Abgehangen

Es ist ein merkwürdiges Ding mit uns Menschen und ebenso mit den Fliegen. Als ich an einem warmen Tag auf dem Teppich in der Mitte des Raumes lag und die Decke anstarrte, sah ich eine Fliege, die kopfüber an der Glühbirne hing. Vermutlich ist das keine anstrengende Position für die Fliege, auch wenn ich es nicht als bequem bezeichnen würde, kopfüber an etwas zu hängen. Womöglich wurde sie von einem Windhauch gereizt, auf jeden Fall begann sie plötzlich um die Birne zu kreisen. Kreisen ist das falsche Wort, denn obwohl als grobe Figur ein Kreis oder eine Acht zu erkennen war, flog sie ihre Bahnen nicht in einer runden Kurve sondern wild mit einigen Geraden, die sie in spitzen Winkeln zu neuen Geraden führte. Das Verwunderliche allerdings war, dass die Glühbirne entgegen ihrem Namen nicht glühte und natürlich keine Birne war. Die Fliege hatte also weder eine Frucht gerochen noch war sie dem Licht gefolgt und dennoch war diese kleine Kugel der Mittelpunkt ihres Seins.

Wie sehr wir Menschen nur um uns selbst kreisen, sollte mir in diesen Monaten klarwerden.

„Ich will gar nicht wissen, was gerade in Kroatien los ist. Ich lasse mir nach Schweden nicht auch noch diesen Urlaub kaputt machen“, erklärte mir meine junge Mitbewohnerin, der die Locken vors Gesicht fielen, als sie sich genervt vornüberbeugte. Ich wollte sie mit meiner Information zu Kroatien nicht ärgern, nur verstand ich nicht, warum die Welt immer mehr zu glauben schien, dass das Virus einem etwas Böses tun wollte. Als ob sich irgendeine höhere Instanz in dieses Virus gesetzt hätte und es auf jeden Einzelnen in der fiesesten Art und Weise abgesehen hätte.

Meine Mitbewohnerin schwieg und ich wollte kein Salz in die Wunde streuen. Wir alle mussten der Zukunft überlassen, wie es kommen würde. „Dann lasst uns doch mal den Freitag in zwei Wochen besprechen!“, kam es von der anderen Mitbewohnerin, um die drückende Stille zu unterbinden. „Ja, da will ich nichts verbieten, aber ist es sinnvoll, in dieser Situation eine Feier zu veranstalten? Also klar, es läuft gerade gut, aber wollen wir einen Corona-Hotspot starten?“, fragte ich, um meine Sorge zu erklären. „Nun, die Beschränkungen werden immer mehr aufgehoben und ich vertraue denen, die das beschließen“, gab das lockige Gesicht zu bedenken. „Mir geht es nicht um irgendwelche Regeln, die sind mir relativ egal, aber was ist mit unserer Verantwortung?“, fragte ich in die Runde.

Es fühlte sich so an, als würde ich den Spielverderber geben und das Feiern verbieten wollen. Und vielleicht war ich ja auch verrückt und übervorsichtig, dabei hatte ich keinerlei Angst um meine eigene Gesundheit. Ich wollte nur einfach die Verantwortung nicht übernehmen. Das ist womöglich das Problem in meinem Leben, dass ich einfach keine Verantwortung übernehmen möchte und deswegen nicht vom Fleck komme. Das Leben ist eben nicht nur Sicherheit. Ich nickte die Feier schlussendlich ab, nachdem mir die Beiden erklärten, dass ich in Ruhe darüber nachdenken sollte und sie in jedem Fall voll zu mir stehen würden. So hatten wir es die ganze Zeit schon gehalten. Und es stimmte: Wir waren füreinander da, ich stand gar nicht allein mit der Verantwortung und womöglich war der kurzzeitig erhobene Zeigefinger schon ausreichend, um vorsichtig und besonnen feiern zu können.

Der nächste Morgen war ein Tag wie jeder andere. Das war eine Besonderheit dieser Monate, dass sich die Tage nicht im Geringsten unterschieden. Es gab kein „unter der Woche“ und Wochenende, sondern nur die ewig gleichen Tage. Ich ging nicht zur Arbeit oder zur Uni und ich ging auch nicht feiern. Stattdessen machte ich mich des Morgens zum Bäcker auf und stand im artigen Abstand zu dem Mann vor mir, der ein „ganzes halbes Brot“ bestellte. Es zuckte in mir und ich wollte das Oxymoron lauthals auflösen, sah es aber nicht an mir, sondern gab der Verkäuferin die Gelegenheit. Sie enttäuschte mich, denn sie erklärte nichts und halbierte brav das Brot. In meinem Kopf hätte sie das Innere herauspulen sollen, damit es zumindest vom Gewicht her mit dem ganzen Halben stimmte. Der Typ vor mir ging und ich kam an die Reihe. Ich wollte eigentlich Brötchen, aber es brodelte in mir und ich forderte es heraus: „Ich hätte gern die ganze zweite Hälfte von dem Brot eben.“ Die Verkäuferin packte es ungerührt ein, nannte mir der Betrag und verabschiedete mich.

