Der Katzenmann – Teil 7

Die Geschichte von vorn

„Wie heißt denn die Gute?“, fragte Frau Leiser nach. „Nun, ihre Vorbesitzerin nannte sie Daria und sie regiert tatsächlich auf den Namen.“ „Daria also. Gefällt mir. Ich heiße übrigens Sabine“, erklärte Frau Leiser und drehte sich dabei kniend zu Kalkenrisse. „Ich heiße Heinrich…aber das wissen Sie ja schon.“ In diesem Moment klingelte die Glocke, die ihm bedeutete, dass ein weiterer Kunde den Laden betreten hatte. Er entschuldigte sich für einen Moment und ließ die junge Frau mit ihrer neuen Begleiterin allein. Sabine kraulte die Katze hinter den Ohren und am Wangenknochen, was dieser sichtlich gefiel. Nur auf den Schoß nehmen, wollte die Polizistin sie nicht. Es war eher ihre Art, die Katze von sich aus auf sie zukommen zu lassen und so wanderte Daria um die junge Frau und stupste sie dabei immer wieder liebevoll an.

Heinrich hielt inne, als er Sabine mit der Katze sah. Er hatte ein sehr gutes Gefühl und ging noch einmal zurück ins Lager, um eine Tüte mit dem Futter abzufüllen, welches Daria bevorzugte. „Hier, das hat sie am liebsten“, er hielt dabei die Tüte vor sich hin und die Polizistin freute sich über die kleine Zugabe: „Die sieht Tiger wirklich sehr ähnlich, finden Sie nicht?“ Heinrich antwortete darauf: „Ja, durchaus, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht abzustreiten.“ „Wie transportiere ich sie denn bis nach Hause?“ „Och, ich leihe Ihnen gern die Transportbox, die ich immer nutze. Aber ich brauche sie bald zurück. Vielleicht können Sie sie morgen tagsüber vorbeibringen?“ Sabine nickte, füllte anschließend die nötigen Unterlagen aus und bezahlte die Rechnung, in der weder das Essen, noch der Verleih der Box erwähnt wurden. Nur die Katzentoilette musste sie zusätzlich zahlen und verabschiedete sich mit einem freundlichen Lächeln.

Heinrich radelte glücklich zurück. Selbst als der Vorderreifen plötzlich zu knartschen begann weil er luftlos auf der Felge herumrutschte, störte sich der Tierfreund nicht daran, stieg ab und ging zu Fuß nach Hause. Er würde den Schlauch heute Abend noch flicken. So ein Spaziergang lädt dazu ein, die Straßen ruhiger wahrzunehmen und sich die Häuser anzuschauen. Aus einem kam ein Mann, den er erst gar nicht erkannte. „Guten Abend, Herr Kalkenrisse“, sagte dieser. Heinrich schaute genauer hin und nahm unter dem Kopfverband seinen Bäcker von Gegenüber wahr. „Was ist denn mit Ihnen geschehen?“, fragte der Tierfreund besorgt. „Ich wurde letzte Nacht angefallen. Es war recht dunkel und ich hörte nur ein tiefes Atmen oder Fauchen. Direkt vor der Haustür. Zum Glück kam in dem Moment meine Frau mit Goliath aus dem Haus…“ „Goliath?“, unterbrach Heinrich die Schilderung. „Ja, das ist unsere Dogge. Der Gute begann sofort zu bellen, worauf dieses Wesen von mir abließ und davonrannte. Und Goliath hinterher.“ „Also wissen Sie nicht, wer Sie angegriffen hat?“ „Nein, ich weiß nicht einmal, ob es ein Mensch war“, gab der geschundene Bäcker zu und verabschiedete sich von Heinrich, welcher verwundert sein Rad nach Hause schob.

