Überlebenselixier

Der alte Trinker von gegenüber – ich proste ihm zu, obgleich er mich nicht sieht, aber ich weiß, dass er da drüben sitzt und ich es wäre eine hundertprozentig sichere Wette, wenn ich sagen würde, dass er heute Abend was trinkt. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass der Alkohol kein Gift mehr für ihn war, sondern sein Überlebenselixier wurde. Es macht ihn nicht stärker, aber es betäubte ihn. Ich habe mir heute auch zwei Gläser Rotwein gegönnt. Einfach nur, weil die Flasche noch offen war und ich nicht warten wollte, bis Essig aus dem Wein wurde. Wäre doch verdammt schade. Neulich erst wollte einer mit mir darüber diskutieren, dass er den Typen dafür hasste, dass er ständig mit einer Fahne irgendwo in unserem Block rumhängen würde. Die Scheinheiligkeit wollte ich beenden, indem ich darauf verwies, dass der halbe Block sich dauerhaft zudübelt. Aber Gras sei ja nicht so schlimm. Ich schaltete auf Durchzug und ließ den Typen stehen. Mir ist es doch vollkommen egal, wer was zu sich nimmt. Der ständige Konsum ist das Problem, aber das wusste ich schon als Kind, als ich mit dem Daumenlutschen nicht aufhören wollte, obgleich es mir langsam peinlich wurde. Aber es beruhigte mich einfach enorm. Ich denke, dass der Mensch gern zu einem Mittel greift, um herunterzukommen und sich abzulenken – es gibt genug Dinge in dieser Welt, die man ausblenden und vergessen möchte.

Der alte Trinker von gegenüber ist vor seinem Fernseher eingeschlafen. Ich wünsche ihm eine gute Nacht und haue noch ein wenig in die Tasten. Die Finger sollen so schnell fliegen, dass ich den Alkohol heute Nacht schon wieder aus meinem Körper rausschwitze. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich mir aussuche, wann ich etwas trinken möchte und dass ich gern einfach nichts trinken möchte. Es lässt mich glauben, dass ich nicht gefährdet sei. Wie verblendet man sein kann.

Die Wahrheit ist, dass ich den Wein heute Abend brauche, denn ich soll einen Text zum Thema Humor schreiben. Also am besten wäre es, wenn er witzig werden würde und ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie man so etwas schreibt. Ich habe schon lustige Texte geschrieben, aber die hatten nie die Intention lustig zu sein. Also habe ich die Hoffnung, dass ich mit dem Alkohol im Blut einen so bitterernsten Text schreiben werde, dass die Leute glauben, dass er ironisch gemeint sei und sie ihn deswegen mit Humor nehmen müssten, oder vielleicht kommt ja doch was Witziges zustande. Vorgaben können manchmal verdammte Hindernisse sein.

Nur Mut

Ich denke oft darüber nach, wie sehr die Angst vor etwas der alleinige Grund ist, weshalb eine Sache nicht klappt. Angst und Abneigung haben aus evolutionärer Sicht ihre Berechtigung, denn sie schützen uns vor zu hohem Risiko. Ich fuhr gestern mit meinem Rennrad über lockeren Kies und das Angstgefühl vor jener Stelle hat mich sehr langsam und vorsichtig fahren lassen. Vorweg kann ich schon sagen, dass nichts passiert ist, aber mein Gefühl und auch meine Erfahrung haben mir gezeigt, dass es sicherer gewesen wäre, einfach drüber zu fahren, anstatt nur auf den einen Kiesel zu warten, der das Rad aufspringen lässt, mich ins Schwanken bringt und mich dann in die Tiefe reißen würde. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie ich mich entwickeln werde:

1. Ich überwinde die Angst und werde entspannter und somit auch schneller und unachtsamer über den Kies fahren. Womöglich wird mich das irgendwann mal vom Rad holen, aber ich werde aufstehen und weiter machen.

2. Ich gebe dem Angstgefühl nach und werde weiterhin vorsichtig sein. Womöglich versteife ich mich dann in einem kritischen Moment und lege mich ebenfalls hin, allerdings bei geringem Tempo.

Option 2 klingt eigentlich gesünder, doch genau hier möchte ich ansetzen. Denn wird meine Angst nicht immer weiter zunehmen? Werde ich nicht jedes Mal absteigen, wenn mir Kies in die Quere kommt? Die Angst zu überwinden und sich einer Gefahr auszusetzen, trägt den Gewinn mit sich, dass man sich um mögliche Probleme erst dann Gedanken macht, wenn sie tatsächlich auftreten. Zu einem gewissen Maß ist es nicht unwichtig, sich Gefahrenquellen von vornherein bewusst zu werden und diese nach Möglichkeit gering zu halten, doch alle Eventualitäten lassen sich nicht ausschließen und die wichtigste Frage bleibt am Ende, wie spannend so ein Leben wohl sein mag, das frei von Gefahren ist und somit auch frei von jeder Überraschung. Frei von jeder Veränderung. Ich habe in meinem Leben oft Angst gehabt und ich habe ihr oft nachgegeben. Womöglich ist meine Nase deswegen noch heil, ich habe mir nur einmal einen Knochen gebrochen und ich habe noch alle Zähne im Mund. Nur welchen Spaß habe ich deswegen teilweise verpasst?

Es ist Sonntag und bald schon 20:00 Uhr. Seid spontan und macht noch was schönes mit dem Abend! Lasst den Fernseher aus und schaltet den Laptop oder PC ab. Schaut mal, was euch der Abend noch so bringt, wenn ihr ungeplant noch schnell in die Stadt geht und morgen unausgeschlafen auf Arbeit erscheint! Das Leben wird es euch nicht übel nehmen.

Die Nacht der Arbeit im Bett

Nachdem ich heute Mittag noch im Bett lag und meinen Eintrag zum Tag der Arbeit verfasste, kommt nun ein zweiter Eintrag hinzu, weil ich nicht verstehe, was gerade so passiert.

Ich habe gerade Bilder von Polizisten in Paris gesehen, die mit Molotowcocktails angegriffen wurden. Sie schützten die Demonstration, die sich gegen LePen richtete. Ich weiß, dass es Polizisten gibt, die mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen, aber für solche Aktionen gibt es keine Rechtfertigungen. Ich möchte keine Tabus aufstellen und würde mich selbst im politischen Spektrum eher links einordnen, nur fehlt mir hierfür jedes Verständnis. Vielleicht kann es mir jemand erklären, aber ich will es gar nicht wissen. Wirklich nicht. Ich bin sauer, weil hier das Leben von Menschen dermaßen missachtet und leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird, die allein deswegen da sind, um Menschen einer Demonstration zu schützen.

Selbst wenn es irgendeinen Grund für solch ein krankes Verhalten geben könnte, es hilft nicht. Ich muss sogar sagen, dass ich in solchen Momente jene Menschen verstehe, die deswegen rechts wählen, weil man ihnen Schutz und Ordnung verspricht. Und nur mal zum Nachdenken für jene, die mir jetzt mit Polizeigewalt und Systemveränderung kommen möchten: Wer mit einem Brandgeschoss (oder auch einem anderen Gegenstand) einen anderen Menschen angreift, steht auf der gleichen Ebene mit einem Machthaber, der Giftgas abwerfen lässt. Die Dimension ist ohne Frage eine andere, aber das kommt mit der Höhe der Macht. Solche Menschen brauchen wir in dieser Welt nicht mehr, davon gibt es schon viel zu viele.