Es war der erste Juli und das bedeutete, dass es nun schon ein ganzes halbes Jahr war, das hinter mir lag. Ein ganzes halbes Jahr Gefängnis, dachte ich mir auf dem Weg nach Hause. Doch was weiß ich schon von einem Gefängnis. Ich habe nicht die leiseste Ahnung davon. Ich lebte nicht allein und ich war nicht eingesperrt. Stattdessen durfte ich meine Haustür von außen aufschließen. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, doch das zickte mal wieder. Ich drückte den bereits verbogenen Schlüssel ein wenig stärker nach rechts und sah meiner Hand hinterher, die wegrutschte. Zwischen meinen Fingern war noch immer der Schlüssel: Ein ganzer Halber. Die Tür war ganz verschlossen. So ganz stimmt das nicht, weil der komplette Mechanismus offenlag. Das schützende Holz an der Tür wurde wohl irgendwann mal abgeschlagen, als das Schloss das letzte Mal nicht so wollte. Ich nahm den Schlüssel für den Keller, schob ihn direkt zwischen Tür und die Schließzunge. Die Tür sprang auf. Ich suchte nach einer Zange, um die Überreste des Schlüssels aus dem Schloss zu bekommen und ölte es danach gut ein. Der Ersatzschlüssel bekam eine Beförderung zu meinem persönlichen.

Zurück in der Wohnung verstaute ich das Brot, mir war der Hunger vergangen. Ich begab mich in mein Zimmer und legte mich mal wieder auf den Teppich. Der Blick an die Decke verriet mir, dass die Fliege mich nicht verlassen hatte und dass sie noch immer um ihr imaginäres Zentrum kreiste. Die Farbe an der Decke war zum Teil abgefallen und unter ihr befand sich eine beige, glatte Platte, die vermutlich zur Dämmung diente, wenngleich ich nicht sagen könnte, was genau sie dämmen würde. Der ganze Block fiel halb auseinander und wenn es mir ein Anliegen gewesen wäre, hätte ich die Gehaktivitäten der über mir liegenden Wohnung aufzeichnen können. Aber mir lag nichts daran. Stattdessen freute ich mich, dass ich diese Geräusche so gut wie nie wahrnahm. Eher die Erschütterungen, bei denen ich mich jedes Mal fragte, ob da jemand springen oder einen Handstand üben würde. Ich hatte meine Nachbarn nie gefragt, was sie so trieben und vielleicht war die Antwort so unspektakulär, dass sie mich eh enttäuscht hätte.

In meinem Briefkasten lag ein Schreiben von der Arbeit. Es waren die Abrechnungen der letzten drei Monate und die Info von der Chefin, dass es aktuell nichts zu tun gäbe, man sich aber dennoch gern über einen Besuch freuen würde. Ich überlegte, ob ich diesen Tag noch hinradeln sollte und es erschien mir zu schwer mich dafür aufzuraffen. Vor einem Jahr war mein Tag gefüllt mit Arbeit und Studium. Die zusätzlichen Aufgaben schienen mich erdrücken zu wollen, doch jeden Tag ging ich mit dem guten Gefühl ins Bett, alles Machbare geschafft zu haben. Im Augenblick kam mir so eine Aufgabe wie das Radeln zur Arbeit, um mich dort ein wenig zu unterhalten, so endlos anstrengend vor, dass ich es vor mir herschob. Das war aber keine wirklich neue Erfahrung.

Bei meiner Einstellung fragte meine Chefin mich, wie ich es denn so mit der Arbeit nehmen würde. Eine ehrliche Frage erforderte eine ehrliche Antwort meinerseits: „Nun, ich kann mit zu viel freier Zeiteinteilung nicht umgehen.“ „Soll ich Sie dann jedes Mal an die Hand nehmen, wenn ich eine Aufgabe für Sie habe?“, fragte sie fordernd. Ich entgegnete: „Nein. Klar brauche ich am Anfang Hilfe. Ich meinte aber, dass ich einen Platz und eine Arbeit brauche und keine Freiheiten für irgendwelche Projekte, da versage ich. Geben Sie mir Arbeit, dann hacke ich sie runter.“ Und genau so kam es auch. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die acht Stunden fast täglich noch mit Überstunden aufstockte, aber tatsächlich war es mir ein Anliegen, die Dinge, die auf meinem Schreibtisch landeten, abzuarbeiten. Der sollte möglichst leer sein, wenn ich nach Hause ging. Diese Simplizität verschaffte mir ein gewisses Glücksgefühl, wenn es zugleich meinen Hunger nach Wissen nicht stillen konnte. Dafür war ich selbst verantwortlich und da versagte ich. Also schrieb ich mich wieder in der Uni ein. Und die Uni stellte ihre Anforderungen direkt an mich: Wer sitzt schon gern einem Dozierenden gegenüber und gibt zu, dass man keine Ahnung von dem hatte, was gerade besprochen wird. Diese Triebfedern wirkten bei mir. Doch ohne sie lief ich Gefahr zu versacken. Das war nicht mein Schicksal, aber dagegen wollte ich einfach nicht ankämpfen.

Freitagmorgen kam ich nicht aus dem Bett. Ich wollte nicht aufstehen und ich spürte, wie der Gedanke an eine Feier am Abend mich lähmte. Ich freute mich darauf und gleichzeitig war es wieder so ein Ziel, für das ich mich aufrappeln müsste. Es war erst gegen Mittag, als ich aufstand, duschte und mich zum Bäcker aufmachte. Die Frau vor mir bestellte in prophetenartiger Manier: „Ich bekomme zwei von den Körnerbrötchen“. Es zuckte in mir und wollte aus mir herausbrechen, denn ich wünschte mir klarzustellen, dass sie das verdammt nochmal nicht weiß. Dieses „ich bekomme“ ist so unfreundlich, ja sogar unterbewusst fordernd. Was ist mit dem guten alten „Ich hätte gern…“? Sind wir nur noch Bestien, die ohne Höflichkeiten durch unser Leben hetzen? Ich bat um eine Laugenbrezel und zwei Körnerbrötchen, ein verspätetes Frühstück, welches einfach zu viel war, um ein baldiges Mittagessen zu gewährleisten. Dafür würde ich später ein ordentliches Abendessen zu mir nehmen und somit eine gute Grundlage für den kommenden Alkohol legen.

