Aufgetankt

Es war eine dumme Idee gewesen, in der Sonne liegend einzuschlafen, obgleich es gar nicht meine Idee gewesen war. Es passierte einfach und ich war zu müde, dagegen anzukämpfen. Es war einer der ersten warmen Tage des Jahres und nachdem ich den halben Tag lang Sachen für meinen Umzug geschleppt hatte, wollte ich zwar eigentlich ein wenig auf- und einräumen, doch die Lust darauf, die neuen Orte in dieser mir kaum bekannten Stadt zu erkunden, war viel zu groß. Ich regelte das mit dem üblichen „mache ich später“ mit meinem Gewissen und packte einen Rucksack mit einem Handtuch und einem Buch. Der Gedanke an Wasser kam mir, doch ich konnte die Flasche nicht finden.

Beim Aufwachen verspürte ich eine Dürre in meinem Mund. Ich hatte den ganzen Tag kaum etwas getrunken und gegessen hatte ich auch noch nicht. Also beschloss ich zurück zu meiner Wohnung zu gehen. Der Hinweg hatte vielleicht eine Viertelstunde gedauert, somit sollte mir recht schnell geholfen sein, dachte ich und machte mich in die Richtung auf, aus der ich gekommen war. Ich fühlte mich halb verbrannt, als hätte man mich auf einen Drehspieß gesteckt. Doch man hatte vergessen, den Drehspieß zu drehen, denn die Hitze spürte ich nur auf einigen Stellen meiner Haut. Ich schlürfte vor mich hin, blieb an einem aufgeplatzten Stück Asphalt hängen und stolperte einige Schritte. Ich war stumpfsinnig die Straße hinaufgelaufen, doch als ich mich nach dem Stolpern umblickte, erkannte ich rein gar nichts wieder. Auch meldete sich mittlerweile meine Blase und innerlich kotzte ich, weil ich auch mein Handy nicht eingesteckt hatte. Das wohl elementarste Etwas der heutigen Zeit hing an der Steckdose. Gut, würde es da nicht hängen, dann wäre der Akku eh leer und ich hätte auch nichts davon gehabt. Mir blieb nichts weiter übrig, als mich umzuschauen und irgendwas noch so Kleines zu erkennen, das ich bereits gesehen hatte, als ich die Wohnung besichtigt hatte bzw. als ich heute Morgen hinfuhr.

Da gab es einen Bäcker und ich erinnerte mich daran, dass es gleich um die Ecke bei meiner Wohnung einen gab: Ich suchte die anliegenden Ecken erfolglos ab. Dann erspähte ich eine Tankstelle und ja, das machte mir Hoffnung, denn die sind üblicherweise nicht so häufig vorhanden und ganz am Anfang meiner Straße gab es eine Tankstelle. Zudem konnte ich drinnen einfach nachfragen, denn im Gegensatz zum Bäcker haben Tankstellen durchweg geöffnet. Ich erkannte die Straße nicht und verzweifelte ein wenig. Ich bat den Kassierer um den Schlüssel zur Toilette, den er mir direkt gab. Es gibt wohl kaum ein erlösenderes Gefühl, als nach langer Zeit seine Notdurft loszuwerden. Dass die Toilette abgeranzt war und wohl seltener gereinigt wird, als ich mein Auto in die Waschstraße stecke, war mir in dem Moment egal. Es würde sich eben kein Frischegefühl einstellen, aber damit würde ich leben können. Bei der Rückgabe des Schlüssels fragte ich den Angestellten, ob er zufällig wüsste, wo meine Straße sei. Er entgegnete: „Also eigentlich tankt man hier oder man kauft ein.“ Ich nickte: „Ja, und wenn ich Geld hätte, würde ich ihnen sofort ne Limo abkaufen. Aber die Sache ist die: Ich bin hier frisch hergezogen, habe außer einer Decke und einem Buch nichts in meinem Rucksack und lag gerade ne halbe Ewigkeit in der Sonne. Ich will nur noch nach Hause.“ Bei diesen Worten schnürte sich mir die Kehle zu und ich war selbst überrascht, wie es mich fast überrannte. Der Angestellte schmunzelte: „Die Straße, die du suchst, ist gleich nach der Tankstelle links.“ Er zeigte in die Richtung. Ich bedankte mich und ging in die besagte Straße. Ich musste loslachen, denn es war nur ein Häuserblock bis zu meiner Wohnung. Mir stiegen Tränen in die Augen. Gleich bin ich wieder in meinen vier Wänden. Ein tiefes, wohliges Gefühl breitete sich in mir aus.

