Schatten

Mir war vollkommen klar, dass es eine dumme Idee gewesen war, ohne Helm ein Longboard zu fahren, ganz besonders, da ich es noch gar nicht konnte. Aber eben deswegen hatte ich auf einen Schutz verzichtet, denn wirklich schnell wird man am Anfang ja gar nicht, dachte ich mir. Ich sollte mich täuschen, ich wagte so einige Tritte der Beschleunigung und genoss mein wehendes Haar im Wind. Zum Arzt musste ich aber nicht wegen der schnellen Fahrt, sondern wegen eines Anfahrtsversuchs als ich mich auf dem Heimweg befand. Ich stand zu weit hinten auf dem Brett und verlor wegen eines Steinchens das Gleichgewicht. Wer hätte ahnen können, dass es einen so dermaßen nach hinten wegreißt. Ich konnte mich recht gut mit den Händen abfangen, doch der Hinterkopf schaffte es dennoch auf den Asphalt. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich mich gar nicht groß drum gescherrt, aber meine beste Freundin machte sehr deutlich klar: „Wir gehen jetzt sofort zum Arzt.“ Ich motzte ein wenig rum, aber sie war schon immer dickköpfiger als ich, und so landeten wir beim Arzt, der mich in irgendeine Röhre steckte.

„Herr Fröhlich, ich sehe auf den Bildern keine Verletzung, aber es war gut, dass sie hergekommen sind, der Sturz war wohl von oben gewollt.“ Es ist gut? Der Sturz war von oben gewollt? Ich halte nichts von Vorsehungen oder glücklichen Zufällen, das ist einfach das Leben. Aber warum es gut sein sollte, wollte mir nicht klar werden. Ich hatte leichte Kopfschmerzen und der weiße Kittel sagte mir, dass das gut sei? Ich sah ihn halb genervt, halb verständnislos an. „Nun, ich habe auf den Bildern einen Schatten gesehen, das sollte untersucht werden. Ist vermutlich nichts schlimmes…“ ich hörte ihm nicht mehr zu, sondern nickte nur, wenn ich merkte, dass er seine Rede pausierte. Ich fragte mich weiterhin, was daran jetzt gut sein sollte und warum Ärzte eigentlich keinen Kurs in Einfühlvermögen bekommen und es immer eine Glücksfrage sei, an welchen man geriet. Okay, es gibt kein Glück, hatte ich fast vergessen. Das ist das Leben. Ich verabschiedete mich und bekam ein Kärtchen mit einem Termin in die Hand gedrückt. Anscheinend hatte ich einen mit ihm vereinbart. Es war mir egal. Ich beschloss, meiner besten Freundin vorerst nichts zu erzählen, außer dass der Sturz keine Folgen hatte.

Auf dem Heimweg schwiegen wir und ich dachte: Ein Schatten auf den Bildern. Ich wollte keinen Schatten. Den hatte ich nicht bestellt. Den einzigen Schatten, den ich sehen wollte, war der unter mir, wenn ich wieder auf dem Brett stand und mir die Sonne auf den Kopf schien. Meine Hände zitterten und mein Herz pochte wild. Mir wurde schlecht und ich übergab mich kurzerhand ins Gebüsch neben dem Weg. Die beste Freundin sah mich bestürzt an. Ich erklärte, dass mir noch ein wenig schwindelig von heut Morgen sei. Vielleicht eine leichte Gehirnerschütterung. Wer weiß. Ich wusste es. Ich wusste, was mir den Magen umdrehte. Zuhause angekommen, verspürte ich Lust auf den kaltgestellten, offenen Weißwein. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. Er schmeckte nicht, also spuckte ich ihn wieder aus. Ich tauge nicht zu diesen Filmhelden, die in ihrer Coolness ein Glas Whiskey nach dem anderen runterspülen und sich dazwischen ne Kippe anstecken. Von letzteren musste ich immer husten. Ich wollte auf etwas draufhauen und bevor ich recht darüber nachdachte, sollte die Wand herhalten. Es stellte sich heraus, dass diese um einiges härter war als meine Faust. Der Schmerz tat gut. Er pulsierte und ich genoss das Gefühl, des immer wiederkehrenden Stiches, der durch die Hand ging. Ich setzte mich und spürte dabei mein Portemonnaie in der Gesäßtasche, welches ich herausholte. Der Zettel mit dem Termin lugte daraus hervor. Ich sah ihn mir an. Mittwoch in einer Woche. Ich beschloss hinzugehen.