In der Küche erwartete mich meine Mitbewohnerin freudig und gleichzeitig erschöpft von der Woche. Sie begrüßte mich mit der Frage, die alltäglich auf mich eindrosch: „Hallo, wie war dein Tag?“ Ich floskelte zurück: „Gut, und deiner?“ Sie erzählte davon wie geschafft sie sei und dass sie sich auf den Abend freuen würde. Als sie aus der Küche verschwand, ahnte ich, dass sie erstmal ein wenig schlafen würde. Ich aß mein spätes Frühstück und als ich die Krümel am Boden erspähte, erwachte eine Lust in mir. Die pure Lust, die Küche auf Vordermann zu bringen. Und so räumte, putzte und saugte ich. Den Tisch zog ich aus und richtete ihn für später her. Es fühlte sich gut an, wieder etwas erledigt zu haben. In meinem Kopf entwarf ich eine Einkaufsliste und plante ein, joggen zu gehen. Da war sie also endlich wieder. Die Energie, die aufkam, wenn eine Aufgabe klar vor mir lag.

Am Abend saßen wir zu neunt in der Küche. Wenn eine Krankheit die Menschheit nicht zusammen zu bringen vermochte, so brachte sie uns immerhin näher zusammen. Alle tranken wir und hatten Recht damit, ein wenig egoistisch zu sein. Es war der menschliche Drang, miteinander sein zu wollen. Ich blickte mich um und sah die vielen Paare, die sich erst in den letzten Monaten gefunden oder zumindest aufeinander eingeschossen hatten. Die Not machte erfinderisch. Ich wollte bei dem Spiel nicht mitspielen, nachdem ich meine Beziehung kurz vor Corona beendet hatte. Sie saßen da, in der Unsinnigkeit einer Krankheit und gaben dem Leben einen Sinn durch ihre Liebe, eine zweite, romantische Pandemie, wie mir schien.

Und ich. Ich blieb allein. Nie wird einem das so klar, wie nach einer Partynacht in der eigenen WG, an deren Ende jede Person mit dem Partner nach Hause oder ins eigene Zimmer verschwindet. Ich putzte die Küche. Und während die Paare vögelten oder schliefen, wischte ich den Tisch ab und stellte die Stühle zurecht. Am nächsten Morgen würden sie gemeinsam frühstücken und ich würde in meinem Bett liegen bleiben. Später werde ich sagen, dass ich einen Kater hatte und deswegen den Tag in meinem Zimmer verbrachte. Dabei wollte ich meine Einsamkeit nicht zugeben, weder vor den zweisamen Menschen noch vor mir selbst.

In meinem Bett angekommen verspürte ich nur die Lust, meine Augen zu schließen und sie nie wieder öffnen zu müssen. Sie sollten nicht wissen, dass ich mich allein fühlte. Und ja, es war eine verdammte Lüge. Eine Lüge, damit sich alle wohlfühlten und niemand ein schlechtes Gewissen haben musste. Ich blickte Richtung Decke und erspähte die Fliege, die mir wohl ewig treu blieb. Womöglich sollten sie und ich uns überlegen, ob wir den Mittelpunkt unseres Lebens nicht mal verschieben wollten.

Diesen Text hatte ich zu einem Wettbewerb eingereicht, jedoch leider nicht gewonnen und so teile ich ihn gern mit euch.

Verregnete Tage (2)

Wie wohltuend eine warme Dusche sein kann, dachte sich Ben, der den Schweiß und die Klammheit des Regens abwusch. Er freute sich, so gut aufgehoben zu sein. Ja, er war ein Glückspilz und in seinem Kopf ratterten die Gedanken, ob Lena einfach nur ein sehr entspannter und offener Mensch sei oder ob sie mit ihren Reizen spielte. Er fühlte sich einfach wohl bei ihr. Nach dem Duschen rubbelte er sich trocken, zog sich frische Klamotten an und begab sich ins Lenas Zimmer, in dem er von Räucherstäbchengeruch empfangen wurde. Sie saß in Pullover und Sportleggings auf einem Kissen vor dem Tisch und nippte an einem Becher. Ben gesellte sich zu ihr: „Vielen Dank für die Dusche, ich habe erst währenddessen gemerkt, wie sehr ich das gerade gebraucht habe“, erklärte sich Ben. Lena erwiderte: „Das ist doch selbstverständlich. Und es freut mich, dass es dir gutgetan hat.“ Sie nahm einen weiteren Schluck und Ben griff ebenfalls zu seinem Becher. Er sah sich um und schwieg, doch auch Lena sagte nichts. So ging es einige Sekunden, die immer schwerer wogen. „Was ich fragen…“, Ben stockte. Er wusste nicht, warum er den Satz so angefangen hatte und Lena sah ihn neugierig an. Sie hoffte darauf, dass er ein wenig aufgetaut wäre. Er begann von vorn: „Was ich fragen wollte…nein.“ Er holte tief Luft und setzte nochmal an: „Okay, also es beschäftigt mich: Du hast mich einfach so mitgenommen und lässt mich hier duschen. Aber zudem stehst du plötzlich nur mit dem Handtuch bedeckt in deinem Zimmer…“ Er dachte kurz nach und es fehlte ihm der Mut, also beendete er: „Hast du da gar keine Sorge, dass ich dir was Böses tun könnte?“ Lena fragte gegen: „Ist das tatsächlich deine Frage?“ Sein Herz schlug wild, denn sie zwang ihn, ehrlich zu sein. Er überlegte, ob er sich herausreden sollte, doch er entschied sich für den tapferen Weg: „Okay, also um ganz ehrlich zu sein: Ich mag dich, was komisch ist, weil wir uns kaum kennen. Aber irgendwie vertraue ich dir. Und ich finde dich wahnsinnig anziehend. Vielleicht war es nur ein Wunsch, aber mir schien, als ginge es dir auch so. Also standest du nur so im Handtuch herum oder standest du nur so im Handtuch herum?“ Er grinste bei der Frage und sie lächelte fröhlich, als sie erwiderte: „Ich lerne in meinem Job viele Menschen kennen und ich bilde mir ein, sie recht schnell einschätzen zu können. Und mir scheint, dass ich richtig bei dir liege. Denn ich mag dich auch und ich fühle mich ebenso wohl bei dir. Ich habe dich mitgenommen, weil ich dich kennenlernen wollte. Auf welche Weise auch immer. Die Sache mit dem Handtuch habe ich gemacht, um zu sehen, wie du reagierst. Ich finde es süß, wie schüchtern du bist.“ Ben ahnte in diesem Moment noch nicht, wie sehr diese Person seine Sicht auf sein Leben und die Welt wandeln würde.

