Der alte Mann (Teil zwei)

Was er wohl denken mochte, während er in seinem Boot saß? Überlegte er womöglich, wer ihn besuchte und warum dieser uneingeladene Gast seine Weigerung, sofort ans Land zu rudern, nicht verstand und sich nicht wieder davonmachte? Es wäre wohl durchaus ein Gedanke, der mir kommen würde, wäre ich dort draußen. Aber vermutlich ahnte er schon, wer ihn besuchen wollte. Den Grund an sich könnte er unmöglich wissen. Woher auch? Wie konnte er ahnen, dass er seit ein paar Tagen mein einziger Verwandter auf dieser Welt war? Mein Vater war nie ein Bindeglied zwischen meinem Großvater und mir gewesen. Die beiden konnten sich nicht ausstehen und ich erinnere mich noch an einen Streit zwischen ihnen. Ich lag damals im Bett und sollte schon schlafen, stattdessen schlich ich durchs Haus und suchte noch nach einer Kleinigkeit, die ich naschen konnte. Gerade als ich die Treppe wieder hinaufgegangen und schon fast in meinem Zimmer verschwunden war, hörte ich die Stimme meines Vaters, der meinen Großvater anschrie. Er warf ihm vor, meiner Mutter nicht ausgeredet zu haben, dass sie in der Nacht zu ihm fahren wollte. Türen knallten und wir blieben allein zurück. Danach wurden die Besuche meiner Großeltern seltener und endeten mit dem Leben meiner Oma.

Da draußen saß er nun. Ob er wohl oft angelte? Ich erinnere mich nicht daran, dass er mit mir jemals angeln war, aber das wäre eh nichts für mich gewesen. Als Kind plapperte ich ohne Unterlass und hätte so wohl jeden noch so tauben Fisch verscheucht. Mittlerweile könnte ich mit ihm still im Boot sitzen. Mir scheint, dass man mir eine gewisse Menge an Worten mitgegeben hat und ich den Großteil davon als Kind vor mich hin brabbelte. Und nun, einige Jahre später, bin ich sparsam geworden, ja fast schon knauserig, denn wer weiß schon genau, wann das letzte Wort gesprochen ist?

Es dämmerte bereits, da vernahm ich das leise Platschen der Paddel im Wasser. Er kam endlich heim. Als er aus dem Boot stieg, entfuhr ihm nur ein knappes „Hm“ und er ging blicklos an mir vorbei. Ich folgte ihm ins Haus und stellte mich vor: „Hallo, ich bins, dein Enkel. Erkennst du mich denn nicht, Großvater?“ Er antwortete darauf: „Nenn mich nicht Großvater, ich heiße Tom!“

Der alte Mann (Teil eins)

In dem Laden hatte man mich gewarnt. Ich hatte anhalten müssen, um nach dem Weg zum Grundstück meines Großvaters zu fragen. Der Verkäufer sah mich ungläubig an und verstand nicht, warum ich da hin wollte. Er meinte, dass der alte Mann die gesamte Zeit über mürrisch sei und niemand gern bei ihm sein würde, weil er niemanden bei sich haben wollte. Ich verschwieg, dass es sich um meinen Verwandten handelte und setzte mich wieder in meinen Jeep, nachdem ich den Weg erfahren hatte. Durch den Stopp konnte ich noch ein wenig frisches Brot und ein großes Stück Gouda kaufen. Das ist so eine Art Urlaubsproviant für mich. Sobald mich der Hunger überkommt, breche ich mir ein Stück Brot ab und esse dazu ein wenig Käse. Mehr braucht es nicht. Wir vergessen das nur zu gern, weil wir gewohnt sind, immer tausend Dinge im Kühlschrank zu verstauen. Es kommt uns gar nicht merkwürdig vor, dass jeder Haushalt über einen oder mehrere solcher Geräte verfügt, als hätten die Menschen früher nicht auch gewusst, wie man Essen so aufbewahrt, dass es einige Tage übersteht. Doch zurück zum Käse, der so köstlich mit frischem Brot schmeckt. Ich würde womöglich irgendwo noch einen Halt machen und ein paar Bissen davon essen, denn mit leerem Magen wollte ich dem alten Herren nicht gegenüberstehen.

Es ist schon gut zwei Jahrzehnte her, dass wir uns das letzte Mal sahen. Es war die Beerdigung von Oma und kurz darauf waren wir überrascht, als er aus der Wohnung ausgezogen war. Er hatte es niemandem mitgeteilt und wir vermuteten, dass er in jene Hütte gezogen war, die schon seit ein paar Generationen in Familienbesitz war. Wir hatten mal einen Urlaub darin verbracht. Ich erinnere mich noch, wie ich heimlich am Bier nippte, weil mein Vater es nicht ausgetrunken hatte. Der ekelhafte Geschmack von damals ist mir noch heute bekannt und eine bessere Vorbeugung es zu trinken hätte es nicht geben können. Ich kam an den See und sah die Hütte. Keine zwei Minuten später stand ich an der alten Holztür und klopfte an, doch es war kein Geräusch zu vernehmen. Ich ging zurück zum Auto und griff nach meinem Einkauf. Am Ufer würde ich mir ein köstliches Mahl bereiten, solange ich auf wartete. Auf dem See dann erblickte ich ihn. Er angelte in einem Holzboot. Vermutlich wusste er längst, dass ich hier war. Den Wagen konnte er kaum überhört haben. Also brauchte auch ich nun nicht nach ihm zu rufen oder wild zu winken. Hier würde ich auf ihn warten.