Das Geschenk

Vor einigen Jahren bezog ich eine neue Wohnung und als ich durch die Räume schritt, trat ich versehentlich auf gefaltetes, buntes Papier. Es hatte vermutlich der Vormieter beim Ausziehen liegen gelassen und so warf ich es weg. Ich genoss das Leben in meinen vier Wänden und nach einigen Jahren besuchte mich ein guter Freund. Er war mir so vertraut, dass er damals, als ich die Wohnung besichtigte ihn gebeten hatte, mit mir jene Räume anzuschauen, wenngleich es für ihn eine weite Anreise ausmachte. Als er nach all den Jahren wieder in der Wohnung stand, sah er mich lächelnd an und fragte aus dem Nichts heraus: „Und?“ Seine Augen glänzten und sein ganzer Körper war gespannt. „Was und?“, erwiderte ich und verstand nicht. „Ach komm, erzähl schon. Was hast du mit deinen Wünschen gemacht?“, fragte er und ich beteuerte mehrmals, dass ich nicht wüsste, worüber er spräche. Plötzlich wandelte sich sein Gesicht. Die ganze Spannung fiel von ihm ab und er schien um Jahre gealtert zu sein. Ja, sein gesamter Körper schien erschlafft. Dann erklärte er sich: „Ich habe dir damals ein Geschenk in der Wohnung hinterlassen. Es war ein kleines Kästchen aus weicher Pappe. Das musst du doch gesehen haben.“ Ich erinnerte mich nicht und überlegte. Immer weiter ging ich in meinen Gedanken zurück und dann blitzte es in meinem Kopf auf. Das Papier, welches ich meinem Vormieter zugeschrieben hatte, es war ein Geschenk an mich, welches ich achtlos weggeworfen hatte. „Was war es denn, was du mir geschenkt hattest?“, fragte ich meinen Freund und er schien zu enttäuscht, um eine Antwort geben zu können. Er nahm sich viel Zeit: „Nun, es waren drei Wünsche.“ „Wie meinst du das: Drei Wünsche?“ „Genau so, wie ich es sage: Drei Wünsche. Egal was.“ „So etwas kann man doch nicht verschenken. Waren das Gutscheine oder wie?“ „Nein, es waren drei Wünsche“, sagte er gereizt ob meiner Unfähigkeit ihn zu verstehen und er ergänzte: „Was auch immer du dir gewünscht hättest, es wäre gewesen, aber du hast es verkommen lassen.“ „Alles?“, fragte ich ungläubig. „Ja. Stell dir vor, du hättest Dinge bewegen können nur durch die Kraft deines Willens. Du hättest Menschen heilen können, ohne nach der rechten Arznei suchen zu müssen. Oder du hättest körperlos reisen können, wohin auch immer dir der Sinn gestanden hätte. Wären das nicht drei wundervolle Wünsche gewesen?“ „Das wären sie, aber das ist doch nur Phantasterei, was du mir da erzählst“, erklärte ich in tiefster Weigerung, ihm zu glauben und dann fand ich endlich eine Antwort, um mich aus der Defensive zu befreien: „Dann mache mir das Geschenk doch bitte noch einmal. Dieses Mal werde ich achtsam sein.“ Er schüttelte nur den Kopf: „Ich wünschte, ich könnte das. Ich wünschte es so sehr. Aber diese Geschenke bildeten sich über tausende Jahre. Sie wurden erbracht von zahllosen Kindern und Ältesten. Die kann ich nicht einfach wieder so hervorzaubern. Diese Erkenntnisse sind weggewischt. Einfach verschwunden.“ Ich wollte meinen Freund trösten und mir fiel kein besserer Weg ein, als es über meinen Unglauben zu tun: „Aber woher weißt du, ob das mit den Wünschen wirklich geklappt hätte?“ Seine Augen blickten mich mit einer Leere an, die mir tief ins Mark ging und er sprach: „Ich weiß es nicht. Ich werde es auch nicht mehr erfahren können. Vielleicht gab es niemals diese Wünsche und all ihre Erkenntnisse. Vielleicht waren das alles nur urvölkische Spinnereien. Aber was wenn es nicht so war? Was, wenn all das Wissen, welches wir mit unserem Glauben an die Wissenschaft nicht mehr begreifen und erklären können, doch vorhanden war? Wir sind leider viel zu gut darin, unseren Blick auf das Wesentliche zu verlieren und das zu vernichten, welches so viele Geheimnisse und Wunder bereithält. Es ist egal, wie oft wir uns danach zu entschuldigen versuchen: Was verloren ist, ist verloren. Vielleicht werden wir irgendwann wieder zu diesem Punkt finden, wenn unser Geist weit genug dafür ist, zu akzeptieren, dass es zu einer Gleichung mehr als eine Lösung gibt. Bis dahin werden wir uns streiten und zerstören und vergessen.“

Unser Glauben – Erklärung

Gestern stellte ich vor, was ich als allgemeine Punkte des mittelalterlichen Christentums ansah und heute möchte ich auflösen, womit ich es verglichen habe. Zuvor aber weitere Ansätze, auf die man es beziehen könnte:

Liebe, Wissenschaft oder auch Demokratie könnten durchaus passen, ich meinte aber den Konsum bzw. die Wirtschaft, wenngleich die mittlerweile nicht mehr von der Demokratie und von der Wissenschaft zu trennen ist. Vielleicht sogar nicht mal mehr von der Liebe. Oh, die Sportleidenschaft würde auch passen.