Teil 1

Teil 3

Weg vom Fenster

Der Himmel war grau und es war nicht zu erkennen, wo eine Wolke anfing und eine andere aufhörte. Ich beschloss, drinnen zu bleiben und sah aus dem Fenster meiner Hochhauswohnung. Ich blickte auf das ebenso hohe Haus gegenüber. Dort bemerkte ich in zwei Fenstern das Brennen der Lichter. Denen war es wohl einfach zu düster, aber eigentlich wäre es nicht nötig, dachte ich mir. Ich suchte die Fenster nach einer Bewegung ab, fand jedoch keine und war schon gewillt, aufzugeben, als ich beim Wegdrehen meines Kopfes zwei Augen ausmachte. Ich drehte den Kopf zurück und suchte die zwei Augen und den Körper dazu. In den unteren drei Etagen fand ich nichts, aber im vierten, also auf gleicher Höhe wie ich, entdeckte ich das Augenpaar. Es muss ein kleiner Mensch sein, denn die Augen kamen gerade so über die untere Kante des Fensters. Es war nur ein wenig Haut vom Gesicht zu erkennen, aber kaum weitere Konturen. Ich bildete mir ein, dass die zwei Augen zu mir herüberblickten. Mich überkam das peinliche Gefühl, beim Spannen erwischt worden zu sein und ich wollte verschwinden. Auf der anderen Seite jedoch spannten die zwei Augen selbst. Wir hatten nichts Verbotenes getan, außer ein klein wenig in die Privatsphäre unserer Nachbarn einzudringen, aber auch nur soweit sie es zuließen. Ich entschied mich, meine Hand zu heben und langsam zu winken. Die zwei Augen schlossen sich und verschwanden. Ich hatte sie verscheucht. So blieb ich noch einen Moment stehen, doch sie kamen nicht zurück. Als ich mich wegdrehte, nahm ich eine Bewegung wahr. Ich sah zum Fenster hinüber und tatsächlich, da war das Augenpaar, welches direkt wieder verschwand. Ich verstand das Spiel und machte mit, indem ich ebenfalls kurz vom Fenster verschwand und dann vorsichtig und langsam auftauchte. Dann verharrten wir einige Sekunden, bis ich oder die Augen sich wieder versteckten. Es war ein kindlicher Spaß, den wir uns einige Minuten gönnten. Plötzlich einigten wir uns darauf, uns wieder anzuschauen. Ich winkte nochmal hinüber und dieses Mal sah ich auch im Fenster gegenüber eine Hand, die mich grüßte. Mir hüpfte das Herz vor Freude. Es ging das Licht im Zimmer an und für den Moment konnte ich die Umrisse meines Gegenübers erkennen. Es war ein großer Lockenkopf mit dunklen Haaren. Ein kleines Mädchen, vermutete ich, welches sich umdrehte und von mir wegsah. Vielleicht redete sie mit der Person, die das Licht angemacht hatte. Mit einem Mal verschwand sie vom Fenster und das Licht wurde gelöscht. Sie wurde wohl in den Kindergarten oder die Schule gebracht, dachte ich mir. Ich drehte mich um und spürte die Wärme einer tiefen Freude in mir. Es war, als hätten wir eine kleine Freundschaft geschlossen. Das hatte ich mit meinen siebenundachtzig Jahren nicht mehr erwartet.

Der Katzenmann – Teil 7

Die Geschichte von vorn

„Wie heißt denn die Gute?“, fragte Frau Leiser nach. „Nun, ihre Vorbesitzerin nannte sie Daria und sie regiert tatsächlich auf den Namen.“ „Daria also. Gefällt mir. Ich heiße übrigens Sabine“, erklärte Frau Leiser und drehte sich dabei kniend zu Kalkenrisse. „Ich heiße Heinrich…aber das wissen Sie ja schon.“ In diesem Moment klingelte die Glocke, die ihm bedeutete, dass ein weiterer Kunde den Laden betreten hatte. Er entschuldigte sich für einen Moment und ließ die junge Frau mit ihrer neuen Begleiterin allein. Sabine kraulte die Katze hinter den Ohren und am Wangenknochen, was dieser sichtlich gefiel. Nur auf den Schoß nehmen, wollte die Polizistin sie nicht. Es war eher ihre Art, die Katze von sich aus auf sie zukommen zu lassen und so wanderte Daria um die junge Frau und stupste sie dabei immer wieder liebevoll an.

