Das gute Gefühl

Es war ein erleichterndes Gefühl, für niemanden wichtig zu sein. Ich stellte das Telefon ab und ließ mich auf meine Couch sinken. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich ganz bei mir sein konnte und für niemanden ein offenes Ohr haben musste oder irgendjemandem etwas schuldig war. Es war mein gottgegebenes Recht, allein zu sein. Was sollte das jetzt eigentlich mit Gott, an den glaubte ich nicht, zumindest nicht in der Form, wie er präsentiert wird. Irgendwas mochte es schon geben, aber dieses Es brauchte nicht meine Frömmigkeit oder mein Bekenntnis, um zu existieren. Ich brauchte diese Dinge ja auch nicht. Niemand betete mich an und niemand huldigte mir und das war das Schöne am Leben, dass ich einfach nur ich selbst sein durfte. Warum fiel den Menschen allein nur die Decke auf den Kopf, warum konnten sie nicht einfach die Decke anstarren und aufgrund der anhaltenden Ruhe glücklich sein? Warum mussten sie sich ständig produzieren und reproduzieren. Ständiger Verzehr und niemals wurde jemand satt. Die Menschen waren anstrengend, wenn man sie den ganzen Tag ertragen musste und so war es für mich nur selbstverständlich, dass man eine Auszeit von ihnen brauchte. Ich zumindest brauchte sie und ich nahm sie mir. Und es war ein gutes Gefühl.

Ein Katzensprung

Es war wieder einer von diesen Tagen, die sich schier endlos in die Länge zogen. Mir war die Lust vergangen. Irgendwas arbeitete in mir und ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Ich wollte mein Leben genießen, ich wollte meine Freiheit genießen. Stattdessen fühlte ich mich verletzt, es kam mir vor, als hätte man mich weggestoßen. Freundschaften zerbrechen manchmal. Ich beschloss, ein wenig zu spazieren. Das Auf und Ab meiner Füße würde mir wieder Halt geben. Die Sonne knallte mir auf den Körper und ich kämpfte nicht dagegen an. Ich nahm die Schwere auf und setzte einen Schritt vor den anderen. Immer weiter. Es gab kein Ziel, höchstens ein Inneres. So lief ich eine kleine Ewigkeit und kam wieder bei mir an. Nichts hatte sich in mir getan. Bevor ich die Haustür erreichte, kreuzte eine kleine Katze meinen Weg. Ich begab mich in die Hocke und sie sprang mir auf den Schoß. Als Katze ist das einfacher, dachte ich mir. Niemand misstraut dir, man akzeptiert und liebt dich einfach für das, was du bist. Merkwürdig, dass wir Menschen uns immer mit Regeln aufladen, die uns einschränken und betrüben. Ich kraulte das süße Wesen und irgendwann sprang sie von mir herunter und zog weiter. Ich mochte sie und es war schön, ihre Freiheit bewundern zu dürfen.

Regelwerk

Ben stand vor der Mauer und betrachtete sie. Seine gedachte Abkürzung durch den Friedhof sollte durch das alte Gemäuer zu einer Verlängerung werden. Er fragte sich: Warum bauen wir Mauern um einen Friedhof? Warum halten wir uns überhaupt an diese Mauern, hätten wir früher so etwas nicht einfach erklommen wären weitergelaufen, also mit Früher meine ich die Zeit bevor man Mauern baute. Die Zeit, in der man einfach durch die Natur schritt und einen Baum hochkletterte, sprang und lief und nicht im Bürostuhl Haltungsschäden bekam.

Ben blieb stehen. Er war sich unsicher, ob er gegen das Gesetz verstoßen sollte oder den Umweg gehen würde. Es war nicht richtig und ein Friedhof ist doch was Heiliges. Das geht einfach nicht. Oder doch? War diese Mauer und das Nicht-Erklimmen nicht vollkommen willkürlich? Was soll es denn. Er setzte den Schuh auf den gewundenen Absatz und konnte dadurch mit den Händen die obere Plattform der Mauer greifen. Mit viel Schwung kam er nach oben und setzte sich, um den neuen Blickpunkt wahrzunehmen. Er sah einen Typen im grünen Blaumann, der in seine Richtung kam. „Das geht nicht“, schrie dieser. „Doch, das geht“, rief Ben fröhlich lächelnd zurück und sprang zur anderen Seite herunter. Das Gefluche des Gärtners ließ er hinter sich und ging weiter Richtung Stadt.

