Ein kleiner Engel

Es war ein kleiner Engel, der da vor mir herum tapste. Goldene Locken und eine Windel, doch ansonsten nichts weiter. Seine Mutter und ich sprachen über die Vertrauensseligkeit, denn der Engel entschied sich, mir zu folgen, obgleich seine Mutter den Weg in die andere Richtung eingeschlagen hatte. Wir kannten uns nicht und doch sprach und gluckste der Engel mich an und zeigte mit seinem Finger, wo was zu finden oder zu erledigen sei. Ich war mir da nicht sicher. Ich schlug vor, dass ich in meiner Richtung schauen würde und der Engel sollte in seiner Richtung schauen, aber da habe ich zu sehr genuschelt, denn der Engel folgte mir und blieb dann unschlüssig vor einem mit Holz vertäfelten Garagentor stehen.

Es ist schon spannend zu sehen, wie der Mensch sein könnte, wenn er noch relativ frei ist von den antrainierten sozialen Verhaltensregeln und -normen. Dieses Vertrauen in eine fremde Person birgt eine Gefahr, aber wie schön wäre es, wenn es nicht so wäre. Wie schön wäre die Welt, wenn wir jedem anderen Menschen vertrauen könnten und wir mit jedem Menschen unseren Weg gemeinsam beschreiten und dadurch immer wieder auf neuen Pfaden wandeln würden. Wenn wir kein „Die da“ kennen würden. Ich schimpfe nicht auf die Welt oder meckere. Ich träume nur zu gern davon, dass wir alle solche Engel geblieben wären. Das ist ein schöner Traum.

Über das Erinnern

Wenn ich mich oder Freunde frage, welche Zeit die glückliche und unbeschwerte war, dann ist es die Kindheit. Aber ist sie es nicht nur, weil wir uns damals nicht mir romantisch verklärtem Blick erinnerten? Ich blickte damals nicht zurück an die schönen oder an die schmerzlichen Momente. Also sollte ich zurück zu diesem Zustand, des Augenblickgenießens. Zurück zur animalischen Seite meiner selbst. Nur wozu habe ich dann jenes Geschenk erhalten, warum darf ich mich zurückerinnern? Wie vermessen wäre es, jene Gabe zurückzuweisen in der Hoffnung, einem Kinde gleich den Tag zu vergeuden? Jeden Tag die gleichen Fehler zu machen und sich dem lebenslangen Lernen zu verschließen, da wär schon ein einziger Tag, den meine Mutter mit mir schwanger war, zu viel gewesen.

Mein Vorbild (3)

Merkwürdig, wie sich die Biografien gleichen. Nie wollte ich wie mein Vater sein und muss mir doch eingestehen, ihm ähnlicher zu sein, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Denn auch ich hatte meine Libido über meine Gefühle gestellt und verlor dadurch die eine Liebe meines Lebens. Und auch das Kind, das man nicht kannte, habe ich mit meinem alten Herrn gemein. Er wusste, dass er eines gezeugt hatte und verschwand. Ich suchte nicht die Flucht, doch auch ich kümmerte mich nicht um mein Kind. Meine Unwissenheit genügt mir nicht als Entschuldigung. Doch mir scheint, ich habe ihr damit einen Gefallen getan, und ihr nicht meinen Schwermut „vererbt“. Ich kann ihr kein Vorbild sein und darf mich glücklich schätzen, in ihr den Lehrmeister gefunden zu haben, den ich mein Leben lang suchte, selbst wenn ich meine Lektionen in ihrer Abwesenheit erarbeiten muss.

Mein Vorbild

Ich kann das Grinsen nicht zurückhalten, wenn ich sehe, wie sie in das kopfgroße und runde Glas greift, um sich ein paar Gummitierchen zu greifen. Sie scheint diese weiche Süßigkeit ebenso sehr zu lieben, wie ich es tue. Als wir vorhin spazieren waren, jagte sie den Seifenblasen nach, die ich in die Luft pustete. Sie kannte mich nicht als ihren Vater und ich sie nicht als meine Tochter. Das blieb vorerst ein Geheimnis zwischen ihrer Mutter und mir. Und wenn ich sie so betrachte, dann ist sie mir auch mehr ein Vorbild, als ich es ihr sein könnte. Wie sehr sah ich mich als Individualisten, der freien Geistes ist, doch wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit sie die unvorstellbarsten Phantasien und Gedanken hervorbringt, dann kann ich nicht anders, als mit einer großen Portion Neid auf sie zu schielen. Sie soll mein Vorbild sein.

Perfektion

Er bewunderte seine Mutter dafür, dass sie so spät nach Hause kam und dennoch jeden Tag alles putzte. Das Bad war danach immer so weiß und perfekt. Das war sein Anspruch. Als er auszog, versuchte auch er alles weiß und perfekt zu halten. Seine Wohnung war aufgeräumt, die Wände weiß und die wenigen Schränke ordentlich sortiert und mit einem Glasfenster verschlossen, denn so konnte nichts verstauben. Doch diese äußerliche Perfektion genügte ihm nicht. Er selbst musste makellos sein und so setzte er all sein Streben daran, heller und weißer zu strahlen und fehlerfrei zu werden.

Jeden Tag überprüfte er sich und seine Taten und jeden Tag merzte er Dinge aus, die nicht richtig waren. Als perfekter Mensch würde er wie jene Modelle auf den Magazinen sein und alle Welt würde ihn lieben. Und die Menschen lernten ihn kennen, und fanden ihn perfekt. Er besaß keine Kanten, an denen man sich stoßen konnte, war in allen Belangen ein guter und rechter Mensch. Doch keiner der Menschen war gern mit ihm zusammen, sie hatten Angst, dass man ihre Fehler neben ihm entdecken könnte. Die Einsamkeit traf sein Herz und er zog sich in seine perfekte Welt zurück.

Jahre später sagt das kleine Kind zu ihm, dass es in der Ecke staubig sei. Es ist ein Reflex, dass er zum Tuch greift, um den Staub wegzuwischen. Dann hält er inne. Nein, das hat er schon vor Jahren aufgegeben. Dann ist die Ecke eben staubig. So ist es eben, wenn hier jemand lebt. Er nimmt das große Tuch und lässt es über den Kopf des Kindes fallen. „Du darfst es gern wegwischen, wenn du magst.“, doch das Kind mag sich viel lieber unter dem Tuch verstecken.