Zum 8. Teil

Vergiss die Blumen nicht

„Hallo Ben, du bist doch von Weihnachten bis zu den heiligen drei Königen in der Stadt oder?“, fragte mich Sophia, meine beste Freundin. „Ja“, antwortete ich absichtlich knapp, denn ich wusste bereits, dass sie mich um einen Gefallen bitten würde. Wir kennen uns einfach zu gut. „Die Mädels sind alle weg und ich auch…“, begann sie zu erklären und machte eine Pause, um mir ein abermals kurzes, fragendes Ja zu entlocken und setzte fort: „könntest du in der Zeit meine Blumen gießen? Du musst auch nicht…“ Ich weiß nicht mehr genau, was sie danach noch sagte, aber es waren die üblichen Dinge, die sie sagte, wenn sie mich beruhigen und ermuntern wollte. Ich stimmte zu und setzte mir drei Termine, an denen ich nach den Pflanzen schauen würde.

Ich muss gestehen, dass ich bei meinen Besuchen auch mal einen Blick in die anderen Zimmer warf, um zu sehen, wie jedes Mädel ihr kleines Reich verlassen hatte, dabei blieb es. Die Privatsphäre ist ein zu hohes Gut und wiegt weit mehr, als meine Neugier, die zu gern in verschlossene Boxen und Schränke schauen würde. Beim letzten Besuch war ich gerade mit dem Überprüfen der Pflanzen fertig und öffnete die Wohnungstür, als Nara vor mir stand. Ich hatte sie vor einem halben Jahr kennengelernt und sie vergaß jedes Mal, wer genau ich war. Sie vergaß aber niemals die Art, wie wir uns anblickten.

„Weißt du, wo Mathes wohnt?“, fragte sie mich. „Hm, ich kenne nur einen Mathes im Haus, der wohnt eine Etage höher, Nara“, erklärte ich und ergänzte die Frage: „Du erkennst mich nicht, oder?“ Es war die Frage, die ich ihr jedes Mal stellte, wenn ich sie traf. „Doch schon…“, sagte sie und kramte in ihrem Gedächtnis. Ich entgegnete: „Da erkennt mich Karoline wohl eher als du und dabei gibt es zwischen ihr und mir doch einen Interessenkonflikt.“ Nara grübelte sichtlich und ich half ihr: „Ich bin Ben.“ „Und was ist das für ein Konflikt zwischen Karo und Dir?“, hakte sie nach und ich erklärte knapp: „Na Du.“

Nara hatte ich seit unserer ersten Begegnung immer wieder mal abends getroffen, aber immer in Begleitung von Karo. Sie hatte eine Art, die ich als offenherzig bezeichnen würde, aber auch als naiv, jedoch nur im besten Sinne. Mit ihr zu reden war einfach: Man musste nur genau das sagen, was man dachte, denn sie redete und fragte ebenso aus dem Bauch heraus. Die Sache mit dem Konflikt verstand sie aus einem anderen Grund nicht, der sich mir erst Stück für Stück erschloss, als sie mir erklärte: „Ich liebe Karo, sie liebt mich und wir stören uns nicht daran, wenn wir anderen gefallen.“ Das war eine gute Antwort, wenngleich ich mir etwas anderes zu hören gewünscht hätte. „Dann hab noch einen schönen Abend!“, wünschte ich ihr und blickte in ihr Gesicht, während sie lächelnd fragte: „Magst du mich nicht noch hereinbitten?“

Be-Sinnung

Neulich fragte ich mich, wie viele meiner Mitmenschen ich wahrnehme und die Anzahl ist erschreckend gering. Ich hielt es immer für menschlich, dass man sich selbst in den Mittelpunkt setzt, denn alles andere wäre ja nur ein theoretischer Natur, woher sollte ich denn wissen, wie ein anderer empfindet oder denkt? Aber ist das wirklich menschlich? Wenn ich so in die Natur schaue, dann sehe ich Tiere, die wissen, wie sich das Wetter ändert und die Erdbeben spüren können, lange bevor unsere Detektoren anspringen. Die Natur bekommt offensichtlich sehr viel mehr mit, als wir es tun, mit all unseren Erfindungen, die ja dennoch nicht unpraktisch sind, doch faulenzen unsere Sinne nicht, weil Maschinen ihre Arbeit verrichten?

