Die Falltür

Ich weiß nicht genau, was ich mir dabei gedacht hatte, in das verlassene Haus zu gehen. Vermutlich war es die unstillbare Neugier in mir, die jedoch nicht selten vom anerzogenen „Das macht man aber nicht“ in Zaum gehalten wurde. Ich war schon so oft in diesem Wald spazieren gewesen und unzählige Male an dem Haus vorbeigelaufen.

Der menschenhohe Zaun war Abschreckung genug, obgleich er rostig und verbogen war. Die Fenster waren zum Teil mit einem Verschlag geschützt und zum Teil eingeworfen. Es war offensichtlich, dass hier niemand wohnte und dennoch war mir immer klar, dass ich das Grundstück nicht zu betreten hatte. Warum ich eintausendmal das gleiche machte und es beim eintausendersten Mal anders handhabte, bleibt aber die Frage. Ich war nicht betrunken oder hatte einen Grund entgegen meiner üblichen Verhaltensweisen zu agieren. Vielleicht ist das aber auch nur das Quäntchen Menschlichkeit in mir, welches opponierte, als ich die offene Stelle am Zaun erblickte. Ich kroch an der Stelle durch die Absperrung und umrundete das Haus.

Es sah gespenstisch aus. Es gab ein Fenster oben in der Dachspitze, dort hing eine weiße Gardine und ich bildete mir für einen kurzen Moment ein, dass diese sich bewegt hatte. Ich wusste, dass sie das nicht getan hatte, denn die sah schon immer so aus. In meiner Phantasie aber lebte dahinter eine alte Frau. Eigentlich schon tot, aber eben nicht willens zu gehen. Hin und wieder sah sie durch die Gardine, wer unten auf dem schmalen Pfad entlangging. Es schauderte mich, doch ich schmunzelte darüber, was ich mir da ausmalte. Die Haustür war verschlossen und ebenso die Balkontür auf der Rückseite. Allerdings gab es eine eingeworfene Fensterscheibe im Erdgeschoss, die mein Einstieg sein sollte. Ich war nicht die erste Person, die auf diesem Weg ins Haus eingedrungen war, denn die Splitter waren alle beseitigt.

Hinter dem Fenster erwartete mich eine Küche. Ich war erstaunt, wie wenig ihr das offene Fenster und die Zeit angehabt hatten. Ich hatte mit sehr viel Dreck und wild wuchernden Pflanzen gerechnet. Aber im Dunkel sah es eher so aus, als würde nur überall eine dicke Staubschicht liegen. Auch war von den Fenstersplittern selbst hier drinnen nichts zu finden. Mir schlug das Herz und ich überlegte, ob ich das Haus wieder verlassen sollte. Dann redete ich mir gut zu. Es war unsinnig, sich zu fürchten. Ich überlegte „Hallo“ zu rufen, doch ich traute mich nicht. Ich setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Der Boden war gefliest und ich hörte das Knarzen des Drecks unter meinen Schuhen.

Die offene Tür zeigte in den Flur, über den ich auch zur Eingangstür kam. Hier hatte man sich für einen Holzboden entschieden. Ich ging zur Haustür und spürte, wie sehr das Holz unter den Schuhen nachgab. Dabei knackte es und ich bekam eine Gänsehaut. Die Haustür wollte ich von innen öffnen, so hätte ich mehr Licht und wie ich mir eingestand auch einen Fluchtweg, doch auch von dieser Seite ließ sie sich nicht öffnen. Ich drehte mich um und überlegte in das Zimmer gegenüber zu gehen, dort dürfte die Balkontür sein und diese konnte ich womöglich öffnen. Wieder knarzte das nachgebende Holz unter mir und plötzlich krachte es. Der Boden gab nach und ich landete etwas tiefer, rutschte noch ein Stück. Immer wieder fand ich kurz Halt und verlor ihn wieder. Dann knallte mir etwas auf den Kopf.