Heinrich hielt inne, als er Sabine mit der Katze sah. Er hatte ein sehr gutes Gefühl und ging noch einmal zurück ins Lager, um eine Tüte mit dem Futter abzufüllen, welches Daria bevorzugte. „Hier, das hat sie am liebsten“, er hielt dabei die Tüte vor sich hin und die Polizistin freute sich über die kleine Zugabe: „Die sieht Tiger wirklich sehr ähnlich, finden Sie nicht?“ Heinrich antwortete darauf: „Ja, durchaus, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht abzustreiten.“ „Wie transportiere ich sie denn bis nach Hause?“ „Och, ich leihe Ihnen gern die Transportbox, die ich immer nutze. Aber ich brauche sie bald zurück. Vielleicht können Sie sie morgen tagsüber vorbeibringen?“ Sabine nickte, füllte anschließend die nötigen Unterlagen aus und bezahlte die Rechnung, in der weder das Essen, noch der Verleih der Box erwähnt wurden. Nur die Katzentoilette musste sie zusätzlich zahlen und verabschiedete sich mit einem freundlichen Lächeln.

Heinrich radelte glücklich zurück. Selbst als der Vorderreifen plötzlich zu knartschen begann weil er luftlos auf der Felge herumrutschte, störte sich der Tierfreund nicht daran, stieg ab und ging zu Fuß nach Hause. Er würde den Schlauch heute Abend noch flicken. So ein Spaziergang lädt dazu ein, die Straßen ruhiger wahrzunehmen und sich die Häuser anzuschauen. Aus einem kam ein Mann, den er erst gar nicht erkannte. „Guten Abend, Herr Kalkenrisse“, sagte dieser. Heinrich schaute genauer hin und nahm unter dem Kopfverband seinen Bäcker von Gegenüber wahr. „Was ist denn mit Ihnen geschehen?“, fragte der Tierfreund besorgt. „Ich wurde letzte Nacht angefallen. Es war recht dunkel und ich hörte nur ein tiefes Atmen oder Fauchen. Direkt vor der Haustür. Zum Glück kam in dem Moment meine Frau mit Goliath aus dem Haus…“ „Goliath?“, unterbrach Heinrich die Schilderung. „Ja, das ist unsere Dogge. Der Gute begann sofort zu bellen, worauf dieses Wesen von mir abließ und davonrannte. Und Goliath hinterher.“ „Also wissen Sie nicht, wer Sie angegriffen hat?“ „Nein, ich weiß nicht einmal, ob es ein Mensch war“, gab der geschundene Bäcker zu und verabschiedete sich von Heinrich, welcher verwundert sein Rad nach Hause schob.

Zum 8. Teil

Vergiss die Blumen nicht

„Hallo Ben, du bist doch von Weihnachten bis zu den heiligen drei Königen in der Stadt oder?“, fragte mich Sophia, meine beste Freundin. „Ja“, antwortete ich absichtlich knapp, denn ich wusste bereits, dass sie mich um einen Gefallen bitten würde. Wir kennen uns einfach zu gut. „Die Mädels sind alle weg und ich auch…“, begann sie zu erklären und machte eine Pause, um mir ein abermals kurzes, fragendes Ja zu entlocken und setzte fort: „könntest du in der Zeit meine Blumen gießen? Du musst auch nicht…“ Ich weiß nicht mehr genau, was sie danach noch sagte, aber es waren die üblichen Dinge, die sie sagte, wenn sie mich beruhigen und ermuntern wollte. Ich stimmte zu und setzte mir drei Termine, an denen ich nach den Pflanzen schauen würde.

Ich muss gestehen, dass ich bei meinen Besuchen auch mal einen Blick in die anderen Zimmer warf, um zu sehen, wie jedes Mädel ihr kleines Reich verlassen hatte, dabei blieb es. Die Privatsphäre ist ein zu hohes Gut und wiegt weit mehr, als meine Neugier, die zu gern in verschlossene Boxen und Schränke schauen würde. Beim letzten Besuch war ich gerade mit dem Überprüfen der Pflanzen fertig und öffnete die Wohnungstür, als Nara vor mir stand. Ich hatte sie vor einem halben Jahr kennengelernt und sie vergaß jedes Mal, wer genau ich war. Sie vergaß aber niemals die Art, wie wir uns anblickten.

„Weißt du, wo Mathes wohnt?“, fragte sie mich. „Hm, ich kenne nur einen Mathes im Haus, der wohnt eine Etage höher, Nara“, erklärte ich und ergänzte die Frage: „Du erkennst mich nicht, oder?“ Es war die Frage, die ich ihr jedes Mal stellte, wenn ich sie traf. „Doch schon…“, sagte sie und kramte in ihrem Gedächtnis. Ich entgegnete: „Da erkennt mich Karoline wohl eher als du und dabei gibt es zwischen ihr und mir doch einen Interessenkonflikt.“ Nara grübelte sichtlich und ich half ihr: „Ich bin Ben.“ „Und was ist das für ein Konflikt zwischen Karo und Dir?“, hakte sie nach und ich erklärte knapp: „Na Du.“

