Regenfahrt

Immer neue Regentropfen rollten sein Gesicht herab, während er mit aller Kraft in die Pedale trat. Seine Kleidung klebte nasskalt an ihm und zerrte ihn zu Boden. Für einen kurzen Moment hielt er inne und ließ sich nur von der bereits aufgenommenen Geschwindigkeit führen. Es fühlte sich gut an und es schien, als würde ihm etwas wärmer werden. Das Rad verlangsamte und so trat er abermals in die Pedale und spürte die Kälte, die sich an Stellen haftete, die sich für einen kurzen Moment trocknen und wärmen konnte. Das Gefühl war so unangenehm und doch musste er es ertragen. Der Regen lief ihm so stark übers Gesicht, dass sich in seinem offenen Mund das Wasser sammelte – er nahm den Schluck. Sein Blick richtete sich wieder auf die Straße vor ihm, wenngleich er kaum die Augen offen halten konnte. Er holte tief Luft und ließ sich nicht mehr aufhalten. Er dachte an die warme Dusche, die auf ihn warten würde und die Tasse Tee, die er danach trinken würde, wenn er sich auf seiner Couch in eine Decke einwickeln würde. Diesen Gedanken verlor er nicht, bis er sein Fahrrad abschloss und die Treppe in seine Wohnung hinaufstürmte.

Ins kalte Nass

Der Wind wischt mir die Haare aus dem Gesicht, während meine nach oben durgestreckten Arme sich an dem Griff halten, der mit dem langen Band verbunden ist. Als der Umkehrpunkt der Schaukel erreicht ist, lasse ich los und fühle mich für einen kurzen Moment schwerelos, während das klare Wasser immer mehr auf mich zukommt. Mir ist nach Schreien zumute, aber ich halte die Luft an. Der See ist eiskalt. Es wummert dumpf in meinen Ohren, als ich eintauche und wieder erlebe ich einen Moment der Schwerelosigkeit. An meinem Körper gleiten Luftkügelchen nach oben und kitzeln mich sanft dabei. Einige Züge mit meinen Armen und den Beinen und ich finde mich wieder an der Wasseroberfläche. So wie die Luftbläschen zuvor an mir emporstiegen, drückt nun ein Schrei aus meinem Magen hervor. Ein Schrei voll Befreiung und Glückseligkeit. Nach einigen Augenblicken schnürt mich die Kälte immer mehr ein und ich steige wieder aus dem Wasser zu der Freundin, die bäuchlings auf der Decke liegt. Ich wecke sie, indem ich mit starkem Kopfnicken ein paar kalte und nasse Tropfen aus meinem Haar auf ihren Rücken schüttle. Ihr lautes „Hey“ zwingt mich zu entschuldigenden Küssen auf die zuvor befeuchteten Stellen. Ihre Haut ist warm und ich will sie nicht noch stärker quälen. So lege ich mich neben sie und schließe meine Augen, um in der Sonne zu trocknen.

Klack

Das Geräusch des aufgeschlagenen Eies gefiel ihm, leider landete das Innere nicht in der Schüssel, sondern auf den kühlen Fliesen. Es war ihm aus der Hand gerutscht, als er es aus dem Kühlschrank nehmen wollte. Schnell hatte er es aufgewischt und den Boden sogar etwas sauberer als zuvor bekommen, denn die Krümel der frischen Brötchen waren beim Aufschneiden umhergeflogen und hatten sich dabei auf dem Küchenboden verteilt. Er hatte die Brötchenhälften danach wieder zusammengeklappt und in den Brotkorb gelegt. Nun schlug er die Eier auf und verrührte sie, um sie zu braten.
Er hörte die Dusche, die von Lisa benutzt wurde, es würde also noch dauern, bis sie frühstücken würden, doch das Essen war bereits fertig. Er deckte die Schüssel mit dem Rührei ab und legte ein wärmendes Tuch über die frischen Brötchen. Es würde sie von innen aufwärmen, nachdem das Paar die Nacht in der Hängematte verbracht hatte und sich dabei leicht verkühlt hatte. Sie kannten sich noch nicht gut genug, doch seine nackten Füße waren ihm kalt geworden und so erdreistete er sich, ihr ins Bad zu folgen und zu ihr unter die Dusche zu schlüpfen.