Ich ging durch einen langen Gang. Links und rechts waren verschlossene Türen. Ich versuchte gar nicht erst sie zu öffnen, sondern folgte dem Gang bis zum Ende. An der letzten Tür klopfte ich und eine alte, warme Stimme rief: „Herein.“ Ich folgte der Anweisung und wurde geblendet von der Helligkeit, die durch das Balkonfenster ins Zimmer strahlte. Die Tür schloss ich hinter mir und sah mich um. Links stand ein großes Bett mit beigefarbenem Bezug, daneben jeweils ein Nachttisch. Dahinter ein kleiner Sekretär mit einem Stuhl davor. Dann gab es auf der anderen Seite des Zimmers einen wadenhohen Tisch, der von einer Couch und einem Schaukelstuhl umrundet wurde. Der Schaukelstuhl war mir mit seinem Rücken zugedreht, schaukelte aber vor sich hin. Hier saß also die alte, warme Stimme. Ich ging an dem Stuhl vorbei Richtung Balkon und drehte mich dann um. In dem Stuhl saß eine kreidebleiche Frau. Sie war nicht lebendig, hatte aber eine Tasse in ihrer rechten Hand. Mir wurde schlecht und ich ging noch einen Schritt zurück, dabei stolperte ich über die Leiste der Balkontür, ich versuchte mich abzufangen mit dem nächsten Schritt nach hinten. Dann spürte ich das Geländer im Rücken und stürzte in die Tiefe.

Ich erwachte und es war wieder dunkel. Der Kopf tat mir weh und das einzige Licht kam von schräg über mir. Ich spürte eine nasse Stelle in meiner Hose, ich war wohl komplett weggetreten. Ich versuchte aufzustehen, musste mich dafür aber von einigem Gerümpel befreien, das auf mich gefallen war. Der Körper schmerzte und vorsichtig stieg ich die Treppen wieder hinauf. Ich hatte für heute genug von dem Haus und machte mich durchs Küchenfenster wieder raus. Beim Gehen blickte ich nochmal nach oben zu dem Fenster, es schauderte mich, denn ich war mir sicher, dass ich dort eine Gestalt gesehen hatte.

Der Weg zurück war länger, denn ich humpelte vor mich hin. Meine nasse Hose war mir egal. Auch fühlte ich mich trotz der Schmerzen stärker. Ich hatte mich einfach etwas getraut. Das hatte Kratzer und Beulen hinterlassen, ja so manche Spur dürfte auch in Zukunft von diesem Abenteuer zeugen. Doch ich war stolz auf diese Male.

Von vorn

Der Geruch von verbranntem Holz stieg mir in die Nase und ich genoss es. Das Haus, in dem ich aufgewachsen war, brannte runter, weil ich es angezündet hatte. So stand ich in der hell erleuchteten Nacht vor dem alten Haus, bei dem ich immer aufpassen sollte und nie eine Kerze anmachen durfte. Ich hatte mehr Hitze erwartet, aber die Kälte der Nacht nahm mich ein und ich sah meinen Atem beim Ausatmen. Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Diese verflucht alte Haus, es hatte keinen Wert, aber es war mein Erbe gewesen. Was hätte ich Besseres damit anstellen können, als es anzuzünden.

