An die Polizisten- bzw. Ausländerhasser

Ich werde mir heute Abend den Blick in die Nachrichten sparen, denn ich brauche nicht von Angriffen zwischen Menschen zu lesen, die in einem friedlichen Land aufeinandertreffen. Ich brauche nicht zu lesen, dass Autos brannten und Scheiben eingeworfen wurden. Ich brauche nicht zu lesen, wer den ersten Stein warf.

Vielleicht wird es ja heute auch nicht dazu kommen. Vielleicht werden keine vermummten Menschen mit Steinen auf Leute in Uniform werfen und vielleicht werden keine Uniformierten mit Wasserwerfern und Tränengas gegen eine Masse ankämpfen.

Wir haben versagt unseren Kindern beizubringen, dass ein friedlicher und dauerhafter Protest sinnvoller ist, als ein gewaltbereiter. Wir haben versagt unseren Kindern zu erklären, dass sie nicht nur alle vier Jahre, sondern jeden Tag beim Einkaufen, beim Fernsehen oder im Internet wählen gehen. Wir haben versagt unseren Kindern beizubringen, dass der Kraftakt, den sie dort gebündelt aufbringen, sinnvoll eingesetzt werden könnte, denn es gibt genügend Projekte, die helfende Hände und Ausdauer erfordern.

Wir brauchen hier gar nicht über Geld zu reden, denn das ist da, wenn es für nötig empfunden wird und es ist nicht da, wenn es als unnötig empfunden wird. Aber genau so scheint es mir auch mit der Hilfsbereitschaft zu sein. Wir helfen, wenn es für uns passt und wir schauen weg, wenn die alte Frau es kaum noch über die Straße schafft.

Wer denkt, dass ein Polizist der Feind ist, der kann auch auf die andere Seite zu denen wechseln, die denken, dass ein Ausländer der Feind ist. Der Gedanke ist so kurz und so falsch, dass es mich traurig stimmt, wie wenig jene nachdenken, die in solchen Mustern leben.

Die Nacht der Arbeit im Bett

Nachdem ich heute Mittag noch im Bett lag und meinen Eintrag zum Tag der Arbeit verfasste, kommt nun ein zweiter Eintrag hinzu, weil ich nicht verstehe, was gerade so passiert.

Ich habe gerade Bilder von Polizisten in Paris gesehen, die mit Molotowcocktails angegriffen wurden. Sie schützten die Demonstration, die sich gegen LePen richtete. Ich weiß, dass es Polizisten gibt, die mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen, aber für solche Aktionen gibt es keine Rechtfertigungen. Ich möchte keine Tabus aufstellen und würde mich selbst im politischen Spektrum eher links einordnen, nur fehlt mir hierfür jedes Verständnis. Vielleicht kann es mir jemand erklären, aber ich will es gar nicht wissen. Wirklich nicht. Ich bin sauer, weil hier das Leben von Menschen dermaßen missachtet und leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird, die allein deswegen da sind, um Menschen einer Demonstration zu schützen.

Selbst wenn es irgendeinen Grund für solch ein krankes Verhalten geben könnte, es hilft nicht. Ich muss sogar sagen, dass ich in solchen Momente jene Menschen verstehe, die deswegen rechts wählen, weil man ihnen Schutz und Ordnung verspricht. Und nur mal zum Nachdenken für jene, die mir jetzt mit Polizeigewalt und Systemveränderung kommen möchten: Wer mit einem Brandgeschoss (oder auch einem anderen Gegenstand) einen anderen Menschen angreift, steht auf der gleichen Ebene mit einem Machthaber, der Giftgas abwerfen lässt. Die Dimension ist ohne Frage eine andere, aber das kommt mit der Höhe der Macht. Solche Menschen brauchen wir in dieser Welt nicht mehr, davon gibt es schon viel zu viele.

Prepaid

Das Wort habe ich hier kennengelernt, dabei ist es gar kein deutsches. „Vorabbezahlung“ ist auch viel länger, mal davon abgesehen, dass ich es erst Jahre nach meiner Ankunft richtig aussprechen und verstehen konnte. Ich habe im Voraus so viel bezahlt, dass ich gern wissen würde, ob ich dafür jemals eine Gegenleistung erwarten darf? Schon die Überfahrt von Marokko aus musste ich bezahlen, noch bevor ich das Meer gesehen oder gerochen hatte. Zwei Frauen waren wir. So wie zwei Dosen Mais im Supermarktregal. Der Preis war der gleiche, auch wenn es sich um beschädigte Ware handelte, denn unser Prepaid-Leben fing schon vor der Überfahrt an, nur erzähle ich es sonst nie.