Rückblick und Ausblick

Der Juni ist vorbei und mit ihm meine selbst gesetzte Aufgabe, an jedem Tag einen Text zu schreiben. Die Auswertung sagt: Insgesamt 28 von 30 Texten, wobei einer erst verspätet hinzukam. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, die Texte zu schreiben und es war ein enormer Antrieb, die Reaktionen von euch zu erhalten. Die Texte nur für mich selbst zu schreiben, wäre mir schwer gefallen, aber ihr gabt mir Antrieb. Ich möchte dieses Experiment fortführen, vielleicht nicht mit der Strenge, die ich mir für den Juni auferlegt hatte, aber doch regelmäßig. Es gab im April bereits eine Möglichkeit im Rahmen des NaPoWriMo für mich, jeden Tag zu schreiben, doch ich schaffte es nicht einmal, es macht mich daher umso glücklicher, dass es diesen Monat gelang.

Als gestern mein Projekt endete. Jährte sich zum ersten Mal auch meine Vorstandmitgliedschaft im Verein „Literally Peace“. Ich habe dort ebenfalls einen Antrieb für mein literarisches Schaffen gefunden und ich lade euch herzlich ein, uns auf Instagram oder auf Facebook am 3.7. um 20:00 Uhr bei einer Onlinelesung zu besuchen. Ich nehme selbst Teil an jener Lesung.

Dieser Blog besteht seit 2014 und in den ersten beiden Jahren war ich sehr ambitioniert. Ich verlor aus persönlichen Gründen die Lust am Schreiben und versteckte mich. Es ist ein schönes Gefühl wieder am Leben zu sein. Die aktuellen Zeiten sind für viele Menschen nicht leicht: Isolation, Depression, Zukunftsängste…es ist Sommer und der hilft vermutlich, denn das heitert das Gemüt auf. Dennoch merke ich gerade jetzt, wie wichtig es ist, dass wir aufeinander aufpassen. Jeder sollte für sich überlegen, was das Leben lebenswert macht. Für mich ist es die Menschlichkeit und das Miteinander. Ich brauche keine materiellen Güter oder ein übervolles Konto (auch wenn das hin und wieder helfen würde, aber ihr wisst ja: Manche Menschen sind so arm, die haben nur ihr Geld). Was mich morgens aufstehen lässt, sind die lieben Menschen um mich herum. Sich gegenseitig zu helfen, zu unterstützen und ein offenes Ohr und Herz zu haben, danach strebe ich.

Ich hoffe, dass ich mit meinen Worten hier hin und wieder anrege. In jeglicher Form. Ich freue mich zumindest über das bisherige Feedback, da gab es Zu- und Widerspruch. Beides half mir zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Solange wir miteinander reden, können wir weiterhin eine schöne Welt schaffen.

Die Taufe

Ich fühlte mich merkwürdig entspannt mitten im Hörsaal. Da saß ich vor den ganzen Studierenden und sie blickten mich an. Sie durften mir Fragen stellen, so hatte ich es mit ihrer Professorin vereinbart und das taten sie auch. Die meisten Gesichter waren noch sehr jung. Es gab keine Falte, die sich ins Gesicht gefurcht hatte. Das waren also die Ärzte der Zukunft. Sie waren alle so kindlich. Und ich saß da vor ihnen in Unterhose. Ich hatte sogar überlegt, selbst auf diese zu verzichten, aber im Endeffekt hätten sie da auch nicht mehr von den Blasen auf meiner Haut gesehen, sie hätten allerdings gewusst, dass sie eben auch im Intimbereich zu finden waren.

Und dann war da doch ein etwas älteres Gesicht und es hörte den jungen Fragen und meinen Antworten aufmerksam zu, bis es sich meldete und genau die Krankheit diagnostizierte, die ich hatte. Jene Krankheit, die zuvor von zwei älteren Ärzten nicht erkannt worden war und die mich trotzdem nicht sofort zu einem Spezialisten geschickt hatten. Da saß er also, mein persönlicher Patch Adams. Ich hatte ihm in meiner Fantasie eine rote Clownsnase aufgesetzt. Die Professorin war ganz erstaunt und er berichtete, dass er schon mal einen solchen Fall in einem Praktikum gesehen hatte.