Dunkle Wolken (5)

Sebastian kämpfte unermüdlich, schrammte sich mehrmals die Beine und Arme am scharfkantigen Boden auf. Immer wieder fand er kurz Halt und verlor ihn sofort. Diesen Kampf wollte er nicht verloren geben. Immer wieder stach ein Krampf in seinem rechten Bein und er kämpfte mit den Momenten, in denen sein ganzer Körper vor Erschöpfung aufzugeben drohte. Plötzlich schrammte er über eine eiserne Kette, an der er sich noch geradeso festhalten konnte. An ihr zog er sich Stück für Stück ans Land und trat vollkommen durchnässt und durchfroren den Heimweg an.

Zuhause angekommen, entledigte er sich seiner nassen Klamotten und stellte sich unter die Dusche, doch brannten die warmen Wasserstrahlen in seinen Wunden und so drehte er das Wasser ein wenig kälter. Sebastian fühlte sich ausgebrannt und leer, aber so geschafft von den Erlebnissen und Kämpfen der letzten Tage, dass er in sein Bett fiel und sofort einschlief.

Sein Handy weckte ihn pünktlich an diesem Montagmorgen. Als er sein Bein auf den Boden stellte, spürte er sofort die Schmerzen der Wunden und des Muskelkaters, doch er biss die Zähne zusammen und machte sich fertig, um zur Arbeit zu gehen.

Sein Chef sah ihn mit großen Augen an, denn so hatte er Sebastian noch nicht gesehen. Er kam ins Büro gehumpelt. Das Gesicht war leicht geschwollen und mit Blutergüsse gespickt. Die beiden Männer verstanden sich sehr gut und so war es nicht verwunderlich, dass Karl, so der Name des Chefs, ihn aufmunternd aber mit der nötigen Distanz umarmte. Er spürte die Hitze von Sebastians Kopf, legte seine Hand darauf und machte ihm klar, dass er sich für die nächsten Tage krankschreiben lassen sollte. Sebastian stand einen Moment still da, schien selbst zu überlegen, wie es ihm ging und drehte sich dann um. Sein Arzt war ein merkwürdiger Mensch, der wohl in der falschen Gesellschaft lebte, aber bei den Indianern ein hervorragender Schamane gewesen wäre, denn er war mehr ein Freund alternativer Behandlungsmethoden und so gab er Sebastian ein kleines Tütchen, dessen Inhalt bei anhaltenden Schmerzen geraucht werden sollte.

Sebastian schaffte seinen schwachen Körper nach Hause, legte sich auf seine Couch und deckte sich mit einer dünnen Decke zu. Immer wieder wachte er auf, verschwitzt, drehte sich um und versuchte wieder in den Schlaf zu finden. Als die Nacht anbrach, erwachte er und das Weiterschlafen wollte ihm nicht gelingen. Er wärmte sich etwas Essen auf und bereitete sich einen Tee zu. Beim Blick auf die Kräuter dachte er wieder an das Tütchen, das ihm sein Arzt mitgegeben hatte. Die Schmerzen hielten sich zwar in Grenzen, aber dennoch verspürte er Lust auf einen beruhigenden Zug und so schmunzelte er, als ihm seine Mixtur durch den Kopf schoss: Gratin, Grüner Tee und Gras, welch Alliteration. In Gedanken überlegte er, welcher Musiker ihm dazu einfallen würde, doch außer Al Green klingelte nichts, aber der würde das Gr-Trio zu einem Quartett machen und so empfand Sebastian die Nacht entspannend und schlief zu den Klängen von „Love and Happiness“ ein.

Zitternde Finger

Da standen wir nun. Das knöchelhohe Gras war ebenso feucht, wie die Luft, die vom Regen gewaschen wurde. Wir blickten auf den trostlos aussehenden Fluss und ich wollte dich nicht aus meiner Umarmung lassen, aus der du dich aber immer wieder befreitest, um mich besser küssen zu können. Dein Hemd war mindestens zwei Knöpfe zu weit geöffnet, doch in meinem Kopf waren es noch zwei Knöpfe zu wenig. Die Zeit war in diesem Moment gegen uns, denn ich würde gehen müssen, würde dich zurücklassen und mich verabschieden. In diesem Moment spürte wir nur uns. Der Nieselregen interessierte nicht, doch er kühlte uns ab, zumindest versuchte er es. Wir berührten uns an den Armen, am Po und dann konnte ich nicht widerstehen und legte meine Hand unter dein Hemd. Du zucktest zusammen, war meine Hand doch zu kalt geworden. Meine Finger zitterten, als sie dich auf diese Weise noch etwas quälten, doch unsere Blicke und der nächste Kuss verrieten mir, dass du es mir nicht verübeln konntest.