Verregnete Tage

Draußen regnete es seit einigen Stunden und so war Ben der Einladung gefolgt, noch auf einen Tee mit rein zu kommen. Im Zimmer lagen überall kleine und große Kissen verstreut und er suchte sich eines dieser Kissen, welches in der Nähe einer Wand lag, um sich darauf zu setzen. Von hier aus inspizierte er das Zimmer. Es gab einen kleinen Schreibtisch, der mit einigem Papier beladen war und an der Wand dahinter hingen Fotos von der Bewohnerin und ihren Freundinnen und Freunden. Das Bett war mit bunter Bettwäsche in Naturfarben bezogen und überall fanden sich kleine Schätze. Hier mal eine Kette, da mal ein Ring. In Reichweite seines Kissenplatzes stand ein wadenhoher Tisch, auf dem allerlei Krempel zu finden war, doch er wagte nicht, ihn anzurühren, stattdessen wartete Ben brav darauf, dass Lena mit dem Tee aus der Küche auftauchen würde. Es rannen einige Tropfen vom Kopf übers Gesicht und die Klamotten fühlten sich schwer und kühl an, aber er wollte sich nicht beschweren, immerhin musste er in einer fremden Stadt nicht im Regen stehen. Er hatte seinen Reiserucksack im Flur abgestellt und die trockenen Klamotten warteten somit nur auf ihn. Er beschloss, sich nach der Toilette zu erkundigen und sich umzuziehen, sobald Lena zu ihm kam. Bis dahin wartete er in ihrem Zimmer, wie sie es ihm geheißen hatte. Sie wohnte in einer WG, so viel war klar.

Lena hatte er in einem Café kennengelernt. Er hatte sich dort vor dem Regen versteckt und zwei große Becher heiße Schokolade getrunken. Als er gefragt wurde, ob er noch etwas haben wollte, hatte er den Fehler begangen, dies zu verneinen. Die Bedienung war sehr freundlich, wies ihn aber darauf hin, dass doch einige Gäste auf einen freien Platz warten würden. Er erklärte, dass er nur mit Rucksack unterwegs sei und nicht wüsste, wo er bei dem Wetter hingehen sollte. Die Bedienung stellte sich als Lena vor und meinte, dass er bei ihr unterkommen könnte, sie hätte demnächst Schichtende. Sie liefen eine Viertelstunde durch den Regen, bis sie bei ihr angekommen waren, doch diese wenigen Minuten reichten, um ihn komplett zu durchnässen.

Endlich ging die Tür auf und Lena stand mit einem Tablett, auf dem eine Teekanne und zwei Tassen standen, im Zimmer. Sie trug statt der durchnässten Sachen aber nur ein Handtuch. Offensichtlich hatte sie sich geduscht. Ben traute nicht, sie direkt anzuschauen, überlegte einen Moment und meinte: „Wo ist denn das Bad, dann kann ich mich schnell umziehen.“ Auf die Weise könnte auch Lena sich ungestört etwas anziehen, dachte er sich. Sie führte ihn ins Bad und griff nach einem Handtuch: „Hier, dusch‘ dich ruhig ordentlich warm, bevor du dich erkältest.“ Ben freute sich über die Einladung und nahm mit einem Kopfnicken das Angebot an. Er holte sich noch trockene Wäsche aus dem Rucksack und verschwand unter der Dusche.

Teil 2

Rückblick und Ausblick

Der Juni ist vorbei und mit ihm meine selbst gesetzte Aufgabe, an jedem Tag einen Text zu schreiben. Die Auswertung sagt: Insgesamt 28 von 30 Texten, wobei einer erst verspätet hinzukam. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, die Texte zu schreiben und es war ein enormer Antrieb, die Reaktionen von euch zu erhalten. Die Texte nur für mich selbst zu schreiben, wäre mir schwer gefallen, aber ihr gabt mir Antrieb. Ich möchte dieses Experiment fortführen, vielleicht nicht mit der Strenge, die ich mir für den Juni auferlegt hatte, aber doch regelmäßig. Es gab im April bereits eine Möglichkeit im Rahmen des NaPoWriMo für mich, jeden Tag zu schreiben, doch ich schaffte es nicht einmal, es macht mich daher umso glücklicher, dass es diesen Monat gelang.