Ich bezahlte das erste Mal mit meiner Ohnmacht und Schuld. Unbedingt sollten wir bleiben und unseren kleinen Laden nicht aufgeben. Die Truppen würden mit uns eh nichts anzufangen wissen. Als sie hereinstürmten, war es ein kleiner Junge aus dem Dorf, der auf meinen Mann und meine Tochter Aya zeigte. Nicht auf mich, weil ich zu seinem Stamm gehörte. Uns alle hielten sie fest, doch Aya war es, die sie anders anpackten. Zwölf Jahre alt und ihr erstes Blut kam durch so viel Hass und Wut. Ich flehte die Männer an, mich statt ihrer zu nehmen, doch ich sollte zusehen. Immer wieder. So wie bei meinem Mann. Ihn schlugen sie blutig, so dass er das Buschmesser gar nicht sah, das man ihm an die Kehle setzte. Er zitterte nicht einmal, als sie es mit mehreren Zügen durch seinen Hals zogen. Immer wieder. Auch seinen Platz flehte ich einzunehmen. Sie hätten sich an mir vergehen und mich ermorden sollen, war ich es doch, die unbedingt im Laden ausharren und nicht fliehen wollte. Seither habe ich Aya nicht mehr Lachen gehört. Seither habe ich selbst nicht mehr glücklich gegluckst. Aus einem Geheimfach im Keller holte ich das Geld und bezahlte damit unsere Flucht und die Überfahrt. Wir lebten die nächsten Monate in Lagern. Die Freiheit, die Europa versprach, sie war hinter den Zäunen, so glaubte ich.

Die Freiheit ist auch prepaid. Erst am Telefon, als ich versuchte meine Tante in der Heimat zu erreichen, deren Stimme ich aber nie wieder vernehmen durfte. Und dann wieder, als wir endlich diese Käfige verlassen durften. Hier in Deutschland suchte ich eine Wohnung, doch diese musste vorbezahlt werden. Vom Geld einer Arbeit, die ich nur mit einer Adresse und einem Konto antreten dürfte. Die Menschen in den Ämtern sollten mir helfen, doch sie gaben mir nur Zettel, die ich nicht lesen, die ich nicht verstehen konnte.

Freiheit bedeutet Geld im Voraus zu haben. Das Essen in den Märkten und auf den Straßen lockte uns mit seinen Gerüchen, doch konnten wir uns daran nicht satt sehen. Verscheucht wurden wir, da wir die Kundschaft fernhalten würden. Wie oft hatten wir in unserem Laden mal Brot übrig, dass auch jenem Jungen schenkten, der später meinen Mann und meine Aya aussortierte. Wie oft hatten die Kinder in der Sonne friedlich miteinander gespielt. Wie sehr vermisste ich unsere geliebte Heimat.

Und dann trafen wir auf diesen Bäcker hier. Wir hatten uns nachts in den Hausflur geschlichen, um zu schlafen und so hatte er uns vorgefunden. Ich war noch nicht richtig wach, als Aya mich in die Seite stieß. Eine große, dunkle Gestalt stand da, doch statt uns davonzujagen, bot er uns Suppe und Brot an. Jeden Tag durften wir zu ihm kommen. Er half mir mit den Papieren und gab mir Arbeit. Warum gibt es diese Art Mensch in diesem Land so selten, wo doch jeder so viel hat? Ihn musste ich nicht im Voraus bezahlen. Ihn musste ich nie bezahlen. Er wäre unbezahlbar.

