Übers Schreiben

Das ist schon so eine Sache mit dem Schreiben. Manchmal, da fliegen die Geschichten nur so aus einem heraus (so geht es mir zumindest) und manchmal, da verebbt es irgendwie. Meist bin ich beschwingt von Gefühlen oder von klaren Bildern, die etwas erzählen, so dass ich gar nicht anders kann, als loszutippen. Schon merkwürdig, dass man seine Gefühle auf diese Weise auslebt, aber manchmal ist man an die Fiktion gebunden und es ist ja sogar äußerst positiv, denn für den Schreiber findet sich auf diese Weise ein Ventil und für seine Leser ein neuer Lesestoff.

Eine wirklich schöne Vereinbarung, die wir da getroffen haben. Hin und wieder müssen die Leser dann eben auch warten, denn man kann ja als Schreiberling nicht durchweg Gefühle und Bilder im Kopf mit sich tragen und „ausleben“, manchmal fühlt man in der Hinsicht leer. Und dann gibt es zudem noch Phasen, da weiß das Herz, dass es was herausschreien möchte, aber die Geschichte dazu, die fehlt. Die Geschichte will einfach nicht zustande kommen. Kein Bild ist gut genug dafür, kein Traum reizt aus, was man empfindet und dann schweigt man. Und während ich so schweige, frage ich mich, wo meine Kunst hingegangen ist und ob sie jemals da war. Ich lese alte Texte und schüttle meinen Kopf über ungesehene Fehler und einen miesen Ausdruck oder über fehlende Atmosphäre. Ich bin dann ganz froh, dass ich dann hier auf diese Kommentare stoße, die mir sagen wollen, dass es nicht so ist, wie ich es empfinde, aber sie dringen nicht ganz bis zu mir durch. Ich verstehe dann, wie die schönste Frau vor dem Spiegel stehen kann und an sich heruntersieht, um die Makel zu finden, die gar nicht vorhanden sind. Niemand könnte ihr ausreden, was sie zu sehen glaubt, bis sie sich selbst zu lieben lernt. Und so ist es eben auch mit mir und meinen Texten, die so oft aus meinem Innersten entstehen und mir doch nie gut genug erscheinen. Gut genug wofür eigentlich? Also warte ich weiterhin, bis wieder Bilder erscheinen zu den Gefühlen, die bereits da sind und etwas neues formen. Wird es gut sein? Keine Ahnung, aber es wird ehrlich sein, das ist das einzige, was ich in meinen Texten bin und es ist das einzige, was ich in meinen Texten sein muss.

Im Staub

Hallo du Tanzende. Der Boden besteht aus kleinen und großen Kieselsteinen, aber deine nackten Füße gleiten über ihn, als gäbe es keine scharfen Kanten, während ich mich noch darüber freue, dass ich zumindest eine dünne Sohle habe, die mir als Schutzschild dient. Du bist an einem ganz anderen Ort und vermutlich waren es nicht nur die drei Male, die du mich nicht erkanntest und mich wieder fragtest, wie ich heiße und wer ich sei. Aber du erinnertest dich dann sofort an das, was ich dir zuvor schon gesagt hatte. Wie wohl die Welt und die Menschen aus deinen Augen aussehen müssen, dass du sie nicht in Erinnerung behältst. Deine Hingabe gilt allein dem Moment, das zu erkennen, war die Kunst und ich frage mich, ob deine Freundin mich mit ihren Blicken töten oder ausziehen möchte, während ich deinen Blick ohne weitere Frage verstehe, aber ich werde ihn nicht mit einem Kuss erwidern können. Nicht, dass ich nicht wollte, aber nur weil du für den Moment lebst, muss es deine Freundin nicht tun und leider auch ich nicht. Und dann fragst du mich, was ich für ein Mensch sei. Ein Zigeuner, ein Veganer, ein Bio, ein Feminist, ein Computermensch und weitere Möglichkeiten fallen dir aus dem Mund, doch so schnell sie dir einfallen, so langsam kann ich mich einsortieren und gebe genau dies zu: “Ich bin ein Reisender, aber ich habe meinen Weg verloren.” Du lächelst und gibst die einzig mögliche, warmherzige Antwort: „Das ist gut so…das gefällt mir.“

Demokratie ist…

Demokratie ist Sisyphusarbeit. Kaum scheint man es geschafft zu haben, dass alle am politischen Geschehen teilhaben, da rollt die Kugel die Stimm- und Rechtlosigkeit wieder den Berg hinab. Aber wir müssen sie in Bewegung halten, damit die, die nach uns kommen, noch wissen, dass es jene Kugel überhaupt gibt.