Als gestern mein Projekt endete. Jährte sich zum ersten Mal auch meine Vorstandmitgliedschaft im Verein „Literally Peace“. Ich habe dort ebenfalls einen Antrieb für mein literarisches Schaffen gefunden und ich lade euch herzlich ein, uns auf Instagram oder auf Facebook am 3.7. um 20:00 Uhr bei einer Onlinelesung zu besuchen. Ich nehme selbst Teil an jener Lesung.

Dieser Blog besteht seit 2014 und in den ersten beiden Jahren war ich sehr ambitioniert. Ich verlor aus persönlichen Gründen die Lust am Schreiben und versteckte mich. Es ist ein schönes Gefühl wieder am Leben zu sein. Die aktuellen Zeiten sind für viele Menschen nicht leicht: Isolation, Depression, Zukunftsängste…es ist Sommer und der hilft vermutlich, denn das heitert das Gemüt auf. Dennoch merke ich gerade jetzt, wie wichtig es ist, dass wir aufeinander aufpassen. Jeder sollte für sich überlegen, was das Leben lebenswert macht. Für mich ist es die Menschlichkeit und das Miteinander. Ich brauche keine materiellen Güter oder ein übervolles Konto (auch wenn das hin und wieder helfen würde, aber ihr wisst ja: Manche Menschen sind so arm, die haben nur ihr Geld). Was mich morgens aufstehen lässt, sind die lieben Menschen um mich herum. Sich gegenseitig zu helfen, zu unterstützen und ein offenes Ohr und Herz zu haben, danach strebe ich.

Ich hoffe, dass ich mit meinen Worten hier hin und wieder anrege. In jeglicher Form. Ich freue mich zumindest über das bisherige Feedback, da gab es Zu- und Widerspruch. Beides half mir zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Solange wir miteinander reden, können wir weiterhin eine schöne Welt schaffen.

Das andere Ende

Der Sog lässt nach und es ist Ruhe eingekehrt. Dir begegnet ein Lächeln und die Bitte um Hilfe. Ein schwarzes Loch, das dich komplett verschlingt, gibt es nicht. Es zieht dich in sich, um dich wieder herauszuwürgen und auszuspeien. Der Vorgang ist wenig schön, er ist sogar beängstigend eklig. Doch es passiert. Eine Hand, die um Hilfe bittet, ist eine, die dir gereicht wird. Und du greifst danach und ziehst zögernd, zaghaft. Und jeder Happen schmeckt wie ein Festmahl. Jeder Atemzug lässt dich minutenlang die Luft anhalten. Jeder Augenblick wird kostbar.

Hier geht es zum ersten Teil „Das schwarze Loch“

Helfende Hände

„Kannst du mir mal eine Hand leihen?“, sagte eine tiefe Stimme, als ich aus der Haustür kam. Ich blickte in Richtung der Stimme und überlegte, wie lang es her war, dass ich diese Frage gehört hatte. Ich griff mit meiner rechten Hand meine linke und tat so, als würde ich sie abnehmen. Dann nickte ich und fragte, wie ich helfen konnte. Es war eigentlich offensichtlich, denn der Kerl, er mochte Ende 20 gewesen sein, fummelte an seinem Fahrrad rum und versuchte die Bremse zu richten. Ich kannte die Problematik, denn die Teile haben gern mal unterschiedliche Abstände zur Felge, wenn man sie wechselt. Also zog ich den Bremsgriff ein wenig, so dass der Abstand der Backen durchs Anlegen an die Felge gleich wurde. Es war unheimlich warm an dem Tag und ich wollte eigentlich nur runter an den Fluss gehen, um mich an der feuchten Kühle in der Luft zu erfrischen und ein wenig die Sonne zu genießen, aber warum sollte ich dem Kerl nicht helfen? Wir wohnten im gleichen Block. Ich hatte ihn schon einige Male gesehen, aber ich kannte ihn nicht.