Luftikuss

Du bist mir gar nicht so unähnlich in deiner Art. So unstetig und doch so verlässlich. Mal wütest du, da will sich niemand in deiner Nähe befinden und mal bist du ruhig wie die tiefste Nacht. Du liebst das Meer ebenso wie ich, bist wohl auch dort geboren und gebärst dort neues Leben in den heftigsten Stürmen und im kurzen Schaum auf den Wellen. Magst du das Salz auf deiner Haut so wie ich? Seinen Geruch? Seinen Geschmack? Fehlt es dir nicht ebenso sehr wie mir, wenn wir übers Land ziehen oder verweilen? Es wird Zeit für uns, zu neuen Ufern aufzubrechen: Einmal über den Ozean ohne Rückreise, bitte! Du könntest mich mitnehmen und mir Geschichten ins Ohr säuseln. Geschichten von fernen Ländern, von Freud und Leid. Geschichten, die du selbst schriebst mit deiner lebenslustigen Miene. Ob du Anderen wie mir begegnet bist, die dich verfluchten, wenn du ihnen Sand ins Gesicht bliest und dich liebten, wenn du eine dünne Zypresse auf einem kargen Felsen hin- und herschaukeltest und ihnen der Geschmack des Meeres in die Nase stieg? Oh du liebste Naturgewalt, wir bemerken dich halt oft erst, wenn du mächtig über uns kommst. Nicht Gottes Zorn bist du, sondern einfach nur du selbst in deiner unverbesserlichen Art, ganz ähnlich wie ich.

Gefallener Gott

Mir jagt es einen kalten Schauer über den Rücken. Die Hitze der Wüste ist in diesem Gang nicht zu spüren und auch die gleißende Sonne lässt sich nur erahnen, denn ein dünner Lichtstrahl weißt mir meinen Weg, den ich erhaben abschreite. Neben meinen Schritten höre ich nur meine Diener, die sich im angemessenen Abstand zu mir bewegen, denn ich allein gestatte ihnen, mir zu folgen. Der Lichtstrahl wird intensiver und ich bereite mich innerlich darauf vor, der erdrückenden Helligkeit ausgesetzt zu sein. Ich darf nicht blinzeln, ein Pharao, nein, ein Gott wird nicht blinzeln. Dann ist es so weit und wie eine Flutwelle trifft mich der Sonnenstrahl. Ich kämpfe gegen das Zucken meiner Augenlider an und kann sie nicht offen halten…

…ich blicke in besorgte Gesichter, die sich über mich gebeugt haben. Ein dumpfer Schmerz in meinem Gesicht lässt mich erinnern, wie ich an der Theke stand und mit dem schönen Mädchen flirtete. Dann rempelte mich jemand von hinten an. Ich drehte mich grimmig guckend um und mir gegenüber stand ein ebenso aggressiv blickender Kerl. Ich fragte ihn, ob er Stress will und bekam die Antwort in Form seiner Faust zu spüren.

Als ich mich aufrichte, schießt mir ein Schwall Blut aus der Nase und verteilt sich auf meinem Hemd. Meine Blase hatte ich in meiner Auszeit auch nicht mehr unter Kontrolle, das schöne Mädchen schaut angeekelt weg. Hätte ich nur nicht geblinzelt, so wäre ich noch ein Gott und würde niemals so tief fallen.

Dunkle Wolken (1-4)

Teil 1

Den ganzen Tag war es bereits verhangen. Tiefdunkle Wolken schoben sich massiv über den Himmel und bei der Wärme des Tages kündigte sich auf diese Weise ein heftiges Unwetter an. Sebastian bekam von all dem nichts mit. Er lag in seinem Bett und schlief selbst am Nachmittag noch tief und fest. Er war erst spät nach Hause gekommen, nachdem er die Nacht bei Julié verbracht hatte und kurz vor dem Morgengrauen den Heimweg antrat. Sie wollte nicht wieder die grinsenden Blicke ihrer Mitbewohner beim Frühstück auf sich ruhen spüren, weil mal wieder ein Mann bei ihr übernachtet hatte. Sebastian träumte den Weg bis zu seiner Wohnung nur vor sich hin, brauchte wohl doppelt so lang für den Weg als sonst und fiel mit gemischten Gefühlen in sein Bett. Das Klingeln seines Handys weckte ihn aus seinem traumlosen Zustand. Es war Juliés Nummer und Sebastian überlegte, ob er rangehen sollte. Er räusperte sich, um zu überprüfen, ob er überhaupt genügend Stimme hätte, um verstanden zu werden und in der Tat war es eher ein Krächzen, was seinen Hals verließ. Des Weiteren fühlte er sich ein wenig gekränkt, ja fast schon billig behandelt. Er hatte die Nacht und die Zuneigung genossen, ebenso wie sie, doch wie ein räudiger Hund auf die Straße gesetzt zu werden, hatte ihm gar nicht geschmeckt, denn immerhin kannten sich die Beiden nun schon längere Zeit. Jene Nacht hatte sich schon länger angebahnt, doch eigentlich lag seine Hoffnung viel eher darin, dass er häufiger am Morgen mit ihren Locken spielen konnte und sie sich nach dem Aufwachen verliebt in die Augen sehen würden. Dieser Wunsch schien nach der letzten Nacht plötzlich unerreichbar fern.