Der hat sich das einfach gemerkt, weil er dafür brennt, dachte ich mir. Ich vermutete weiter, dass er wohl schonmal was anderes studiert oder gearbeitet hatte, bis er merkte, dass es da eine Sache gibt, für die sein Herz schlägt und er war so mutig, sich dafür zu entscheiden. Ich war mir sicher, dass er ein guter Arzt werden würde. Die anderen Studierenden würden wohl eher zu jenen Nasen verkommen, die nicht erkannten, was mir fehlte und die mich durch ihr Unwissen dem Tod überließen. Ich hatte den Kampf gewonnen, weil der eine der zwei Ärzte am Ende doch noch verstanden hatte, dass es mir verdammt übel ging und dass er keine Ahnung hatte. Er gab es zu und rettete damit mein Leben, denn in der Klinik erkannte man das Syndrom, welches selten ist, aber doch immer mal wieder auftritt.

Dieser Kampf schien schon so weit hinter mir zu liegen und ich fragte mich mittlerweile, warum ich auf zwei Ärzte gehört hatte und nicht von Anfang an in die Klinik gegangen war. Ich war nicht sauer, denn ich war zuvor mit meinem Leben an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr fortführen wollte. Und mein Leben hatte entschieden, mir diese Wahl zu überlassen: Tue nichts und du wirst Blasen in deiner Lunge haben, die dich umbringen, sobald eine platzt oder nimm dein Leben an und lass dir helfen. Ich entschied mich für die zweite Option und lag elf Tage im Krankenhaus, wovon ich die ersten drei Tage nur an die Decke starrte. Mein Zimmerkollege, ein Mann Mitte vierzig, der gut gelaunt seinen Fernseher laufen ließ, fragte mich, warum ich meinen nicht anschalten würde. Ich wusste es nicht. Vielleicht war es die Angst, dass ich es falsch machen würde oder dass man dafür was bezahlen musste. Oder ich wollte ganz einfach nicht. Ich kannte diesen dauerhaft laufenden Fernseher schon aus meiner Wohnung, der mich ablenkte, wenn die Gefahr der Ruhe aufkam. Ich hatte die verdammte Kiste in den elf Tagen nicht einmal an. Stattdessen tanzte ich auf dem Rasen vor dem Gebäude zu der Musik aus den Kopfhörern, die mir ein Freund mitgebracht hatte.

Und ich setzte mich nackt bis auf die Unterhose in einen Raum von jungen Menschen. Ich, der sich nie gern nackt oder wenig angezogen gezeigt hatte. Ich war doch so hässlich dünn. Es war mir alles egal geworden.

Johannes war ein kräftiger Mann, das musste er auch sein, denn die Menschen, die er unter Wasser drückte, begannen irgendwann sich zu wehren, weil ihnen die Luft wegblieb. Sie sahen ihr Leben an ihren Augen vorbeiziehen und als Johannes sie wieder an die Luft zerrte, waren sie wie neugeboren. Ich stellte fest, dass solch eine Taufe ganz sinnvoll sein kann, um mit sich ins Reine zu kommen. Immer mal wieder.

Das gute Gefühl

Es war ein erleichterndes Gefühl, für niemanden wichtig zu sein. Ich stellte das Telefon ab und ließ mich auf meine Couch sinken. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich ganz bei mir sein konnte und für niemanden ein offenes Ohr haben musste oder irgendjemandem etwas schuldig war. Es war mein gottgegebenes Recht, allein zu sein. Was sollte das jetzt eigentlich mit Gott, an den glaubte ich nicht, zumindest nicht in der Form, wie er präsentiert wird. Irgendwas mochte es schon geben, aber dieses Es brauchte nicht meine Frömmigkeit oder mein Bekenntnis, um zu existieren. Ich brauchte diese Dinge ja auch nicht. Niemand betete mich an und niemand huldigte mir und das war das Schöne am Leben, dass ich einfach nur ich selbst sein durfte. Warum fiel den Menschen allein nur die Decke auf den Kopf, warum konnten sie nicht einfach die Decke anstarren und aufgrund der anhaltenden Ruhe glücklich sein? Warum mussten sie sich ständig produzieren und reproduzieren. Ständiger Verzehr und niemals wurde jemand satt. Die Menschen waren anstrengend, wenn man sie den ganzen Tag ertragen musste und so war es für mich nur selbstverständlich, dass man eine Auszeit von ihnen brauchte. Ich zumindest brauchte sie und ich nahm sie mir. Und es war ein gutes Gefühl.