An der nächsten Ampel holte ihn sein Gedanke wieder ein: Warum halten wir an einer Ampel an? Warum befolgen wir diese Regeln einfach? Er blickte nach links und nach rechts und es kam kein Auto. Er wollte losgehen und bemerkte die kleine Person neben sich. Da stand ein kleiner Junge mit seiner Mutter und die warteten ganz brav. Sollte Ben sich in die Erziehung des Jungen einmischen? Wäre er mitverantwortlich, wenn der kleine Kerl bei roter Ampel auf die Straße ging und von einem Auto erfasst würde. Ben beschloss die Ampel zu beachten und ärgerte sich dennoch über diese in die Luft geschriebenen Gesetze, die wir einatmen und denen wir uns unterwerfen. Von wegen Freiheit.

Es machte ihm zu schaffen und irgendwie schien die Freude verloren gegangen zu sein und die Welt mit ihren Regeln hängte sich schwer an seine Schultern und zog diese gen Boden. Er kickte einen Stein am Boden von sich weg und traf damit einen Mülleimer. Er war drauf und dran auch gegen diesen zu treten, bis er bemerkte, wie prall gefüllt jener war. Er blickte sich um und sah keinen weiteren Müll, nur diesen perfekt platzierten. Noch so eine Regel. Und plötzlich lachte er los. Na die waren gar nicht so schlecht, wenn sie dazu führten, dass der blöde Müll nicht überall rumliegt und ihm seinen schönen Weg zerstört. So ist das wohl mit diesen Regeln. Über eine Mauer wollte er aber dennoch gern mal wieder klettern oder eine rote Ampel hinter sich lassen.

Wahnsinn

„Die Leute sind wahnsinnig geworden und sie benennen diesen Zustand >normal<“, meinte Bastian. Und ich nickte ihm zu und er ergänzte: „Also zum Beispiel fahren die jeden Tag den gleichen Weg zur Arbeit und es kommt ihnen nicht merkwürdig vor.“ „Ja, daran kann ich auch nichts wahnsinniges finden“, erklärte ich mich in dem Wissen, dass ich selbst jeden Tag zur Arbeit fuhr. „Warum fährst du nicht mal einen anderen Weg oder du fährst einfach weiter. Glaube mir, das wirst du merkwürdig finden.

Ich fand die Idee nicht merkwürdig und ich beschloss es einfach mal zu machen, damit ich Bastian sagen konnte, dass es nicht stimmen würde. Wie so oft vergaß ich schon am nächsten Morgen mein Vorhaben und einige Wochen fuhr ich jeden Tag denselben Weg auf die Arbeit.

Eines Morgens aber war ich früher wach geworden. Es war so ein Morgen mit goldenem Sonnenschein und als ich auf der Straße unterwegs war, merkte ich, dass ich eine Stunde zu früh dran war. Und ich erinnerte mich, dass ich mal anders fahren wollte, doch ich war schon auf der üblichen Route. Ich könnte ja einfach an der Arbeit vorbeifahren. Einfach nur so. Ich hielt wie üblich beim Bäcker und stieg wieder ins Auto. Ich fuhr zur Arbeit und sagte mir, dass ich die Ruhe allein im Büro und die Effizienz, die diese Ruhe mit sich bringt, nutzen müsste. Bastian hatte Recht, ich war wahnsinnig geworden und ich wurde mir dessen langsam bewusst.

Goldene Zeiten

Der Bus stank nach Urin und es war schon eine ganz besonders durchdringende Note. Dabei hatte mich mein Unterbewusstsein noch am Einsteigen hindern wollen, als ich schier endlose Sekunden mit dem Entwerter kämpfte. Die haben so einen Rahmen aus Metall eingebaut, damit man entweder direkt am Entwerter und dem Fahrer vorbeiläuft oder daneben sofort im Fahrgastbereich landet. Ich entschied mich beim Einsteigen für den Weg zu den Sitzen und somit weit entfernt vom Entwerter. Dann aber versuchte ich den labbrigen Fahrschein halb über dieses Metallgestell hinüber zu entwerten und schaffte es. Ganz ehrlich, draußen hatte es Minusgrade und eine dünne Eisschicht auf dem Asphalt ließ mich nur mit Mühe zur Haltestelle kommen, es war sicher hier im Bus.