Er nahm das Gespräch an und quälte seine Stimmbänder zu einem halbwegs stimmhaften „Hallo“. Am anderen Ende der Leitung war nur ein Schluchzen zu hören. Es war Julié, die einen Schwall von Wörtern durch das Telefon jagte, doch Sebastian hörte das wirklich Wichtige heraus. Sie waren letzte Nacht zu dritt gewesen, die Mitbewohnerin Juliés, Evi, war nicht in ihrem Zimmer und wohl gar nicht erst nach Hause gekommen. Sie hatten sich verloren, als Sebastian Julié unvermittelt weggezogen hatte, um sie in einer dunkleren Ecke zu küssen. Als wieder zurück zur Tanzfläche gingen, war Evi bereits verschwunden und auch der Typ, mit dem sich Evi kurz zuvor unterhalten hatte. Julié hatte erst jetzt ihr Handy wieder eingeschaltet, nachdem es in der letzten Nacht aufgrund des leeren Akkus nur unnötiger Ballast gewesen war. Sie sah auf dem Display fünf unbeantwortete Anrufe und eine Nachricht von Evi, sie fragte wo wir wären und dass sie bald heim wollte. Danach kam keine Nachricht mehr, nur die fünf Anrufe. Evis Handy war seither nicht mehr erreichbar. Es sah ihr nicht ähnlich, mit einem fremden Kerl mitzugehen und noch weniger, sich nicht zu melden. Doch schon seit einer Woche verhielt sie sich anders. Schien ruhiger und mehr in sich gekehrt.

Sebastian versprach Julié, sofort zu ihr zu kommen, damit sie gemeinsam nach Evi suchen könnten. Er schlüpfte schnell in die stinkenden Klamotten von letzter Nacht, griff nach der Packung Kaugummis, die ihm ansatzweise ein Gefühl von Frische vermitteln sollten und schloss die Tür hinter sich. Auf halbem Weg spürte er erste Tropfen auf seinem Gesicht, die der heftige Wind sofort wieder wegblies. Er war froh, instinktiv nach seiner Regenjacke gegriffen zu haben und erst jetzt bemerkte er das unheilvolle Dunkel des Himmels. Er hatte bisher versucht, die letzte Nacht zu rekapitulieren, überlegte, ob er jenen Typ später noch gesehen hatte und ob er ihn nicht womöglich über einen Freund kannte, doch es kam ihm kein Gedanke, der die Sorgen linderte. Mittlerweile regnete es ordentlich und Sebastian rannte durch die menschenleeren Straßen. Der Weg war bereits nass und jeder Schritt klatschte laut hörbar. Als er endlich das Haus erreicht hatte, in dem Julié wohnte, war seine Jeans bereits vollkommen durchnässt. Er schüttelte sich, nachdem er in den Flur getreten war und wie sonst auch, war seine Regenjacke sofort wieder trocken, nur die Jeans klebte an seiner Haut.

Schnelle Schritte waren zu hören und durch die milchig weißen Scheiben der Wohnungstür erkannte Sebastian eine Person, die ihm öffnete. Es war Julié. Sie war bereits angezogen und ihr Gesicht sah aus, als wär sie bereits mit ihm zusammen durch den Regen gelaufen. Er war verwirrt, wollte die nächsten Schritte abklären, doch Julié zog ihn bereits hinter sich her. Nach einigen hundert Metern stoppt Sebastian dann abrupt und hielt Julié fest. Er sah sie streng und fragend an, als es plötzlich aus ihr herausbrach. Jener Typ von letzter Nacht, sie kannte ihn. Sie hatte ihn in ihrer ersten Nacht hier kennengelernt und war mit ihm mitgegangen. Sie hatten damals Sex, obwohl sie nicht wirklich wollte, doch sie sah die Schuld immer bei sich, weil sie nicht energisch genug widersprochen hatte. Letzte Nacht  hatte sie Evi bereits gesagt, dass sie sich von Alex fernhalten sollte, er sei ein Arsch und Evi hatte ihr dies auch versprochen. Nun befürchtete Julié, dass sich Evi womöglich doch von ihm hat einwickeln lassen. Sie wusste noch, wo er wohnte, dort wollte sie nun hin. Immer mehr Tränen flossen aus Juliés Augen, so dass Sebastian sie instinktiv in den Arm nehmen wollte, doch sie riss sich aus seiner Umarmung, schüttelte den Kopf und zog ihn wieder hinter sich her. Sie wollte keine Zeit mehr verlieren.