Drehverschluss

Ich kniete vor der Flasche Rotwein. Sie hatte einen Verschluss aus Kork und alles was ich zum Öffnen fand, war der silberner Abklatsch eines Schweizer Taschenmessers. Es war das Werbegeschenk der Firma, in der meine Mutter arbeitete. Ich nickte dem silbernen Griff zu: „Glück auf!“

Der Korken ließ sich wunderbar leicht herausziehen, da musste ich schon ganz anders kämpfen, nachdem ich früher von all den Drehverschlüssen verweichlicht worden war. Okay, der Drehverschluss war nur die Spitze des Eisbergs eines Menschen, der in einer Gesellschaft lebt, die keinen Finger mehr rühren möchte, aber sich über Schmerzen des Körpers beschwert, der keinen Muskel mehr trainieren muss, außer jenen im Daumen.

„Deutschland schafft sich ab“, meinte Sarrazin, aber in Wahrheit schafft sich eine bequem gewordene Gesellschaft ab, die sich auf einen Porno einen abwichst und denkt, damit Sport betrieben zu haben. Machen wir uns nichts vor: Wir vergessen unsere Körper natürlich zu bewegen. Wir laufen zumeist in bequemen Schuhen und tragen Klamotten, die unseren Wärmehaushalt regulieren. Und würden wir dies nicht tun, so hielten wir uns noch immer in geheizten oder gekühlten Räumen auf.

Unser Menschsein hat sich gewandelt von einem Wesen, das sich viel bewegt und sich den äußeren Einflüssen aussetzt zu einem Wesen, das allein vor seinem Bildschirm sitzt oder liegt und darauf starrt. Wir schaffen uns nicht durch die Menschen ab, die zu uns kommen. Wir schaffen uns dadurch ab, dass wir nicht mehr leben. Wir könnten jeden Tag mit Menschen verbringen, die uns mögen und die wir mögen-. Stattdessen suchen wir auf einem Bildschirm in unserer Hand nach einem Gesicht, das uns gefällt und erregt – mit dem wir vögeln wollen.

Den Wein habe ich geöffnet bekommen und in ein passendes Glas gegossen. Sein Wert sollte nicht nach seinem Verschluss bestimmt werden, aber dieser war seinen Korken wert.

Bruchteile von Sekunden

Ich saß auf meinem Fahrrad und fuhr durch eine dunkle Straße. Das Rennrad heißt aus gutem Grund so, auch wenn der Lenker zu tief sitzt und ich die Bremsen nicht gut greifen kann. Der Tag war lang und ein Training am Abend hatten mich vollkommen erschöpft, vermutlich fuhr ich deshalb so schnell, um nicht ewig zu brauchen, bis ich zuhause sein würde.

Durch meinen Kopf ging die Begegnung mit einer Freundin. Ich mag ihre verrückte Art und ihre Lust am gespielten Streit. Wir sollten sogar mal verkuppelt werden, aber das wäre höchstens für einen Tag gut gegangen, wenngleich ihre Attraktivität mich gereizt hatte. Ich hatte sie kurz zuvor getroffen und ebenso ihren Freund. Es waren nur wenige Momente, aber in denen spürte ich, wie sehr sie zusammenpassten.

