Nur Mut

Ich denke oft darüber nach, wie sehr die Angst vor etwas der alleinige Grund ist, weshalb eine Sache nicht klappt. Angst und Abneigung haben aus evolutionärer Sicht ihre Berechtigung, denn sie schützen uns vor zu hohem Risiko. Ich fuhr gestern mit meinem Rennrad über lockeren Kies und das Angstgefühl vor jener Stelle hat mich sehr langsam und vorsichtig fahren lassen. Vorweg kann ich schon sagen, dass nichts passiert ist, aber mein Gefühl und auch meine Erfahrung haben mir gezeigt, dass es sicherer gewesen wäre, einfach drüber zu fahren, anstatt nur auf den einen Kiesel zu warten, der das Rad aufspringen lässt, mich ins Schwanken bringt und mich dann in die Tiefe reißen würde. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie ich mich entwickeln werde:

1. Ich überwinde die Angst und werde entspannter und somit auch schneller und unachtsamer über den Kies fahren. Womöglich wird mich das irgendwann mal vom Rad holen, aber ich werde aufstehen und weiter machen.

2. Ich gebe dem Angstgefühl nach und werde weiterhin vorsichtig sein. Womöglich versteife ich mich dann in einem kritischen Moment und lege mich ebenfalls hin, allerdings bei geringem Tempo.

Option 2 klingt eigentlich gesünder, doch genau hier möchte ich ansetzen. Denn wird meine Angst nicht immer weiter zunehmen? Werde ich nicht jedes Mal absteigen, wenn mir Kies in die Quere kommt? Die Angst zu überwinden und sich einer Gefahr auszusetzen, trägt den Gewinn mit sich, dass man sich um mögliche Probleme erst dann Gedanken macht, wenn sie tatsächlich auftreten. Zu einem gewissen Maß ist es nicht unwichtig, sich Gefahrenquellen von vornherein bewusst zu werden und diese nach Möglichkeit gering zu halten, doch alle Eventualitäten lassen sich nicht ausschließen und die wichtigste Frage bleibt am Ende, wie spannend so ein Leben wohl sein mag, das frei von Gefahren ist und somit auch frei von jeder Überraschung. Frei von jeder Veränderung. Ich habe in meinem Leben oft Angst gehabt und ich habe ihr oft nachgegeben. Womöglich ist meine Nase deswegen noch heil, ich habe mir nur einmal einen Knochen gebrochen und ich habe noch alle Zähne im Mund. Nur welchen Spaß habe ich deswegen teilweise verpasst?

Es ist Sonntag und bald schon 20:00 Uhr. Seid spontan und macht noch was schönes mit dem Abend! Lasst den Fernseher aus und schaltet den Laptop oder PC ab. Schaut mal, was euch der Abend noch so bringt, wenn ihr ungeplant noch schnell in die Stadt geht und morgen unausgeschlafen auf Arbeit erscheint! Das Leben wird es euch nicht übel nehmen.

Die eigene Stadt – Teil 1

Das Vogelgezwitscher bescherte ihm ein wohliges Gefühl. Genau das, wofür er hierhergekommen war. Abgesehen von wenigen abenteuerlustigen Touristen und Plünderern, war keine Menschenseele weit und breit und selbst jene blieben selten länger als eine Stunde. Es war sein kleines Paradies und so hatte er ein wunderschönes Wohnhaus mit höchster Kunst mit Farbe eingesprüht und mit seinem Namen „Maximilian“ versehen.

Seine Flucht an diesen Ort war eine Schnapsidee gewesen, doch ließ man ihm kaum eine andere Wahl. Schon früh hatte man seine außergewöhnliche Gesundheit festgestellt und die späteren Untersuchungen ergaben eine übergroße Leber. Seine Zellen regenerierten schneller als die anderer Menschen, doch warum sie das genau taten, wusste man nicht. Nicht wenige Ärzte nahmen Blutproben und testeten ihn immer wieder. Einer wollte ihn gar ganz aufschneiden, während ein Anderer eine Biopsie am Gehirn vornehmen wollte, denn womöglich wäre dort der Schlüssel um seine Gesundheit zu finden. Ein Heilmittel für jede Krankheit wurde gesucht und da gibt es keine moralischen Grenzen. Krebszellen trockneten einfach aus, wenn sie mit Max‘ Blut in Berührung kamen. Seit er neun war, verbrachte er seine Nachmittage in Krankenhäusern. Sein halbes Leben also, bis er ausriss und wieder nach der eigenen Freiheit suchte.

Als man ihn eines Nachmittags von der Schule abholen wollte, zuckte der Rektor nur mit der Schulter, Max sei den ganzen Tag nicht in der Schule gewesen. Der für ihn abgestellte Sicherheitsmann wurde wenig später in Max‘ Zimmer gefunden, gefesselt. Der erste Schritt in die Flucht ging schnell und einfach, doch schon in der Nacht flimmerte sein Gesicht über die Schirme der elektronischen Nachrichten und Fernsehanstalten. Ganz Europa suchte nach ihm und es machte ihm bewusst, wie gefangen er sein würde, wenn man ihn fände.

In der ersten Nacht klingelte er an der Tür seines ersten Arztes. „Engel“ stand auf der Klingel, doch Max hatte ihn ursprünglich Mengele genannt, weil er der erste war, der mit den Tests angefangen hatte. Er war aber auch der erste und der einzige Arzt, der sich später gegen die Behandlung stellte. Wem könnte Max vertrauen, wenn nicht ihm? Seine Eltern saßen in der Nervenheilanstalt. Sie hatten es gewagt, mit einer Klage zu drohen und kurze Zeit später stellte man fest, dass sie geistig nicht zurechnungsfähig waren und man ihnen das Sorgerecht entziehen müsste. Dr. Engel war damals aufgewacht und erkannte, welch Monstrum dem einen Menschen gegenüberstand. Er kämpfte am Rande des Möglichen und er war es auch, der Max ein Paradies vorschlagen sollte. Es war klar, dass Max auch bei Dr. Engel nicht sicher war und so lud er den Jungen neben einigen Lebensmitteln in seinen Wagen ein und sie machten sich in Richtung Osten auf.

Stumm

Vor einigen Tagen verlor ich meine Stimme,

der Grund war ganz einfach, dass etwas nicht stimmte.

Verstimmt war ich, nicht in der Laune und nicht im Magen,

etwas bereitete meiner Gesundheit unbehagen.

So lag ich also und stimmte den Tod fröhlich,

aber es war nur eine Erkältung, wie gewöhnlich.

Und so stimme

ich meine Stimme,

bis der Ton wieder stimmt

den sie nimmt.

Denn ohne Stimme verliert man Versmaß, Reim und Metrum

und so macht ein Gedicht niemanden stumm.