Nara hatte ich seit unserer ersten Begegnung immer wieder mal abends getroffen, aber immer in Begleitung von Karo. Sie hatte eine Art, die ich als offenherzig bezeichnen würde, aber auch als naiv, jedoch nur im besten Sinne. Mit ihr zu reden war einfach: Man musste nur genau das sagen, was man dachte, denn sie redete und fragte ebenso aus dem Bauch heraus. Die Sache mit dem Konflikt verstand sie aus einem anderen Grund nicht, der sich mir erst Stück für Stück erschloss, als sie mir erklärte: „Ich liebe Karo, sie liebt mich und wir stören uns nicht daran, wenn wir anderen gefallen.“ Das war eine gute Antwort, wenngleich ich mir etwas anderes zu hören gewünscht hätte. „Dann hab noch einen schönen Abend!“, wünschte ich ihr und blickte in ihr Gesicht, während sie lächelnd fragte: „Magst du mich nicht noch hereinbitten?“

Be-Sinnung

Neulich fragte ich mich, wie viele meiner Mitmenschen ich wahrnehme und die Anzahl ist erschreckend gering. Ich hielt es immer für menschlich, dass man sich selbst in den Mittelpunkt setzt, denn alles andere wäre ja nur ein theoretischer Natur, woher sollte ich denn wissen, wie ein anderer empfindet oder denkt? Aber ist das wirklich menschlich? Wenn ich so in die Natur schaue, dann sehe ich Tiere, die wissen, wie sich das Wetter ändert und die Erdbeben spüren können, lange bevor unsere Detektoren anspringen. Die Natur bekommt offensichtlich sehr viel mehr mit, als wir es tun, mit all unseren Erfindungen, die ja dennoch nicht unpraktisch sind, doch faulenzen unsere Sinne nicht, weil Maschinen ihre Arbeit verrichten?

Unterhaltung – das ist ein schönes Wort. Mir fällt als erstes ein Gespräch dazu ein. Aber ebenso all das, was wir allein konsumieren können. Ein Film auf dem Sofa oder Musik. Unterhaltung, das darf natürlich auch für einen allein vorhanden sein. Aber wenn ich den Menschen betrachte. Wenn ich überlege, was seine Besonderheit ist, so ist es die Fähigkeit zu sprechen und zu verstehen. Ein Film kann mich zum Denken und zum Verstehen anregen, doch kann ich mit ihm sprechen? Gut, das Internet macht mehr Kommunikation und Interaktion möglich, doch ist eine Unterhaltung wirklich der pure Austausch von Worten? Gehört da nicht die Präsenz des Gegenübers als Grundvoraussetzung dazu? So vieles kann falsch gesagt oder verstanden werden, doch eine Person zu berühren, sie anzulächeln und zu umarmen, das scheint mir wenig missverständlich.

Was wir geschaffen haben, sollten wir auch erhalten und auch die Forschung sollten wir nicht Einhalt gebieten. Es ist der Drang des Menschen, nach immer neuem Wissen. Dies ist ein Wesenszug, der auch nur ihm eigen ist und ihn zu verleugnen oder abstellen zu wollen, wäre falsch. Wir werden deswegen immer wieder auf neue Probleme stoßen, die der Menschheit so einiges an Kraft und neuen Ideen abverlangen wird. Doch das gehört dazu. Stattdessen sollten wir bei uns anfangen und um uns schauen. Wann brauche ich was? Warum brauche ich dieses etwas? Was bewirkt das in mir? Wir alle haben materielle Wünsche und die Erfüllung macht uns glücklich, meist nur für den Moment, aber auch dieses Glück ist deswegen nicht unecht oder unberechtigt. Wenn ich aber schaue, was mir selbst wichtig ist, so ist es die Nähe und der Austausch mit anderen Menschen. Ein Lächeln kostet nichts, aber verschenke ich es, so bekomme ich jenes Geschenk oftmals zurück. Und was ist das für ein Geschenk: Zwei Menschen, die sich anlächeln.

Mal wieder einen Trend verpasst…

Eigentlich wollte ich nichts zu den 15.000 Leuten schreiben, die sich in Dresden gefunden haben und sich für was besseres halten. Ich kenne meine Leser und halte sie für aufgeklärt genug, dass ich ihnen unterstelle meine Sichtweise zu teilen. Aber irgendwie ist mir jetzt doch danach.

Kommen wir zu dem Trend, nämlich der Islamisierung. Diesen Trend muss ich nämlich total verpasst haben. Ich suche in unserer weltoffenen Stadt nach Anzeichen von Islamisierung und finde allein eine Amerikanisierung, die vollkommen akzeptiert und toleriert wird. Nun denn, es mag der Preis der Freiheit sein. Ich suchte weiter und dann fand ich sie doch noch. Mir halfen andere Blogger, aber zuerst natürlich zum eigenen Geschichtswissen:

Wir Kinder Roms mussten mit arabischen Zahlen auskommen und die verfluchte Null hinnehmen. Wo war nur damals im Mittelalter die gute Pegida, die uns davor beschützt hätte? Wir hatten stattdessen wenige Schriftgelehrte und wenn ein armer Bauer mal einen Zettel mit diesen merkwürdigen Schriftzeichen fand, dann gab es für ihn bessere Nutzungsmöglichkeiten für das gute Papyrus, als das Wissen der Antike aufzubewahren. Leider kamen arabische Gelehrte über Spanien zu uns nach Europa und gaben uns einen großen Teil dessen zurück, worauf wir uns heute berufen, wenn wir von einer europäischen Geschichte sprechen. Hätte man uns nicht davor schützen können? Gäbe es dann eigentlich „patriotische Europäer“? Vielleicht haben die Leute aber auch Angst vor den ganzen Dönerläden. Die einzigen Orte, wo man des Nachts noch schnell ein Bier kaufen kann. Ach ne, das tun die ja ganz sicher nicht, weil die ja keinen Alkohol erlauben…oh wie, die tun das doch??? Nunja, aber gegen diese von vielen Ernährungswissenschaftlern einzig gesunde Fastfoodart sollte man sich auch stellen. Wir haben doch unseren ureuropäischen BigMac aus der Plastiktüte. Was bedeutet eigentlich Islamisierung, etwa dass wir hier eine neue Staatsreligion einführen? Sehe ich nicht. Etwa, dass wir von unseren christlichen Werten abrücken? Das darf jeder für sich tun und bei allem Respekt: Wo sind die christlichen Werte denn hin, wenn man Menschen, die in unser Land kommen, zeigt, dass sie nicht willkommen sind. Bat Jesus nicht darum auch die andere Wange hinzuhalten? Ich wurde nicht einmal auf die eine geschlagen und bin dennoch bereit, meine zweite hinzuhalten. So wie es wahrhaft große Menschen taten. Man mag mich Gutmensch nennen oder es Kuschelkurs schimpfen, das stört mich nicht im geringsten. Lieber Kuschel- als Konfrontationskurs. Außer gegenüber Intoleranz und die sehe ich momentan nur aus einem Lager und halte es mit Sir Karl Popper:

Im Namen der Toleranz sollten wir… das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren.

Der Grund, warum mich das so aufregt ist das Verständnis eines Thomas de Maizière. Ich sehe keinen Demonstranten, der wirklich Ängste zum Ausdruck bringt. Also wirklich ernsthafte Ängste. Ich habe nur eine einzige Frage an die Demonstrierenden: Was genau glaubt ihr, ist Islamisierung und wo genau findet diese statt? Ich sehe es nicht. Ich erinnere mich nur daran, dass es vor nicht einmal hundert Jahren schon Akademiker und Leute aus der Mittelschicht gab, die sich in einer Masse fanden und für eine Partei und ein System waren, das viel eher zum Untergang des Abendlandes beigetragen hat, als es irgendeine Religion könnte. Ich habe für die damalige Bewegung kein Verständnis und ich habe es für die aktuelle erst recht nicht. Vielleicht sollten wir demnächst eine gelbe Sichel an alle Muslime in Deutschland ausgeben, die sie sich an die Jacke stecken…ich habe für mich vor ein paar Jahren bemerkt, dass ich zwei Arabern gegenüber meine an dem Tag vollkommen positive und offene Einstellung gegenüber verändert habe. Wo kam diese abweisende Haltung eigentlich her und wie soll sich hier jemand wohl fühlen und integrieren, wenn man sich vor ihm verschließt? Seither achte ich sehr genau darauf, wann mir welche Vorurteile begegnen und ich stelle mich ihnen entgegen, denn ich möchte niemals wieder einer Person unfreundlich begegnen, nur weil sie ein besonderes Aussehen hat oder einer speziellen Religion angehört. Ich will kein Nazi sein.

Räuber Baumbrech (Für Kinder und jene, die es immer wieder gerne sein möchten)

In einem dunklen Wald lebte einst der Räuber Baumbrech. Er war eigentlich gar kein Räuber, aber immer wenn jemand durch den Wald ritt und Baumbrech begegnete, erschrak diese Person von Baumbrechs ungeheurer Größe und seinem langen, schwarzem Bart. Die Leute schmissen dann all ihr Hab und Gut auf den Boden und ritten davon. Dabei konnte Baumbrech mit all den Kostbarkeiten und all dem Geschmeide gar nichts anfangen. Seine Hütte blieb kalt und sein Magen knurrte weiterhin.

Eines Tages kam der Händler Karl auf seiner Kutsche durch den Wald. Er hatte all sein Geld für das Wachstumselixier auf seinem Wagen ausgegeben und als er Baumbrech erblickte, der ihn nur freundlich begrüßen wollte, da hatte Karlchen nichts, das er dem Räuber hätte entgegenwerfen können. Also sprang er von seiner Kutsche und lief in den Wald hinein. Baumbrech wusste, dass es in der Richtung einen Abgrund gab und so rief er mit seiner tiefen und brummigen Stimme: „Vorsicht. Bleib doch stehen!“ Doch Karl blickte nur ängstlich hinter sich und stolperte im nächsten Moment den Abgrund hinunter.

Baumbrech eilte ihm hinterher und fand den verletzten Karl am Boden liegend. Der Räuber nahm Karl, der nicht einmal halb so groß wie Baumbrech war, auf die Schulter und schaffte ihn und seine Kutsche zur Hütte. Baumbrech legte den Händler aufs Bett, verband dessen Wunden und gab ihm aus einem Fläschchen von Karls Kutsche etwas Medizin. Baumbrech konnte nämlich nicht lesen und wusste daher nicht, dass auf den Flaschen „Wachstumselixier“ stand.

Am nächsten Morgen erwachte Karl und fühlte sich wieder rund um wohl. Er erschrak abermals vor Baumbrech, besann sich aber eines besseren. Baumbrech begrüßte ihn: „Du sahst wirklich schlimm aus gestern“, und ergänzte: „Aber deine Medizin ist anscheinend Zauberzeugs, denn du bist vollkommen geheilt.“ „Meine Medizin?“, fragte Karl ungläubig. „Ja, das was in den Flaschen in deiner Kutsche steht“, erwiderte der Räuber. Der Händler begann zu strahlen: „Dann ist das Zeug ja doch zu etwas nütze. Ich kaufte es, weil ich wachsen wollte. Und weil ich andere und ihre Haare wachsen lassen wollte. Aber es funktionierte nicht und alle lachten mich nur aus, weil ich so ein kleiner Mensch bin.“ „Ich wär gern so klein, dann würden nicht immer alle weglaufen, wenn sie mich sehen und ich hätte endlich einen Freund“, sagte Baumbrech traurig. „Lass uns doch einfach Freunde sein“, schlug Karl vor und Baumbrech platzte fast vor Freude und umarmte seinen neuen Freund ganz fest.

