Das gute Gefühl

Es war ein erleichterndes Gefühl, für niemanden wichtig zu sein. Ich stellte das Telefon ab und ließ mich auf meine Couch sinken. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich ganz bei mir sein konnte und für niemanden ein offenes Ohr haben musste oder irgendjemandem etwas schuldig war. Es war mein gottgegebenes Recht, allein zu sein. Was sollte das jetzt eigentlich mit Gott, an den glaubte ich nicht, zumindest nicht in der Form, wie er präsentiert wird. Irgendwas mochte es schon geben, aber dieses Es brauchte nicht meine Frömmigkeit oder mein Bekenntnis, um zu existieren. Ich brauchte diese Dinge ja auch nicht. Niemand betete mich an und niemand huldigte mir und das war das Schöne am Leben, dass ich einfach nur ich selbst sein durfte. Warum fiel den Menschen allein nur die Decke auf den Kopf, warum konnten sie nicht einfach die Decke anstarren und aufgrund der anhaltenden Ruhe glücklich sein? Warum mussten sie sich ständig produzieren und reproduzieren. Ständiger Verzehr und niemals wurde jemand satt. Die Menschen waren anstrengend, wenn man sie den ganzen Tag ertragen musste und so war es für mich nur selbstverständlich, dass man eine Auszeit von ihnen brauchte. Ich zumindest brauchte sie und ich nahm sie mir. Und es war ein gutes Gefühl.

Überlebenselixier

Der alte Trinker von gegenüber – ich proste ihm zu, obgleich er mich nicht sieht, aber ich weiß, dass er da drüben sitzt und ich es wäre eine hundertprozentig sichere Wette, wenn ich sagen würde, dass er heute Abend was trinkt. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass der Alkohol kein Gift mehr für ihn war, sondern sein Überlebenselixier wurde. Es macht ihn nicht stärker, aber es betäubte ihn. Ich habe mir heute auch zwei Gläser Rotwein gegönnt. Einfach nur, weil die Flasche noch offen war und ich nicht warten wollte, bis Essig aus dem Wein wurde. Wäre doch verdammt schade. Neulich erst wollte einer mit mir darüber diskutieren, dass er den Typen dafür hasste, dass er ständig mit einer Fahne irgendwo in unserem Block rumhängen würde. Die Scheinheiligkeit wollte ich beenden, indem ich darauf verwies, dass der halbe Block sich dauerhaft zudübelt. Aber Gras sei ja nicht so schlimm. Ich schaltete auf Durchzug und ließ den Typen stehen. Mir ist es doch vollkommen egal, wer was zu sich nimmt. Der ständige Konsum ist das Problem, aber das wusste ich schon als Kind, als ich mit dem Daumenlutschen nicht aufhören wollte, obgleich es mir langsam peinlich wurde. Aber es beruhigte mich einfach enorm. Ich denke, dass der Mensch gern zu einem Mittel greift, um herunterzukommen und sich abzulenken – es gibt genug Dinge in dieser Welt, die man ausblenden und vergessen möchte.

Der alte Trinker von gegenüber ist vor seinem Fernseher eingeschlafen. Ich wünsche ihm eine gute Nacht und haue noch ein wenig in die Tasten. Die Finger sollen so schnell fliegen, dass ich den Alkohol heute Nacht schon wieder aus meinem Körper rausschwitze. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich mir aussuche, wann ich etwas trinken möchte und dass ich gern einfach nichts trinken möchte. Es lässt mich glauben, dass ich nicht gefährdet sei. Wie verblendet man sein kann.

Die Wahrheit ist, dass ich den Wein heute Abend brauche, denn ich soll einen Text zum Thema Humor schreiben. Also am besten wäre es, wenn er witzig werden würde und ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie man so etwas schreibt. Ich habe schon lustige Texte geschrieben, aber die hatten nie die Intention lustig zu sein. Also habe ich die Hoffnung, dass ich mit dem Alkohol im Blut einen so bitterernsten Text schreiben werde, dass die Leute glauben, dass er ironisch gemeint sei und sie ihn deswegen mit Humor nehmen müssten, oder vielleicht kommt ja doch was Witziges zustande. Vorgaben können manchmal verdammte Hindernisse sein.

Unser Glauben – Erklärung

Gestern stellte ich vor, was ich als allgemeine Punkte des mittelalterlichen Christentums ansah und heute möchte ich auflösen, womit ich es verglichen habe. Zuvor aber weitere Ansätze, auf die man es beziehen könnte:

Liebe, Wissenschaft oder auch Demokratie könnten durchaus passen, ich meinte aber den Konsum bzw. die Wirtschaft, wenngleich die mittlerweile nicht mehr von der Demokratie und von der Wissenschaft zu trennen ist. Vielleicht sogar nicht mal mehr von der Liebe. Oh, die Sportleidenschaft würde auch passen.