Unterhaltung – das ist ein schönes Wort. Mir fällt als erstes ein Gespräch dazu ein. Aber ebenso all das, was wir allein konsumieren können. Ein Film auf dem Sofa oder Musik. Unterhaltung, das darf natürlich auch für einen allein vorhanden sein. Aber wenn ich den Menschen betrachte. Wenn ich überlege, was seine Besonderheit ist, so ist es die Fähigkeit zu sprechen und zu verstehen. Ein Film kann mich zum Denken und zum Verstehen anregen, doch kann ich mit ihm sprechen? Gut, das Internet macht mehr Kommunikation und Interaktion möglich, doch ist eine Unterhaltung wirklich der pure Austausch von Worten? Gehört da nicht die Präsenz des Gegenübers als Grundvoraussetzung dazu? So vieles kann falsch gesagt oder verstanden werden, doch eine Person zu berühren, sie anzulächeln und zu umarmen, das scheint mir wenig missverständlich.

Was wir geschaffen haben, sollten wir auch erhalten und auch die Forschung sollten wir nicht Einhalt gebieten. Es ist der Drang des Menschen, nach immer neuem Wissen. Dies ist ein Wesenszug, der auch nur ihm eigen ist und ihn zu verleugnen oder abstellen zu wollen, wäre falsch. Wir werden deswegen immer wieder auf neue Probleme stoßen, die der Menschheit so einiges an Kraft und neuen Ideen abverlangen wird. Doch das gehört dazu. Stattdessen sollten wir bei uns anfangen und um uns schauen. Wann brauche ich was? Warum brauche ich dieses etwas? Was bewirkt das in mir? Wir alle haben materielle Wünsche und die Erfüllung macht uns glücklich, meist nur für den Moment, aber auch dieses Glück ist deswegen nicht unecht oder unberechtigt. Wenn ich aber schaue, was mir selbst wichtig ist, so ist es die Nähe und der Austausch mit anderen Menschen. Ein Lächeln kostet nichts, aber verschenke ich es, so bekomme ich jenes Geschenk oftmals zurück. Und was ist das für ein Geschenk: Zwei Menschen, die sich anlächeln.

Mal wieder einen Trend verpasst…

Eigentlich wollte ich nichts zu den 15.000 Leuten schreiben, die sich in Dresden gefunden haben und sich für was besseres halten. Ich kenne meine Leser und halte sie für aufgeklärt genug, dass ich ihnen unterstelle meine Sichtweise zu teilen. Aber irgendwie ist mir jetzt doch danach.

Kommen wir zu dem Trend, nämlich der Islamisierung. Diesen Trend muss ich nämlich total verpasst haben. Ich suche in unserer weltoffenen Stadt nach Anzeichen von Islamisierung und finde allein eine Amerikanisierung, die vollkommen akzeptiert und toleriert wird. Nun denn, es mag der Preis der Freiheit sein. Ich suchte weiter und dann fand ich sie doch noch. Mir halfen andere Blogger, aber zuerst natürlich zum eigenen Geschichtswissen:

Wir Kinder Roms mussten mit arabischen Zahlen auskommen und die verfluchte Null hinnehmen. Wo war nur damals im Mittelalter die gute Pegida, die uns davor beschützt hätte? Wir hatten stattdessen wenige Schriftgelehrte und wenn ein armer Bauer mal einen Zettel mit diesen merkwürdigen Schriftzeichen fand, dann gab es für ihn bessere Nutzungsmöglichkeiten für das gute Papyrus, als das Wissen der Antike aufzubewahren. Leider kamen arabische Gelehrte über Spanien zu uns nach Europa und gaben uns einen großen Teil dessen zurück, worauf wir uns heute berufen, wenn wir von einer europäischen Geschichte sprechen. Hätte man uns nicht davor schützen können? Gäbe es dann eigentlich „patriotische Europäer“? Vielleicht haben die Leute aber auch Angst vor den ganzen Dönerläden. Die einzigen Orte, wo man des Nachts noch schnell ein Bier kaufen kann. Ach ne, das tun die ja ganz sicher nicht, weil die ja keinen Alkohol erlauben…oh wie, die tun das doch??? Nunja, aber gegen diese von vielen Ernährungswissenschaftlern einzig gesunde Fastfoodart sollte man sich auch stellen. Wir haben doch unseren ureuropäischen BigMac aus der Plastiktüte. Was bedeutet eigentlich Islamisierung, etwa dass wir hier eine neue Staatsreligion einführen? Sehe ich nicht. Etwa, dass wir von unseren christlichen Werten abrücken? Das darf jeder für sich tun und bei allem Respekt: Wo sind die christlichen Werte denn hin, wenn man Menschen, die in unser Land kommen, zeigt, dass sie nicht willkommen sind. Bat Jesus nicht darum auch die andere Wange hinzuhalten? Ich wurde nicht einmal auf die eine geschlagen und bin dennoch bereit, meine zweite hinzuhalten. So wie es wahrhaft große Menschen taten. Man mag mich Gutmensch nennen oder es Kuschelkurs schimpfen, das stört mich nicht im geringsten. Lieber Kuschel- als Konfrontationskurs. Außer gegenüber Intoleranz und die sehe ich momentan nur aus einem Lager und halte es mit Sir Karl Popper:

Im Namen der Toleranz sollten wir… das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren.

Der Grund, warum mich das so aufregt ist das Verständnis eines Thomas de Maizière. Ich sehe keinen Demonstranten, der wirklich Ängste zum Ausdruck bringt. Also wirklich ernsthafte Ängste. Ich habe nur eine einzige Frage an die Demonstrierenden: Was genau glaubt ihr, ist Islamisierung und wo genau findet diese statt? Ich sehe es nicht. Ich erinnere mich nur daran, dass es vor nicht einmal hundert Jahren schon Akademiker und Leute aus der Mittelschicht gab, die sich in einer Masse fanden und für eine Partei und ein System waren, das viel eher zum Untergang des Abendlandes beigetragen hat, als es irgendeine Religion könnte. Ich habe für die damalige Bewegung kein Verständnis und ich habe es für die aktuelle erst recht nicht. Vielleicht sollten wir demnächst eine gelbe Sichel an alle Muslime in Deutschland ausgeben, die sie sich an die Jacke stecken…ich habe für mich vor ein paar Jahren bemerkt, dass ich zwei Arabern gegenüber meine an dem Tag vollkommen positive und offene Einstellung gegenüber verändert habe. Wo kam diese abweisende Haltung eigentlich her und wie soll sich hier jemand wohl fühlen und integrieren, wenn man sich vor ihm verschließt? Seither achte ich sehr genau darauf, wann mir welche Vorurteile begegnen und ich stelle mich ihnen entgegen, denn ich möchte niemals wieder einer Person unfreundlich begegnen, nur weil sie ein besonderes Aussehen hat oder einer speziellen Religion angehört. Ich will kein Nazi sein.

Räuber Baumbrech (Für Kinder und jene, die es immer wieder gerne sein möchten)

In einem dunklen Wald lebte einst der Räuber Baumbrech. Er war eigentlich gar kein Räuber, aber immer wenn jemand durch den Wald ritt und Baumbrech begegnete, erschrak diese Person von Baumbrechs ungeheurer Größe und seinem langen, schwarzem Bart. Die Leute schmissen dann all ihr Hab und Gut auf den Boden und ritten davon. Dabei konnte Baumbrech mit all den Kostbarkeiten und all dem Geschmeide gar nichts anfangen. Seine Hütte blieb kalt und sein Magen knurrte weiterhin.