Als ich es vor einer Stunde zum ersten Mal seit Jahren wieder betreten hatte, bedrückte es mich. Ich setzte mich an den Tisch, der mitten im Raum stand. Alles war stickig und staubig und es kam mir vor, als würde das Haus mich erdrücken wollen. Ich versuchte es mit Sentimentalität, aber die kam einfach nicht auf. Es war einfach nur kalt in mir in diesem Haus. Ich hatte im Bus noch Spiritus und Grillkohle gefunden und betrachtete den Moment als perfekt, um damit ein großes Feuer zu entfachen.
Ich schritt ums knacksende Haus und sah nur die kahlen Felder und die ebenso fahle Wiese direkt am Haus. Hier hat doch nie wirklich Leben stattgefunden, dachte ich mir und überlegte, was ich mit dem Grundstück nun anstellen sollte. Ich las mal was von einem Typen, der ein riesiges Areal wieder bewaldet hatte. Das klang doch nach einer Aufgabe für mich. Ein Baumhaus würde ich nicht mehr hinbekommen, dafür fehlten mir die Lebensjahre bzw. die jetzt schon großen alten Bäume. Aber vielleicht würde es die nächste Generation ja zu einem Baumhaus schaffen.
Ich würde mir am Bach ein kleines, neues Haus bauen. Ich hätte das alte nicht abbrennen müssen, zugegeben, aber anders wäre der Schnitt nicht gegangen. Immer wieder hätte ich die ermahnende Stimme aus dem alten Holz gehört, wie ich mich zu verhalten hätte und was ich im Leben noch erreichen müsste. Ich konnte die Stimme nicht anders zum Schweigen bringen, als komplett mit ihr zu brechen bzw. sie eiskalt abzufackeln und es tat verdammt gut. Die Flammen schrien die alte Stimme zugrunde.
Ich brauchte so viel Land gar nicht. Und ich merkte, dass der Wald mir die liebste Idee war, ich teilte meinen Raum mit der Natur, ich gab ihn ihr wieder zurück, nachdem wir jahrzehntelang auf die Erde eingedroschen haben. Wir rissen sie auf, gruben sie um und ließen nichts auf ihr stehen. Wofür all das? Wer braucht so viel Land und wozu braucht man es? Ja, ich kenne die Antwort: Man braucht so viel Land, um damit Gewinne zu erwirtschaften, die man investiert. Also für die Zeit, in der es mal nicht so gut geht. Aber diese Zeit haben wir nie erlebt. Es gab immer genug und erst jetzt kam es mir so vor, als würde es hier keinem mehr gut gehen. Um das zu ändern, brauchte es kein weiteres seelenloses Getreidefeld. Es brauchte einen schönen Wald und die frische Luft, die er spendete. Es wurde Zeit erwachsen zu werden.

Verwünscht

Ich hatte es mir anders gewünscht. Eine naive Hoffnung war es gewesen, die mich nach einem rustikalen Haus in Strandnähe hatte sehnen lassen. Am Telefon erzählte mir die Dame, dass sie genau das richtige Objekt hätte und ich buchte die zwei Wochen am Meer. Kein Mensch scheint Anfang Dezember noch Urlaub zu haben und so war die Miete niedrig. Das Häuschen jedoch war nicht das, was ich erwartet hatte. Es war umgeben von anderen Häusern. Und das Meer, wenngleich ich es doch hören und riechen konnte, es war nicht zu sehen, nicht einmal aus dem zweiten Stock heraus, welcher lediglich das Doppelbett beherbergte.

Es war einfach eingerichtet, so hatte ich es der Dame am Telefon auch gesagt, aber natürlich hatte sie dabei andere Bilder im Kopf als ich. Womöglich empfand sie die Schränke mit dunkelbraunem Furnier als schön, während es mich an das Wohnzimmer meiner Großeltern erinnerte. Ich hatte bereits bezahlt und ich fühlte mich verpflichtet, diese Unterkunft zu nehmen. Ich hätte zudem auch den Weg zu ihrem Büro zurücklaufen müssen und war zu geschafft von der Anreise. Die Bahnfahrt hätte mir wohl gefallen, wären die drei Umstiege nicht gewesen. Bei jedem der Bahnhöfe hetzte ich nur so aus dem Waggon und versuchte schleunigst den Bahnsteig zu finden, an dem der Anschlusszug schon ungeduldig wartete. Mir war es auch unangenehm kalt an den Beinen geworden. Anfangs saß die Kälte nur oberhalb der Knöchel, verteilte sich dann aber beinaufwärts und als ich endlich in diesem kleinen Kaff gelandet war, fröstelte es mich am gesamten Leib. Das kleine Büro fand ich nach einer Stunde des Umherirrens. Die Dame hatte den Schlüssel schon bereitgelegt. Sie bat mir einen Kaffee an, doch ich lehnte ab, da ich mich nicht an den Geschmack gewöhnen konnte. Ich hatte auf einen guten Tee gehofft.