Hier nun die Erklärungen, warum der Konsum ganz ähnlich funktioniert, wie der mittelalterliche Glauben:

  • Man traf sich und hörte sich an, was man nicht verstand. Es gab Übersetzungen und die gaben dir eines zu verstehen: Halte dich genauestens an die Regeln, sonst landest du in der Hölle. -> Wenn Wirtschaftsweisen und Politiker erklären, warum wir dieses und jenes machen müssen, ist es für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Auch die Größenordnungen von Verschuldungen oder Bauprojekten sprengt jeden vorstellbaren Rahmen. Ich kann mir tatsächlich nicht ausmalen, was eine Milliarde Euro eigentlich ist.
  • Man baute große Kathedralen und Kirchen. Wahre Prachtbauten, auf die wir noch heute mit einem Staunen schauen. -> Schauen wir uns mal die heutigen Prachtbauten an. Da gibt es all die Hochhäuser der Banken oder die riesigen Einkaufszentren. Das sind doch die neuen Tempel, in die wir alle laufen.
  • Hatte man sich doch einmal einen Fehler erlaubt und dies geschah schon bei unkeuscheren Gedanken, so gab es Ablassbriefe, mit denen man sich wieder von der Sünde befreien konnte. -> Wie oft kaufen wir Dinge und dabei geht es uns besser? Wir glauben sogar, dass wir konsumieren müssen, ansonsten geht es der Wirtschaft schlecht.
  • Gott war alltäglich. Die Anbetung kam der Liebe gleich. ->Wer besitzt ein Smartphone bzw. wie viele hattet ihr bereits? Überlegt mal, wie lange ein Computer hält und wie wir ihn nutzen, aber schon ein Tablet oder ein Smartphone ist innerhalb eines Jahres veraltet…die Liebe kommt dann bei der Benutzung. Erst gestern sprach der Chef von Microsoft davon, dass die Windowsuser ihr Betriebssystem lieben sollten, so wie es bei anderen Herstellern ist. Man hört häufiger, dass man sein Smartphone liebt, als einen Menschen. Schön, wenn man seinen Gott in der eigenen Tasche hat.
  • Es gab klare Trennungen, wer welchem Gott bzw. welcher Auslegung seiner Worte folgte. Man gehörte zu der einen oder zu der anderen Gruppe. Diese Gruppe wurde verteidigt. -> Bleiben wir gleich bei den Marken. Da haben wir die Apple-Jünger, ja allein das Wort…nunja…regelmäßig gibt es dieses Android ist besser als MacOS usw.

So viel dazu, es sind nur ein paar Gedanken und ich hoffe, ihr könnt meine Gedanken ein wenig ergänzen. Auch freue ich mich über Widerspruch. Wer ein Apple-Gerät besitzt, fühlt sich hoffentlich nicht angegriffen, du bzw. ihr steht als Stellvertreter da, das habt ihr einfach den Nachteil, dem Marktführer (zumindest was den Gewinn betrifft) anzugehören. Ich hätte natürlich auch andere Sparten nehmen können, aber bei den Handys sieht man sofort, dass wir selbst unsere Kinder schon mit „unserem Glauben“ infiltrieren.

P.S. ein Nachschub von Jetamele, den ich unbedingt einbauen möchte. Der Eintrag verliert dadurch ein wenig an Struktur, aber ihre Punkte fehlen bei mir und ich finde sie absolut stimmig:

In unserer globalisierten Welt ist es doch paradox, einerseits hier auf dem ‚goldenen Kissen‘ zu leben und gleichzeitig zu wissen, wer dafür woanders definitiv gar kein Kissen mehr unterm Hintern hat? Dass all das dazu beiträgt, dass es der Welt immer schlechter geht? Im Namen dieses ‚Glaubens‘ geschehen doch unglaubliche Dinge, jeden Tag. Trotzdem rennen wir dem ‚Mehr‘ weiter hinterher. Da kann ich mich überhaupt nicht von frei machen.
Und ein bisschen können wir uns vielleicht von diesem Gefühl der Mitschuld, die eigentlich ohnmächtig macht, ‚frei’kaufen, indem wir meinen, uns über diese Dinge bewusst zu sein, darüber nach zu denken, dann und wann dem Obdachlosen einen Euro geben (anstatt ihn zum wärmenden Tee einzuladen) im Bioladen einkaufen, unseren Müll trennen, vielleicht eine billige Klamotte weniger kaufen, einmal im Jahr spenden für irgendwen und fair gehandelten Kaffee trinken (oder Tee ;-)…).