Eines Tages kam der Händler Karl auf seiner Kutsche durch den Wald. Er hatte all sein Geld für das Wachstumselixier auf seinem Wagen ausgegeben und als er Baumbrech erblickte, der ihn nur freundlich begrüßen wollte, da hatte Karlchen nichts, das er dem Räuber hätte entgegenwerfen können. Also sprang er von seiner Kutsche und lief in den Wald hinein. Baumbrech wusste, dass es in der Richtung einen Abgrund gab und so rief er mit seiner tiefen und brummigen Stimme: „Vorsicht. Bleib doch stehen!“ Doch Karl blickte nur ängstlich hinter sich und stolperte im nächsten Moment den Abgrund hinunter.

Baumbrech eilte ihm hinterher und fand den verletzten Karl am Boden liegend. Der Räuber nahm Karl, der nicht einmal halb so groß wie Baumbrech war, auf die Schulter und schaffte ihn und seine Kutsche zur Hütte. Baumbrech legte den Händler aufs Bett, verband dessen Wunden und gab ihm aus einem Fläschchen von Karls Kutsche etwas Medizin. Baumbrech konnte nämlich nicht lesen und wusste daher nicht, dass auf den Flaschen „Wachstumselixier“ stand.

Am nächsten Morgen erwachte Karl und fühlte sich wieder rund um wohl. Er erschrak abermals vor Baumbrech, besann sich aber eines besseren. Baumbrech begrüßte ihn: „Du sahst wirklich schlimm aus gestern“, und ergänzte: „Aber deine Medizin ist anscheinend Zauberzeugs, denn du bist vollkommen geheilt.“ „Meine Medizin?“, fragte Karl ungläubig. „Ja, das was in den Flaschen in deiner Kutsche steht“, erwiderte der Räuber. Der Händler begann zu strahlen: „Dann ist das Zeug ja doch zu etwas nütze. Ich kaufte es, weil ich wachsen wollte. Und weil ich andere und ihre Haare wachsen lassen wollte. Aber es funktionierte nicht und alle lachten mich nur aus, weil ich so ein kleiner Mensch bin.“ „Ich wär gern so klein, dann würden nicht immer alle weglaufen, wenn sie mich sehen und ich hätte endlich einen Freund“, sagte Baumbrech traurig. „Lass uns doch einfach Freunde sein“, schlug Karl vor und Baumbrech platzte fast vor Freude und umarmte seinen neuen Freund ganz fest.

Karl entsann eine List: Beide fuhren mit der Kutsche in die Stadt und Baumbrech blieb versteckt in ihr sitzen. Dann erzählte Karl auf dem Markt, dass er heute ein neues Wachstumselixier bekommen hätte. Er nahm einen Schluck aus dem Fläschchen und ging dann in die Kutsche, um eine Kiste zu holen. Tatsächlich versteckte er sich im Boden der Kutsche und Baumbrech trat heraus. Er tat so, als sei er der kleine Karl und alle anderen seien plötzlich geschrumpft.

So verkauften sie einige Flaschen, doch der Schwindel flog schnell auf, weil niemand wuchs und keine Glatze mit Haaren bedeckt wurde. Die Meute wollte gerade auf Baumbrech losgehen, da schrie plötzlich einer von ihnen: „Halt“. Es war ein kleiner, alter Mann, den man schon seit Jahren nicht mehr hatte sprechen hören. Ein anderer schrie glücklich: „Ich kann wieder hören.“ Und ein dritter gluckste: „Und ich kann wieder sehen.“

So lernten alle die Zaubermedizin kennen. Man vergab Baumbrech und Karl ihre Lüge und erfreute sich der besten Gesundheit. Die zwei Freunde wurden von da an weder ausgelacht, noch lief man vor ihnen davon. Stattdessen wurden sie mit höchstem Respekt und Freundschaft empfangen.