Joggingrunde – Teil 1

An solch warmen Sonntagen laufe ich lieber zu dem Zeitpunkt, wenn die Sonne fast verschwunden oder gerade erst erschienen ist. Die Luft ist dann schon etwas kühler und der Himmel ist unbeschreiblich. Ich war also nach dem Aufstehen auf meiner Lieblingsstrecke unterwegs und hatte mein Tempo gefunden.

Meist weiß ich gar nicht mehr, was mir beim Laufen so ein- und auffällt, aber in diesem Moment war es die pure Schönheit der Natur. Das Rauschen der Bäume ist so anders als das monotone Gedröhn der sonst hörbaren, fernen Autos. Keine Glühlampe zaubert dir so ein Lachen ins Gesicht, wie die ersten Frühlingssonnenstrahlen. Und das Lachen hatte ich über die Wintermonate ein wenig verloren. Es ging mit dem Herzen und kein Flirt wollte so recht jene Flamme wieder entzünden, die doch sonst so gern flackert. Das Thema „Frau“ war also abgehakt und das machte das Leben leichter, die Flirts übrigens auch.

Es war dann plötzlich ein lautes Atmen und Schritte hinter mir zu hören. Ein wenig zurückblickend, nahm ich eine Person hinter mir wahr, die schneller als ich sein musste, also machte ich mich auf die rechte Seite des doch recht engen Feldweges, doch das Überholen blieb aus.

Es gibt diese Momente auch in der Stadt, wenn schon weniger Leute unterwegs sind und dann merkt man plötzlich, wie Jemand hinter einem hergeht und weder überholt, noch zurückfällt. In der Stadt bleibe ich dann einfach abrupt stehen und drehe mich um. Man wird dann endlich überholt und kann sich daraufhin, wenn man seinen Weg fortsetzt, wieder seinen Gedanken widmen und eben nicht dem nervigen „Verfolger“.

Aber hier war das eine andere Situation und ich überlegte, ob ich mein Tempo einfach verändern sollte. Langsamer wollte ich nicht werden, denn dann wäre mein Vorhaben, meine Bestzeit zu unterbieten, in Gefahr. Schneller werden war durchaus möglich, aber mit der Gefahr verbunden, dass dann etwas später ein umso heftigerer Einbruch folgen würde. Ich lauschte noch einmal genau und der Abstand schien sich nicht verändert zu haben. Ich drehte mich im Lauf um und blickte die Person an, die sich erschrak. Ohne ein Wort zu sagen, deutete ich an, dass sie mich ruhig überholen solle, während mein Gesicht eine amüsante Mischung aus einem Lächeln und einer hochgezogenen Augenbraue darstellte. Sie rief mir zu, dass ich ihr eine gute Geschwindigkeit vorgebe und ob es okay sei. Mit dieser Absprache war es in Ordnung für mich. Ich nickte und just in dem Moment trat ich in eine Kuhle und fiel zu Boden.

Die Läuferin blieb neben mir stehen und half mir auf, während sie sich erkundigte, ob ich mich verletzt hätte. Hatte ich nicht und so nahmen wir den Lauf wieder auf. Mein Vorhaben bezüglich der Bestzeit hatte ich jetzt allerdings aufgegeben und auch sie schien mich nicht als Geschwindigkeitsgeber nehmen zu wollen und so liefen wir die Strecke wortlos nebeneinander her.

Beim Joggen eine Person kennenzulernen ist eigentlich unmöglich, weil man nie die gleiche Geschwindigkeit hat und man zudem andere Wege läuft, aber genau deswegen war sie überhaupt erst hinter mich gekommen, denn eine Kreuzung hatte unsere Wege vereint.

Ein Flirt ist noch weniger möglich, da man beim Joggen keinen Schönheitswettbewerb gewinnen will – ich zumindest nicht, aber da hab ich tatsächlich auch schon andere „Läufer“ gesehen. So war es aber genau richtig: einfach zwei Menschen, die das gleiche Tempo und die gleiche Richtung hatten.

Als wir das waldige Grün verließen, gab sie mir einen sanften Stoß in die Rippen, um sich zu verabschieden und zu dem Haus zu laufen, in dem sie wohl wohnte. Ich sah ihr noch ein wenig nach und grinste dann vor mich hin, da der ganze Lauf doch sehr besonders war.