Und dann kam diese Wolke aus purem Urin, die jeden von uns umgab. Einen von euch armen Kämpfern hat es erwischt, dachte ich mir. Einer von euch sitzt jetzt auf einem Polster, das nass ist. Irgendwer vor euch hatte zu viel intus oder hatte seine Blase nicht unter Kontrolle, aber jetzt war diese Person gegangen und eine arme Kreatur saß auf dieser Hinterlassenschaft, die jeder hier allsekündlich einatmete.

Vielleicht hatte es einen von den Typen auf dem Vierer erwischt, aber die lachten nur. Die hatten ihren Arbeitstag hinter sich gelassen und ihnen war die Lust am Leben nicht vergangen. Der Rest im Bus schien die letzten Stunden gekämpft zu haben und schaute leer aus dem Bus. Manche lenkten sich mit Musik aus Plastikkopfhörern ab, andere spielten auf den grellleuchtenden Displays ihrer Mobiltelefone. Der eine Typ dort hinten auf der letzten Bank saß beklemmt an seinem Platz und hatte den Kopf gesenkt. Volltreffer, der Typ hat den nassen Sitz erwischt. Wobei die Wolke sich auf die Busmitte konzentrierte, absolut unmöglich, dass es von dort hinten kommen könnte. Aber irgendwas trug der mit sich herum.

So ist es eben in dem Bus, der die Leute nach Hause bringt, die sich jeden Tag abmühen. Und ich? Ich überlegte mir, dass ich einen Tag freinehmen müsste, um tagsüber die anderen Gestalten beobachten zu können, die sich fahren ließen. Wie sehen jene aus, die keine acht Stunden hinter einem Computerbildschirm, einer Kasse oder einem Konferenztisch sitzen? Fahren tagsüber überhaupt Leute mit den Bussen oder fahren da auch keine Busse, weil sie eh keiner nutzt? Nein, das kann nicht sein, die Leute rennen tagsüber durch die Geschäfte und zum Friseur und zu Gott weiß wem. Ich weiß das, weil ich mir mal einen Tag freigenommen hatte, um in die Stadt zu gehen und ich hatte mich noch gefragt, wo all die Leute herkommen und ob die nie zur Arbeit gehen müssten. Nun denn, ich beglückwünsche sie und hoffe, dass sie nicht nur deswegen in der Stadt sind, um die Zeit totzuschlagen. Das wäre so verdammt traurig, wenn die Menschen statt das freie Leben zu genießen, nur hoffen, dass der Tag rumgeht. Aber vielleicht ist es auch nur wie hier im Bus: Man sitzt eine Weile im Gestank und erträgt es und dann irgendwann öffnet sich die Tür und man atmet draußen wieder frische Luft ein und spürt, dass die Welt doch ganz in Ordnung ist.

Geister

Das Essen auf meinem Teller duftet, während ich es aus der Küche in mein Zimmer trage. Tagliatelle mit Lachs in einer feinen Sahnesoße, angereichert mit etwas Dill. Ich versuche kein Fleisch zu essen, aber bei Lachs kann ich manchmal einfach nicht nein sagen. Mit meiner freien Hand schließe ich die Tür hinter mir. Die Tür scheint von der sommerlichen Wärme ein wenig verzogen und lässt sich schwerer schließen als noch vor einem Monat, als ich sie behutsam zufallen lassen konnte. Es sind nur vier Schritt bis zu meinem Bett, die Holzdielen knarzen dabei gewohnt und ich krabble auf die große Matratze und lehne mich gegen eines der riesigen Kissen für meinen Rücken, während ich den Teller neben mir auf dem Laken abstelle.

Ich vernehme ein schwaches Quietschen, das ich nicht sofort zuordnen kann und sehe dann zum alten Kleiderschrank, dessen linke Tür sich geöffnet hat. Das hat sie noch nie getan und ich stelle mir vor, wie ein freundlicher Geist die Tür öffnete, weil er den leckeren Geruch wahrgenommen hatte. Mir gefällt die Idee und ich frage mich, ob ich mich vor einem Geist, so ich denn überhaupt wirklich an einen glaube, nicht fürchten sollte. Aber mir fallen andere Mächte ein, die tatsächlich in mein Leben eingreifen und die mich eher beunruhigen sollten. So ein Geist in meinem Schrank, der kann mir doch eigentlich nur ein guter Freund sein. Er mag es dort vermutlich, weil da so viel Leben drinsteckt und es sich angenehm auf den frisch gewaschenen Sachen liegt. Zudem ist es gemütlich dunkel, wobei hie und da vermutlich ein wenig Licht in den Schrank dringt, denn das Holz ist nicht mehr so akkurat, wie am ersten Tag.