Teil 2

Es war ein altes Haus und die Tür stand offen. In jeder Etage sah Julié sich die Namensschilder und die Tür genau an, bis sie in der dritten Etage kurz innehielt und in Richtung der grün gestrichenen Tür nickte. Sebastian klingelte und wartete, dann vernahm er Schritte und hörte, wie jemand etwas in die Gegensprechanlage sagte. Er klopfte heftig gegen die Tür und fragte direkt nach Eva, die er sonst immer nur liebevoll Evi nannte. Aus der Wohnung war plötzlich kein Laut mehr zu vernehmen. Wieder klopfte Sebastian heftig und sprach mit lauter und aggressiver Stimme, dass aufgemacht werden sollte. Doch weiterhin war kein Geräusch zu vernehmen. Kurz blickte Sebastian Julié an, der in dem Moment wieder Tränen über die Wangen liefen, sie sah hilflos und verzweifelt aus und Sebastian handelte ohne nachzudenken. Die Tür war alt und er trat mit voller Wucht gegen die Stelle, an der der Türknauf saß. Die Tür wackelte heftig, blieb aber zu und so folgte ein zweiter Tritt, auf den ein lautes Knacken zu hören war. Der dritte Tritt ließ die altersschwache Tür nachgeben und vor den zwei Freunden stand der Typ von letzter Nacht in Unterwäsche. Er bewegte sich nicht und Sebastian ging auf ihn zu, griff seinen Hals und drückte ihn gegen die Wand. Julié rannte an den zwei Männern vorbei in die Wohnung. „Wo ist sie?“ herrschte Sebastian der wortkargen Typen an, der schwieg weiterhin und versuchte sich aus dem Griff zu befreien, doch es gelang ihm nicht recht. Die Tritte und Schläge ließen Sebastian nicht abbringen. Erst als Julié laut nach ihm rief, ließ Sebastian von dem Kerl ab und folgte der Stimme seiner Freundin. Im Schlafzimmer saß Julié neben Eva, welche apathisch vor sich hinblickte. Sie reagierte kaum auf die Worte ihrer Freundin, nickte nur oder schüttelte den Kopf. „Was hast du ihr gegeben?“ wieder griff Sebastian nach dem Hals des anderen Manns. Dieser fummelte suchend nach einer Medikamentenpackung neben sich und hielt sie dem Wütenden entgegen. Sebastian tickte nur vollkommen aus. Er schlug auf den Typen ein, bis Julié ihn anschrie aufzuhören. Sebastian stoppte abrupt und sah zu Evi herüber. Er griff die Packung Medikamente, schnappte sich eine Decke, die er um Evi legte und hob sie auf seine Arme. „Ins Krankenhaus“ rief er zu Julié, die bereits auf dem Weg nach draußen war.

Sebastian und Julié saßen nebeneinander im Wartesaal, ihm fiel erst jetzt auf, dass seine Hände zerkratzt waren und auch sein Gesicht schien nicht unverletzt. Alex hatte sich doch mehr gewehrt, als es Sebastian bewusst geworden war und der Arzt, bei dem er Eva abgegeben hatte, frage ihn noch, ob er Hilfe bräuchte, doch er lehnte ab und machte klar, dass man sich um Eva kümmern sollte. Hier auf der Wartebank fand er langsam wieder zu sich. Er sah Julié an, die ebenfalls gefasster erschien, wenngleich ihr immer wieder vereinzelt Tränen aus den Augen kamen. Wortlos stand Sebastian auf um die Toilette aufzusuchen und sich zu waschen. Im Spiegel sah er eine dünne Blutspur, die von seiner Nase herabgelaufen war, ebenso war seine Wange rot aufgekratzt. Das kalte Wasser brannte leicht auf den Wunden, aber er wollte den Menschen im Spiegel wieder erkennen können, suchte nach dem schönen Gesicht, das ihn sonst begrüßte und nach dem Waschen war er ganz zufrieden. Dann plötzlich wurde ihm wieder bewusst, was in den letzten Stunden passiert war. In ihm stieg Selbsthass hoch, wie er jetzt nur an sich und sein Aussehen denken könnte. Er durchlief noch einmal alles in Gedanken und ihm wurde übel. Nur drei Schritte und er hing über dem WC.

