Lehrmeisterin – auf literallypeace.com

Guten Abend,

ich hatte es neulich schon angekündigt und hier ist der aktuelle Beitrag von mir auf Literally Peace

Text – Lehrmeisterin

Es geht dabei um Nacktheit, Rotwein und eine Nachbarin. Und wenn ich euch damit nicht locken kann, dann sollte ich wohl zugeben, dass es ein sehr berührender und nachdenklicher Text ist und keinerlei Erotik enthält.

Vielen Dank,

Ben

Nur Mut

Ich denke oft darüber nach, wie sehr die Angst vor etwas der alleinige Grund ist, weshalb eine Sache nicht klappt. Angst und Abneigung haben aus evolutionärer Sicht ihre Berechtigung, denn sie schützen uns vor zu hohem Risiko. Ich fuhr gestern mit meinem Rennrad über lockeren Kies und das Angstgefühl vor jener Stelle hat mich sehr langsam und vorsichtig fahren lassen. Vorweg kann ich schon sagen, dass nichts passiert ist, aber mein Gefühl und auch meine Erfahrung haben mir gezeigt, dass es sicherer gewesen wäre, einfach drüber zu fahren, anstatt nur auf den einen Kiesel zu warten, der das Rad aufspringen lässt, mich ins Schwanken bringt und mich dann in die Tiefe reißen würde. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie ich mich entwickeln werde:

1. Ich überwinde die Angst und werde entspannter und somit auch schneller und unachtsamer über den Kies fahren. Womöglich wird mich das irgendwann mal vom Rad holen, aber ich werde aufstehen und weiter machen.

2. Ich gebe dem Angstgefühl nach und werde weiterhin vorsichtig sein. Womöglich versteife ich mich dann in einem kritischen Moment und lege mich ebenfalls hin, allerdings bei geringem Tempo.

Option 2 klingt eigentlich gesünder, doch genau hier möchte ich ansetzen. Denn wird meine Angst nicht immer weiter zunehmen? Werde ich nicht jedes Mal absteigen, wenn mir Kies in die Quere kommt? Die Angst zu überwinden und sich einer Gefahr auszusetzen, trägt den Gewinn mit sich, dass man sich um mögliche Probleme erst dann Gedanken macht, wenn sie tatsächlich auftreten. Zu einem gewissen Maß ist es nicht unwichtig, sich Gefahrenquellen von vornherein bewusst zu werden und diese nach Möglichkeit gering zu halten, doch alle Eventualitäten lassen sich nicht ausschließen und die wichtigste Frage bleibt am Ende, wie spannend so ein Leben wohl sein mag, das frei von Gefahren ist und somit auch frei von jeder Überraschung. Frei von jeder Veränderung. Ich habe in meinem Leben oft Angst gehabt und ich habe ihr oft nachgegeben. Womöglich ist meine Nase deswegen noch heil, ich habe mir nur einmal einen Knochen gebrochen und ich habe noch alle Zähne im Mund. Nur welchen Spaß habe ich deswegen teilweise verpasst?

Es ist Sonntag und bald schon 20:00 Uhr. Seid spontan und macht noch was schönes mit dem Abend! Lasst den Fernseher aus und schaltet den Laptop oder PC ab. Schaut mal, was euch der Abend noch so bringt, wenn ihr ungeplant noch schnell in die Stadt geht und morgen unausgeschlafen auf Arbeit erscheint! Das Leben wird es euch nicht übel nehmen.

Der alte Mann (Teil sechs)

Das Telefonat war ernüchternd. Keine Fabrik. Zumindest nicht am See. Und auch die Luftaufnahmen um den Teich ließen nichts vermuten. Mein Bekannter sicherte mir zu, etwas über Fabriken in der Nähe der Stadt herauszufinden, allerdings erst morgen.

Ich machte mich auf den Heimweg, denn ich wollte noch um den See wandern und die Proben sammeln. An der Hütte angekommen, traf ich Tom nicht an. Er hatte keine Notiz hinterlassen und sein Boot war am Steg festgemacht. Das gab mir die Möglichkeit, meinen Rucksack mit den Isolierflaschen zu füllen und mir noch etwas Proviant mitzunehmen. Ich musste mich ranhalten, denn so viele Stunden würde es nicht mehr hell sein. Zu meinem Glück begann es zu regnen, als ich die Tür hinter mir schloss. Das lag bereits den ganzen Tag in der Luft, also überraschte es mich nicht, es ließ aber Zweifel in mir aufkommen, ob ich meine Proben nehmen konnte. Das Regenwasser würde die obere Schicht des Sees mit frischem Wasser füllen. Dennoch blieb ich bei meinem Plan und machte mich auf den Weg.

