Ein lachender Sonntag

Es war einer dieser seltenen Sonntage, an denen es vollkommen ruhig ist und die Welt für einige Stunden die Hektik ablegt, um mal wieder durchzuatmen. Mein Blick aus dem Fenster wurde von der weißen Gardine verdeckt, die sich sanft mit dem Wind bewegte, während sie das strahlende Sonnenlicht durchscheinen ließ. Es sollte jeder Tag auf diese Weise beginnen: Vollkommen entspannt und ohne die alles auffressende Zeit, die wir uns gesetzt haben.

Die Dusche erfrischte mich und spülte die Müdigkeit aus meinem Körper. Das Leben kam mir wahrlich paradiesisch vor und es machte sich eine Freude in mir breit, die ich schon länger nicht mehr verspürt hatte. Das Wasser, das mir über Gesicht rann, musste sich über die Falten meines Grinsens kämpfen. Ich hatte nichts weiter vor an diesem Tag, außer das Leben passieren zu lassen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich ärgern, wenn sie einen Tag nicht nutzen oder die denken, dass sie dieses und jenen noch erledigen müssten. Wenn mir nicht danach ist, dann darf mir das alles herzlich egal sein. Keine Ahnung, was die armen Teufel innerlich durch den Fleischwolf dreht, die sich von der Ruhe erschlagen fühlen.

Als ich ein Kind war, wollte mein Vater immer, dass ich rausgehe und etwas unternehme. Ja, vielleicht hätte ich es sogar gern gemacht, wenn er es mir nicht aufgetragen hätte. Aber durch den innenwohnenden Befehl seiner Aussage, verging mir jegliche Lust und ich fühlte mich genötigt, seinen Worten nachzukommen. Dabei gab es gute Beschäftigungen außerhalb des Hauses. Die Jungs in meiner Straße und ich fuhren gern zu den Bahngleisen im nahen Wald. Dort fuhr alle paar Minuten ein Zug durch und es stand ein verlassenes Haus an den Gleisen. Es war erbaut worden, bevor der Bahnverkehr so häufig war. Wäre das Haus noch bewohnt gewesen, würden mit jedem Zug die Gläser im Schrank zu wippen und zu klingen beginnen. Doch Schränke gab es in dem Haus nicht mehr. Nur die Mauern, von denen der Putz fast vollständig abgebröckelt war. In den zweiten Stock kam man nur, wenn man sich auf den Fenstersims auf der Schienenseite stellte und sich am Holzbalken hochzog. Es gab dort oben aber genauso wenig zu entdecken, wie im Erdgeschoss. Einen Keller gab es leider nicht.

Ich erinnerte mich gern an die Tage meiner Kindheit, denn es war eine wirklich unbeschwerte Zeit. Die Zeit bevor Frauen mit ihren Brüsten mein Interesse weckten, ich aber nicht das ihrige. Es war die Zeit, bevor mir wegen Noten, Abschlüssen, Gehältern und Zukunftsplänen langsam die Haare ausfielen. Vermutlich war die stressige Phase nötig, damit ich mich danach wieder besinnen konnte. Die Einsicht kam eines Tages, dass man das Leben noch sehr durchdenken kann, es am Verlauf aber nichts ändert. Irgendwie läuft es, und hie und da hilft es, wenn man sich mal einen Plan gemacht und befolgt hat, aber nicht selten war es meine vollkommene Planlosigkeit, die mir die Offenheit gab, etwas anzupacken, was ich sonst niemals wahrgenommen hätte.

Es gab immer gewisse Notwendigkeiten. So brauchte ich Geld für die Miete und für Essen. Ich habe es aber auch durch Zeiten geschafft, in denen kein Geld auf meinem Konto landete. Es gibt so viele Menschen, die gern ein Mahl mit dir teilen und keiner von denen hatte großartig Geld auf dem Konto. Das gibt mir immer ein gutes Gefühl, wenn es heißt, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht und die Armen stetig mehr werden. Ja, dann gibt es ein paar feine Menschen mehr.

Okay, ein Mensch mit Geld kann auch ein feiner Kerl sein, aber wie oft fühlt der sich angegriffen und belästigt. Ich habe an jenem Sonntag einen Bettler beobachtet, der in der belebten Innenstadt saß. Er bettelte gar nicht, sondern spielte hin und wieder auf seiner Mundharmonika oder auf seiner Gitarre. Und zwischen den Liedern unterhielt er sich mit den Menschen. Es überraschte mich nicht, dass keiner von den gestriegelten und in teuren Klamotten steckenden Menschen sich neben den gutmütigen Kerl setzte, um mit ihm über das Leben zu philosophieren. Ich habe ihn weder nach Geld fragen gesehen, noch hat er mich an dem Tag danach gefragt, als ich mich neben ihn setzte. Stattdessen erfuhr ich von ihm, warum er diese Stadt nicht verlassen möchte, die er seit seiner Kindheit Heimat nennt. Und wenn er lachte, dann lachte sein ganzer Körper mit ihm. Sein ganzes Sein lachte dann und das war ein solch schönes und tiefes Lachen, dass es auch in mein Innerstes vordrang. Wer so lacht, den kann ich nicht als arm bezeichnen, auch wenn dem guten Mann manchmal das Essen knapp wird und die Kleider löchrig. Aber arm bin doch eher ich, wenn ich nicht jeden Tag mindestens einmal so herzhaft gelacht habe.