Als er in das Wartezimmer zurückkehrte, steckte er sich ein Kaugummi in den Mund und spürte die Frische in seinem Mund, die den ekelhaften Geschmack zu vertreiben suchte. Er setzte sich wieder neben Julié und legte seinen Arm um sie. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und fand endlich Ruhe in dieser Geborgenheit. Die behandelnde Ärztin kam zu den Beiden. Sie hatten ihr zuvor schon berichtet, was passiert war, nun nickte sie ihnen zu. Die Untersuchungen seien abgeschlossen und sie könnten nun kurz zu ihr, dann sollte man Eva Ruhe gönnen, sie müsste noch über Nacht bleiben, bis die Drogen ihre Wirkung verlören. Sebastian verstand, dass Julié nun allein mit Evi sein musste und dass er als Mann besser draußen warten würde. Morgen würde er sie wieder sehen, wenn er sie abholen würde. Als Julié etwas später aus Evis Zimmer kam, griff Sebastian ihre Hand und sie verließen das Krankenhaus.

Teil 3

Die Sonne war bereits wieder am Untergehen und schweigend gingen Julié und Sebastian zu ihr nach Hause. Er folgte ihr ins Zimmer, versuchte sie zu umarmen, doch sie blockte den Versuch ab. Er müsste nun gehen, sagte sie ihm und es traf ihn, doch er ging, wortlos. Es fröstelte ihn leicht, als er durch die dunklen Straßen zog, doch ihm war nicht danach, nach Hause zu gehen. Er fand eine Kneipe, die ihm zuvor noch nie aufgefallen war und bestellte sich dort einen Kurzen und ein Bier. Der Likör schmeckte ekelhaft, doch das Bier war bereits griffbereit und so spülte er den Ekel weg. Er blickte vor sich hin und versuchte die innere Ruhe zu finden, die ihm sonst so eigen war, aber er war aufgebracht, weil er nicht verstand, wie man mit ihm umging. Als er noch in der Schule war, hielt er sich in seiner Naivität für einen Frauenversteher, mittlerweile war ihm klar, dass er nicht einmal sich selbst verstand und andere Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, gaben ihm immer wieder Rätsel auf. Als das Bier zur Hälfte leer war, bestellte er sich einen weiteren Kurzen, kippte auch diesen hinunter, wobei der Ekel nicht geringer war, als beim ersten Mal und spülte den Geschmack schnell mit dem Rest des Bieres weg. Er spürte den Alkohol in seinem Blut, hatte er in den letzten vierundzwanzig Stunden nichts zu essen zu sich genommen. Er verließ jenen Laden und wanderte weiter durch die Stadt, noch immer aufgewühlt, aber auch etwas besänftigt.
Er hörte plötzlich ein „Der da drüben!“ und erkannte sehr schnell, dass er gemeint war. Ein Blick verriet ihm, dass er der Ausruf von Alex kam, dem Kerl, den er vor wenigen Stunden ordentlich zusammengeschlagen hatte. Doch dieser war nun nicht mehr allein in seiner Wohnung, sondern mit einigen Freunden unterwegs und Sebastian selbst war nicht in der Lage einen Kampf zu führen, besonders nicht gegen mehrere Leute. Sein Herz raste und seine Hände zitterten. Ihm war nach Weglaufen zumute, konnte er hier nur verlieren und so überlegte er nicht lange, drehte sich um und rannte in die nächstliegende Gasse und von dort aus weiter in die folgende. Er hörte die laufenden Schritte der Verfolger an den Wänden hallen. Sich umzudrehen, wagte er nicht. Nicht auf dem Kopfsteinpflaster und nicht in seinem Zustand. Er war überrascht, wie flink er in seinem Zustand war, dennoch musste er bald ein Versteck finden, bevor ihn seine Kräfte verließen.