Hier nun die Erklärungen, warum der Konsum ganz ähnlich funktioniert, wie der mittelalterliche Glauben:

  • Man traf sich und hörte sich an, was man nicht verstand. Es gab Übersetzungen und die gaben dir eines zu verstehen: Halte dich genauestens an die Regeln, sonst landest du in der Hölle. -> Wenn Wirtschaftsweisen und Politiker erklären, warum wir dieses und jenes machen müssen, ist es für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Auch die Größenordnungen von Verschuldungen oder Bauprojekten sprengt jeden vorstellbaren Rahmen. Ich kann mir tatsächlich nicht ausmalen, was eine Milliarde Euro eigentlich ist.
  • Man baute große Kathedralen und Kirchen. Wahre Prachtbauten, auf die wir noch heute mit einem Staunen schauen. -> Schauen wir uns mal die heutigen Prachtbauten an. Da gibt es all die Hochhäuser der Banken oder die riesigen Einkaufszentren. Das sind doch die neuen Tempel, in die wir alle laufen.
  • Hatte man sich doch einmal einen Fehler erlaubt und dies geschah schon bei unkeuscheren Gedanken, so gab es Ablassbriefe, mit denen man sich wieder von der Sünde befreien konnte. -> Wie oft kaufen wir Dinge und dabei geht es uns besser? Wir glauben sogar, dass wir konsumieren müssen, ansonsten geht es der Wirtschaft schlecht.
  • Gott war alltäglich. Die Anbetung kam der Liebe gleich. ->Wer besitzt ein Smartphone bzw. wie viele hattet ihr bereits? Überlegt mal, wie lange ein Computer hält und wie wir ihn nutzen, aber schon ein Tablet oder ein Smartphone ist innerhalb eines Jahres veraltet…die Liebe kommt dann bei der Benutzung. Erst gestern sprach der Chef von Microsoft davon, dass die Windowsuser ihr Betriebssystem lieben sollten, so wie es bei anderen Herstellern ist. Man hört häufiger, dass man sein Smartphone liebt, als einen Menschen. Schön, wenn man seinen Gott in der eigenen Tasche hat.
  • Es gab klare Trennungen, wer welchem Gott bzw. welcher Auslegung seiner Worte folgte. Man gehörte zu der einen oder zu der anderen Gruppe. Diese Gruppe wurde verteidigt. -> Bleiben wir gleich bei den Marken. Da haben wir die Apple-Jünger, ja allein das Wort…nunja…regelmäßig gibt es dieses Android ist besser als MacOS usw.

So viel dazu, es sind nur ein paar Gedanken und ich hoffe, ihr könnt meine Gedanken ein wenig ergänzen. Auch freue ich mich über Widerspruch. Wer ein Apple-Gerät besitzt, fühlt sich hoffentlich nicht angegriffen, du bzw. ihr steht als Stellvertreter da, das habt ihr einfach den Nachteil, dem Marktführer (zumindest was den Gewinn betrifft) anzugehören. Ich hätte natürlich auch andere Sparten nehmen können, aber bei den Handys sieht man sofort, dass wir selbst unsere Kinder schon mit „unserem Glauben“ infiltrieren.

P.S. ein Nachschub von Jetamele, den ich unbedingt einbauen möchte. Der Eintrag verliert dadurch ein wenig an Struktur, aber ihre Punkte fehlen bei mir und ich finde sie absolut stimmig:

In unserer globalisierten Welt ist es doch paradox, einerseits hier auf dem ‚goldenen Kissen‘ zu leben und gleichzeitig zu wissen, wer dafür woanders definitiv gar kein Kissen mehr unterm Hintern hat? Dass all das dazu beiträgt, dass es der Welt immer schlechter geht? Im Namen dieses ‚Glaubens‘ geschehen doch unglaubliche Dinge, jeden Tag. Trotzdem rennen wir dem ‚Mehr‘ weiter hinterher. Da kann ich mich überhaupt nicht von frei machen.
Und ein bisschen können wir uns vielleicht von diesem Gefühl der Mitschuld, die eigentlich ohnmächtig macht, ‚frei’kaufen, indem wir meinen, uns über diese Dinge bewusst zu sein, darüber nach zu denken, dann und wann dem Obdachlosen einen Euro geben (anstatt ihn zum wärmenden Tee einzuladen) im Bioladen einkaufen, unseren Müll trennen, vielleicht eine billige Klamotte weniger kaufen, einmal im Jahr spenden für irgendwen und fair gehandelten Kaffee trinken (oder Tee ;-)…).