Eine weitere Stunde hatte ich gebraucht, bis ich im Haus angekommen war und draußen war es bereits dunkel geworden. Über meine Entscheidung könnte ich mich morgen noch ärgern, beschloss ich und stellte meinen Rucksack vorsichtig neben dem Bett ab. Im Haus war es kalt. Ich drehte die Heizung auf, während ich mich daran erinnerte, dass ich in meiner Fantasie vor einem Kamin platznehmen würde. Den Klang und den Geruch vom Meer wollte ich noch genießen, bevor ich schlafen ging und so öffnete ich die Tür neben dem Bett und betrat den Balkon. Mein Blick fiel auf die Häuser nebenan. Sie waren klassisch gebaut, während das meinige zwei schräge Dächer besaß, die bis zum Boden gingen. Ein großes Dreieck bewohnte ich und tatsächlich fühlte ich mich damit sehr wohl. „Hallo, geliebtes Meer“, flüsterte ich in den Wind und ergänzte: „Morgen haben wir uns endlich wieder.“

Das verlassene Haus

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie einen die Vernunft im Stich lassen kann. Wir haben zwei Tage im Haus am See verbracht und weder das Knacken des Holzes, noch das Jaulen des Windes oder das Klappern der Fenster hat uns in irgendeiner Form gestört oder gegruselt, aber nun suche ich in einem Keller, den ich nie zuvor betreten habe, nach dem Sicherungskasten und nur die Flamme der Kerze erhellt mir die Sicht. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich außer der gleißend hellen Flamme gar nichts sehe. Helena meinte vorhin, dass die Kerzen romantischer seien, als die Taschenlampe, die ich auf den Packzettel geschrieben hatte. Wir haben dasselbe Verständnis für Romantik, aber ich schätze doch gerade ihre praktische Seite und so vermute ich, dass es nur ihre Ausrede dafür ist, die Taschenlampe vergessen zu haben. So richtig sauer kann ich ihr nicht sein, denn immerhin habe ich sowohl ihr heißgeliebtes Laptop und auch unsere Handys „vergessen“, sonst wäre es auch kein Urlaub gewesen.

Doch hier im Keller wäre mir eine Taschenlampe außerordentlich recht gewesen. In so einem Moment verlässt mich das rationale Denken und ich sehe hinter dem Flackern die Bewegung einer Gestalt, welches sich durch das Klappern der Fensterläden noch verstärkt. Der Wind geht heut Abend nicht so stark und dennoch zieht er durch jede Ritze und jault in einer unangenehmen Stimmlage. Immer wieder erinnere ich mich daran, dass hier im Keller nur ich bin. Doch statt daraus Mut zu schöpfen, antworte ich mir darauf nur sarkastisch, dass ich allein bin – ALLEIN. Ich weiß nicht wirklich, welche der Türen mich in den Raum mit den Sicherungen führt, die ich reindrehen will, damit wir wieder Licht genießen können. Helena hatte vorgeschlagen, einfach ein Kerze anzuzünden und die Bücher beiseite zu legen, aber hier musste ich mich mal wieder als Mann behaupten und sie retten wollen. Sie retten, obwohl sie gar nicht gerettet werden wollte. Das quittierte sie wie üblich mit einem Grinsen und ließ mich machen. Und da ich nun hier kaum etwas erkenne, wäre es mir gar nicht so unrecht gewesen, einmal meinen Mund zu halten und bei Kerzenschein neben ihr einzuschlafen.