Teil 4

Ohne es zu bemerken, war er mittlerweile ganz in der Nähe der Wohnung von Julié und so hatte er einen Unterschlupf gefunden. Das Ziel so klar vor Augen, legte er an Geschwindigkeit zu, nahm ein paar Ecken mehr mit, als nötig, um ungesehen im Hauseingang zu verschwinden. Ein Stockwerk höher atmete er schwer und klingelte mehrmals, als ihm eine verärgert schauende Mitbewohnerin Juliés die Tür öffnete. Sie erkannte jedoch sehr schnell, wer da vor der Tür stand und ließ den Keuchenden herein. „Willst du zu Julié?“ fragte sie und Sebastian nickte nur. Er ging zu ihrer Tür, klopfte an und trat ein. Sie schien nicht erfreut ihn zu sehen, erkannte aber auch, dass etwas vorgefallen sein musste, war es doch nicht seine Art, einfach so vorbeizuschauen. Er erklärte ihr, was geschehen war, worauf sie fragte, warum er denn überhaupt was trinken gewesen sei. Er erklärte, wie er sich gefühlt hatte und merkte dabei immer mehr, dass Julié nicht damit klar kam, doch er wollte sich nicht verstellen und ihr gestehen, dass er schon länger tiefe Gefühle für sie hegte. Als er fertig war, herrschte Stille im Zimmer. Sebastian blickte sie an, sie sah auf den mit Holzdielen verlegten Boden. Dann stammelte sie leise, dass sie ihn nicht liebte. Für Sebastian war das zu viel und da er weder seine Schuhe, noch seine Jacke abgelegt hatte, verschwand er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren aus der Wohnung. Als er im Treppenhaus die Stufen herunter polterte, hörte er noch, wie Julié seinen Namen rief, doch er wollte nicht mehr zurück, wollte nur noch nach draußen an die frische Luft.
Sein Ziel war nun sein Zuhause. Seine Verfolger würde er kaum treffen und selbst wenn, so war seine Angst in diesem Moment vollkommen verpufft, er fühlte sich taub. Seine Gedanken rasten um den Gedanken, warum er nicht geliebt wurde, warum er immer wieder an eine Frau geriet, die seine Gefühle nicht teilte. Er überlegte, ob er zu farblos oder zu langweilig sei und konnte dies nicht feststellen. Er hielt sich auch nicht für eigenartig oder unnütz, stattdessen war auf ihn Verlass. Er überlegte, welche Menschen er nicht leiden konnte und warum dies so war, doch auch jene negativen Eigenschaften konnte er bei sich nicht entdecken. In der nähe des Flusses, der die Stadt teilte, stand ein blinkendes Warnschild, welches auf Überflutungen hinwies. Die Warnung stachelte ihn an, ans Ufer zu gehen und nicht die Brücke zu überqueren, wie er es hätte tun müssen, um nach Hause zu gelangen.
Der Fluss hatte in der Tat ein gutes Stück Land erobert und die Wurzeln der eh schon trostlos aussehenden Bäume standen komplett unter Wasser. Wie er so den Fluss beobachtete und die Lichter der Stadt darin erblickte, überlegte er, welchen Nutzen er erfüllte und ob er der Welt wirklich fehlen würde. Die Antwort machte ihn nicht glücklicher und so ging er ins Wasser. Es fühlte sich eiskalt an und sofort sogen sich seine Schuhe und auch seine Jeans voll und zerrten an ihm. Er ging noch tiefer, verlor den Halt und kämpfte kurz aus Reflex gegen die starke Strömung, dann beruhigte er sich und ließ sich vom Wasser wegdrücken. Er fror und er überlegte, wer ihn liebte und da endlich kam ihm die Antwort. Er selbst hasste sich. Mehr als jeden anderen Menschen hasste er sich selbst und das ganz ohne einen Grund. Wie nur sollte jemand einen Menschen lieben, der sich selbst so sehr hasste. Er spürte, dass er kein schlechter Mensch war. Sein Überlebenswille packte ihn und er begann mit all der Kraft, die er an diesem Abend noch hatte, gegen die Strömung zu kämpfen und das Ufer zu erreichen. Ein Kampf um Leben und gegen den Tod. Ein Kampf um die Liebe und gegen den Hass.