Vernebelte Sinne

Die letzte Nacht endete vor drei Stunden in diesem meinem Bett und schon schlug ich die Augen wieder auf und fühlte das Verlangen, etwas zu tun. Oder die Augen wieder zu schließen. Die Vernunft gewann den Kampf, denn das sinnvollste nach einer durchmachten Nacht ist es, frühzeitig den Alkohol aus dem Körper zu spülen. Das erste Glas Wasser hatte ich intus, bevor ich das Bett verlassen hatte, ein zweites folgte nur wenige Minuten später. Einmal durch den Park laufen war der Plan, und eine neue Bestzeit kam dabei heraus, als ich wieder vor der Haustür stand. Ne sehr gute Minute schneller war ich und bestätigte mir damit mal wieder, dass so ein gewisses Maß an Restalkohol gar nicht so schlecht ist, wenn man Leistung erbringen will, einfach weil man noch zu benebelt ist, um den Druck zu spüren, der manche anspornen mag, mich jedoch ausbremst und zum Stolpern bringt.

Eine alte Dame meint im Vorbeigehen, dass man sich dehnen sollte, so lange es möglich sei. Sie sei früher um die Stadt gelaufen, bevor sie ihre Beine im Stich gelassen hätten. Ich atme noch schwer und bewundere sie für die Ausdauer, die gesamte Stadt zu umrunden, während ich schon nach dem Lauf durch den Park geschafft bin. Als sie weiterzieht und sich auf den Krückstock stützt, wird mir unwohl. Das muss ein beschissenes Gefühl sein, wenn man immer schnell unterwegs gewesen ist und sich plötzlich einschränken muss. Ihre fröhliche Art jedoch gibt mir Mut. Wir alle leben und werden dabei Leid erfahren. Das Lachen nicht zu verlieren ist die Kunst dabei, also bringe ich meine Dehnübungen zu Ende und stelle mich danach unter die warme Dusche.

Die meisten Menschen können nichts essen, wenn sie Sport getrieben haben. Ich kenne das zwar, aber sehr viel häufiger freue ich mich während des Laufens schon auf das Mahl danach und so ist es auch an diesem Morgen. Frische Brötchen tun ihr übriges. Die Erinnerung an die letzte Nacht lässt mich grinsen. Ich war als Beobachter unterwegs, nicht wie sonst als Beteiligter. Und die Rolle ist gar nicht so schlecht. Die Menschen wollen gesehen werden, manchmal auch nicht, aber mir entgehen die Szenen nicht. Nicht der vollkommen betrunkene Kerl, der nicht mehr so ganz Herr seiner Bewegungen ist und seinem auserwählten Schatz hinterherläuft, während diese nur die vornehme Flucht sucht. Dieses Spiel ist ungefährlich und gäbe es doch Grund zur Sorge, wäre der stämmige Kerl in dem schwarzen T-Shirt nur wenige Meter entfernt gewesen. Er ist immer da. Er feiert nie, aber er greift sofort ein, wenn gepöbelt wird oder der Unsinn gefährlich werden könnte. Er blickt immer düster drein, das muss bei Türstehern so sein. Doch ich danke ihm stillschweigend, denn er war es, der mal einem Typen einen Barhocker entriss, noch bevor er damit auf Leute losgehen konnte, über dem Kopf hatte dieser das Teil bereits und nur knapp zog er damit an mir vorbei. Ich bin nicht Whitney Houston und er nicht Kevin Costner, aber in der Situation war ich es nicht, der blutete, sondern er, mein Bodyguard. Es war nur eine Schramme und ich weiß gar nicht, wie er sich die geholt hatte, weil meine Augen geschlossen waren und jetzt in der Erinnerung fehlt mir die Möglichkeit, nach den Spuren dieses Kampfes zu suchen.

Es gab in der letzten Nacht keinen solchen Kampf, wenngleich mich irgendein Typ von hinten anschupste, so dass ich auf die zehn Zentimeter tiefere Tanzfläche stolperte. Ich blickte zurück und sah ihn grimmig schauen. In dem Moment stieg in mir ein Glücksgefühl auf und ich musste lachen. Der arme Kerl war offensichtlich frustriert, vielleicht sogar neidisch auf das Wohlgefühl, das mich mit meinen Freunden verband, während er allein neben der Tanzfläche stand und keine Beachtung fand. Ich tanzte ein wenig und suchte die Nähe des Mannes im schwarzen T-Shirt. Nur zur Sicherheit. Einige Meter weiter tanzte ein älterer Herr. Was hat es nur damit auf sich, dass das immer so merkwürdig aussieht? Mir gefällt seine Lust am Tanz oder an der Balz, wer weiß das schon so genau. Mir ist das lieber, als würde er allein in seinem Sessel sitzen und leise vor sich hin furzen. Ich verlor den Blick für ihn, denn mir wurde bewusst, dass ich inmitten von Frauen tanzte. War das meine Anziehung oder die Gegenwart des Bodyguards? Mir ist es egal, das Tanzen fetzte nun mehr denn je, bis…ja bis es zu einem „Kick“ kam. Der Kick, das ist der Moment, in dem der Rausch schlagartig abbricht und ich eine Welle von Realität verspüre. Dieses Mal wurde es vom DJ ausgelöst, der so mies mixt, dass es einem regelrecht den Tanzboden unter den Füßen wegzog. Aber es gibt dafür verschiedenste Gründe:

Neulich im Kino waren alle gefesselt. Mich riss eine Erinnerung aus dem Film. Ein Gemälde, welches ich erkannte und welches mich zwar weiter nach vorn starren ließ, mich aber in eine ganz andere Realität zog. Da kamen verdrängte Erinnerungen hoch, die sich nicht ausblenden lassen wollten. Und ich war gefangen in diesem Kino und musste mit den Gedanken kämpfen. So schlimm war es an dem Abend auf der Tanzfläche nicht, aber plötzlich fühlte ich mich deplatziert und so machte ich eine Pause mit dem Tanzen. Erst später als ich einen alten Freund entdeckte, fand ich mich im blitzenden Licht und auf dem klebrigen Boden wieder. Der gute Kerl gab mir ein Kompliment, dass er nicht glauben kann, dass ich jedes Mal so verdammt gut aussah. Der spätere Schmatzer auf die Wange war eine gute Bestätigung. Schon merkwürdig, dass Männer sich damit so schwer tun, denn es tut gut. Die Angst vor der Homosexualität dürfen die anderen verklemmten Idioten gern ausleben. Ich behalte mir meine Idiotie für andere Bereiche offen. Irgendeine Macke braucht ja schließlich jeder von uns oder nicht?

Vernunft

Es mag keine Zauberei sein, dass wir so eng beieinander stehen, aber es fühlt sich zauberhaft an, diesen Moment mit dir zu erleben, der so endlos zu sein scheint und doch viel zu schnell wieder vorbei. Es schreit nach einem Kuss zwischen dir und mir, aber dieser Schrei verhallt lautlos. Ich will dich doch nur ebenso gern küssen, wie du mich oder liege ich da falsch? Wir tun es doch allein deswegen nicht, weil die Vernunft zwischen uns steht. Aber was ist unvernünftiger, als unseren innigsten Gefühlen nicht nachzukommen?
Die Musik nehmen wir nicht wahr und all die anderen Menschen ebenso wenig. Du und ich, wir stehen einfach nur da und grinsen und lächeln uns an. Es ist ein kurzer Abschied, denn wir sehen uns schon bald wieder, dies ist und bleibt meine Hoffnung. Wir werden dann wohl wieder solch eine Verabschiedung erleben oder werden wir uns doch einmal küssen? Zum Abschied? Oder zur Begrüßung? Jemals? Werden wir uns jemals genießen? Werden wir jemals die Vernunft besiegen können?

Immer wieder gern

Ich gebe zu, dass ich introvertiert bin, aber anscheinend widerspreche ich mir da in meiner Art, denn es gibt ja immer wieder interessante Flirts in meinem Leben. Woher die kommen kann ich aber weniger gut beantworten. Ich merke die Zuneigung dann irgendwann und steige gern darauf ein, warum auch nicht. Es ist ja gar nicht so schwer, meist bekommt man einen langen Blickkontakt und es ist klar, wie der gemeint ist. Wenn das nicht reicht, folgt meist später noch einer mit einem schönen Lächeln, das macht die Sache dann wirklich eindeutig.

Ich hatte erst am Samstag ein solch schönes Erlebnis. Mit meiner Mitbewohnerin ging es auf eine Abschiedsparty bei einer gemeinsamen Freundin. Due Zwei hatten genug miteinander zu tun und ich fand mich plötzlich inmitten von Leuten wieder, die fast eine Dekade jünger waren als ich und die ich nicht kannte. Zum Glück gab es da noch diese eine Person, die mir vom ersten Moment ein gutes Gefühl gab und mit der ich mich auf einer Wellenlänge befand.

Schöne blaue Augen trafen mich, zu einem Kuss kam es dennoch nicht, die Person hatte frühzeitig verkündet, dass sie an dem Abend nicht geküsst werden würde. Ansonsten hätte ich es gemacht. Wär ja nicht der erste Mann gewesen, mit dem ich Lippenkontakt gehabt hätte. So und nun erklärt sich auch, warum ich von einer „Person“ sprach. Möchte euch doch ein klein wenig verwundert bekommen oder auch nicht. 😉

Abschied

Weißt du noch, wie dein Kopf in meinen Händen ruhte und mein rechter Daumen auf deinen Lippen? Warum küssten wir uns nicht, wo es so klar war, dass es jetzt sein könnte? Machte es den Abschied auf irgendeine Weise leichter?