Karl entsann eine List: Beide fuhren mit der Kutsche in die Stadt und Baumbrech blieb versteckt in ihr sitzen. Dann erzählte Karl auf dem Markt, dass er heute ein neues Wachstumselixier bekommen hätte. Er nahm einen Schluck aus dem Fläschchen und ging dann in die Kutsche, um eine Kiste zu holen. Tatsächlich versteckte er sich im Boden der Kutsche und Baumbrech trat heraus. Er tat so, als sei er der kleine Karl und alle anderen seien plötzlich geschrumpft.

So verkauften sie einige Flaschen, doch der Schwindel flog schnell auf, weil niemand wuchs und keine Glatze mit Haaren bedeckt wurde. Die Meute wollte gerade auf Baumbrech losgehen, da schrie plötzlich einer von ihnen: „Halt“. Es war ein kleiner, alter Mann, den man schon seit Jahren nicht mehr hatte sprechen hören. Ein anderer schrie glücklich: „Ich kann wieder hören.“ Und ein dritter gluckste: „Und ich kann wieder sehen.“

So lernten alle die Zaubermedizin kennen. Man vergab Baumbrech und Karl ihre Lüge und erfreute sich der besten Gesundheit. Die zwei Freunde wurden von da an weder ausgelacht, noch lief man vor ihnen davon. Stattdessen wurden sie mit höchstem Respekt und Freundschaft empfangen.

Last days

„Du Ben, ich würde gern durch die Alpen wandern“, sagte meine Mitbewohnerin Nara zu mir und meinte so viel mehr damit. Sie fragte mich nach Geld für den Ausflug, nicht um eine Leihgabe, das war mir klar. „Willst du allein gehen oder mit einer guten Freundin?“, war meine Antwort, in der ein Ja zum Geld beinhaltet war. Sie blickte gen Boden, vermutlich wusste sie das selbst noch nicht genau. Da war noch mehr in dieser Frage von ihr und ich tat mich schwer damit, anstelle ihrer nachzufragen: „Willst du…“, es brauchte einen Moment, bevor ich erneut ansetzte: „Ich weiß nicht, ob ich fragen sollte. Wirst du dort bleiben? Ich meine, willst du…“ Ihr Blick wanderte höher und für einen kurzen Moment sahen wir uns in die Augen, die sich daraufhin mit Tränen füllten. Ich hätte mir auch einen anderen Ort für meine letzten Tage gesucht, wenn ich das Datum kennen würde. Sie wusste es nicht genau, aber sie hatte bereits erklärt, nicht bis zum letzten Moment warten zu wollen. Ich stand auf und legte meine Arme um sie. Ein Kuss auf ihren Kopf war ein Abschied und ein deutliches Ja. Mehr gab es nicht zu sagen.

lautlos

Wie sie so im Bus sitzt und aus dem Fenster schaut. Als würde sich die Welt nur außerhalb von ihr abspielen. Gedankenverloren. Keine Reaktion auf das schreiende Baby oder die rumblödelnden Jugendlichen. Fast schon regungslos sitzt sie da mit ihrer anmutigen Schönheit und sieht die Häuser, Bäume und Menschen wie einen Farbschleier, der sich vor ihren Augen entlangzieht. Nichts reißt sie aus ihrer Fassung, bis sich plötzlich ein Lächeln in ihr Gesicht zaubert. Ihre Hand wandert in die Hosentasche und ein Handy kommt zum Vorschein. Die Augen fliegen über die Buchstaben und fast noch schneller bewegen sich kurz darauf ihre Finger über die gläserne Oberfläche. Ein kurzes Warten und wieder brummt das Gerät zwischen ihren Fingern. Ihre Haltestelle verpasst sie fast und bemerkt erst am Bremsen, dass sie aussteigen muss.

Schnell ist sie Zuhause und packt eifrig die Einkäufe in den Kühlschrank. Ja, das hat Vorrang, aber den PC hat sie zuvor bereits angeschaltet, damit er auf sie wartet, wenn alles fein säuberlich eingeräumt ist. Ein Joghurtglas und einen Löffel greift sie sich und setzt das virtuose Fingerspiel aus dem Bus an der Tastatur fort. So viele Gedanken und Worte, die aus ihr heraus wollen und die sie sonst für sich behält. Der Chat mit der besten Freundin auf der einen Seite und ein neuer Blogeintrag auf der anderen. Keiner soll warten müssen, denn wer weiß, ob die Welt sie heute noch hört, wenn sie nicht schnell genug ihre Gedanken heruntertippt. Die Schönheit der Worte könnte verloren sein.

Stunden später schreibt sie noch immer mit ihrer Freundin oder schon wieder. Ihr Blick geht auf den Posteingang und es gibt neue Kommentare. So wundervolle Worte und Glückwünsche. Doch ein Kommentar sticht hervor. Er sticht hervor und tief hinein. Worte, die verletzen wollen und sie treffen. Für einen kurzen Augenblick. Dann löscht sie den Kommentar. Stumm bewegen sich ihre Lippen, so wie es ihr immer passiert, wenn sie schreien möchte und doch nicht kann, sie würde es ja doch nicht hören. Eine eingeklammerte Eins erinnert sie an die Freundin im Chat. Kurz macht sie sich Luft und dann verraucht die Wut. Lautlos.