„Danke sehr“, meinte er, nachdem die Bremse saß. „Kein Ding“, erwiderte ich. „Wenn ich dir mal helfen kann, melde dich einfach, ich wohne da drüben“, erklärte er und zeigte auf die nächste Haustür. „Einfach die erste Tür rechts.“ Ich nickte ihm zu und machte mich auf den Weg zum Fluss. Ich grinste vor mich hin und genoss den Weg. Es gab mir ein erhabenes Gefühl, geholfen zu haben. Ja, es machte den Tag schöner. Schon komisch, dass ich nie um Hilfe bat, denn es wäre ja auch für den Helfenden ein schönes Gefühl. Aber ich dachte dann immer, dass ich der Person etwas schuldig wäre, was diese womöglich niemals einforderte und dann stünde ich sozusagen auf ewig in ihrer Schuld. Vollkommen verrückt, denn mein Nachbar wird womöglich nie seine „Schuld“ einlösen müssen. Und so gab er die Hilfe sicherlich an eine andere Person weiter, und fühlte sich danach pudelwohl.

Eine ältere Frau kam mir entgegen. Ich blickte sie mit fröhlichen Augen an und sie lächelte mir im Vorbeigehen zu. Verdammt, die Welt war auf einen Schlag besser geworden.

Lust und Frust

Ich konnte ihr keine Antwort auf ihre Frage geben, warum mich die Liebe einer Person nicht glücklich macht. In meinem Kopf lief durchaus eine Erklärung ab. Eine Erklärung, die zeigen würde, weshalb ich mich oftmals elendig fühle und mich für einen schlechten Menschen halte. Eine Erklärung, die ich ihr nicht geben kann, weil ich zu schwach dafür bin, die Wahrheit auszusprechen. Es ist merkwürdig, weil es mir mal sehr leicht fiel und es einen Bruch gab, der es mir so unendlich schwer erscheinen lässt. Ich kann den Bruch selbst nicht genau benennen. Da gibt es aber mehr als genug Material, welches jeder halbwegs gute Psychologe als möglichen Anfang identifizieren würde. Ich war mir dessen auch ohne das Studium im Klaren und hielt mich eh für so besonders, dass ich keine Hilfe bräuchte. Jedem anderen Menschen sei sie gegönnt, aber ich habe doch Stift und Papier um mich zu therapieren, nur warum schreibe ich dann nicht wie ein Wilder, genügend Schreibstoff gäbe es ja?

Neulich Abend waren die Gedanken so vollkommen klar. So klar wie in jedem Rausch, nur war ich an jenem Abend so fertig, dass es nicht mehr dazu langte, die Worte zu fassen und aufzuschreiben. Die Frage darf gestellt werden, ob es des Alkohols bedarf, damit ich offen und frei schreibe und rede. Aber eine Frage ist auch nur eine Aussage. Zumindest diese letzte Frage ist es. Es gibt mittlerweile so einige Texte, die in den Nächten entstanden, in denen ich vom Feiern wieder heimkam und womöglich sollten sie nochmal auf Sinn und Rechtschreibung überprüft werden, aber gute Ansätze sind dabei, weil sie ehrlich sind.

Zurück zur Frage, warum mir die Liebe nicht genügt und warum ich ihr aus dem Weg gehe. Dafür brauche ich heute keinen Alkohol. Die Antwort dafür ist ziemlich einfach. Es ist ein Komplex, der über die letzten Jahre immer größer geworden ist. Ein Konglomerat aus zerbrochenen Träumen von Liebe, der Kontaktabbruch zur Familie und Pornografie. Sex ist zum Abbau von Frust geworden und nicht der Ausdruck von Lust. Es hielt mich ruhig und entspannt. Aber dieser Preis ist mir zu hoch. In letzter Zeit bin ich unruhiger und gestresster geworden. Vermutlich ein Zeichen des Entzugs. Dann wäre es kein schlechtes Zeichen und dennoch keines das mich zufrieden macht, denn ich möchte nicht gestresst und leicht reizbar sein. Ich möchte entspannt durchs Leben gehen und über mich selbst lachen können. Der Weg ist noch lang.

Der Rand

Neulich beim Abendessen wollte eines der Mädchen den Rand ihrer Pizza nicht essen. Ihr wackeln gerade acht Milchzähne und ich kann sie verstehen. Nun gibt es Menschen, von denen wir sagen, sie leben am Rand der Gesellschaft und so möchten wir sie auch an den Rand unseres Lebens schieben oder gar darüber hinaus. Vor den Kaufhäusern, die gerade im Winter viel Wärme abgeben, dürfen sie nicht liegen und auf den Bänken auch nicht. Am besten gar nicht erst sehen, denn das schlechte Gewissen kommt hervor: Man müsste ihnen etwas Geld geben und dabei will man doch nur schnell vorbei. Ja, diesen „Rand“ lassen wir gern auf dem Teller liegen und schieben ihn satt von uns weg. Wir, das bin auch ich, es fällt mir nur leichter, wir zu schreiben, aber es ist falsch, auch wenn wir es sind. In erster Linie bin ich es.