Man kennt es aus schlechten Filmen und es wäre nicht mein Leben, wenn ich die Kerze nicht auf den Boden gepfeffert hätte, nachdem mich der Schreck traf, weil das heiße Wachs auf meine Hand tropfte. SM-Spiele im Keller waren nun wirklich nicht mein Ding, aber das hatte natürlich niemand der Kerze erzählt, die sich wohl schon darauf gefreut hatte, nackte Leiber beklecksen zu dürfen. Ausprobiert hatte ich es durchaus einmal mit einer Freundin vor Helena und seither zierte eine kleine Brandnarbe meine linke Brust, eben genau da, wo mein Herz schlägt. Es brannte dann noch ein zweites Mal, als das verdammte Wachs sich an den wenigen Haaren auf der Brust festgesetzt hatte und wir es abziehen wollten. Danach wusste ich, dass für mich Schmerzen und Erotik niemals Hand in Hand gehen würden, zumindest nicht in dieser Intensität.

Schon merkwürdig, was einem für Gedanken kommen, wenn man in der Dunkelheit steht und darauf wartet, dass die Augen sich langsam daran gewöhnen, damit man wenigstens eine Ahnung davon bekommt, wo man als nächstes hintritt. Helenas Eltern hatten dieses alte Haus bereits vor Jahren gekauft und doch nie besucht. Aber das verwunderte mich nicht, sie kauften ständig Immobilien, um sie zu einem guten Zeitpunkt gewinnbringend wieder zu verkaufen. Wenn sie hier hätten leben wollen, hätten sie längst das klapprige Haus abgerissen und stattdessen einen sterilen Bau hingesetzt. Zudem gäbe es dann auch eine befahrbare Straße, so dass man sich nicht eine halbe Stunde durch ausgedünnte Pfade schlagen müsste. Helenas Eltern hatten das Haus und das Grundstück aus dem Katalog gekauft und waren noch nie hier gewesen. Weder im Haus, noch in diesem gespenstischen Keller.

Kommune

Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit Rahel in der Bar saß und wir uns betranken, um den Kopf frei zu bekommen. Wir wohnten in einem gemütlichen Reihenhaus. Sie in der oberen Etage mit ihrem Freund und ich in der unteren mit meiner Freundin. Zwei Jahre waren es und sie und mich verband eine gute Freundschaft. Wir waren an dem Tag, als wir in die Bar gingen, zum Einkaufen unterwegs und stellten nach einem Kilometer fest, dass wir beide unser Geld zu Hause hatten liegen lassen, also kehrten wir um. Wir fanden unsere Partner ineinander verschlungen auf dem gemeinsamen Hausflur. Bis heute kann ich nicht vergessen, dass weder sie noch ich in dem folgenden Streit schrien oder zumindest lauter wurden.

Am Abend dann kam eine Nachricht von ihr und wir gingen weg, um uns zu betrinken. Es gab den Punkt, da wurde mir klar, dass dies nicht die beste Idee war, denn wer von uns hätte den anderen ablenken können? Als wir am Tresen saßen und uns betranken, schlug ich ihr vor, dass wir uns rächen könnten. Rahel schaute mich kurz an, ging dann darauf ein und wir überlegten uns, in welcher Position und mit welchem Lustgestöhn wir Rachen üben könnten. Plötzlich hielten wir inne. Es war ein Moment, wie kurz vor dem ersten Kuss mit einer frisch kennengelernten Person. Doch wir kannten uns. Unsere Gesichter erhellten sich, denn wir wussten, dass wir das gleiche dachten. Wir hatten die bessere Lösung gefunden: „Wir lassen die Beiden gehen.“, sagten wir gleichzeitig. „Und haben das Haus für uns.“, schob Rahel nach. Unsere Ex-Partner hatten sich eh immer über die Lage und den Zustand beklagt und immerhin waren wir die Verletzten, so würden wir sie schon irgendwie aus unserem Haus bekommen. Jeder von uns hätte seinen Rückzugsraum und dennoch wären wir als Freunde zusammen. Schnell malten wir uns aus, wie wir das Haus einteilen würden.

