Drehverschluss

Ich kniete vor der Flasche Rotwein. Sie hatte einen Verschluss aus Kork und alles was ich zum Öffnen fand, war der silberner Abklatsch eines Schweizer Taschenmessers. Es war das Werbegeschenk der Firma, in der meine Mutter arbeitete. Ich nickte dem silbernen Griff zu: „Glück auf!“

Der Korken ließ sich wunderbar leicht herausziehen, da musste ich schon ganz anders kämpfen, nachdem ich früher von all den Drehverschlüssen verweichlicht worden war. Okay, der Drehverschluss war nur die Spitze des Eisbergs eines Menschen, der in einer Gesellschaft lebt, die keinen Finger mehr rühren möchte, aber sich über Schmerzen des Körpers beschwert, der keinen Muskel mehr trainieren muss, außer jenen im Daumen.

„Deutschland schafft sich ab“, meinte Sarrazin, aber in Wahrheit schafft sich eine bequem gewordene Gesellschaft ab, die sich auf einen Porno einen abwichst und denkt, damit Sport betrieben zu haben. Machen wir uns nichts vor: Wir vergessen unsere Körper natürlich zu bewegen. Wir laufen zumeist in bequemen Schuhen und tragen Klamotten, die unseren Wärmehaushalt regulieren. Und würden wir dies nicht tun, so hielten wir uns noch immer in geheizten oder gekühlten Räumen auf.

Unser Menschsein hat sich gewandelt von einem Wesen, das sich viel bewegt und sich den äußeren Einflüssen aussetzt zu einem Wesen, das allein vor seinem Bildschirm sitzt oder liegt und darauf starrt. Wir schaffen uns nicht durch die Menschen ab, die zu uns kommen. Wir schaffen uns dadurch ab, dass wir nicht mehr leben. Wir könnten jeden Tag mit Menschen verbringen, die uns mögen und die wir mögen-. Stattdessen suchen wir auf einem Bildschirm in unserer Hand nach einem Gesicht, das uns gefällt und erregt – mit dem wir vögeln wollen.

Den Wein habe ich geöffnet bekommen und in ein passendes Glas gegossen. Sein Wert sollte nicht nach seinem Verschluss bestimmt werden, aber dieser war seinen Korken wert.

lautlos

Wie sie so im Bus sitzt und aus dem Fenster schaut. Als würde sich die Welt nur außerhalb von ihr abspielen. Gedankenverloren. Keine Reaktion auf das schreiende Baby oder die rumblödelnden Jugendlichen. Fast schon regungslos sitzt sie da mit ihrer anmutigen Schönheit und sieht die Häuser, Bäume und Menschen wie einen Farbschleier, der sich vor ihren Augen entlangzieht. Nichts reißt sie aus ihrer Fassung, bis sich plötzlich ein Lächeln in ihr Gesicht zaubert. Ihre Hand wandert in die Hosentasche und ein Handy kommt zum Vorschein. Die Augen fliegen über die Buchstaben und fast noch schneller bewegen sich kurz darauf ihre Finger über die gläserne Oberfläche. Ein kurzes Warten und wieder brummt das Gerät zwischen ihren Fingern. Ihre Haltestelle verpasst sie fast und bemerkt erst am Bremsen, dass sie aussteigen muss.

Schnell ist sie Zuhause und packt eifrig die Einkäufe in den Kühlschrank. Ja, das hat Vorrang, aber den PC hat sie zuvor bereits angeschaltet, damit er auf sie wartet, wenn alles fein säuberlich eingeräumt ist. Ein Joghurtglas und einen Löffel greift sie sich und setzt das virtuose Fingerspiel aus dem Bus an der Tastatur fort. So viele Gedanken und Worte, die aus ihr heraus wollen und die sie sonst für sich behält. Der Chat mit der besten Freundin auf der einen Seite und ein neuer Blogeintrag auf der anderen. Keiner soll warten müssen, denn wer weiß, ob die Welt sie heute noch hört, wenn sie nicht schnell genug ihre Gedanken heruntertippt. Die Schönheit der Worte könnte verloren sein.

Stunden später schreibt sie noch immer mit ihrer Freundin oder schon wieder. Ihr Blick geht auf den Posteingang und es gibt neue Kommentare. So wundervolle Worte und Glückwünsche. Doch ein Kommentar sticht hervor. Er sticht hervor und tief hinein. Worte, die verletzen wollen und sie treffen. Für einen kurzen Augenblick. Dann löscht sie den Kommentar. Stumm bewegen sich ihre Lippen, so wie es ihr immer passiert, wenn sie schreien möchte und doch nicht kann, sie würde es ja doch nicht hören. Eine eingeklammerte Eins erinnert sie an die Freundin im Chat. Kurz macht sie sich Luft und dann verraucht die Wut. Lautlos.

Bibliothekar

„So sieht also ein Bibliothekar aus“, lachte die Frau mir entgegen. Ich grinste nur und erwiderte: „Wie sollte man denn sonst aussehen? Fehlen mir die grauen Haare, die dicke Brille und der Strickpulli?“. Ich muss gestehen, dass ich mich selbst früher nie in diesem Beruf gesehen hätte, dafür war er viel zu ruhig. Es fehlte das Abenteuer und die Hektik, so dachte ich es mir. Aber Hektik kann man in jedem Beruf haben und gleichzeitig auch in keinem. Natürlich gibt es Aufgaben und Chefs, die einen durch die Gegend jagten und ständig alles und sofort haben wollen, doch lag es an einem selbst, ob man dabei hektisch wurde oder es in gutmütiger Geschwindigkeit erledigte. Abenteuer gab es hier auch so einige. Sicherlich denken jetzt einige an das jeweilige neue Abenteuer, das in jedem Buch steckt. Aber ich meine das Abenteuer, gegen einen allmächtigen Gegner vorzugehen, der die Bücher direkt nach Hause zu den Menschen bringt. Wer will schon bei Regen nach draußen gehen und nasskalt verschwitzt in einem staubtrockenen Raum ankommen? Nun, es gab doch einige Menschen, die das mochten und die sich zwischen all dem gesammelten Wissen wohl fühlten. Aber ich verstand auch die Kritiker, die nach einer bestimmten Sache suchten und dafür nicht mehrere Bücher durchblättern wollten, sondern lieber einen Suchbegriff in eine Maschine eingaben. Das war das effektive Nutzen der eigenen Zeit, so wie es die Ökonomen von Jedem verlangten. Es geht nicht um ein breitgefächertes Wissen, sondern um ein stark eingegrenztes und spezialisiertes. Ich sah meinen Job also als etwas, das gegen die Effektivität ausgerichtet war und fühlte mich vollkommen wohl damit. Ja, ich war wohl ein Partisan und sah mein Gesicht schon bald als schwarzen Aufdruck auf roten T-Shirts, das von unwissenden Teenies getragen würde. „Ja, Sie sehen auch mehr nach einem Freiheitskämpfer aus, als nach einem Bücherwurm.“, sagte die Frau an der Bar. Ich grinste nur fröhlich und fühlte mich wie ein Held.