Ich wollte so einige Male bei dem Mann anhalten, der unter der Unterführung lag, an der ich jeden Tag vorbei fuhr. Ich wollte ihm eine Mütze, Handschuhe und ein wenig Brot und Saft mitbringen…ich wollte…und tat es nicht. Seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ist ihm was passiert? Fand er einen besseren Platz? Bekam er Ärger mit der Polizei, weil sich jemand beschwerte? Ich werde es vermutlich nie erfahren und ich würde ihn jetzt im Normalfall vergessen. Mein nicht getaner Wunsch, ihm zu helfen und mit ihm zu reden, wird verschwinden, wenn ich nur weiter auf der Couch sitze und die Katze streichle.

Ich sehe die Schneeflocken, die draußen vom Himmel fallen und es sieht schön aus. Die Welt überzieht es mit einer dicken Schicht, die so wunderbar knirscht, wenn man hineintritt. All die romantischen Gedanken, die kann ich mir erlauben, weil ich ein warmes Zimmer habe, in dem ich gerade sitze. Wie man wohl über Schnee denkt, wenn man ihn als harte Natur ertragen muss? Dieser „Rand“ ist gar kein Rand. Diese Menschen leben mitten unter uns. Dort gehören sie hin und nicht an den Rand, weil wir sie satt haben.

Sie könnten doch auch zum Amt gehen und Hilfe bekommen. So dachte ich mir das immer, aber so leicht, wie ich mir das dachte und hier schreibe ist es nicht. Der Weg unter die Brücke kann der einzig ersichtliche sein, wenn der Job fehlt und auch das private Leben zerbröckelt und man sich verlassen fühlt. Es ist ja nur für einen Tag, morgen wird es schon wieder aufwärts gehen…Morgen gehe ich zum Amt…und dann doch nicht. Es lässt sich nur schwer vorstellen, wie gelähmt man sich manchmal im Leben fühlt, dass man Freunde nicht mehr um Hilfe bitten möchte und sogar davonläuft, weil man es ihnen nicht zumuten möchte, denn man wird es schon schaffen und sich wieder aufrappeln. Vielleicht sind auch gar keine Freunde mehr da, die man bitten könnte. Und plötzlich findest du dich auf der Straße wieder.

Das Thema beschäftigt mich und es ist sehr theoretisch. Deswegen möchte ich diesen Menschen ein Gesicht geben und ihre Geschichten weitergeben:

Es gibt diesen Robbie aus Preston, der einer Studentin 3 Pfund anbot, als sie ihre Kreditkarte verloren und kein Geld für ein Taxi hatte. Jener Robbie ist in Preston nicht unbekannt, da er sich dadurch auszeichnet, den Leute zu helfen. Die Sache wurde bekannt, weil jene Studentin sich engagierte und Geld für ihn sammelte. Bevor sie es ihm gab, verbrachte sie 24 Stunden auf der Straße mit ihm. Ob man jedem einzelnen helfen sollte oder doch allen, das muss jeder für sich entscheiden. Aber dieses Eintauchen in das Leben einer anderen Person, würde keinem von uns schaden.

In Luzern gab es den Herrn Emil Manser. Er hat etwas von Diogenes und so fand ich bei der Suche nach ihm sofort den Ausspruch „Zu viel Alkohol macht peinliche Narren. Diene als schlechtes Beispiel“. Er war also der gebildete Obdachlose, der sein Wissen nicht für sich behielt und am Ende noch einen Abschiedsbrief an der Brücke hinterließ, von der er sich stürzte.

Ich las einmal von einem blauäugigen Arzt, der laut eigener Aussage mit dem vorherigen Leben komplett abschließen wollte. Auch bei ihm merkte man so viel Lebensweisheit, die er nur zu gern teilte. Ich habe ihn leider nicht mehr gefunden und kann daher nur auf meine Erinnerung zurückgreifen.

