Mund. Ein schöner Kuss und nichts weiter. Dann schliefen wir ein.

Ich trank das Glas Wasser aus und beschloss, zu gehen. Ich wollte nicht, dass ihre Mitbewohner sich wohl fragten, was letzte Nacht passiert sein könnte. Es gäbe nur fragende Blicke, wenn wir uns alle mal wieder treffen würden. Jeder Kuss von mir auf ihre Stirn hätte eine ganz andere Bedeutung und ebenso jeder Kuss von ihr an meine stoppelige Wange. Ich schlich noch einmal in ihr Zimmer, zog leise meine Sachen an und sah, wie sie blinzelte. Sie hielt die Augen geschlossen, als würde sie noch schlafen. Ich ging zu ihr, gab ihr einen Kuss auf den Kopf und flüsterte: „Schlaf gut.“

Hin und her…

Das ganze Konzert hier ist schon ein besonderes Erlebnis. Es ist viel zu eng, so dass man sich fast auf den Füßen steht, aber ja, auf den Füßen und nicht auf den Schuhen, denn es ist im gemütlichen Wohnzimmer. Die Sängerin steht keinen halben Meter neben mir, ihrem Keyboarder könnte ich dazwischenfunken, wenn ich es wollte, aber wer wäre so vermessen, diesen Magier der elektronischen Musik beim Zaubern zu stören. Die Musik ist so nah an uns, geht durch unsere Körper und lässt uns bewegen. Es ist kaum mehr möglich, als ein wenig hin und her zu schaukeln, aber da, ebenfalls in der ersten Reihe finde ich dich. Du schaust zu mir herüber und grinst, ich lächle zurück. Die Songs laufen und jeder ist lang genug, um sich Zeit für eine Entwicklung zu nehmen. Hier gibt es keine Standardpopsongs, die weniger als vier Minuten dauern dürfen und sich alle zehn Sekunden wiederholen müssen. Nein, hier haben Menschen die Musik geschrieben, die wissen, dass das Leben auf- und abwärts geht – dass man lacht und weint. Da ist ein Kerl neben dir, der seinen Arm um dich legt, aber du weist ihn freundlich zurück. Später ein anderer Mann, er darf dir näher kommen.

Mein Fokus verlagert sich wieder auf die vier Musiker und besonders auf die zuckenden Armbewegungen der süßen Sängerin, so hätte sich Herr Cocker wohl zu bewegen gewünscht, als er auf der Bühne stand. Der letzte Song läuft und ich spüre den Blick von der Tänzerin aus der ersten Reihe auf mir ruhen. Ein anhaltender Blick und ein eindeutiges Lachen in deine Richtung zaubert das breite Grinsen in dein Gesicht, das so natürlich und ehrlich ist. Du schaust zu Boden, doch deine Mundwinkel verraten, dass es dir gefällt. Nach dem Konzert sprechen wir mit Freunden und für einen kurzen Moment stehen wir Rücken an Rücken, dann zerrt dich ein Freund davon. Immer wieder gehen wir aneinander vorbei, doch nur Blicke werden getauscht, bis wir plötzlich in diesem stillen Zwischenraum aufeinandertreffen. Jeder für sich und wir reden. Endlich. Du wirst in nicht einmal drei Wochen auf der anderen Seite der Welt sein, dann wieder zurück, aber nach Berlin und irgendwann auch wieder hier sein, aber es werden noch Monate bis dahin verstreichen. Dann herrscht kurze Stille. Der perfekte Moment, dich zu küssen, doch ich zögere. Niemals würde ich jetzt zögern, doch das Herz ist noch angeschlagen und will sich nicht darauf einlassen, will nicht wieder die Süße küssen und sich danach verzehren. Dann ruft dich jemand, denn ein Freund spielt im Wohnzimmer. Du willst dort hin und ich sage dir, dass es eine gute Idee ist, bevor ich was Blödes mache. Du fragst nach und ich sage, dass ich dich sonst küssen würde und du schüttelst deine Hand, als wolltest du mich warnen, aber die Warnung habe ich selbst schon innerlich ausgesprochen.

Eine halbe Stunde vergeht, dann sehe ich meine mitgenommene Bekannte, die sich langweilt. Wir beschließen zu gehen und ich sehe dich noch einmal. Gehe auf dich zu und verabschiede mich. Du fragst, warum ich jetzt schon gehen will – das sind auch meine Gedanken und wieder stehen wir wortlos einander gegenüber, nur ein Grinsen auf unseren Lippen, aber mitten zwischen unseren Freunden. Hier würden wir uns niemals küssen, ganz besonders nicht, wenn der eine Freund dein Freund sein könnte. Dein Gesicht kommt mir bekannt vor, doch ich weiß nicht woher, vermutlich werde ich es niemals erfahren. Ich wünsche dir vielfältige Eindrücke vom Dach der Welt.

Erhöht Samenstau das Aggressionspotential?