Ich musste lächeln, während ich fuhr und dachte an die Begegnung. Vor meinem Auge spielte sich die Szene wieder ab, als vor mir plötzlich ein Mann auf dem Zebrastreifen auftauchte. Meine Hände versuchten die Bremsen zu ziehen, aber das misslang, ich wollte erst links vorbei, weil ich dachte, dass er stehen bleiben und warten würde, doch er ging weiter und so fuhr ich nach rechts, knapp an ihm vorbei und hörte ihn murmeln: „Das ist ein Zebrastreifen.“ Ich hatte mittlerweile die Bremsen wieder im Griff, drehte mich zu ihm um, hob meinen linken Arm und rief: „Sorry. Hab gepennt.“ Er regierte entspannt mit einem „Alles cool.“

Mein erster Gedanke war eine innere Frage, warum ich übermüdet auf einem Rad sitze, welches ich nicht perfekt beherrsche, so ein verdammtes Tempo fahren muss und dann vor mich hinträume, während es verdammt dunkel ist.

Mein zweiter Gedanke war die schöne Erkenntnis, dass wir solche Situationen oft anders und aggressiv erleben. Eine Person tut etwas, eine andere Person macht einen Fehler und es wird als Angriff gewertet, so wie sich jener Mann wohl kurz geärgert hat, dass ich ihn fast über den Haufen fahre (ich habe großes Glück, dass das nicht geschah). Dann kommunizierten wir kurz und lösten die Situation ohne ein Unbehagen oder einen Ärger. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass es fast immer so sein kann, wenn wir nur offen genug sind und uns unser Glück vor Augen halten, statt über das Unglück traurig zu sein. Ich und er hatten verdammtes Glück, dass nichts passiert ist, denn bei meiner Geschwindigkeit hätte das heftige Verletzungen geben können.

Schlaft gut!

Genießen

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich mag es, wenn es Wochenende ist. Wann ich aufstehe und wie ich mich den Tag über verhalte, ist allein mir überlassen und wird nicht von anderen bestimmt. Mein Wochenende besteht tatsächlich nur aus zwei Tagen, da ich am Freitag bis 17:30 Uhr arbeite. Ich genieße daher das Ausgehen am Freitag, sowie das Ausschlafen am Samstagmorgen, so ich denn nicht durch Kindergeschrei geweckt werde, aber meist kann ich dann etwas später wieder schlafen. Ich kenne Menschen, die den Sonntag hassen. Ich vermute, dass sie dies tun, weil es der letzte freie Tag ist, bevor es wieder los geht. Für mich ist das unvorstellbar. Der Sonntag ist voller Ruhe und Entspannung, dass ich ihn einfach nicht verteufeln kann. Aber vielleicht habe ich es einfach gelernt im Moment glücklich zu sein, selbst wenn der Ausblick negativ ist. Ich muss sagen, dass ich diese Blickweise sehr mag. Egal, was morgen kommt: Ich lebe jetzt und das genieße ich.

In diesem Sinne: Habt ein wundervolles Wochenende.
Ben

Es ist Zeit…

Es ist Zeit zu gehen, der Welt zu entflieh’n
Zu wenden, nicht zurückzublicken, zu geh‘n
Entgegen dem Vogelstrom zu zieh’n
Das Segel zu setzen, gegen den Wind zu dreh’n

Das Meer ist schallend leise, leblos stürmisch
Zwischen den Wellen ist einsam, ist frei von allem
All der Schmerz steht für sich, erdrückt mich
Ein Wimpernschlag lässt Zeit und Namen verhallen

Hab immer jenen verlacht, der die Hölle im Nachleben erdachte
Doch nie bemerkt, wie ich mein Leben dort verbrachte.

P.S.
bevor sich einige Leser Sorgen machen: Mir geht es ausgezeichnet, ich habe keine Todessehnsucht. Seht diesen Text bitte als lyrische Umsetzung meines vorherigen Blogeintrags und genießt den Sonntagabend, ich werde es tun.
Liebe Grüße,
Ben

Ruhe oder Rausch?

Viele Ideen für Texte kamen mir früher, wenn ich betrunken vom Feiern kam. Mir half dieser Zustand vermutlich offen über Dinge zu schreiben, über die ich nüchtern gar nicht erst nachdenken wollte. Eine Weile glaubte ich, dass es mir immer wieder eine Hilfe sein würde, gerade weil der trinkende Autor keine so seltene Person in der Realität ist. Es scheint hilfreich zu sein, aber es ist nicht nötig oder gar ein Zaubermittel, welches wundervolle Texte entlockt.

