Greif zu

Ihr kennt das, diese Rüffel von anderen Menschen. Da gibt es den Typus, der weh tut, ganz egal, ob er stimmt oder nicht. Es ist etwas, das einen trifft, aber dem man nicht nachgehen möchte, weil man mit der Art nicht umgehen kann. Ich zumindest kenne das. Ich kenne aber auch dieses Aufrütteln, das aus einer tiefen Liebe entspringt. Keine sexuelle Liebe, sondern eine menschliche. Ich bekam solch einen Aufrüttler heute verpasst und stand für einen Moment mit Tränen in den Augen mitten in einer Disko. Es lag nicht am Alkohol, was den betrifft, so habe ich mich ausgesprochen gut unter Kontrolle. Es waren Komplimente gepaart mit dem Hinweis „endlich zuzupacken“.

Ich habe mich zu gern auf Komplimenten ausgeruht. Doch gleichzeitig begann ich in den letzten Jahren davonzulaufen. Ich rannte vor meinem Leben davon. Ich rannte vor Freunden davon. Ich rannte vor der Liebe davon. Ich rannte vor der Familie davon.

Ich tat Menschen weh, weil ich nach einer Lösung suchte. Nein das stimmt nicht, es waren keine Lösungen, sondern Auswege. Oder noch ehrlicher: Es waren Fluchtwege. Wir alle wissen, dass man bei einer Flucht schlussendlich vor sich selbst davonläuft, aber was macht man mit jenen, die man auf dieser Flucht betrog oder belog? Was machte ich mit jenen? Ich traf eine Frau, die sich in mich verliebte, doch statt ihr offen und ehrlich zu begegnen, verhielt ich mich falsch. Ich ließ sie an mich heran und genoss es. Dann stieß ich sie weg. Wenn ich so zurückblicke, war es nicht nur eine.

Menschen sorgten sich um mich, doch ich meldete mich nicht oder reagierte nicht auf sie. Brachte es mich näher zu dem Menschen, der ich sein könnte oder der ich sein möchte? Eine Antwort braucht es gar nicht, weil sie jeder kennt. Weil ich die Antwort kenne.

Das Leben meint es ausgesprochen gut mit mir. Das weiß ich. Ein schlechter Mensch bin ich nicht, dessen bin ich mir sicher. Aber ein guter Mensch bin ich auch nicht. Nicht nach meiner eigenen Definition. Ich kenne gute Menschen. Und ich kenne Menschen, die ihren Weg gingen. Vielleicht taten sie dabei auch geliebten Menschen weh, aber sie fanden zu sich und verleugneten sich nicht.

In drei Stunden werde ich aufstehen, mich zurechtmachen und auf die Arbeit gehen. Es ist ein Job, der in Ordnung ist. Es ist ein Team, welches ich mir kaum besser wünschen könnte. Dennoch ist dieser Job nicht das, was ich möchte.
Es ist nicht der Job, hinter dem ich stehe. Es ist eine Arbeit, das ist alles.

Dieser Text soll mir selbst ein Tritt in den Allerwertesten sein, jetzt etwas zu verändern. Vielleicht nicht mein gesamtes Leben. Aber indirekt den Umgang mit all den lieben Menschen, die ich in meinem Leben wissen darf. Denn ich bin unheimlich dankbar dafür, dass sie da sind, selbst wenn ich nicht da bin. Das muss sich ändern. Das muss ich ändern.

Denkfehler

Der größte Denkfehler von uns ist doch der, dass wir der Meinung sind, es besser zu wissen und besser zu machen, als die große Masse. Vielleicht hilft es ja, wenn wir begreifen, dass wir in diesem Fehlurteil vereint sind.

Die Fähigkeit einen Konsens zu finden zeichnet uns Menschen aus, dafür bedarf es keiner besonderen Begabung, einzig eine fundierte Meinung und die Fähigkeit einander zuzuhören, braucht es dafür. Wenn man jedoch davon überzeugt ist, dass man selbst vollkommen im Recht ist und die oder der Gegenüber somit im Unrecht, dann ist das keine Basis, um gemeinsam ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen.

Vertrauen scheint mir dabei die Grundlage zu sein. Vertrauen in eine ebenso weitsichtige Bereitschaft zum Zuhören und zum Revidieren der eigenen Gedanken beim Gegenüber. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, dass ich einem Menschen begegnet bin, der nicht über solche Eigenschaften verfügt hätte. Die Bereitschaft war dann eher fragwürdig, aber ich gelange auch meist erst nach einer gewissen Zeit zu Erkenntnissen. Während ich manche Kritik frühzeitig abzublocken scheine, arbeitet diese weiterhin in mir weiter und wird durch meinen Kopf wie durch Kuhmägen geknetet und widergekäut, bis ich selbst zu einer neuen Ansicht gelange oder die Kritik als ungerechtfertigt abtue.

Entdecke ich einen Denkfehler bei einer anderen Person und kann diesen Fehler auch nach längerem Überdenken nicht anders bewerten, so versuche ich die Person da abzuholen, wo sie steht und sie nicht direkt mit dem Fehler zu konfrontieren. Ich merke auch, dass man solch einen Denkfehler gern überspitzt und jene Überspitzung dem Menschen vorwirft. Wie könnte dieser Mensch anders als mit Ablehnung darauf reagieren?

Ein Mensch handelt ständig und wird sich dabei immer anders verhalten, als es ein anderer Mensch für richtig hält. Das ist nicht schlimm, sondern ein Teil unseres Individualismus. Ich bin der Meinung, dass das eigene Handeln immer dem Wohl der Umwelt dienen sollte, wobei Umwelt alle Lebewesen einschließt. Ich weiß nicht, wie viele Menschen mir in diesen Gedanken zustimmen, aber ich glaube doch, dass die meisten Menschen ebenso denken. Nun stellt sich mir nur die Frage, warum es dann so viele unsinnige Diskussionen gibt, in denen zwei vollkommen verschiedene Welten aufeinandertreffen. Ist das unsere Inkonsequenz zwischen Ideal und Realität?