Irgendwie unwohl

Da setzte ich mich vorhin aufs Rad und machte mich auf den Weg. Denn ich wollte dafür demonstrieren, dass ich gern in hier mit all den Menschen lebe, egal, wo sie herkommen oder welcher Religion sie angehören. Und dann stand ich da und sah den Haufen. So einige Deutschlandfahnen wurden geschwenkt und ein weißes Kreuz in die Luft gestreckt, woraufhin ich meinen Nachbarn fragte, ob die vergessen hätten, es anzuzünden. So viel zu denen, die mir den Grund lieferten, warum ich in einer kühlen Nacht ein paar Kilometer radle, wenn ich doch lieber in meinem warmen Zimmer sitzen und den Schein der Kerze genießen würde.

Wenn man die Texte auf deren Banner sieht, dann merkt man, dass sie sich für intelligenter und wissender halten. Um dies zu widerlegen, muss man sie eigentlich nur sprechen lassen, denn das enttarnt sie selbst recht gut. Was mich aber störte, waren die Parolen, die aus den Reihen kamen, in denen ich stand. Ich habe mich schon immer dagegen gesträubt, eine Parole mitzurufen und heute Abend hätte es nur eine gegeben, der ich zugestimmt hätte: X (=unsere Stadt) ist bunt. Ich brauche keine Sprüche, die nur provozieren wollen. Ich mag es auch nicht, was aus den Menschen wird, wenn sie ihre Parolen voller Wut hinausbrüllen.

Ich erblickte links neben mir einen Vater, der seine kleine Tochter auf den Schultern trug. Sie schrie all die Parolen lauthals mit und wer es bemerkte, der lächelte sogar fröhlich. In den Reihen der Deutschlandflaggenträger sah ich einen Jungen, der nur wenig älter als jenes Mädchen war und ich wusste, warum ich mich hier nicht wohl fühlte. Ich hätte gern in einem lauten Schweigen protestiert oder ein ruhiges Lied gesungen. Ein Lied voller Liebe und Frieden. Aber ich werde kein Sprecher von wertlosen Parolen werden. Für mich war klar, dass ich stehen bleiben werde. Solange dort Menschen gegen jene sind, die ich nur zu gern als meine Freunde wisse, werde ich dort stehen und sie nicht marschieren lassen. Man mag mir nun Vorhalten, dass ich der Sache mit solchen Aussagen schade, aber ich werde mich weiterhin unwohl dabei fühlen, wenn die eigenen Reihen mir so hasserfüllt scheinen und zwischen diesen wütend anschreienden Menschen Kinder zu sehen sind.

Es lässt mich traurig zurück.

Zersprengt

Mit einem lauten Schrei rannten wir aus unseren Gräben und stürmten über das weite Feld. Neben mir lief mein bester Freund. Wie mein Schatten rückte er nie von meiner Seite und als ihn eine Kugel erwischte, sah ich, wie er neben mir zusammenbrach. Ich durfte nicht anhalten, das hatten wir uns geschworen, aber meine Wut steigerte sich. Die da drüben, die würden dafür bezahlen. Ich schaffte es in den nächsten Krater und fand dort einen Feind, dem ich das Bajonett  sofort in die Brust stach. Er wehrte sich nicht und hatte die Arme gehoben, doch ich kannte kein Mitleid mehr. Er röchelte ein „André“ heraus und ich zuckte zusammen. Woher nur kannte der meinen Namen? Ich säuberte mit etwas Wasser sein Gesicht und erschrak, als ich es erkannte. Es war mir so bekannt, aber ich hatte es Jahre nicht mehr gesehen, denn es war das meinige. Zumindest sah es früher so aus. Jetzt war es von Blut und Dreck beschmutzt, aber das konnte man abwaschen. Mein Gesicht sah schon seit Jahren nicht mehr so aus, weil es von Hass erfüllt war, doch das meines sterbenden Bruders war es nicht – es war voller Vergebung.