Hin und her…

Das ganze Konzert hier ist schon ein besonderes Erlebnis. Es ist viel zu eng, so dass man sich fast auf den Füßen steht, aber ja, auf den Füßen und nicht auf den Schuhen, denn es ist im gemütlichen Wohnzimmer. Die Sängerin steht keinen halben Meter neben mir, ihrem Keyboarder könnte ich dazwischenfunken, wenn ich es wollte, aber wer wäre so vermessen, diesen Magier der elektronischen Musik beim Zaubern zu stören. Die Musik ist so nah an uns, geht durch unsere Körper und lässt uns bewegen. Es ist kaum mehr möglich, als ein wenig hin und her zu schaukeln, aber da, ebenfalls in der ersten Reihe finde ich dich. Du schaust zu mir herüber und grinst, ich lächle zurück. Die Songs laufen und jeder ist lang genug, um sich Zeit für eine Entwicklung zu nehmen. Hier gibt es keine Standardpopsongs, die weniger als vier Minuten dauern dürfen und sich alle zehn Sekunden wiederholen müssen. Nein, hier haben Menschen die Musik geschrieben, die wissen, dass das Leben auf- und abwärts geht – dass man lacht und weint. Da ist ein Kerl neben dir, der seinen Arm um dich legt, aber du weist ihn freundlich zurück. Später ein anderer Mann, er darf dir näher kommen.

Mein Fokus verlagert sich wieder auf die vier Musiker und besonders auf die zuckenden Armbewegungen der süßen Sängerin, so hätte sich Herr Cocker wohl zu bewegen gewünscht, als er auf der Bühne stand. Der letzte Song läuft und ich spüre den Blick von der Tänzerin aus der ersten Reihe auf mir ruhen. Ein anhaltender Blick und ein eindeutiges Lachen in deine Richtung zaubert das breite Grinsen in dein Gesicht, das so natürlich und ehrlich ist. Du schaust zu Boden, doch deine Mundwinkel verraten, dass es dir gefällt. Nach dem Konzert sprechen wir mit Freunden und für einen kurzen Moment stehen wir Rücken an Rücken, dann zerrt dich ein Freund davon. Immer wieder gehen wir aneinander vorbei, doch nur Blicke werden getauscht, bis wir plötzlich in diesem stillen Zwischenraum aufeinandertreffen. Jeder für sich und wir reden. Endlich. Du wirst in nicht einmal drei Wochen auf der anderen Seite der Welt sein, dann wieder zurück, aber nach Berlin und irgendwann auch wieder hier sein, aber es werden noch Monate bis dahin verstreichen. Dann herrscht kurze Stille. Der perfekte Moment, dich zu küssen, doch ich zögere. Niemals würde ich jetzt zögern, doch das Herz ist noch angeschlagen und will sich nicht darauf einlassen, will nicht wieder die Süße küssen und sich danach verzehren. Dann ruft dich jemand, denn ein Freund spielt im Wohnzimmer. Du willst dort hin und ich sage dir, dass es eine gute Idee ist, bevor ich was Blödes mache. Du fragst nach und ich sage, dass ich dich sonst küssen würde und du schüttelst deine Hand, als wolltest du mich warnen, aber die Warnung habe ich selbst schon innerlich ausgesprochen.

Eine halbe Stunde vergeht, dann sehe ich meine mitgenommene Bekannte, die sich langweilt. Wir beschließen zu gehen und ich sehe dich noch einmal. Gehe auf dich zu und verabschiede mich. Du fragst, warum ich jetzt schon gehen will – das sind auch meine Gedanken und wieder stehen wir wortlos einander gegenüber, nur ein Grinsen auf unseren Lippen, aber mitten zwischen unseren Freunden. Hier würden wir uns niemals küssen, ganz besonders nicht, wenn der eine Freund dein Freund sein könnte. Dein Gesicht kommt mir bekannt vor, doch ich weiß nicht woher, vermutlich werde ich es niemals erfahren. Ich wünsche dir vielfältige Eindrücke vom Dach der Welt.