Ich litt darunter. Nie wollte ich rauchen und jetzt kann ich die perfekte Zigarette drehen. Ich bin froh, wenn meine Hände etwas tun können. Schlimm wird es nur, wenn ich Zeit habe und ruhig werde. So wie eben, als ich diese warme Tasse Tee hielt und mit dem Daumen darüberstrich. Es erinnert mich überhaupt nicht an dich. Nicht an deine zarte Haut, deine langen Haare oder deine weichen Lippen. Aber dennoch denke ich beim Drüberstreicheln an dich.

An Dich, die nicht mehr da sein wird. Die Hand eines Anderen streichelt dich nun und es ist gut so. Für dich und für ihn. Und für mich?

No milk today

Milchflaschen zu klauen ist nun wirklich keine Heldentat, aber es musste sein. Wie hätte ich sonst meiner Angebeteten beweisen können, dass ich alles für sie tun würde. Aber ein Milchmann war ihr zu wenig. Zu farblos. War ich undurchschaubar oder glasklar? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass im Moment des Diebstahls mein Herz nicht weniger stark schlug, als beim ersten Kuss mit ihr. Wenn ich mal wieder Milch stehle, dann nur um mich daran zu erinnern, wie heftig ein frisch verliebtes Herz pochen kann.

Schlaf gut

Wie laut ein Schritt ist, wenn man ihn leise setzen möchte. Die nackte Sohle scheint am hölzernen Boden zu kleben und dieser knackt und ächzt, als wäre der Baum schon vor hundert Jahren geschlagen worden. Das Bettlaken bewegt sich, doch sie schläft und so setze ich die wenigen Schritte zur Tür fort. Dort wartet das nächste Hindernis, ein Türgriff, der klemmt und quietscht, aber auch das wird überwunden. Die Vorsicht verschwindet hinter der Tür und der Weg in die Küche ist keine Entfernung.

Die Erinnerung an die letzte Nacht kommt, während ich am Küchentisch sitze und nach draußen schaue. Es war eine schöne Feier, aber dafür ist die WG berühmt. Als es hell wurde, lachten und tanzten wir noch, bis mich irgendwann die Müdigkeit überkam. Nach Hause würde ich es nicht schaffen, ohne wieder komplett wach zu werden und so hatte ich mir die Couch bei meiner guten Freundin ausgesucht, doch irgendwer hatte sie mit einem Cocktail garniert. Nein, da konnte ich nicht schlafen. Das Bett wirkte so einladend, dass ich nicht widerstehen konnte. Eingeladen war ich natürlich nicht und womöglich würde sie mich wecken und rausschmeißen, aber das Risiko nahm ich auf mich und tauchte ein in eine traumhaft weiche Welt. Als sie ins Bett ging, weckte sie mich ungewollt. Wir sahen uns einen kurzen Moment lang an und küssten uns auf den Mund. Ein schöner Kuss und nichts weiter. Dann schliefen wir ein.

Ich trank das Glas Wasser aus und beschloss, zu gehen. Ich wollte nicht, dass ihre Mitbewohner sich wohl fragten, was letzte Nacht passiert sein könnte. Es gäbe nur fragende Blicke, wenn wir uns alle mal wieder treffen würden. Jeder Kuss von mir auf ihre Stirn hätte eine ganz andere Bedeutung und ebenso jeder Kuss von ihr an meine stoppelige Wange. Ich schlich noch einmal in ihr Zimmer, zog leise meine Sachen an und sah, wie sie blinzelte. Sie hielt die Augen geschlossen, als würde sie noch schlafen. Ich ging zu ihr, gab ihr einen Kuss auf den Kopf und flüsterte: „Schlaf gut.“

forgotten memories

Was für eine Melodie. Vor fast fünfzig Jahren war sie zum ersten Mal zu hören und mir ging der Song schon immer unter die Haut. Deswegen verwundert es mich nicht, dass er auf der Playlist steht. Es ist die Erinnerung, die mit dem Hören kommt, die ich nicht erwartet hatte.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass sie und ich unsere Räder des Nachts schoben. Der erste Kuss war noch jung, vielleicht eine Stunde, vielleicht mehrere, das hätte ich schon damals nicht sagen können, denn die Zeit zwischen dem ersten Kuss und dem Fahrradschieben nutzten wir für weitere Küsse. Nutzten sie für das Flüstern nah am Ohr und für die sanfte Berührung von einer Stirn mit der anderen.

Als wir so schoben, sang ich ihr jenen Song vor. Die Angst davor, einen Ton nicht zu treffen, war weit entfernt. In dieser Nacht fürchtete ich gar nichts. Was hätte ich auch fürchten sollen? Ich sang ihn vor, denn der Name sagte ihr nichts und leider auch nicht mein Gesang. Sie hatte ihn nie zuvor gehört. In der Zeit, in der ich das Lied kennenlernte, brach sie von Zuhause aus, um mit ihrem Freund zusammen zu sein.

Wir nutzten die eine Chance, die sich uns bot. In einer warmen Sommernacht tanzten wir im Staub und zwischen spitzen Steinen, bis sich unsere Blicke und unsere Lippen fanden. Ich könnte mir die Nacht nicht ein Stück anders vorstellen.