Ja, solche Fragen stellt man sich so manches Mal…neulich kam mir die Frage beim Weggehen erst wieder. Ich war feiern und erblickte erst recht spät eine Mitspielerin aus dem Impro-Theater. Ich ging also zu ihr, umarmte sie, wie es sich gehört, und wir redeten kurz übers Theater. Es kam dann irgendwann ihr Typ um die Ecke, der mich böse anfunkelte, sich ihren Kopf packte um sie zu küssen, kein Blick oder Wort zu ihr, eben ganz liebevoll, wie man es kennt…

Da lobe ich mir doch jenen anderen Kerl, er dient mir übrigens als Gegenbeweis zu meiner obrig gestellten Frage, den ich neulich kennenlernen durfte. Ich war zum Eislaufen mit Freunden verabredet, aber da ich zu spät kam, das liebevolle Paar romantisch übers Eis gleiten sah und eh keine Schuhe hatte und mich ernsthaft fragte, ob die da welche verleihen, machte ich mich einfach wieder vom Acker und besuchte eine Freundin, die gleich um die Ecke wohnt (ganz ernsthaft, ich werde in Zukunft meine Sätze anders basteln). Ich rief sie nicht an, sondern klingelte einfach und ihre liebenswerte Mitbewohnerin öffnete mir die Tür und ließ sich sofort herzhaft von mir umarmen. Ich klopfte an der weißgestrichenen Holztür und hörte ein Kichern und ein „Einen Moment“. Also ab mit der Mitbewohnerin in die Küche und mit ihren Freundinnen gequatscht. Und während wir dort saßen und sprachen, dämmerte mir, dass eben jene Freundin nicht allein in ihrem Zimmer war. Ich weiß bis heute nicht, warum ich in dem Moment nicht ging und entschuldigte mich später noch beim „coitus interruptus“-Geschädigten. Wie dem auch sei, ich fand mich dann plötzlich vor einer Shisha im Zimmer jener Freundin wieder. Er saß friedlich und freundlich im Bett (ich hätte an seiner Stelle gekotzt, das gebe ich zu, aber der Moment ist auch einfach zu intim, um ihn zu teilen) und wir wechselten ein paar Worte. In diesem Fall war es absolut nicht in Ordnung, dass ich dort war und jede Form eines bösen Blickes seinerseits wäre gerechtfertigt, ja fast schon angemessen gewesen, aber er blieb cool, lächelte und holte später nach, was ich vermasselt hatte. So einfach kann das Leben sein, wenn man gelassen bleibt.

Kommune

Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit Rahel in der Bar saß und wir uns betranken, um den Kopf frei zu bekommen. Wir wohnten in einem gemütlichen Reihenhaus. Sie in der oberen Etage mit ihrem Freund und ich in der unteren mit meiner Freundin. Zwei Jahre waren es und sie und mich verband eine gute Freundschaft. Wir waren an dem Tag, als wir in die Bar gingen, zum Einkaufen unterwegs und stellten nach einem Kilometer fest, dass wir beide unser Geld zu Hause hatten liegen lassen, also kehrten wir um. Wir fanden unsere Partner ineinander verschlungen auf dem gemeinsamen Hausflur. Bis heute kann ich nicht vergessen, dass weder sie noch ich in dem folgenden Streit schrien oder zumindest lauter wurden.

Am Abend dann kam eine Nachricht von ihr und wir gingen weg, um uns zu betrinken. Es gab den Punkt, da wurde mir klar, dass dies nicht die beste Idee war, denn wer von uns hätte den anderen ablenken können? Als wir am Tresen saßen und uns betranken, schlug ich ihr vor, dass wir uns rächen könnten. Rahel schaute mich kurz an, ging dann darauf ein und wir überlegten uns, in welcher Position und mit welchem Lustgestöhn wir Rachen üben könnten. Plötzlich hielten wir inne. Es war ein Moment, wie kurz vor dem ersten Kuss mit einer frisch kennengelernten Person. Doch wir kannten uns. Unsere Gesichter erhellten sich, denn wir wussten, dass wir das gleiche dachten. Wir hatten die bessere Lösung gefunden: „Wir lassen die Beiden gehen.“, sagten wir gleichzeitig. „Und haben das Haus für uns.“, schob Rahel nach. Unsere Ex-Partner hatten sich eh immer über die Lage und den Zustand beklagt und immerhin waren wir die Verletzten, so würden wir sie schon irgendwie aus unserem Haus bekommen. Jeder von uns hätte seinen Rückzugsraum und dennoch wären wir als Freunde zusammen. Schnell malten wir uns aus, wie wir das Haus einteilen würden.

Vielleicht dachten wir schon damals an eine Kommune, aber sprachen es nicht aus, doch eines Tages fragte mich ein Student, ob ich für ihn eine Unterkunft wüsste. David, so sein Name, war einer der wenigen Menschen, die mir auffielen. Nicht, weil er sich produzieren musste, sondern ganz im Gegenteil, weil er ein ruhiger Mensch war. Er hatte ein schönes Gesicht und immer wieder begegnete ich ihm auf dem Campus mit einer Frau an seiner Seite, doch es war immer eine andere.