Ich erwähne diese Beispiele nicht, weil ich behaupten möchte, dass alle Obdachlosen geniale Künstler und Helferpersönlichkeiten sind. Sie sind Menschen wie wir, die gute und die schlechte Tage kennen. Vor denen wir uns aber nicht fürchten brauchen. Wir alle sollten sie wahrnehmen und nicht versuchen, sie auszublenden. Das ist mein Fazit, das ich besonders an mich selbst richte.

Der alte Mann (Teil acht)

Tom blickte mich an. Er holte Luft, doch statt etwas zu sagen, hustete er aufs Wildeste los. Er hielt sich die Hand vor den Mund. Als er sie wieder vom Mund nahm, klebte Blut an ihr, welches er mit ausgehustet hatte. Ich stand sofort auf, da hielt Tom seine Hände schon abwehrend vor sich. Bis ich ihm erklärte, dass ich ihm nur zum Waschbecken helfen wollte. Ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch ist, in solch einer Situation zu husten, aber es musste raus, das war doch nur natürlich.

Während er über dem Waschbecken hing, öffnete ich den Schrank darüber, in der Hoffnung, irgendein Medikament zu entdecken, das seine Beschwerden lindern könnte. Ich fand nichts außer Handtüchern und etwas Hartem, das unter ihnen lag. Ich zog es hervor und sah ein Foto mit einer Frau, die meine Mutter hätte sein können. Aber meine Mutter war wohl eher das kleine Mädchen zwischen jener Frau und ihrem Mann. Ich legte das Bild zurück, half Tom beim Reinigen seines Gesichts und überredete ihn dann, mit mir in die Stadt zum Arzt zu fahren. Der Griff nach meinem Rucksack war eher automatisch – in der Situation absolut notwendig – um die Proben mitzunehmen.

Tom schwieg die Fahrt über. Er versuchte mich mehrfach davon zu überzeugen, doch wieder umzukehren, aber den Gefallen tat ich ihm nicht. Er sah es als meinen Egoismus, nicht vollkommen ohne Familie dastehen zu müssen, dabei war er doch egoistisch, dass er langsam sterben wollte, nur konnte ich ihm das nicht sagen. Ich fuhr entspannt, denn es war kein Notfall. Tom ergab sich irgendwann seinem Schicksal und schien die Fahrt sogar genießen zu können.

Die Zeit im Wartezimmer kam mir endlos vor. Tausendmal plante ich, wie ich die Proben einpacken und wegschicken würde. Ich überlegte, ob es nicht sinnvoll war, sie dem Arzt zu geben, aber das war hier nicht gerade ein gut ausgestattetes Krankenhaus mit Labor. Vermutlich würde der Arzt Toms Brust abhören und ihm irgendwelche Tabletten verschreiben, die ich ihm später unters Essen mischen musste. Als er aufgerufen wurde, trennten wir uns. Ich ging zuerst zum Telefon und ließ mir die ansässigen Firmen durchgeben. Da waren schon welche dabei, die mit Chemikalien arbeiten müssten, aber es klang alles nicht so passend. Mein Bekannter wollte wohl absichtlich zeigen, wie viel er herausgefunden hatte, denn die einzig auffällige Firma nannte er mir als letztes und tatsächlich lag für jeden von uns dort die höchste Wahrscheinlichkeit, den Verdächtigen gefunden zu haben.

Joggingrunde – Teil 2

Während ich über den anthrazitfarbenen Asphalt lief, überlegte ich, wie es wohl damals bei dem Wettlauf jenem Typen gegangen sein mag, dem ich nicht von der Pelle rückte, bis nur noch die letzten zweihundert Meter vor uns lagen und ich ins Ziel hastete, während er weiterhin seine perfekte Geschwindigkeit hielt. Ich hatte mich zwar danach bei ihm dafür bedankt, dass er mich so unwissend mitgezogen hatte, aber hatte er sich womöglich von mir nervig verfolgt gefühlt? Entschuldigt hatte ich mich zumindest nicht, weder für die Verfolgung, noch für das Zurücklassen kurz vor der Zielgeraden.

Und wieder wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als ich eine laute Atmung und schnelle Schritte hinter mir vernahm, dieses Mal würde mich die Person überholen, das stand fest, aber es schockte mich, dass jemand so viel schneller als ich unterwegs war, wo ich doch sonst immer der schnellste Läufer bin. Ich zuckte, als eine Hand meine Schulter griff.