Last days

„Du Ben, ich würde gern durch die Alpen wandern“, sagte meine Mitbewohnerin Nara zu mir und meinte so viel mehr damit. Sie fragte mich nach Geld für den Ausflug, nicht um eine Leihgabe, das war mir klar. „Willst du allein gehen oder mit einer guten Freundin?“, war meine Antwort, in der ein Ja zum Geld beinhaltet war. Sie blickte gen Boden, vermutlich wusste sie das selbst noch nicht genau. Da war noch mehr in dieser Frage von ihr und ich tat mich schwer damit, anstelle ihrer nachzufragen: „Willst du…“, es brauchte einen Moment, bevor ich erneut ansetzte: „Ich weiß nicht, ob ich fragen sollte. Wirst du dort bleiben? Ich meine, willst du…“ Ihr Blick wanderte höher und für einen kurzen Moment sahen wir uns in die Augen, die sich daraufhin mit Tränen füllten. Ich hätte mir auch einen anderen Ort für meine letzten Tage gesucht, wenn ich das Datum kennen würde. Sie wusste es nicht genau, aber sie hatte bereits erklärt, nicht bis zum letzten Moment warten zu wollen. Ich stand auf und legte meine Arme um sie. Ein Kuss auf ihren Kopf war ein Abschied und ein deutliches Ja. Mehr gab es nicht zu sagen.

lautlos

Wie sie so im Bus sitzt und aus dem Fenster schaut. Als würde sich die Welt nur außerhalb von ihr abspielen. Gedankenverloren. Keine Reaktion auf das schreiende Baby oder die rumblödelnden Jugendlichen. Fast schon regungslos sitzt sie da mit ihrer anmutigen Schönheit und sieht die Häuser, Bäume und Menschen wie einen Farbschleier, der sich vor ihren Augen entlangzieht. Nichts reißt sie aus ihrer Fassung, bis sich plötzlich ein Lächeln in ihr Gesicht zaubert. Ihre Hand wandert in die Hosentasche und ein Handy kommt zum Vorschein. Die Augen fliegen über die Buchstaben und fast noch schneller bewegen sich kurz darauf ihre Finger über die gläserne Oberfläche. Ein kurzes Warten und wieder brummt das Gerät zwischen ihren Fingern. Ihre Haltestelle verpasst sie fast und bemerkt erst am Bremsen, dass sie aussteigen muss.

Schnell ist sie Zuhause und packt eifrig die Einkäufe in den Kühlschrank. Ja, das hat Vorrang, aber den PC hat sie zuvor bereits angeschaltet, damit er auf sie wartet, wenn alles fein säuberlich eingeräumt ist. Ein Joghurtglas und einen Löffel greift sie sich und setzt das virtuose Fingerspiel aus dem Bus an der Tastatur fort. So viele Gedanken und Worte, die aus ihr heraus wollen und die sie sonst für sich behält. Der Chat mit der besten Freundin auf der einen Seite und ein neuer Blogeintrag auf der anderen. Keiner soll warten müssen, denn wer weiß, ob die Welt sie heute noch hört, wenn sie nicht schnell genug ihre Gedanken heruntertippt. Die Schönheit der Worte könnte verloren sein.

Stunden später schreibt sie noch immer mit ihrer Freundin oder schon wieder. Ihr Blick geht auf den Posteingang und es gibt neue Kommentare. So wundervolle Worte und Glückwünsche. Doch ein Kommentar sticht hervor. Er sticht hervor und tief hinein. Worte, die verletzen wollen und sie treffen. Für einen kurzen Augenblick. Dann löscht sie den Kommentar. Stumm bewegen sich ihre Lippen, so wie es ihr immer passiert, wenn sie schreien möchte und doch nicht kann, sie würde es ja doch nicht hören. Eine eingeklammerte Eins erinnert sie an die Freundin im Chat. Kurz macht sie sich Luft und dann verraucht die Wut. Lautlos.