Die Blasen meines Lebens – auf Literallypeace.com

Hier kommt mein erster Text auf Literally Peace.

Es gibt im Leben immer wieder Momente oder Phasen, in denen sich der Blick auf das bisher erlebte verändert und von jenen veränderten Blicken handelt der folgende Text:

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Na dann ist die Welt ja in Ordnung

Ich habe mich am Freitag mit einer Sängerin aus Albanien auf einer Feier unterhalten. Ihre ersten Sätze über ihre Heimat waren: „Es ist sehr schön dort. Und sicher.“ Ja, darüber hatte ich nie nachgedacht, aber es war plötzlich ein Thema für mich. Was heißt das eigentlich, sicher? Deutschland ist sicher, das war mir immer klar. Also jetzt gerade nicht mehr, deswegen führen wir ja Krieg. Die Schlagzeile des heutigen Tages ist aber, dass München mal wieder Herbstmeister ist. So ist das also, wenn man im Krieg ist.

Ist Albanien nun sicher? Ich schaue dorthin, wo ich sonst nie schauen würde, nämlich auf die Seite des Auswärtigen Amtes. Dort steht, dass momentan keine landesspezifischen Sicherheitshinweise bestehen würden. Beim Punkt Kriminalität steht, dass es nur selten Fälle von Gewaltanwendung bei Klein- und Straßenkriminalität geben würde, es wird dennoch zu Wachsamkeit und vorsichtigem Verhalten geraten. Klingt ein wenig paranoid, aber wer weiß was die Albaner über unsere Klein- und Straßenkriminalität zu wissen glauben.

Über die Schönheit des Landes werde ich auf der Seite eines Amtes nichts finden, aber da vertraue ich der Sängerin. Wenn das Land nur halb so schön ist wie ihre Stimme und sie selbst, dann wäre es noch immer ein kleines Paradies. Und darauf freue ich mich. Ich hatte überlegt, ob ich nächsten Sommer nach Frankreich oder Spanien fahre. Welch merkwürdiger Gedanke in Zeiten des Krieges…aber es wird Albanien sein. Das steht nun fest.

Ein Kutter aus Kalkutta. Teil 5 – Stumme Kriegszeugen

Zum Beginn der Geschichte

Wir fuhren durch kroatische Dörfer, die offensichtlich nicht für Touristen gemacht waren. Sie waren schlicht, aber vor allem erblickte ich viele Häuser mit Einschusslöchern und abgeplatztem Putz. Ich weiß nicht, ob es Pete auch so ging, aber mich machte der Anblick nachdenklich. Ziellose, wirre Gedanken, die nur einen Zweck besaßen: mich zum Schweigen zu bringen. Zu oft nehme ich die Welt um mich herum nicht wahr. Ich höre Musik oder rede mit Freunden. Vielleicht lasse ich mich auch von Verkehr und Werbung ablenken. Hier sollte das nicht passieren. Ich wollte das Leben in dieser Trostlosigkeit voll und ganz aufnehmen. Wie das wohl für die Menschen ist, für die dieser Anblick zum Alltag geworden ist. Ist ihr Gemüt ständig ein wenig bedrückt, ohne dass sie es wissen?

Erst die Grenzkontrolle zu Serbien riss mich aus meinen Gedanken. Ein Land ließen wir hinter uns, um in ein anderes zu kommen, doch die Welt sah auf beiden Seiten gleich aus. Nur wenige Meter können entscheiden, mit welcher Nationalität du aufwächst. Nicht, weil du diese Grenze gezogen hast, sondern weil sie irgendjemand zog und wie oft mussten davor unzählige Menschen dafür sterben? Auf der einen Seite isst man von goldenen Tellern und auf der anderen verdursten die Menschen. Auf welcher Seite du das Licht der Welt erblickst, ist pures Glück und nichts, was du dir aussuchen kannst.

Teil 6

Der ganz normale Wahnsinn

Es detonierte direkt in seiner Nähe und Dreck flog durch die Luft und Holzsplitter flogen an ihm vorbei. Er hörte die Schreie seiner Kameraden und roch versenkte Haut, Schießpulver  sowie den rostigen Geruch von Blut. Er lag ruhig in seinem Graben und wartete ab, welcher Befehl wohl kommen würde.

Etwas zwickte ihn in die Seite und er schlug die Augen auf. Es war gleißend hell und der Mann neben ihm hielt sich die Hand an die blutige Stirn. Leise hörte er wieder das Knallen und Jaulen. An ihm vorbei brachte man auf einer Trage einen Kerl mit verbundener Hand, sie musste ihm halb weggesprengt worden sein. Dann kamen die beschwichtigen Worte von der anderen Seite: „Schon gut mein Schatz, wir kommen gleich dran. Es ist eben der ganz normale Wahnsinn zu Neujahr.“

Die friedliche Wiese

Es sind wirre Bilder, die mich überkommen, während ich auf dieser Wiese sitze. Nur zu oft frage ich mich, woher solche verquerten Gedanken kommen mögen, aber sie sind ganz plötzlich da. Hier herrscht außer dem Rauschen der Blätter kein Geräusch. Und dennoch frage ich mich, ob diese friedlichen Grashalme oder ihre Vorfahren den Geschmack von Blut und Rost kosten mussten. Ob sie das Geschrei einer Armee ertragen mussten oder das Klagen der Hinterbliebenen. Oder vielleicht verirrte sich einmal eine fehlgelenkte Bombe hier her, wer weiß das schon. Schon merkwürdig, dass mir solche Bilder in den Kopf schießen und ich frage mich, ob es mal eine Generation geben wird, der solche Gedanken vollkommen unbekannt sind.

Zersprengt

Mit einem lauten Schrei rannten wir aus unseren Gräben und stürmten über das weite Feld. Neben mir lief mein bester Freund. Wie mein Schatten rückte er nie von meiner Seite und als ihn eine Kugel erwischte, sah ich, wie er neben mir zusammenbrach. Ich durfte nicht anhalten, das hatten wir uns geschworen, aber meine Wut steigerte sich. Die da drüben, die würden dafür bezahlen. Ich schaffte es in den nächsten Krater und fand dort einen Feind, dem ich das Bajonett  sofort in die Brust stach. Er wehrte sich nicht und hatte die Arme gehoben, doch ich kannte kein Mitleid mehr. Er röchelte ein „André“ heraus und ich zuckte zusammen. Woher nur kannte der meinen Namen? Ich säuberte mit etwas Wasser sein Gesicht und erschrak, als ich es erkannte. Es war mir so bekannt, aber ich hatte es Jahre nicht mehr gesehen, denn es war das meinige. Zumindest sah es früher so aus. Jetzt war es von Blut und Dreck beschmutzt, aber das konnte man abwaschen. Mein Gesicht sah schon seit Jahren nicht mehr so aus, weil es von Hass erfüllt war, doch das meines sterbenden Bruders war es nicht – es war voller Vergebung.