Der alte Mann (Teil neun)

Ein Entsorgungsunternehmen war in der Stadt gemeldet. Es wäre nicht das erste Mal, dass man hochgiftige Stoffe günstig entsorgt und gleichzeitig Unsummen einstreicht. Ich ließ mir die Adresse geben und dankte meinem Bekannten. An der Stelle war nun alles getan und einen Verdacht hatte ich, dem ich nachgehen konnte. In der Post besorgte ich mir einen großen Karton und packte die Isoflaschen hinein. Ein paar Tage würde es brauchen, bis ich an der Stelle weitere Informationen erhalten würde.

Auf dem Weg zum Arzt, begegnete ich wieder dem Chef der örtlichen Polizei. Er trug eine Sonnenbrille und baute sich vor mir auf. Ich ignorierte sein Gehabe und grüßte ihn mit einem überfreundlichen Hallo. „Du bist ja schon wieder hier“, stellte der Kerl fest und ließ mich spüren, dass ich hier nicht willkommen war. Ich reagierte gespielt naiv: „Ja, ist doch ein wunderschönes Städtchen.“ Wieder blickte ich in ein regloses Gesicht: „Sag doch, dass du den Alten zum Arzt gebracht hast“, fuhr er mich an. Ich nickte nur, denn egal was ich sagen würde, es würde nicht richtig sein. Keine Ahnung, ob man solch ein Verhalten in der Polizeischule lernt oder ob sich die Leute das aus schlechten Filmen zogen. Mich brachte es nicht dazu, zu kooperieren, es erhöhte hingegen meine Abneigung gegen die Institution an sich.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich eines Nachts angehalten wurde und man mir zum Vorwurf machte, dass ich zu wach sei. Als wäre es besser, beim Fahren einzuschlafen. Ich hätte ja sicherlich Drogen genommen. Das verneinte ich, also wurde im Auto noch ein wenig nach dem Dreieck und dem Verbandskasten gesucht, bis man mir mitteilte, dass mein linkes Rücklicht nicht funktionierte. Zum Glück erinnere ich mich eher an jene Ereignisse, bei denen ich gut mit der Polizei auskam, aber ich kann die Abneigung mancher Leute schon nachempfinden, wenn sie auf solche Idioten, wie diesen örtlichen Polizeichef treffen.

Ich grinste den Kerl kurz an und verabschiedete mich dann von ihm. Mir lief es ein wenig den Rücken runter, denn ich rechnete mit einer Reaktion seinerseits, aber die blieb aus. Ich wollte nur noch schnell wieder zum Arzt und erfahren, ob meinem Großvater geholfen werden konnte. Die Krankenschwester teilte mir mit, dass man ihn über Nacht auf jeden Fall noch hier lassen müsste, womöglich sogar ein paar Tage länger. Ich suchte Tom in seinem Zimmer auf und fragte ihn, was der Arzt zu ihm gesagt hätte.

Regeneration

Wie er so daliegt, fast wie in einem Gefängnis und er scheint ganz blöde im Kopf zu sein. Der Raum misst dreieinhalb mal fünf Meter und neben ihm liegt ein anderer Mann auf seinem Bett. Jener andere Mann nimmt die Kopfhörer ab und fragt seinen Bettnachbarn, warum er nicht auch fernsehen würde und ob es nicht langweilig wäre, nur so vor sich hin zu starren, doch unser verletzter Held schüttelt nur mit dem Kopf und verneint. Sein Blick geht durch den Raum und bleibt irgendwo stehen, dann fangen seine Gedanken an zu kreisen. Zwar wussten die Ärzte was er hatte, aber nicht, wie es dazu kam. Es sei eine höchst seltene Krankheit wurde ihm gesagt und so lag er da und verlor weiterhin täglich an Gewicht. Er wusste, dass ihn sein immer wieder zertretenes und gebrochenes Herz hatte krank werden lassen und die ersten Tage vergingen, ohne dass die letzte Liebe sich hätte blicken lassen oder sich gemeldet hätte.

Zum ersten Mal in seinem Leben gab es keine Ablenkung. Kein flimmernder Bildschirm, keine Musik, keine nächtlichen Gelage und keine endlosen, belanglosen Gespräche, die ihn fort von sich führten. Nur die weiße Wand und der blaue Himmel. Wenn ein Gedanke kam, konnte er nicht verdrängt und weggeschoben werden, sondern er durfte frei durch den Kopf schießen.

Nach elf Tagen gelangte er in die Freiheit. Die letzte Liebe konnte er endlich loslassen. Seine Nerven schienen viel Wachsamer zu sein, jede Empfindung um so vieles stärker als je zuvor. Der Biss in das erste Gummibärchen war eine pure Geschmacksexplosion. Der erste Song ließ ihn beobachtet von vielen Augen tanzen, mitten am Tag. Die Luft schien so rein und nach einigen Wochen war der erste Kuss in einer Nacht. Ein Scheinwerfer erhellte die zwei Menschen inmitten einer tanzenden Menge, doch er spürte nur sie und nicht eine einzige andere Person um sich herum. Auch die Musik war verschwunden. Da war nur diese eine Frau, die ihn küsste und sein Herz pochte wild, als wollte es das Hochgefühl im Morsecode an jede Faser und an jede kleine Stelle seines Körpers weiterleiten.