Ein weitaus effektiveres Mittel ist für mich das Fasten geworden. Eines vorweg: Ich faste nicht im herkömmlichen Sinne, wenngleich ich das bereits für die Zukunft geplant habe. Mein Fasten besteht darin, mich nicht so stark vom Alltag zu ernähren und mich mehr zurückzuziehen. Es kam zu dieser Erkenntnis vor einigen Jahren, als ich ins Krankenhaus musste. Die ersten paar Tage starre ich nur an die weiße Decke. Mein Zimmernachbar fragte mich, ob ich nicht lieber fernsehen wollte, dabei sei ich viel ferner oder viel weiter in jenen Tagen, als ich es in den früheren Jahren vor der Glotze tat. Innerhalb weniger Tage konnte ich eine Beziehung lösen, die ich in den vielen Wochen davor als etwas ansah, dass ich erhalten und niemals verlieren dürfte, dabei tat ich mir damit nur weh.

Ich begann in dieser Zeit der inneren Ruhe meinen ersten langen Text zu schreiben fing an zu mir selbst zu finden. Mir wurde klar, was ich wollte. So etwas wie Selbstverwirklichung ist doch erst dann möglich, wenn man weiß, was man wirklich will. Mir scheint es manchmal so, als würden die Menschen Selbstverwirklichung damit gleichsetzen, dass man finanziell unabhängig ist und hin und wieder großartige Reisen übernimmt, die man mit jedem „Freund“ auf Facebook teilen muss, damit man sich an den Likes berauschen kann. Nutzen wir das Reisen wirklich, um unseren Horizont zu erweitern und um ein Leben kennenzulernen, das unserem fremd ist?

Als ich meinen letzten Urlaub plante, gab es die Möglichkeit auf eine recht einsame Insel zu reisen und eine Hütte ohne Strom und warmes Wasser zu beziehen. Ich habe mir geschworen, dass ich das noch machen werde. Wenn ich Bekannten davon erzählte, kam sehr oft die gleiche Reaktion: „Was? Das könnte ich nicht.“ Es gibt eine Angst vor der Einsamkeit und dem In-sich-kehren, welche ich nicht verstehen kann. Was ist so schlimm daran, bei sich selbst zu sein? Ist es wahnsinnig, sich den eigenen Gedanken zu stellen? Ist es gar verrückt, sich selbst zu akzeptieren, weil man zuvor womöglich lang mit sich ins Gericht gehen musste?

Ich erinnere mich gern zurück an meine Zeit damals im Krankenhaus. Wie ich von einem unzufriedenen Menschen, der Ziele verfolgte, die nicht seine waren, zu einer Person wurde, die für eine Weile Ruhe und Zufriedenheit fand. Interessant dabei ist, dass ich mich selbst wieder ablenken ließ. Dass ich mir selbst wieder einreden ließ, ein Leben sei nur dann etwas wert, wenn ich beruflich erfolgreich sei und eine Frau an meiner Seite hätte. Erfolgreich kann ich nur sein, wenn ich meinen wirklichen Wünschen mit Vehemenz nachgehe. Um diese zu finden oder zu verwirklichen, brauche ich keinen Rausch.

A Lover, not a Fighter

Wenn ich über mich nachdenke, und mir ist gerade danach, dann war ich immer eher die derjenige, der liebte und nicht derjenige, der kämpfte. Ich dachte immer, dass ich damit der bessere Mensch sei. Jemand, der liebt ist besser als jener, der kämpft, so dachte ich. Aber das ist so eine Sache. Was bedeutet dieses Lieben und was bedeutet das Kämpfen? Als Liebender tue ich doch das Richtige, das Positive, so war mir das klar. Ein Kampf, der bedeutet eine Auseinandersetzung und somit auch Gewinn und Verlust. Niemand sollte wegen mir verlieren. Ich erst recht nicht. Aber das war eben der Fehler und ist es wohl noch immer. Immer wieder begegnen mir Menschen, die eine jahrelange Beziehung führen. Ich dachte immer, dass das die Liebenden seien, aber es sind in Wahrheit die Kämpfer. Kämpfer gegen die Urteile von Freunde. Kämpfer gegen die Urteile der Bilder, die wir alltäglich über Werbung oder andere Medien aufnehmen. Kämpfer gegen das eigene selbst.