Ich stehe wieder auf und schließe die Tür, weil ich es nicht mag, wenn die Tür so offensteht. Der Geist dankt es mir womöglich, weil er wieder in seine Dunkelheit zurückkehren kann. Ich genieße dann den Lachs und als ich später den Teller wieder in die Küche bringe, öffnet sich dieses Mal die rechte Doppeltür des Schranks, die zwar durch ein Schloss versperrt sein sollte, sich aber mit viel Kraft auch ohne Schlüssel öffnen lässt. Ich frage mich, ob hier eine ganze Geisterfamilie haust und als Antwort öffnet sich auch wieder die linke Schranktür. Nun denn, ich habe wohl ein paar Untermieter. Keine Ahnung, was meine Vermieterin davon hält, aber ich werde es vor ihr geheim halten.

Die Nacht

Die Augenlider bekommt sie nur schwer geöffnet und in ihrem Kopf ist sie schon längst im Bett, auch wenn sie noch zwei Stunden arbeiten muss und den teils angetrunkenen Gästen freundlich gegenübertreten wird. Sie zaubert mir in Windeseile mein Essen zu und freut sich über das Trinkgeld, das zu dieser Uhrzeit eigentlich jedem Besucher automatisch aus dem Portemonnaie rollen sollte. Aber so ist die Welt nicht. Der Junge hinter mir hat riesigen Hunger und das Geld reicht nur geradeso für jene warmduftende Köstlichkeit. Ich verurteile ihn nicht, denn sein Hungergefühl brachte ihn hierher, es führte nicht dazu, dass das eigene Handeln hinterfragt wird. Der Laden ist gemütlich und der Chef ein unheimlich liebenswerter Kerl und so gehe ich mit dem Gefühl, dass die gute Frau zwischen Theke und Kochfläche gut entlohnt wird. Wissen tue ich es nicht.

Das Bier wird heute wieder gezapft und getrunken, so dass gefeiert werden kann, denn danach dürstet es uns alle, die wir mehr Leben spüren wollen. Und dann wird aufgeräumt. Nicht wie damals im Kinderzimmer, als ich es selbst machen musste, sondern von den guten Menschen, die jede Toilette auf ein Niveau putzen, als würde die Kanzlerin höchstpersönlich vorbeischauen. Ein paar Wesen mit Blaulicht retten einen betrunkenen Radfahrer vor sich selbst und die Leute aus dem Krankenwagen kümmern sich um die arme Gestalt, die eine Parkbank bei Temperaturen um den Gefrierpunkt als Schlafstätte erwählt hatte.

Ich bekomme von all dem nichts mit, denn ich liege in meinem Bett und träume davon zu fliegen. Ein schöner Traum. Kein Mensch leidet in diesem Traum und ich genieße meine Freiheit in der Luft und sehe, wie die Welt unter mir kleiner wird, während ich meine Kreise ziehe. Es ist angenehm warm und die Sonne lacht mich an. Es ist schön hier oben, weit weg von all den Dingen, die mich nach unten ziehen, denke ich und spüre, wie ein Betonklotz an meinen Füßen mich eines Besseren belehrt. Ich schließe die Augen, atme tief ein und als ich die Augen wieder öffne, finde ich mich in meinem Bett wieder. Ein Krampf fährt durch die Wade meines linken Beines und ich trete gegen die Wand, um den Schmerz zu mindern.

Nebenan erschreckt sich die junge Frau, die gerade von ihrer Nachschicht heimgekehrt ist. Sie hat ihren Kunden leckeres Essen zubereitet in einem kleinen Laden, dessen Chef ein liebenswerter Kerl ist und nicht das dickste Gehalt zahlen kann, aber dafür jederzeit ein offenes Ohr hat und so sehr hilft, wie er kann. Sie hat heute ein nettes Trinkgeld erhalten und fragt sich, welcher Idiot mitten in der Nacht gegen ihre Wand hauen muss.