Neujahrsblues

Da ist es also. Die ganze Welt hat gefeiert. Da sind wir uns also trotz aller Kriege und Verschiedenheiten doch einig, dass es einen Abschied und einen Neuanfang gibt. Die Straßen sind verdreckt, wenngleich man auf dem Heimweg schon die ersten Putzwagen fahren sah. Nun ist es ruhig. Kein Auto zu hören und allein der Restalkohol lärmt im Kopf. Auf der Brücke standen wir und blickten auf das vor uns liegende Feuerwerk, während sich hinter uns der Müll häufte. Ein lachendes Auge, so unter Freunden und mit so vielen feierlustigen Menschen. Und ein weinendes Auge, welches sich erinnert und manches gern anders gesehen hätte. Doch jetzt am frühen Morgen klingen einzig die Worte meiner beschwingten Oma am Heiligenabendtisch. Sie war so glücklich an dem Abend und ließ mich doch wortlos neben ihr verweilen, als sie sagte, dass sie manchmal schon gern sterben würde. Es ist nicht so, dass ich mich immer gut mit ihr verstehe oder dass ich ihr diesen Wunsch nicht gönne, doch ihn in solch schöner Runde gehört zu haben… Nun höre und sehe ich sie wieder vor mir. Genügend geschlafen habe ich nicht, womöglich ist das der Grund für diese quälenden Gedanken und doch werde ich mich jetzt aufmachen und in den Tag starten. Es geht in die kühlen Weinberge. Es gibt klare, saubere Luft und dies mit einem Pärchen. Sie reisten durch Europa und dabei wuchs der Bauch jener kleinen, stets freundlichen Freundin. Sie werden bald zu dritt sein und wer die zwei Menschen kennt, der kann sich kaum bessere Eltern vorstellen. Ja, so ist das wohl an einem Neujahrsmorgen. Man nimmt Abschied und man begrüßt das Leben wieder.

Liebste Grüße an euch, meine lieben Leser. Ihr gebt mir immer wieder Lust und den Antrieb, mich hinzusetzen und zu schreiben und doch sind es solche Zeilen, wie die obigen. Zeilen, die ich eigentlich nur an mich schreibe, die ich nur für mich bestimme. Manches Mal teile ich sie dann doch mit euch und manches Mal bleiben sie allein bei mir. Zeilen, die mein Innenleben herausschreien. Bei all den Ungerechtigkeiten, die passieren, möchte man fast schon protestieren, wenn ich sage „ich liebe diese Welt“ und doch liegt auch dieser Satz mir auf der Zunge. Er soll nicht ungehört bleiben. Habt einen guten Start ins neue Jahr und in eine unbekannte Zukunft, die alles bereithält!

Reiseparadies

ein überarbeiteter Reprint, denn erst heut Morgen konnte ich die Bilder festhalten, die ich letzte Nacht sah, als ich den Text schrieb:

Das war schon immer mein Lieblingsplatz und es überrascht mich, dass ich hier niemals einem anderen Träumer begegnete, denn es gibt wohl kaum einen idyllischeren Ort als diese verlassene und heruntergekommene Mühle. Schon als kleiner Junge kam ich immer wieder hier her, meist mit meinen guten Freunden, aber so manches Mal auch allein. Ich erinnere mich noch genau, wie ich beim ersten Mal Angst vor der Dunkelheit hatte, denn ich wusste nicht, worauf ich stoßen würde. Was wenn dort jemand drin war oder Ratten sich dort heimisch fühlten. War das Holz sicher, wo es doch bei jedem Schritt knackte. So tastete ich mich im Dunklen langsam vor, bis ich sich meine Augen daran gewöhnt hatten und ich die Umgebung und ihre Schatten erkannte. Ich hatte mit meinen Freunden gewettet, dass ich die Mühle erkunden würde und so gab es natürlich kein Zurück mehr. Und wie bei meinem ersten Besuch, traf ich dort nie jemanden an. Ein bisschen traurig bin ich darüber, dass ich Heutzutage diese Räume nicht mit anderen Besuchern teilen muss. Ich frage mich, ob die Mühle nicht das ehrliche Lachen von Kindern verdient hat. Oder ob ich nicht einfach all die alten Freunde einladen sollte, damit wir wieder bis in die späten Stunden hier rumhängen und wir vom Jagen völlig erschöpft am Boden liegen bleiben, uns die Splitter aus den Fingern ziehen und uns Ausreden ausdenken, warum die Hose zerrissen ist. Aber das macht man ja als Erwachsener nicht mehr. Warum eigentlich nicht? So wie damals in der Scheune, aus der wir vom Bauern herausgejagt wurden, weil wir zwischen den Heuballen Verstecken spielten. Es ist das Licht, welches nur hie und da durch ein paar herausgebrochene Holzstücke oder Backsteine blinzelt. Solche Orte waren für uns die schönsten Abenteuerspielplätze, heutzutage sind sie ein kleines Urlaubsparadies, denn wenn ich hier auf dem Holzboden liege, beginne ich sofort eine Traumreise.