Aussteigen bitte

Es war eine dieser Nächte, in denen man einfach nur glücklich ist, wenn man wieder in sein Bett fällt. Klar nimmt man den Flirt mit, aber belässt es dann dabei, weil die Müdigkeit so tief in einem steckt, dass man die Schwere kaum noch zu ertragen vermag. In diesem Zustand lehnte ich an einem Pfeiler der U-Bahn-Haltestelle. Es waren die üblichen blöden Sprüche darauf zu finden, ebenso hingekritzelte Penisse und Rauten. Keine Ahnung, welcher von diesen „Künstlern“ zuvor einer Frau begegnet war, aber sie besaßen eindeutig mehr Kunstfertigkeit im Zeichnen eines Männergliedes.

Zum Glück kam die Bahn recht schnell und ich nahm den erstbesten Platz. Ich schloss die Augen, doch nur Sekunden später wurde mir klar, dass ich dadurch das Schaukeln des Wagens nur umso stärker wahrnahm. Also wieder ein Blick in die grelle und miefige Welt. Rechts saß auf einem Vierersitz ein Punk, der bereits schlief. Mir gegenüber saß niemand und fast hätte ich geglaubt, mit dem Linken rechts von mir allein zu sein, bis mir der Typ zu meiner Linken bewusst wurde. Er saß mir ein Stück zu nah.

Ihr kennt das sicherlich, wenn ihr betrunken seid, da gibt es immer einen Typen, der dir schon fast einen Kuss ins Gesicht drückt, während er mit dir spricht und man auf dem eigenen Barhocker bereits ein  weites Hohlkreuz bildet und nach hinten umzukippen droht, weil man sich Stück für Stück zu entfernen suchte, doch immer verfolgt von der Fratze des unerträglichen Schwätzers. Ebenso unangenehm nah war mir dieser Typ.

Ich sah ihn nicht direkt an, vermutlich würde er mich sonst vollquatschen und darauf hatte ich absolut keine Lust, aber ich musterte ihn aus dem Augenwinkel. Wie er da saß, ein Wichtigtuer, das merkte ich sofort. Ganz bestimmt so eine dämliche Grinsefresse, die mir bei der kleinsten Regung in seine Richtung sofort was ganz besonders Tolles erzählen musste. Ich kann solche Leute einfach nicht ausstehen und verdammt, warum musste der sich nur so nah neben mich setzen, ich kann es nicht ausstehen.

Ich hatte mich ein wenig vorgebeugt und dieser Spinner wollte ganz offensichtlich mit mir Kontakt aufnehmen, denn auch er beugte sich vor, somit war mir der Weg zum Wiederaufrichten versperrt, denn dabei müsste ich ihn direkt anblicken. Ich hielt kurz inne und setzte das grimmigste Gesicht auf, meine Fäuste ballte ich. So angespannt würde mich doch niemals jemand ansprechen wollen, so glaubte ich.

Dann kam die Erlösung, denn der Lautsprecher verkündete mir meine Haltestelle. Ich stand auf und bemerkte, dass der Kerl neben mir sich ebenfalls aufgerichtet hatte, doch nun war es zu viel, ich drehte mich in seine Richtung, mein Blick war wutentbrannt. Bis ich bemerkte, dass ich in mein Spiegelbild blickte. Nein, dieser Kerl war keine geschwätziger Typ, sondern ein aggressiver Mensch, der Angst vor seinem Spiegelbild hatte.

Es wurde Zeit, diese Bahn zu verlassen.

Schockstarre (3)

Zurück in meiner Wohnung duschte ich mich und versuchte dabei die Fragen zu vergessen, die mir gekommen waren, doch immer wenn ich meine Augen schloss, um sie  vor dem Wasser zu schützen, tauchte ein rostbrauner Fußstapfen auf und in meiner Fantasie wurde der trockene Fleck wieder feucht und blutrot. Das Blut stieg an, bis es über die Zehen lief. Ich öffnete meine Augen, um mich davon zu überzeugen, dass es klares Wasser war, in dem ich stand. Ich schüttelte mich und verdammte meine so leicht erregbare Vorstellungskraft.

Auf dem Weg zur Arbeit bemerkte ich jeden humpelnden Menschen. Nie zuvor stach es mir ins Auge, wenn jemand nicht gleichmäßig lief, doch nach dieser Nacht suchte ich im Hellen nach jener dunklen Gestalt, von der ich lediglich wusste, dass sie Blut am rechten Fuß hatte und jeder dieser hinkenden Personen könnte es gewesen sein. In der Mittagspause erzählte ich Karl davon. Er versuchte mich zu beruhigen, es sei eben nur eine Person gewesen, die zufällig an jener Stelle gestanden hätte und vermutlich sei jene Person in eine Glasscherbe getreten oder habe sich auf eine andere Art den Fuß verletzt. Bei den aktuellen Temperaturen sei das ja gar nicht so unvorstellbar, dass man auch mal barfuß unterwegs sei. Vielleicht war es auch nur ein Penner, der keinen heilen Schuh besaß. In der Tat ergaben seine Worte Sinn und ich beruhigte mich. Als ich die Arbeit verließ, bemerkte ich dennoch die humpelnde Dame vor mir.

Abends hatte ich Freunde zu mir eingeladen. Es war eine fröhliche Runde und ich hatte beschlossen, ihnen nichts von jener Begegnung zu erzählen, aber sie bemerkten, dass ich immer wieder aus dem Fenster heraus schaute. So erklärte ich mein Verhalten und fügte auch Karls Mutmaßungen bei und sie schienen nicht beunruhigt, später in jene Dunkelheit gehen zu müssen. Womöglich tat der gute Schuss Rum in der Cola sein Übriges. Es war bereits kurz nach Mitternacht, als sie mich verließen und ich blieb noch eine Weile wach und suchte die Straße nach jener geheimnisvollen Gestalt ab. Irgendwann gab ich es auf und legte mich schlafen.

In den folgenden Nächten sah ich immer wieder nach, ob ich wieder beobachtet werden würde, doch zu meiner Beruhigung war dem nicht so. Es vergingen zwei Wochen, bis ich eines Abends gedankenversunken aus dem Fenster sah und mich abermals der Schreck durchfahren sollte. Jene Gestalt stand wieder an der Stelle, doch der Schatten war größer, denn es schien noch eine weitere Person daneben zu stehen. Dieses Mal blieb mir das Herz für einen kurzen Moment stehen. Eine Person war schon recht merkwürdig, aber diese Situation war wirklich unheimlich. Die zwei Schatten sahen zu mir nach oben und dieses Mal hielt ich dem Druck nicht stand. Ich verließ ihr Sichtfeld und zog mich ins Dunkel meiner Wohnung zurück.