Ich beriet mich mir Rahel und wir ließen ihn bei uns einziehen. Durch David kamen noch zwei weitere Mitbewohnerinnen hinzu. Es waren gute Freundinnen von ihm, die ebenso eine neue Unterkunft suchten. Susanne kam aus einer WG, bei der sie die einzige Frau war und den Haushalt allein schmiss, während die Kerle alles verkommen ließen. Sarah hingegen war aus der gemeinsamen Wohnung ihres Freundes ausgezogen. Ich ahnte damals sofort, dass sie mehr als nur sich mitbringen würde und tatsächlich konnte sie bereits einen Monat später, den kugeligen  Bauch nicht mehr verstecken.

Wahrsagung

Die dunkle Flasche war leer. Mir war das mittlerweile vollkommen egal. Als ich sie vorhin geöffnet hatte und jedem einen Schluck zum Kosten eingegossen hatte, war ich schockiert, als sich Jan sofort Cola dazu mischte. Die meisten nippten einen ersten Schluck und ich spürte, wie sich der Alkohol fast sofort in heiße Luft auflöste, die ein etwas hölzernes und süßliches Aroma aufwies. Nach keiner allzu langen Zeit hatten wir alle den teuren Rum mit Cola verdünnt und jetzt schmeckte er auch leicht nach Vanille. Für die nächste Feier beschloss ich, einfach wieder den drei Jahre alten Rum zu kaufen und dazu noch ein paar Flaschen der Vanille-Cola, das erschien mir günstiger und sinnvoller. Von uns würde eh kaum jemand den Unterschied bemerken. Als diese dünn-bauchige Flasche so leer neben uns stand, war der Zeitpunkt gekommen, durch die Stadt zu ziehen. Irgendwer schlug vor, in einen Stripclub zu gehen. Bis jetzt war ich nie in solch einem Laden gewesen. Einmal standen wir zu fünft davor, aber die Damen auf den Bildern davor wirkten selbst in meiner damaligen Volltrunkenheit nicht erotisch. Vermutlich lag das einfach an meiner Art, dass ich eine Frau anfassen und riechen, den Moment der Nacktheit mit ihr allein genießen wollte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich damals gerade erst knapp über Zwanzig war und die Frauen auf den Bildern wohl schon weit über Fünfzig, zumindest kam es mir damals so vor.

Wir liefen also durch die Stadt in jenen Bezirk, der mit alten und kaputten Neonreklamen für leichte Freuden warb und je länger wir dort rumirrten, desto merkwürdiger erschien mir die Idee, jene Frauen erotischer zu finden, als ich es damals tat. Womöglich waren sie nun gerade erst knapp Zwanzig und vermutlich würde gerade das mich noch viel mehr stören. Ich weiß nicht, wie viel Alkohol ich im Blut haben musste, bis ich mich nicht mehr fragen würde, welche von jenen hübschen, jungen Frauen hier nicht zwangsweise lächeln und tanzen muss. Ich habe in den verschiedensten Jobs gearbeitet und hasste es, wenn ich Kunden freundlich bedienen musste, obwohl sie mir zutiefst unsympathisch waren. Diese Frauen mussten sich begaffen lassen und gleichzeitig noch vorspielen, dass es ihnen gefiele. Na klar, welcher jungen Schönheit gefällt es nicht, wenn sturzbesoffene, alte Säcke sie angrölten, das klingt nach einem Kindheitstraum.

Plötzlich blieb ich stehen. Die Gruppe bemerkte es gar nicht, aber mich hatte eine dunkelhaarige Frau in ihren Bann gezogen. Sie würde sich nicht ausziehen oder vor mir tanzen. Sie würde meine Hand nehmen, sanft über sie streicheln und mir erzählen, dass sich mein Leben ändern wird oder vielleicht auch nicht. Ich halte die Wahrsagerei für vollkommenen Unsinn, aber diese Frau lächelte mich mit einer Freundlichkeit und Liebe an, dass ich beschloss, zu ihr in die mickrige Kammer zu gehen. Zehn Euro verlangte sie von mir und vermutlich bezahlte gerade jeder meiner Freunde einen ähnlichen Betrag an einer der Nachbartüren, um dort auf nackte Brüste und schwingende Hüften zu starren. Ob sie mich vermissen würden, fragte ich mich gar nicht, denn ich war noch immer im Bann jener Frau. Sie war nur wenig älter als ich, aber sie strahlte die Liebe aus, die ich noch von meiner Mutter her kannte, wenn ich vom Spielen kam und mir die Tränen über die Wange liefen, weil ich mir das Knie aufgeschlagen hatte oder mir die Haut am Zaun aufgerissen hatte.

Consuela, so stellte sich die Wahrsagerin vor, nahm meine Hand in ihre und sprach flüsternd ein paar unverständliche Formeln. Mich überkam ein wohliger Schauer und ich gab mich ganz dem Gefühl des Streichelns und des Flüsterns hin. Es war wie der erste zarte Kuss zwischen zwei jungen Liebenden und ich wollte gar nicht wissen, was sie mir vorhersagte, ich wollte einfach nur diesen Moment genießen und ihn für immer spüren. Ich wünschte mir, dass dieses Gefühl meine Zukunft sei.