Die Hand gehörte zu jener Joggerin von eben und ich blieb stehen. Sie hatte ihren Schlüssel vergessen und ihre Mitbewohnerin öffnete nicht. Sie fragte mich, ob ich ein Handy dabei hätte, damit sie sie anrufen könnte. Ich verneinte, worauf sie nur antwortete, was ich denn für ein Jogger wäre, der ohne Smartphone unterwegs sei. Ich entgegnete, dass ich wohl ein ebenso mieser Läufer wie sie sein müsste, die ganz offensichtlich selbst ohne Handy unterwegs war.

Ich schlug ihr vor, dass sie einfach die paar Minuten bis zu mir mitkommen sollte und von dort aus anrufen könnte. Sie willigte ein und so liefen wir auch diesen letzten Kilometer bis zu mir nebeneinander her.

Bei mir angekommen, gab ich ihr mein Handy. Sie tippte eine Nummer ein, brauchte jedoch recht lang. Mein fragender Blick wurde schnell aufgeklärt, denn sie war sich nicht sicher und ich ließ sie probieren, doch keine der Nummern wollte die gewünschte Mitbewohnerin ans Telefon bringen. Ich bot ihr einen Platz auf dem Balkon an und stellte ihr ein Glas Wasser dazu. So verließ ich sie, um schnell unter die Dusche zu springen und womöglich würde ihr dabei die Nummer einfallen.

Das Duschen rundet so einen Lauf erst ab. Es erfrischt und wirkt wie eine kleine Belohnung für die Mühen. Man hat sich den Schweiß eben erst erarbeiten müssen, der nun wieder runter von der Haut soll. Ein paar Momente später, stand ich also in frischen Klamotten vor dem verschwitzten und verzweifelten Etwas. Ich verschwand, um direkt darauf wieder vor ihr zu stehen, dieses Mal mit einem Badetuch und der Frage, ob sie sich nicht duschen möchte, während ich frische Brötchen vom Bäcker besorge. Sie zuckte zurück, das war vermutlich doch zu intim für unser erstes Kennenlernen. Während ich mich wieder umdrehte, sah ich ein Grinsen in ihrem Gesicht und ihre Feststellung, dass so eine Dusche jetzt großartig wäre.

Fensterscheibe

Die Stadt war aus dem Auto heraus kaum zu erkennen, nur blasse Lichter hinter der beschlagenen Scheibe. Der Wunsch sie als Malfläche zu benutzen, war mir noch inne, doch anders als früher, behielt ich meine Hände bei mir und strich stattdessen den Smoking glatt. Mein Blick fiel auf die schlummernde Frau neben mir. Komisch, dass ich sie als Frau neben mir bezeichne, während ich sie doch schon so lange kenne.

Sie war damals in einem Club eingeschlafen und von ihren Freunden allein gelassen worden. Ich brachte sie zum Taxi, gab dem Fahrer die Adresse, die auf der Rückseite ihres Ausweises stand und genügend Geld, damit er sich über sein Trinkgeld nicht beklagen konnte. Als sie damals im Taxi saß und ich die Tür schloss, sah ich mein Spiegelbild, welches sich über ihr abzeichnete. Der junge Mann sah fröhlich aus, vermutlich weil er wusste, eine gute Tat getan zu haben. Eine Woche später sah ich sie wieder in jenem Club, sie erkannte mich und war so dankbar. Wir unterhielten uns den ganzen Abend. Irgendwann waren wir zusammen.

Das ist nun Jahre her und ich erinnere mich, wie es damals war. Wie schön es sich anfühlte, eine verwandte Seele gefunden zu haben, doch unsere größte Gemeinsamkeit war unsere Einsamkeit. Wir hatten in Wirklichkeit nichts gemein und es kam mir so vor, als könnte ich ihr nicht geben, was sie brauchte, während ich nicht brauchte, was sie mir geben konnte.

Sie sah so schön aus, wie sie so dalag. Als das Taxi anhielt, um uns heraus zu lassen, bat ich den Fahrer, noch kurz zu warten. Ich trug sie nach oben und legte sie in unser Bett. Ich zog ihr die hochhakigen Schuhe aus, deckte sie zu und verließ unsere Wohnung um vorn wieder ins Auto zu steigen und wegzufahren. Hier waren die Scheiben kaum beschlagen, dennoch nahm ich die vorbeiziehenden Lichter nur verschwommen war, während ich meine Gedanken schweifen ließ.