Ich mag das Wandern auch bei Regen. Wenn man die richtigen Sachen dabei hat, dann gibt es wohl kaum einen Moment, an dem man sich mehr mit der Natur verbunden fühlt. Der lehmige Boden klebt an den Schuhen und der Geruch des Waldes und des Regens liegt in der Nase. Ja, selbst die Kühle und die Nässe des Regens zeigt einem die Lebhaftigkeit der Natur. Vermutlich lässt sich das als Mensch aus der Stadt, der die Natur nur noch von den Pflanzen im Topf her kennt, genießen. Wer hier lebt, dem fällt es womöglich gar nicht so sehr auf, aber für mich ist es eine Expedition der Sinne.

Ich kam zu der Stelle, wo ich am Morgen umgekehrt war und folgte dem Ufer noch ein wenig. Zu sehen war nichts, außer den abgestorbenen Bäumen, die sich häuften. Ich nahm die letzte Probe und markierte die Flasche. Ein wenig ambivalent kam ich mir vor, denn ich hoffte, dass sich in einer der Proben etwas finden lassen würde und gleichzeitig wünschte ich es mir nicht.

In der Hütte brannte Licht und ich freute mich schon auf ein wärmendes Feuer und eine Suppe. Als ich die Tür öffnete, roch es jedoch nicht nach Essen. Tom lag auf der Couch, er röchelte leise im Schlaf. Ich entledigte mich der nassen Kleidung, warf mir eine Decke um und setzte mich vor den warmen Kamin, bis mir die Augen zufielen.

Die liebe Zeit

Hier liegen wir also, wer hätte das gedacht? Wir waren nicht aufgeregt wie zwei Teenies und dennoch genossen wir, was wir spüren und fühlen durften. Solch eine Nacht kann bei den letzten Sonnenstrahlen beginnen und es scheint lediglich eine Viertelstunde zu vergehen, bis die Sonne sich schon wieder zeigt. Nun stöhnen wieder einige Menschen auf. Kein lustvolles Stöhnen, sondern ein genervtes eher. Denn natürlich wünscht man sich lieber den heißen Ritt oder simpel gesprochen, den schnellen aber guten Fick.

Es erinnert mich an ein Essen in einem Restaurant. Ich war mit einer Freundin dort und sie griff hastig nach der Karte mit den Worten „Ich habe Hunger“. Schon bemerkenswert, dass man heute kaum noch Appetit hat. Man könnte sein Gericht sorgsam wählen und es genießen, womöglich ein paar Happen nicht schaffen, weil man zu lange jede Geschmacksnote auskostete. Aber man hatte ja Hunger.

Wie könnte man die Gesellschaft nur entschleunigen? Ich weiß es einfach nicht. Neulich saß ich im Museum und eine Gruppe Jugendlicher wurde von ihrem Lehrer mit einem multimedialen „Erguss“ durch die Räume geführt. Nicht lang hielt sich jene Gruppe vor einem Gemälde auf, sondern wurde von Bildern, Videos und gesprochenen Informationen auf Trapp gehalten. Vermutlich muss das Museum jenen Weg gehen, damit sie gegen die neuen Medien überhaupt eine Chance hat, doch wer setzt sich schon für eine Stunde vor ein Gemälde und folgt den Strichen des Meisters? Ich bin froh, dass es Museen noch gibt, aber wenn die Zukunft nur noch in der schnelllebigen Unterhaltung liegt, dann wäre es wohl besser, man schlösse die Tore jener ruhevollen Gebäude.

Es bleibt also allein meine Sache, wie ich mit meiner Zeit verfahre. Wenn ich hier so liege und die Stunden nur so verfliegen, während ich die naturgegebenen Linien deines Körpers abfahre, dann weiß ich, dass du es ebenso genießen kannst. Es spricht auch gar nichts dagegen, einmal Hunger zu haben und diesen schnell zu stillen, das wissen wir Beide zu schätzen und tun es auch immer wieder. Doch wahrhaft unvergesslich sind dann doch wieder diese Nächte, bei denen wir uns fragen, wie die Welt sich in dieser Nacht nur so viel schneller drehen konnte.