Ein Katzensprung

Es war wieder einer von diesen Tagen, die sich schier endlos in die Länge zogen. Mir war die Lust vergangen. Irgendwas arbeitete in mir und ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Ich wollte mein Leben genießen, ich wollte meine Freiheit genießen. Stattdessen fühlte ich mich verletzt, es kam mir vor, als hätte man mich weggestoßen. Freundschaften zerbrechen manchmal. Ich beschloss, ein wenig zu spazieren. Das Auf und Ab meiner Füße würde mir wieder Halt geben. Die Sonne knallte mir auf den Körper und ich kämpfte nicht dagegen an. Ich nahm die Schwere auf und setzte einen Schritt vor den anderen. Immer weiter. Es gab kein Ziel, höchstens ein Inneres. So lief ich eine kleine Ewigkeit und kam wieder bei mir an. Nichts hatte sich in mir getan. Bevor ich die Haustür erreichte, kreuzte eine kleine Katze meinen Weg. Ich begab mich in die Hocke und sie sprang mir auf den Schoß. Als Katze ist das einfacher, dachte ich mir. Niemand misstraut dir, man akzeptiert und liebt dich einfach für das, was du bist. Merkwürdig, dass wir Menschen uns immer mit Regeln aufladen, die uns einschränken und betrüben. Ich kraulte das süße Wesen und irgendwann sprang sie von mir herunter und zog weiter. Ich mochte sie und es war schön, ihre Freiheit bewundern zu dürfen.

Der Katzenmann – Teil 6

Die Geschichte von vorn

Heinrich stand in der Küche und blickte in die dunkle Nacht hinaus. Er war mit seinen Gedanken bei Frau Leiser und ihrem freundlichen Lächeln. Ein Kreischen riss ihn aus seinen Gedanken. Es war Tiger, ihren Schrei erkannte er sofort. Er ging auf den Balkon zum Innenhof und vernahm nunmehr ein Bellen. Vor der Tür zu seinem Aufgang stand ein Hund und kläffte die Tür an. Vermutlich hatten Tiger und er einen Zusammenstoß gehabt, doch so flink, wie sie durch die immer offen stehende Türspalte hindurch flitzte, war der Köter offenbar nicht. Zudem war er einige Zentimeter zu rund geraten. Die Klappe an der Haustür floppte leise, also war Tiger wieder in Sicherheit. Der Hund bellte noch eine kurze Weile und verschwand dann fiepsend wieder, während Heinrich seiner guten Freundin einen Napf mit Milch hinstellte.

Am nächsten Morgen schien die Sonne ins Schlafzimmer. Heinrich wäre auch ohne die warmen Kitzler im Gesicht freudig aufgestanden. Er machte sich Frühstück, sah anschließend nach der Verpflegung seiner Mitbewohner und ging schlussendlich in den Keller, um sein Fahrrad zu holen und zur Arbeit zu radeln. Dass er eine Viertelstunde zu früh dran war, kam häufig vor, dass er vor sich her summte, eher selten. Als erstes besuchte er die sibirische Katze. Sie hatte, zu seinem Glück, noch keinen neuen Halter gefunden und würde perfekt zu Frau Leiser passen. Er streichelte sie, während er ihr die Schale auffüllte und kümmerte sich anschließend um die anderen Tiere, die nur auf ihn zu warten schienen. Das war sein wirkliches Zuhause. All die Wesen, besonders jene, deren Seelen geschunden waren. Schon traurig, dachte sich Heinrich, dass die Leute immer nur die süßen Kleinen haben wollen. Was für ein treuer Begleiter solch ein Tier sein kann, werden jene Menschen nie verstehen. Wie diese wohl mit ihren Mitmenschen umgehen mögen?

Am Nachmittag kam Frau Leiser ins Tierheim. Heinrich sah sie zum ersten Mal in Alltagskleidung. Den Zopf, den sie sonst trug, hatte sie geöffnet und eine bunte Wintermütze darüber gestülpt. Auch die Wolljacke vermittelte einen ganz anderen Eindruck, als zuvor in Uniform. „Hallo, Frau Leiser“, begrüßte Heinrich sie freundlich. „Oh Hallo“, erwiderte die Frau ein wenig überrascht. Herr Kalkenrisse erschien ihr ganz anders. Viel größer kam er ihr vor und seine Haltung aufrechter, als die Male zuvor. Heinrich führte sie zu der sibirischen Katzendame und tatsächlich schienen sich die Zwei sofort zu verstehen. Während die Frau ihre neue Begleiterin streichelte, erkundigte sie sich, was Heinrich gestern noch so getan hätte. Er lächelte nur und erzählte von dem Holzbau für die Katzen. „Und Tiger, wie geht es ihr?“, fragte Frau Leiser. Heinrich war etwas verwundert, verstand die Frage aber als ehrliches Interesse und erklärte kurz: „Der geht es ganz ausgezeichnet.“

Zum 7. Teil