Mit Vollgas durchs Grün

Von Nandalyas Eintrag inspiriert kommt hier meine ganz eigene Geschichte zum Thema Geschwindigkeit:

Sich aufzuraffen, wenn man schon im Gemütlichen – im Warmen – sitzt, das fällt mir nicht leicht und allein das Wissen, dass die Sonne nicht mehr lang auf mich warten wird, lässt mich die Schuhe anziehen. Die Haustür fällt hinter mir in die Tür und sofort werde ich von einer eiskalten Luft umgeben. Schnell die Stufen hinab, ein Blick auf die Uhr und auf den Startknopf gedrückt. Es ist der Startknopf am Zeitmesser und gleichzeitig der Startknopf in meinem Herzen und in meinen Füßen. Während die ersten Meter abgelaufen werden, fühlt es sich an, als ob ein kalter Windzug durch die Schuhe zieht, also balle ich meine Füße während des Laufens ein wenig. Die ersten Kurven und Treppen liegen hinter mir, da wird mir bewusst, dass diese Strecke am Nachmittag eh keine Sonne abbekommt und so finde ich Raureif an den Grashalmen und der bisher matschige Boden hat eine leichte Härte bekommen. Die Hände sind kalt, weshlab ich die Finger ausstrecke und wieder zu einer Faust zusammenziehe, die Reaktion erfolgt prompt.

Die Beine sind schwer, sie meckern sich über die zusätzlichen Kilometer, die ich gestern, nur so zum Spaß, an meine Laufstrecke hängte. Es fühlt sich an, als wäre mir der Sinn fürs Gleichgewicht abhanden gekommen, aber dennoch setzt sich jeder Schritt punktgenau und ohne instabil zu landen. Mir kommen Menschen in dicken Mänteln entgegen, sie nicken mir grüßend zu und wundern sich womöglich, ob ich nicht zu kalt angezogen bin. Ich bin es nicht, das weiß ich spätestens in zwei Kilometern. Als die Hälfte der Strecke hinter mir liegt, schiele ich nur auf die Uhr und stelle unzufrieden fest, dass ich bereits über eine halbe Minute hinter meiner Bestzeit liege. Dann realisiere ich meinen Zustand und finde mich damit ab – der Kopf leert sich wieder. Auch diese letzte Hälfte des Strecke ist plötzlich halbiert und ich atme tief ein. Ganz von allein richte ich mich stärker auf und bemerke, dass da noch mehr geht und dass die müden Muskeln mir nicht diktieren können, wie schnell ich zu laufen habe, denn ausruhen kann ich mich später noch zu genüge.

Immer erhabener wird der Lauf und gleichwohl schneller, der Abschnitt mit dem Anstieg liegt vor mir, 47 Höhenmeter auf nicht einmal 500 Streckenmeter. Das heftige Stück fast am Ende, es wird gelaufen und ohne es wirklich erlebt zu haben, liegt es schon hinter mir. Das Herz pocht und schlägt wie wild mit 190 Schlägen in der Minute. Nein, das ist nicht gesund, doch dieses kleine Herz musste schon immer schneller schlagen, um den großen Körper mit Blut zu versorgen, womöglich bleibt deswegen kein Fett an mir hängen. Nach ein paar wenigen Schritten, hat es sich wieder beruhigt und pocht belustigt bei 155 Schlägen in der Brust. Weiter durchs Wohngebiet und die letzte Steigung. Dieses Mal sind es nur neun Meter in die Höhe bei 200 Meter an Strecke, ein guter Grund, einen letzten Sprint einzulegen, denn danach geht es fast nur noch eben weiter. Ich sehe den Punkt, an dem ich sonst anfange zu gehen und habe das Gefühl, meine Bestzeit geschlagen zu haben, mindestens eine Minute, so denke ich mir, während sich ein Stich in meiner linken Seite unangenehm bemerkbar macht. Doch er stört mich nicht mehr, der Punkt ist erreicht und ich drücke auf den Stoppknopf auf meiner Uhr und in meinem Kopf. Der Blick verrät mir, dass ich schneller als je zuvor war, aber eben doch nur acht Sekunden.

Regenfahrt

Immer neue Regentropfen rollten sein Gesicht herab, während er mit aller Kraft in die Pedale trat. Seine Kleidung klebte nasskalt an ihm und zerrte ihn zu Boden. Für einen kurzen Moment hielt er inne und ließ sich nur von der bereits aufgenommenen Geschwindigkeit führen. Es fühlte sich gut an und es schien, als würde ihm etwas wärmer werden. Das Rad verlangsamte und so trat er abermals in die Pedale und spürte die Kälte, die sich an Stellen haftete, die sich für einen kurzen Moment trocknen und wärmen konnte. Das Gefühl war so unangenehm und doch musste er es ertragen. Der Regen lief ihm so stark übers Gesicht, dass sich in seinem offenen Mund das Wasser sammelte – er nahm den Schluck. Sein Blick richtete sich wieder auf die Straße vor ihm, wenngleich er kaum die Augen offen halten konnte. Er holte tief Luft und ließ sich nicht mehr aufhalten. Er dachte an die warme Dusche, die auf ihn warten würde und die Tasse Tee, die er danach trinken würde, wenn er sich auf seiner Couch in eine Decke einwickeln würde. Diesen Gedanken verlor er nicht, bis er sein Fahrrad abschloss und die Treppe in seine Wohnung hinaufstürmte.