Vielleicht dachten wir schon damals an eine Kommune, aber sprachen es nicht aus, doch eines Tages fragte mich ein Student, ob ich für ihn eine Unterkunft wüsste. David, so sein Name, war einer der wenigen Menschen, die mir auffielen. Nicht, weil er sich produzieren musste, sondern ganz im Gegenteil, weil er ein ruhiger Mensch war. Er hatte ein schönes Gesicht und immer wieder begegnete ich ihm auf dem Campus mit einer Frau an seiner Seite, doch es war immer eine andere.

Ich beriet mich mir Rahel und wir ließen ihn bei uns einziehen. Durch David kamen noch zwei weitere Mitbewohnerinnen hinzu. Es waren gute Freundinnen von ihm, die ebenso eine neue Unterkunft suchten. Susanne kam aus einer WG, bei der sie die einzige Frau war und den Haushalt allein schmiss, während die Kerle alles verkommen ließen. Sarah hingegen war aus der gemeinsamen Wohnung ihres Freundes ausgezogen. Ich ahnte damals sofort, dass sie mehr als nur sich mitbringen würde und tatsächlich konnte sie bereits einen Monat später, den kugeligen  Bauch nicht mehr verstecken.

Flower child

Immer wenn ich auf der Straße vor eurem Haus stand, erfasste mich diese Wärme. Die Häuser links und rechts waren von Familien oder wohlhabenden Pärchen bewohnt. Ihr Garten war gepflegt und alle glichen sich in ihrer Art. Euer Haus jedoch, es stach heraus. Auf der Garageneinfahrt schien nie ein Auto gestanden zu haben oder gefahren zu sein, es war eher wie zwei ausgestreckter Arme für Fahrräder oder eine Gruppe von Gästen. Daneben war der geradezu eng wirkende Aufgang zur Haustür, an der Säule dazwischen rankten sich grüne Zweige und Blätter empor. Der Garten schien ungepflegt, doch wenn man erst einmal darin stand, merkte man, dass ihr das Grün zur Straße hin unbeschnitten wachsen ließt, damit ihr in aller Ruhe dahinter ein wenig Gemüse anbauen konntet oder in gemütlicher Runde um den Tisch saßt, während die Luft süßlich roch.

Die Rückseite des Hauses schien wie überdacht von all den Ästen und Zweigen, ihr hattet euer kleines Reich mitten in der Stadt und vermutlich ärgerten sich eure Nachbarn über euch, weil sie das Leben nicht mehr sahen, was bei euch vorherrschte und was sie von ihrem Grundstück zu verbannen suchten.

Dein Zimmer war im oberen Stockwerk. Der rote, weiche Teppich lud dazu ein, sich darauf zu legen, die Augen zu schließen und die Welt an sich vorbei ziehen zu lassen. Nicht anders war es bei der alten, verblassten, grünen Couch, in die man so tief versank, dass einem das Aufstehen wie ein nicht zu bewältigender Kraftakt erschien. Dein Bett war schlicht und angenehm hart. So wenige Möbel und doch so viel Leben, durch die tonfarbenen Tücher an den Wänden. Wie oft saßen wir auf deinem Balkon, führten philosophische Gespräche, die nie ein Ziel verfolgten und meist von einem Thema zum nächsten sprangen, bevor wir nicht mehr wussten, worüber wir eigentlich diskutierten. Wir kuschelten uns auf dem übergroßen, geflochtenen Sessel zusammen und wurden jedes Mal aufs Neue von deiner Mitbewohnerin überrascht, wenn diese über ihr Zimmer auf diesen überlangen Balkon trat. Wir pusteten so gern Seifenblasen in die Luft und sahen, wie sie davonschwebten.

Nun ist es mit dir, wie mit jenen Seifenblasen: auch du bist fortgeschwebt. Jedes Mal, wenn ich an eurem Haus entlangkomme, springt mir das Herz vor Freude und so gern würde ich wieder zu dir nach oben stürmen und philosophieren oder Seifenblasen beim Schweben beobachten…