Hier möchte ich nicht falsch verstanden werden. Sie kämpfen nicht gegen sich in dem Sinne, dass sie selbst die Liebe nicht wollten, sondern in dem Sinne, dass sie den Druck von außen und von innen abwehren können. Für mich ist das ein Kampf gegen meine Ungeduld. Ich weiß nicht, was bei mir schief lief, aber ich bin kein geduldiger Mensch. Andere Leute mögen das anders bewerten und neigen dazu, mich als ruhigen und nachdenklichen Menschen zu benennen, aber in Wahrheit fehlt mir dir Geduld und die Ruhe, wenn ich mein Herz erst einmal verloren habe und genau das passiert mir manchmal viel zu schnell. So oft lerne ich eine besondere Person kennen. Sehr oft passiert dann aber doch nichts in mir. Es ist dann einfach, ein Liebender zu sein. Ganz selten aber passiert es, dass es mich trifft. Da kommt eine Person in mein Leben, die ich kaum kenne, aber die ich nicht loslassen möchte. Jeder vernünftige Mensch rät mir dann, diese Person erst einmal kennenzulernen und ich selbst gebe mir auch diesen Rat. In mir drin allerdings gibt es eine zweite Stimme und diese will nicht warten. Sie hat Angst davor zu warten. Sie hat Angst davor, dass eine andere Person womöglich mehr Interesse weckt. Hat Angst davor, nicht gut genug zu sein. Und dabei sollte ich langsam begriffen haben, dass ich so bin, wie ich bin und dass ich mich dafür weder entschuldigen, noch rechtfertigen müsste. Aber ich tue es. Ich verliere mein Herz, wenn auch nur selten und ich fahre dann gegen eine Wand. Eine Wand, die ich selbst aufbaue.

Ich bin gern ein Liebender, aber was bringt mir dieser Liebende, wenn ich nicht auch langsam lerne, ein Kämpfer zu sein. Ein Kämpfer, der gegen die schnelle und leichte Stimme ankämpft, die immer unzufrieden sein wird. Die kleine Stimme, die viel zu laut schreit, aber doch noch nie glücklich gemacht hat. Sie ist nicht falsch oder sollte ungehört bleiben, denn es ist die gleiche Stimme, die mir in den Hintern tritt, wenn ich lange Zeit nicht schreibe und mich ermahnt, dass es wieder Zeit wird, bevor ich das Gefühl und den Ausdruck verliere oder vergesse, was meine Texte lesenswert macht. Wenn es aber um diese eine besondere Person geht, da würde ich diese Stimme nur zu gern ausschalten. Ich möchte meine Selbstzweifel begraben, die ich mittlerweile abgelegt haben sollte, aber offensichtlich werde ich dafür nie zu alt. Diese Stimme steht mir Weg. Sie hindert mich daran, glücklich zu sein und den Moment zu genießen. Sie ermahnt mich, einen Schritt zu gehen, der zu weit geht. Nicht, weil es angebracht wäre, sondern weil die Angst zu groß ist, dass ich verliere, was da ist. Und erst dadurch verstoße ich, was sich mir zeigte.

Eine besondere Person trifft man nicht so oft. Ich zumindest nicht. Wir haben alle unsere Kriterien, was einen Menschen besonders macht und dadurch passiert es zum Glück nicht alltäglich, dass wir einer solchen besonderen Person begegnen. Manch eine davon machen wir zu einem Vater oder zu einer Mutter. Manch eine Person möchten wir beschützen und manche davon, die möchten wir… Nein, die möchte ich lieben. Ich möchte, dass sie mich ebenso liebt. Aber ich habe es nie gelernt zu kämpfen. Nicht um sie, sondern gegen die eigene Ungeduld. Dieses nagende Gefühl, das mir in diesem Fall nicht hilft. Ich möchte diese eine Person doch nur näher kennenlernen. Ich möchte wissen, wer mir da gegenübersteht und dann herausfinden, ob sie und ich zueinanderpassen. Dafür muss ich diesen ersten Kampf gewinnen. Diesen Kampf gegen die innere Unruhe. Den Kampf gegen die Stimme, die nicht genug bekommt und der es nicht schnell genug gehen kann. Ich möchte ein Liebender sein, und ein Kämpfer.