Unterschiede

Ich weiß gar nicht, ob dir bewusst war, wie sehr ich es liebte, wenn du mich in den Wald begleitetest. Es war die einzige Zeit, in der ich dir die Welt erklären konnte. Meine Welt zumindest. So oft saß ich neben dir und lauschte den Gesprächen zwischen dir und deinen Freundinnen und Bekannten und so sehr ich es auch versuchte, ich konnte den Anschluss nicht finden. Ich kam mir wie ein Schuljunge vor, der Vokabeln lernt, wenn ich versuchte, eure Themen zu verstehen und mich heimlich informierte. Im Wald aber, da schwiegst du und hörtest mir gespannt zu, wenn ich über Spuren und die Früchte der Natur sprach. Bis zu unserem ersten Spaziergang durch den Wald hatte ich das Gefühl, dass ich dir niemals das Wasser reichen können würde, aber erst da wurde mir bewusst, dass wir uns in unserem jeweils eigen Kosmos bestens auskannten und es liebten, einander zuzuhören und dadurch ein wenig in diese Welt eintauchen zu können. So unterschiedlich waren wir denn gar nicht, du warst ebenso eine Expertin in deinem Gebiet, wie ich in dem meinigen, das wurde mir leider erst spät bewusst, als wir die eine Welt, die nur die unsere war, zerstörten. Unüberwindbar schienen unsere Unterschiede und dabei waren da nur Gemeinsamkeiten, wenn wir einander wortlos in die Augen sahen und wussten, dass alles gut war. Nur hatten wir uns in den Streitereien nicht einmal schweigend in die Augen gesehen.