Schwere

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich freuen sollte, noch etwas von der Mousse au Chocolat im Kühlschrank gefunden zu haben oder nicht doch traurig sein sollte, weil sie jetzt doch schon einen Tag alt war und somit bei weitem nicht mehr so luftig und lecker, wie man es kennt. Ich griff mir die Schüssel und verzog mich mit der Süßigkeit aufs Sofa. Es war ein schönes Kateressen. Gut: Gegen kalte Pizza hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt, aber man muss ja da anfangen, wo man momentan steht und da ist Mousse nun wirklich kein schlechter Start. Es schmeckte ganz vorzüglich, lediglich die harten Krusten umschiffte ich mit dem Löffel, die waren nicht mehr zu retten. Im Zimmer über mir hämmerte jemand irgendwas in die Wand und aus der Küche dröhnte die Waschmaschine auf Hochtouren, doch es war mir egal. Das ist wohl das Schöne an einem Kater, dass einem die Welt egal ist. Vielleicht tranken unsere Politiker unentwegt und deswegen sahen wir zu, wie Menschen starben und die Welt jeden Tag aufs Neue gefickt wurde. Ich nickte bei dem Gedanken, dass das innere Meckern auch nichts änderte. Das ist wohl die Krux, dass es jeder von uns schon nicht gut genug macht und in der Summe ist es dann ein riesiger Müllhaufen, der sich zusammenträgt. Mir war nicht nach tiefen Gedanken. Nicht am Sonntag. Nicht am Katertag. Die Schüssel stellte ich beiseite, machte mich lang und griff nach einem Buch. Nach fünf Seiten wusste ich nicht, was ich gelesen hatte und meine Augen befanden sich in einer Dauerschleife bei der Suche nach dem letzten Satz, den ich zwar gelesen hatte, jedoch bei zufallenden Augen nicht mehr wirklich wahrnahm. Ich gab es auf, legte das Buch auf den Holzboden und schlief wieder ein.

Kater-Tag

Ich weiß gar nicht, warum ich die Gardinen vorhin beiseite gezogen hatte, denn mich störte die Sonne an diesem Samstag. Von der Couch aus blickte ich hinaus und sah auf die Fenster des Nachbarhauses. Womöglich würden sie mich bei meiner Faulheit beobachten und mich verurteilen, so sind die Menschen. Mein Körper schmerzte vom Sport der letzten Tage und mein Kopf pulsierte dazu, weil ich die letzte Nacht im Rum ertränkt hatte. Der Weg zum Fenster erschien mir unendlich weit entfernt und so blieb ich eine Weile liegen und schlief ein. Geweckt wurde ich vom Drang mich zu erleichtern. Dem kam ich nach und auf dem Rückweg verdunkelte ich die Fenster mit dem beigen Stoff, den ich heute Morgen beiseite gezogen hatte. Ich legte mich wieder auf die Couch und ließ die Welt verschwimmen. Das gedämpfte Licht erinnerte mich an unseren Ausflug damals. Wir waren über Tage hinweg wandern und an einem Tag konnten wir unser Zelt nicht verlassen, weil es unaufhörlich regnete. Es war kein schlimmer Regen, aber seine Beharrlichkeit ließ uns unter der Plane verweilen. Wir wollten die karge Landschaft noch ein wenig erkunden, aber niemand zwang uns aufzustehen und so blieben wir liegen und lauschten den Tropfen und lagen beieinander. Wäre neben uns ein Vulkan ausgebrochen, wir wären auf ewig beisammengeblieben.

Der Hauskater

Anmutig sitzt er in seinem tiefschwarzen Fell und maunzt vor sich hin. Er riecht das Essen in meiner Hand und sucht Schutz vor dem Sturm. Als ich die Haustür öffne schlüpft er durch den ersten Spalt und kreuzt mir vor jedem Schritt den Weg, er jagt meine Schuhspitzen. An meiner Wohnungstür angekommen, lasse ich ihn kurz durch die Räume tapsen, dann muss er wieder nach draußen in den Flur, denn der Kater gehört nicht zu mir, er kommt nur her, um gekrault zu werden und nun vor meiner Tür zu sitzen und laut zu miauen.

Ein Anderer wird sich seiner annehmen oder er wird die Flucht nach draußen ergreifen, wenn das Pärchen mit ihrem Hund die Treppe herunter kommt. Dann wird er wieder durch die Dunkelheit streifen, sich mit einem anderen Kater messen, der in sein Revier eindringt und dabei in größter Kunst kreischen, denn er gewinnt seine Kämpfe. Man sieht es an seinem Fell, ein stolzer und wohl sehr schneller Kater, denn groß oder schwer ist er nicht. Wenn er nicht sein Gebiet verteidigt, streift er nur so umher und schaut nach jungen Katzen, die diesen wunderschönen Kämpfer an ihrer Seite genießen. Auch sie werden kämpfen, aber einen ganz anderen Kampf, mit einer Leidenschaft füreinander.
Bei Tagesanbruch sitzt er wieder auf den Stufen vor dem Haus und schaut begrüßt lautlos Bewohner, die zur Arbeit müssen. Er wird vielleicht ins Warme dürfen oder es sich im Garten gemütlich machen. Er wird sich einrollen und darauf warten, dass jemand kommt, der ihn krault und ein wenig mit ihm schmust, dann wird er wieder mit den Fußspitzen jener Person kämpfen und seine Krallen durch die Hose bohren, nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil er nicht anders kann. Er ist ein Kämpfer und Liebender.

Hauskater