Der Samstagabendeinkauf

Und wieder einmal habe ich es geschafft. Es ist Samstag und der Kühlschrank ist leer. Kein schöner Anblick, knurrt mir dabei sofort der Magen, aber ich lasse ihn weiter knurren, denn wenn ich eines gelernt habe, dann das, dass man vor 16 Uhr auf keinen Fall losgehen sollte. Also mache ich mich erst Stunden später auf den Weg und über mein Gesicht zuckt ein Lächeln, als alle drei Automaten für die Leergutannahme frei sind. Denn hier will ich zwei Flaschen loswerden. In meinem Kopf schwebt noch umher, dass ich unbedingt einen Adapter für mein Monitorkabel benötige, das darf ich nicht vergessen. Beim Betreten des eigentlichen Supermarktes halten mich vier kleine Teenies auf, weil sie direkt nach dem Eingang stehen bleiben, aber mein dünner und halbwegs flexibler Körper windet sich an ihnen vorbei und greift gleichzeitig nach einem Korb, keiner zum Schieben, sondern zum Tragen, denn mehr passt in meinen Rucksack eh nicht rein. Da mein Magen noch immer fleißig knurrt, ist meine Stimmung nicht weniger freundlich und mich überkommt die Lust auf Süßigkeiten. Ein Hoch auf die Werbung, dass ich also ganz automatisch sofort zwei Tafeln Schoki und zwei Tüten Gummibärchen einpacke. Im Kopf rechne ich, dass jetzt bereits rund 3,50 Euro weg sind. Im Kühlschrank lag nur noch ein Liter Milch, aber der würde für zwei Tage reichen müssen, denn der Platz im Rucksack, das wusste ich jetzt schon, wird für so ein Tetra-Pack nicht ausreichen. Ich eile den Gang entlang und werde von den Zweien von der Tankstelle aufgehalten. Okay, vermutlich sind die eher von der Baustelle, aber sie tragen den obligatorischen Bierbauch vor sich her und versuchen sich gerade in der Entdeckung der Langsamkeit. Es muss ein Jedi-Reflex sein, denn ich sehe eine Lücke, nehme dafür einen extra weiten Bogen in Kauf, um festzustellen, dass die zwei Bierbäuche nur einen Meter nachdem ich ihre „Verfolgung“ aufgab, stehengeblieben waren und den Gang nun endgültig blockierten. Es ging weiter zum kühlen Regal mit allerlei Käsesorten und schlagartig wird mir wieder bewusst, warum ich selten ohne Musik aus dem Haus gehe, denn irgendeine Stimme schluchzt eine Liebeshymne oder eine Suizidhymne, wer weiß das schon so genau. Wäre es eine männliche Stimme, so wäre meine Vermutung, dass der arme Kerl soeben ohne Betäubung kastriert worden wäre, aber in diesem Fall hat die arme Frau wohl einfach ihre Tage oder ihre Katze wurde überfahren oder womöglich will sie uns was von Herzschmerz vorsingen, doch in meinen Ohren klingelt es nur unangenehm und meine Stimmung wird gereizter, im gleichen Maße erhöhe ich auch meine Geschwindigkeit um mich der Kasse zu nähern und schnellstmöglich das Geweine und Geschiebe hier hinter mir zu lassen. Dieses Mal habe ich Glück und ich finde eine Kasse, die schon auf mich zu warten scheint. Schnell packe ich mein Zeug aufs Band und will gerade noch den Korb wieder vor der Kasse abstellen, da blockiert mir ein Kerl den Weg, der die leere Kasse wohl ebenso erspäht haben muss, wie ich. Er lächelt mich an und nimmt mir den Korb ab. Wir haben die gleiche Tiefkühlpizza gekauft, ich muss schmunzeln. Die Kassiererin scheint meine bis dato anhaltende, verzweifelte Art mitbekommen haben, denn sie ist besonders freundlich zu mir. Ich bin dankbar, aber da mein Magen noch immer leer ist, flirte ich mal nicht mit ihr. Vermutlich würde mein Atem sie oder zumindest die Stimmung sofort töten. Noch fix zum Bäcker, damit ich mir endlich eine Laugenbrezen in den Mund stecken kann, dann ab nach draußen. Ich schließe das Fahrrad ab und spüre, wie wieder Ruhe einkehrt. Dann erinnere ich mich an den Adapter für den Monitor, zucke kurz mit den Achseln und mache mich auf den Heimweg, auf dem mich die blendende Sonne anlächelt, um mir zu zeigen, dass es ein schöner Tag ist.